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Glaubensgewissheit und Religionsfreiheit. Zur religionspolitischen Ambivalenz des reformatorischen Erbes

  • Rochus Leonhardt

Zusammenfassung

Die ideengeschichtliche Bedeutung der politischen Ethik des Protestantismus für die Herausbildung des modernen Menschenrechtskonzepts ist von jeher umstritten. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Reformation lediglich im Blick auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit neue Akzente gesetzt hat; andere mit den Menschenrechten der ersten Generation ebenfalls verbundene Grundrechte, wie etwa das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum, sind erst im Zusammenhang mit dem Aufkommen des frühneuzeitlichen Naturrechtsbegriffs seit dem 17. Jahrhundert eingehender thematisiert worden. Doch selbst über die Rolle der Reformation für die Entwicklung der Glaubens- und Gewissensfreiheit besteht keine Einigkeit. Während nach der einen Auffassung Luthers Hervorhebung der Subjektivität des Glaubens und seine Abweisung kirchlicher Reglementierung der individuellen Religiosität diesem modernen Grundrecht vorgearbeitet haben, verweist die gegenteilige Deutung darauf, dass sich die faktische Durchsetzung dieses Grundrechts mit einer Zurückweisung kirchlich-klerikaler Bevormundung nicht nur katholischer, sondern auch protestantischer Provenienz verband.

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  • Rochus Leonhardt

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