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Die Regeln des Irregulären – Häusliche Pflege in Zeiten der Globalisierung

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Zusammenfassung

Die Privathaushalte Pflegebedürftiger sind in den letzten Jahren offensichtlich in breitem Maße zu Arbeitsplätzen transnationaler Arbeitsmigrantinnen geworden. Das besondere öffentliche Interesse am Thema Migrantinnen in der häuslichen Pflege richtet sich auf die Tatsache, dass die Mehrzahl dieser Arbeitsverhältnisse irregulär ist, d.h. dass Migrantinnen ohne Arbeitserlaubnis pflegebedürftige Menschen versorgen. Valide Zahlen zu diesem Arbeitsbereich lassen sich naturgemäß nicht erheben, die breit angelegten Kampagnen der Pflegeverbände, die Vielzahl von journalistischen Artikeln, die große Zahl der in einem Graubereich arbeitenden Vermittlungsagenturen sowie vielfältige Online-Foren von betroffenen Angehörigen weisen allerdings auf eine weite Verbreitung dieser Art der Beschäftigung hin (vgl. Karakayalı 2010: 14ff.). Die Brisanz dieser Debatte hat offensichtlich auch die Bundesregierung erkannt, die in dem 2005 in Kraft getretenen Zuwanderungsgesetz2 für MigrantInnen aus fünf osteuropäischen Staaten eine legale Möglichkeit geschaffen hat, als sogenannte Haushaltshilfen für Pflegebedürftige nach Deutschland einzureisen (zu den Details dieses Gesetzes siehe von Kondratowitz in diesem Band). In ihrem Merkblatt zur Vermittlung von Haushaltshilfen in Haushalte mit Pflegebedürftigen nach Deutschland gibt die Bundesagentur für Arbeit an, dass diese Maßnahme unter anderem zum Ziel habe, „insbesondere auch Arbeitnehmern und Haushalten, die bisher unerlaubt kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse eingegangen waren, einen Weg in eine legale Beschäftigung zu ebnen“ (Bundesagentur für Arbeit 2010b: 2). Die große Resonanz auf diese Regularisierung blieb allerdings aus: Laut Auskunft einer Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit wurden 2005 über das Zuwanderungsgesetz 1.667 Haushaltshilfen aus Osteuropa nach Deutschland vermittelt, 2006 waren es 2.241, 2007 kamen 3.032, 2008 dann 3.051 und 2009 nur noch 1.571. Es ist also davon auszugehen, dass irreguläre Beschäftigungsverhältnisse auch weiterhin eher die Regel denn die Ausnahme sind.

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