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Erziehungsstile und Integrationsorientierungen türkischer Familien

  • Hacl-Halil Uslucan

Zusammenfassung

Sowohl in der familienpsychologischen Forschung als auch in praktischen Beratungskontexten wird die Relevanz gesicherten und empirisch überprüfbaren Wissens um die familialen Lebenswelten von Migranten immer dringlicher. Denn mit weit mehr als sieben Millionen Personen sind ausländische Familien in der Bundesrepublik keine vernachlässigbare Population mehr; noch bedeutsamer wird dieser Befund jedoch, wenn die Orientierung nicht anhand der Nationalität bzw. dem Pass erfolgt, sondern nach der familialen Erziehungswirklichkeit; d.h. sobald die kulturelle Herkunft der Eltern berücksichtigt wird. Dann haben nämlich rund 15 Millionen Menschen bzw. fast 20% der Gesamtbevölkerung einen Migrationshintergrund, und langfristig betrachtet wird diese Zahl vermutlich eher zu- als abnehmen. Zugleich herrscht in der Migrationsforschung Einigkeit darüber, dass die Annahme einer allmählichen Assimilation der Zuwanderer an die Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft nicht haltbar ist, wonach mit der Zeit die Differenzen zwischen Einheimischen und ehemals Zugewanderten quasi von selbst verschwinden. Migranten zeigen sowohl innerhalb ihrer eigenen Gruppe als auch im Vergleich der verschiedenen Migrantengruppen miteinander unterschiedliche Akkulturationsstrategien (Phinney/Ong/Madden 2000). Angesichts dieser demografischen Entwicklung (Migranten sind im Durchschnitt rund 10 Jahre jünger), der Zunahme an Kindern mit unterschiedlichem ethnischem und religiösem Hintergrund gilt es, fachliche Schwerpunkte wie »Frühe Bildung« oder »Pädagogik der frühen Kindheit« auch um das Thema der interkulturellen bzw. interreligiösen Erziehung zu erweitern bzw. diese Aspekte zu Kernkompetenzen von Erziehern und Psychologen werden zu lassen. Das hat Implikationen auch für die Einrichtungen: Nicht nur gilt es, verstärkt migrantische – wenn man die stärkste religiöse Minderheit berücksichtigt: muslimische – Eltern viel stärker in die Abläufe einzubeziehen. Darüber hinaus gilt es, vermehrt auch Erzieherinnen mit Migrationshintergrund einzustellen sowie religiöse Bildung und Erziehung bzw. Erziehung zur religiösen Mündigkeit als Teil der Aufgabe der Bildungseinrichtungen zu verstehen.

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  • Hacl-Halil Uslucan

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