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Medien als soziale Zeitgeber im Alltag: Ein Beitrag zur kultursoziologischen Wirkungsforschung

  • Irene Neverla

Zusammenfassung

Warum schreiben wir E-Mails mitten in der Nacht, statt wie unsere Vorfahren einfach zu schlafen? Warum brauchen wir heute drei Anrufe über das Mobiltelefon, um eine Verabredung zu treffen, die man auch schon beim ersten Telefonat vereinbaren könnte? Warum sind wir irritiert, wenn die wöchentliche Zeitschrift im Postkasten unerwartet fehlt? Warum wissen wir in Deutschland, dass wir ältere Herrschaften (aber nicht nur sie) ziemlich gut kurz vor 20 Uhr zu Hause erreichen können, dass aber unser Anruf ab 20 Uhr stören würde? Eine verbindende Antwort auf diese Fragen lautet: Weil Medien als soziale Zeitgeber wirken. Oder, anders gesagt, weil Zeitgestaltung im Alltag in unserer Gesellschaft medialisiert erfolgt. Dieser Umgang mit Medien und Zeit scheint auf den ersten Blick in einem individuellen Freiraum stattzufinden. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass dieses auf Medien bezogene Zeit-Handeln gesellschaftlichen Bedingungen unterliegt, die geradezu unausweichlich erscheinen und jedenfalls nachhaltige Alltagspraktiken zur Folge haben. Insoweit liegt hier ein Fall von gesellschaftlicher Wirkung vor. Die Mediatisierung der gesellschaftlichen Zeitkultur ist als Symptom, aber auch als treibender Motor der modernen Gesellschaft zu verstehen, und sie hat nachhaltige Wirkung. Dies sind meine Grundüberlegungen, die ich im Folgenden näher ausführe.

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Authors and Affiliations

  • Irene Neverla

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