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Staatsklassen als Transformationsbremser?! Anmerkungen zur Entwicklung des rumänischen Parteiensystems seit der Wende: ein Werkstattbericht

  • h.c. Reinhard Meyers
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Zusammenfassung

Ob seiner konfliktträchtigen Volatilität, organisatorischen Zerrissenheit, ideologisch-weltanschaulichen Zerklüftung und – zumindest für Außenstehende – kaum rational nachzuhaltenden Wanderungsbewegungen (Übersicht: Junker 2008) stellt das Parteiensystem Rumäniens unter den Parteiensystemen der mittel- und südosteuropäischen Transformationsgesellschaften ein derart singuläres Phänomen dar (Übersicht: Gabanyi 2002: 548ff), dass demgegenüber vergleichsweise die Entwicklung und Ausdifferenzierung des Ensembles der politischen Parteien Polens (Übersicht: Ziemer/Matthes 2002: 215ff) seit Beginn der neunziger Jahre als Ausbund an Beständigkeit und Geradlinigkeit erscheint. Schlagwortartig verkürzt mag die Entwicklung des rumänischen Parteiensystems seit dem Ende des Regimes des „größten Sohnes der Karpaten“ und seiner klientelistisch-kleptokratischen Entourage 1989 zunächst als explosionsartiger Wechsel vom kommunistischen Einparteiensystem zu einem der demokratischen Entwicklung nicht gerade förderlichen Einhundert- Parteien-System – oder besser: einem Zu-Viele-Parteien-System (Junker 2008: 6) – begriffen werden. Dabei stellte ein Gutteil der über 100 Neugründungen nach der Wende Phantom- oder Satellitenparteien der Front der Nationalen Rettung dar, deren vornehmlichste Funktion darin bestand, die potentielle Opposition zur Front derart zu atomisieren, dass der Wahlsieg der Hegemonialpartei nicht in Frage zu stellen war. Erst nach den Wahlen vom September 1992 bahnte sich ein Übergang vom pseudo-mehrheitlichen System der Hegemonialpartei PDSR (Partei der Sozialen Demokratie Rumäniens) zu einem – in sich immer wieder veränderlichen – Mehrheitssystem an, dem nicht unrichtig eine „partial consolidation of a partial system“ (Olimid 2009: 1) nachgesagt wird. Auf den Parteien- oder besser: Block-Dualismus vom September 1992 folgte nach den Kommunalwahlen von 1996 eine Dreierkonstellation (PDSR, Demokratische Konvention CDR, Sozialdemokratische Union) etwa je gleichstarker Akteure bei weiter voranschreitendem Bedeutungsverlust kleinerer Parteien von nationalistischer bis (neo-)liberaler Observanz, die in den Parlamentswahlen des gleichen Jahres zu einer Art Zweieinhalb-Parteien-System mutierte, wenn man die Vertretung der Ungarn einerseits und die Nationalisten andererseits als Spezialfälle politischer Aggregation außer Acht lässt. Diese Konstellation schlug mit den Kommu- nalwahlen des Jahres 2000 in ein fehlerhaftes Mehrparteiensystem um, in dem eine einzige Partei – die PDSR – über 20 % der Stimmen erzielte, vier weitere Parteien je zwischen 8% und 12 % der Stimmen errangen, und das Spektrum durch ethnische und nationalistische Akteure ergänzt wurde. Die Parlamentswahlen vom November 2000 verschärften dieses Ungleichgewicht weiter: Verschafften sie der PDSR doch eine Mehrheit von einem guten Drittel der Parlamentssitze in beiden Kammern, werteten die Nationalisten von Romania Mare auf rund 20 % der abgegebenen Stimmen auf, und ließen demgegenüber im bürgerlichen Lager nur noch drei Parteien mit je etwa 7 % der Stimmen übrig – angesichts der schon nicht mehr für möglich gehaltenen Rückkehr der Postkommunisten an die Macht die klaren Wahlverlierer! Wollte das bürgerliche Lager künftig gegen die Sozialisten bestehen, musste es kooperieren und sich zusammenschließen: Die fortan unter der schönen Firma „Allianz für Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Allianz DA) antretende Wahlallianz der Demokraten und Nationalliberalen vom September 2003 war die logische Folge der fast uneingeschränkten Kontrolle, die das Machtdreieck Präsident (Ion Iliescu, PSD) – Premierminister (Adrian Nastase, PSD) – Parlamentsmehrheit (PSD + Alliierte) seit 2000 über die rumänische Politik erringen konnte.

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Copyright information

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Authors and Affiliations

  • h.c. Reinhard Meyers
    • 1
  1. 1.Westfälische Wilhelms-Universität MünsterMünster

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