Advertisement

Eine postmoderne nationale Identität?

Die Banalisierung des historischen Gedächtnisses in der aktuellen Debatte in Frankreich
  • Hartmut Stenzel

Zusammenfassung

Die Geschichte war schon immer eine Leidenschaft der Franzosen. „Das hohe Alter Frankreichs, sein Bestehen über die Jahrhunderte hinweg […], kurzum, sein von der Vorsehung gefügtes Schicksal – dies sind die Züge des nationalen, historischen Bewusstseins“, schreibt ein Historiker, der diese Leidenschaft behandelt. Er spielt damit auf die berühmten ersten Zeilen von de Gaulles Memoiren an, die die historische Größe zum Zentrum des französischen Selbstbewusstseins erklären. Nach einer seit den Anfängen der Dritten Republik verbreiteten Überzeugung stützt sich die nationale Identität der Franzosen auf ein Geschichtsbild, das von der historischen Kohärenz der Nation ausgeht. Noch heute sei diese Identität „vor allem eine historisch bedingte“, so zumindest die Verfasser einer kürzlich erschienenen Veröffentlichung. Wenn sie Recht haben und die nationale Identität tatsächlich „eine beständig gegenwärtige Vergangenheit ist, die jeder Einzelne bei seiner Geburt als gegeben vorfindet“, so könnte man die Geschichtsbegeisterung der Franzosen durch den Wunsch erklären, eine ‚Schicksalsgemeinschaft‘ historisch zu verstehen, deren Zukunft derzeit sowohl von der Globalisierung als auch von den Entwicklungen einer multikulturellen französischen Gesellschaft in Frage gestellt wird. Das historische Gedächtnis wird so zu einer unveränderlichen Gegebenheit und soll es ermöglichen, das Fundament des nationalen Zusammenhangs vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen und kulturellen Identitätskrise zu festigen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Amalvi, Christian: De l’art et la manière d’accomoder les héros de l’histoire de France, Paris 1988.Google Scholar
  2. Barrès, Philippe: Scènes et doctrines du nationalisme (1902), in: L’oeuvre de Maurice Barrès, Paris 1966, Bd. V.Google Scholar
  3. Citron, Suzanne: Le mythe national. l’histoire de France revisitée, Paris 2008.Google Scholar
  4. de Cock, Laurence e.a.: Comment Nicolas Sarkozy écrit l’histoire de France, Marseille 2008.Google Scholar
  5. Delacroix, Christian e.a.: Les courants historiques en France XIXe–XXe siècles, Paris 1999.Google Scholar
  6. Fillon, Francois: „Réflexion et convictions sur l’identité de la France“ (04.11.2009), (http://www.debatidentitenationale.fr/actualites/contribution-du-jour-francois.html, aufgerufen am 22.03.2010).
  7. Joutard, Philippe: „Une passion française: l’Histoire“, in: André Burguière/Jacques Revel, Hrsg., Les formes de la culture, Paris 1994.Google Scholar
  8. Lavisse, Ernest: La première année d’histoire de France, Paris 1887.Google Scholar
  9. Lefeuvre, Daniel/Renard Michel: Faut-il avoir honte de l’identité nationale?, Paris 2008.Google Scholar
  10. Niethammer, Lutz: Kollektive Identität: heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur, Reinbeck 2000.Google Scholar
  11. Noiriel, Gérard: A quoi sert l’identité nationale?, Marseille 2008.Google Scholar
  12. Oesterle, Günter: „Kontroversen und Perspektiven in der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung“, in: Judith Klinger/Gerhard Wolf (Hrsg.), Gedächtnis und kultureller Wandel, Tübingen 2009.Google Scholar
  13. Offenstadt, Nicolas: L’Histoire bling-bling. Le retour du roman national, Paris 2009.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

Authors and Affiliations

  • Hartmut Stenzel

There are no affiliations available

Personalised recommendations