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Entgrenzung zwischen Wissenschaft und Praxis?

Kritische Reflexionen am Beispiel der soziologischen Beratung
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Soziologische Zeitdiagnosen beschreiben das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis1 in der Spätmoderne als im Wandel begriffen. Dieser Wandel drückt sich in Entgrenzungsprozessen zwischen den zwei in der modernen Gesellschaft vermeintlich bisher voneinander getrennten Teilbereichen aus. Ulrich Beck, Wolfgang Bonß und Christoph Lau vertreten beispielsweise die These, dass in der gegenwärtigen Phase des Modernisierungsprozesses Grenzen bzw. Grenzziehungen vervielfältigt würden (Beck u.a. 2001b: 39). Diese Pluralisierung bedeute dreierlei: Grenzen verlören erstens ihren Charakter der Vorgegebenheit und würden wählbar, zweitens gäbe es einen Zuwachs an plausiblen Wegen, Grenzen zu ziehen, und einen Zuwachs an Möglichkeiten, Grenzziehungen in Zweifel zu ziehen, und drittens multiplizierten sich die kognitiven und institutionellen Ressourcen der Definition von Grenzen. Diese Pluralisierung hätte einen Zwang zu kontextuellen Grenzziehungen in Form von Ein- und Abgrenzungspraktiken zur Folge, in dem die Grenzen selbst mit hergestellt würden. Der Charakter von Grenzen ist folglich „fiktiv“ (Beck u.a. 2001b: 39). In der Moderne institutionalisierte Unterscheidungen zwischen Handlungssphären und Lebensformen, ihre Standardisierungen, Normen und Rollensysteme sind folglich nicht mehr aufrechtzuerhalten, es kommt zu einer „Verschmelzung ehemals streng getrennter Sphären“ (Beck u.a. 2004: 16). Nicht nur für den Bereich der Wissenschaft ist die „Entgrenzung von Handlungs- und Wissenssphären (...) kennzeichnend für die gegenwärtige Epoche“ (Beck u.a. 2004: 19).

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