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Inter-ethnische Freundschaftsnetzwerke

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Auszug

Die Ausführungen zu den verschiedenen Konzepten der Eingliederung in Kapitel 3 haben den besonderen Stellenwert der Primärbeziehungen von Migranten zu Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung für den Verlauf des Eingliederungsprozesses verdeutlicht. Diese tragen, im Sinne der von Esser beschriebenen kognitiven Assimilation, zu einer Erweiterung des aufnahmelandspeziflschen Wissens und zu einer Verbesserung der Sprachfähigkeit bei und können zudem in Form eines in den inter-ethnischen Beziehungen eingebetteten speziflschen sozialen Kapitals als wichtige Opportunität für assimilative Handlungen angesehen werden. Inter-ethnische Beziehungen können damit den Verlauf einer strukturellen Assimilation in entscheidenden Bereichen der funktionalen Systeme des Aufnahmelandes positiv beeinflussen. Diesbezüglich zeigen insbesondere inter-ethnische Freundschaftsbeziehungen aufgrund ihrer emotionalen Intensität eine besondere Qualität.

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Literatur

  1. 57.
    Die Ergebnisse zur Bedeutung von Nachbarschaft als einen Focus der Entstehung von Freundschaftsbeziehungen stehen im Kontext einer breiten Debatte über den Stellenwert von Nachbarschaft für die sozialen Netzwerkbeziehungen von Individuen in modernen Gesellschaften (vgl. Bridge 2002; Campbell/Lee 1992; Connerly 1985; Fischer 1982; Diewald 1990; Guest/Wierzbicki 1999; Guest 2000; Oliver 1988; Wellman 1979; 1996; 1999; Wellman/Carrington/Hall 1988). Die Ergebnisse dieser Analysen zeigen übereinstimmend, dass die Relevanz von Nachbarschaft für die sozialen Beziehungen im Zuge einer fortschreitenden Urbanisierung bzw. Suburbanisierung sowie verbesserter Transport-und Kommunikationsmittel, im Kontrast zur ländlichen Gemeinschaft wie sie von Tönnies (1979 [1887]) beschrieben wurde, deutlich abgenommen hat. Dennoch stellen die sozialen Beziehungen in der Nachbarschaft — insbesondere für weniger mobile Bevölkerungsgruppen wie sozial Benachteiligte, Kinder oder ältere Menschen — eine nicht zu vernachlässigende Größe dar. Da sich die Diskussion um das AusmaUmfang dieser Kontakte und weniger auf die Rolle der Nachbarschaft bei der Formation von Freundschaften bezieht, stellt diese Debatte im Kontext der in diesem Kapitel behandelten Fragestellung lediglich einen Randaspekt dar.Google Scholar
  2. 58.
    Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Verbrugge (1977, 584ff). Allerdings sind die Ähnlichkeitsmaße aufgrund der unterschiedlichen Kategorisierungen nur schwer zu vergleichen.Google Scholar
  3. 59.
    Die Studie umfasste 5 842 Personen in 304 freiwilligen Organisationen, die wiederum aus zehn Gemeinden stammten (McPherson/ Smith-Lovin 1987, 373f).Google Scholar
  4. 60.
    Für eine Zusammenfassung des Ansatzes von Huckfeldt (1983) vgl. auch Wolf (1996, 87f).Google Scholar
  5. 61.
    Huckfeldt (1983, 654) ist bewusst, dass es sich bei dieser Annahme um eine starke Abstraktion der realen Prozesse handelt. Diese Vereinfachung sei aber notwendig, um das Modell übersichtlich zu halten.Google Scholar
  6. 62.
    Die Notation der von Huckfeldt (1983, 657) ausgewiesenen Formel wurde nur geringfügig verändert.Google Scholar
  7. 63.
    Die Nachbarschaft wurde als ein Gebiet deflniert, dass innerhalb einer Geh-bzw. Fahrzeit von maximal zehn Minuten erreicht werden konnte (vgl. Huckfeldt 1983, 660).Google Scholar
  8. 64.
    Zu ähnlichen Ergebnissen hinsichtlich der Bevölkerungsgruppe der türkischen Migranten kommen auch Untersuchungen des Zentrums für Türkeistudien für das Jahr 2000 (vgl. Sauer/ Goldberg 2001, 71). So betrugen die Anteile der Migranten, die ihre Sprachkompetenz im Bereich des Verstehens als „sehr gut“ bis „gut“ einschätzten 51,5 Prozent, im Bereich des Sprechens 48,3 Prozent und im Bereich des Schreibens 42,1 Prozent.Google Scholar
  9. 65.
    Von diesen Studien überprüfen Esser (1986b, 43), Esser (1990b, 48), Haug (2003, 122), Haug (2005b, 270), Hill (1984b, 168ff), Nauck/Kohlmann/Diefenbach (1997, 485) und Schöneberg (1982, 532f) den Zusammenhang zwischen deutschen Sprachkenntnissen und dem Ausma Beziehungen mit Hilfe multivariater statistischer Methoden unter Berücksichtigung weiterer einflussreicher Merkmale.Google Scholar
  10. 66.
    Als Beleg für diese These kann die Bildungsstatistik des Sozio-ökonomischen Panels dienen, wonach 64 Prozent der türkischen Befragten der zweiten Generation einen Hauptschulabschluss, 20 Prozent einen Realschulabschluss und 14 Prozent das Abitur hatten (Keck 2004, 578).Google Scholar
  11. 67.
    Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass sich die türkische Bevölkerung bezüglich der Religiosität nicht wesentlich von der deutschen Bevölkerung unterscheidet. So gaben im Rahmen einer Umfrage des ALLBUS 2002 57 Prozent der westdeutschen, aber nur 27 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung auf einer Religiositätsskala an, sie seien religiös (Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung 2002; eigene Berechnungen).Google Scholar
  12. 68.
    Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit denen von Straßburger (2003), die in ihrer Untersuchung zum Heiratsverhalten türkischer Migranten der zweiten Generation feststellt, dass in ca. 60 Prozent der Fälle der Ehepartner zuvor in der Türkei lebte (ebd., 98).Google Scholar
  13. 69.
    Zwar weist Esser an verschiedenen Stellen immer wieder darauf hin, dass die Herausbildung ethnischer Gemeinden keineswegs mit der räumlichen Konzentration von Migranten in bestimmten städtischen Teilgebieten zusammenfallen muss (z. B. Esser 1986a, 109f). Generell wird aber im Falle einer hohen räumlichen Konzentration ethnischer Gruppen in städtischen Teilgebieten die Existenz ethnischer Gemeinden nahezu unhinterfragt als gegeben angesehen (vgl. auch Pott 2002, 59).Google Scholar
  14. 70.
    Gerade auf die Bedeutung ethnischer Eliten im Hinblick auf eine Verfestigung binnen-ethnischer Substrukturen verweisen in jüngerer Zeit auch Hoffmann-Nowotny (1996, 121) sowie Heitmeyer (1998, 450).Google Scholar
  15. 71.
    Heckmann (1981, 215) beschreibt die ethnische Kolonie als ein territorial gebundenes „sozialkulturelles Eigensystem“ der Migranten, deren Entwicklung — ähnlich der Argumentation Essers (1986, 109f) — nicht notwendiger Weise mit der Existenz segregierter Wohngebiete verbunden ist, „[...] wenn auch diese“ so Heckmann (1981, 215), „der sozial-kulturellen Organisation der Minorität vermutlich förderlich sind und empirisch häuflg [...] zusammentreffen“. Die territoriale Verbundenheit kann sich nach Heckmann (1992, 97) dabei sowohl auf die Raumeinheiten Nachbarschaft, Stadtviertel, Stadtgebiet sowie metropolitaner Raum beziehen. Heckmann (ebd.): „[...] entscheidend ist, daß es möglich ist, in dem jeweiligen Raum soziale Beziehungen aufzubauen und zu erhalten“.Google Scholar
  16. 72.
    Auch Elwert (1982, 720) macht deutlich, dass eine Binnenintegration nicht notwendigerweise mit einer räumlichen Konzentration von Migranten in einem Wohnquartier gleichzusetzen ist. Er konstatiert: „Es ist für mich denkbar, daß wir eine Ballung von türkischen Einwandern haben, ohne daürlich auch denkbar, da Ballung in einem Wohngebiet eine Binnenintegration erleichtert wird. Aber Binnenintegration ist auch ohne eine solche Ballung im Wohnraum herstellbar“ (ebd., 720).Google Scholar
  17. 73.
    Auf die Schutzfunktion ethnischer Gemeinden hatte Esser bereits in seinem Buch Aspekte der Wanderungssoziologie (1980, 77 und 95f) hingewiesen.Google Scholar
  18. 75.
    Zur Problematik der selektiven Segregation im Rahmen der Analyse von Nachbarschaftseffekten vgl. auch Farwick (2001, 118).Google Scholar
  19. 76.
    Als räumliche Einheit zur Beschreibung der Nachbarschaft wurden die statistischen Zähleinheiten der census tracts verwendet (vgl. Welch u. a. 2001, 174).Google Scholar
  20. 77.
    Auch im Hinblick auf die Chance gelegentlicher inter-ethnischer Kontakte zeigt sich bei Welch u. a. (2001, 62ff) für die weiße Bevölkerung ein signiflkanter, allerdings nicht linearer Effekt des Anteils der afro-amerikanischen Bevölkerung in der Nachbarschaft. Wie schon im Falle der inter-ethnischen Freundschaftsbeziehungen konnte dieser Effekt jedoch nicht für die afroamerikanische Bevölkerung festgestellt werden.Google Scholar
  21. 78.
    Insgesamt können Quillian und Campbell (2003) auch für den Focus der Schule einen signiflkanten Effekt der ethnischen Zusammensetzung in der Schülerschaft auf das Ausma Freundschaften aufzeigen (ebd., 557f). Zahlreiche andere Studien können den Zusammenhang zwischen der ethnischen Zusammensetzung an Schulen bzw. in Schulklassen und dem Ausma 820; Moody 2001, 702f).Google Scholar
  22. 79.
    Die Daten entstammen einer in den Jahren 1978 und 1979 durchgeführten groß angelegten multiethnischen Befragung von 2 310 Personen, die den zehn größten ethnischen Gruppen in der Stadt Toronto angehörten (vgl. Breton/ Isajiw/ Kalbach/ Reitz 1990).Google Scholar
  23. 80.
    Insgesamt wurden 1 500 Ausländer aus fünf verschiedenen Herkunftsländern sowie 1 500 Deutsche befragt (vgl. Kremer und Spangenberg (1980, 12).Google Scholar
  24. 81.
    Gefragt wurde nach Bekannten, die von den Befragten häuflger getroffen wurden und mit denen sie persönliche Kontakte hatten, die also keine reinen Grußbekanntschaften darstellten (vgl. Kremer/ Spangenberg 1980, 91).Google Scholar
  25. 83.
    In die Analyse wurden folgende räumliche Ebenen in der Reihenfolge ihrer Größe einbezogen: Gesamtstadt, Bezirk, Amt bzw. Stadtbezirk, Stadtteil, Ortsteil und Baublock (vgl. Alpheis 1990, 158).Google Scholar
  26. 84.
    Unter dem Merkmal „soziales Milieu im Elternhaus“ wurde die Ermöglichung inter-ethnischer Kontaktchancen durch die Eltern verstanden (vgl. Alpheis 1990, 165).Google Scholar
  27. 86.
    Allerdings lässt sich den Analysen Salentins (2004) nicht entnehmen, auf welcher räumlichen Ebene und durch welches Maß der ethnischen Segregation gemessen wurde.Google Scholar
  28. 90.
    DITIB steht für „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.“, eine Organisation, die eng mit dem staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten in der Türkei zusammenarbeitet (Sen/ Goldberg 1994, 93).Google Scholar
  29. 94.
    In verschiedenen Analysen wird häuflg ein Index der subjektiv eingeschätzten Sprachfähigkeit aus den Bereichen „Sprechen“, „Lesen“ und „Schreiben“ verwendet (vgl. z. B. Haug 2003, 122 bzw. Haug 2005b, 270). Da die Fähigkeit des Lesens und Schreibens für die Herausbildung inter-ethnischer Freundschaften aber lediglich eine untergeordnete Rolle spielt, wird von dem Gebrauch eines solchen Index für die weiteren Analysen abgesehen.Google Scholar
  30. 97.
    Allerdings zeigen Analysen von Philpott (1978), dass selbst die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in den großen Städten der USA von den Mitgliedern der Chicagoer Schule identiflzierten ethnischen Kolonien bei weitem keine nur von einer ethnischen Gruppe bewohnten Wohnquartiere darstellten. Philpott (1978, 131): „An ethnic enclave was not a district in which all the inhabitants were of the same ethnic stock and in which all of the people of that ethnic group lived. It was a place where the members of one nationality set the tone, because they outnumbered everybody else, or had been there the longest, or were simply the most visible and voluble“. So lebten im Jahr 1930 nur 14 Prozent der deutschen Einwanderer der Stadt Chicago in stark segregierten ethnischen Kolonien, in denen sie im Durchschnitt 32 Prozent der Bevölkerung ausmachten (ebd., 141). Selbst innerhalb der im Jahr 1930 in Chicago am stärksten segregierten Gruppe der Polen betrug der Anteil der in segregierten Wohnquartieren lebenden polnischen Einwanderer lediglich 61 Prozent. Der durchschnittliche Anteil der polnischen Bevölkerung in diesen segregierten Gebieten lag bei 54 Prozent.Google Scholar
  31. 98.
    Seine empirischen Untersuchungen zeigten, dass der weitaus größte Teil enger Kontakte der Bewohner eines Wohngebiets zu Personen außerhalb des Quartiers erfolgte. Nur rund 16 Prozent der verwandtschaftlichen Beziehungen waren an den Stadtteil gebunden, 27 Prozent aller engeren Kontakte zu Bekannten (Wellman 1979, 1212). Darüber hinaus hatten nur wenige Bewohner mehr als einen Bekannten im Stadtteil. Wellman räumt allerdings ein, dass die lokalen Kontakte häufig intensiver waren als Beziehungen zu Personen außerhalb des Viertels. Zudem hatten Kontakte über den Stadtteil hinaus häuflg einen lokalen Ursprung, da die jeweiligen Personen zu Beginn der Beziehung im Stadtteil wohnten. Wellman streitet demzufolge eine gewisse Bedeutung lokaler Beziehungen nicht ab, er relativiert sie: „While local ties are real and important, their importance comes from their being only a component of a diverse array of relationships“ (ebd., 1214).Google Scholar
  32. 99.
    Neben den Studien von Wellman (1979 und 1999) belegen auch neuere Untersuchungen die abnehmende Bedeutung der räumlichen Nähe im Wohnquartier für die Bildung enger solidarischer Netzwerkbeziehungen (Guest/Wierzbicki 1999; vgl. auch Bridge 2002).Google Scholar
  33. 100.
    Über den US-amerikanischen Kontext hinaus kann auch Peach (1997) Phänomene einer räumlich dispersen Struktur ethnischer Gemeinden für bestimmte Migrantengruppen in der Stadt London aufzeigen.Google Scholar
  34. 101.
    Nach Zelinsky und Lee (1998, 285) ist der Prozess des heterolocalism durch insgesamt fünf Merkmale geprägt: erstens durch die sofortige räumliche Streuung der Migranten im Aufnahmeland; zweitens ist der Wohnort der Migranten in den meisten Fällen räumlich getrennt vom Arbeitsplatz und anderen täglichen Aktivitätsorten; drittens werden die Kontakte innerhalb der ethnischen Gemeinden trotz einer fehlenden räumlichen Konzentration ihrer Mitglieder in Wohnquartieren über Stadtgrenzen, Regionen und sogar Staatsgrenzen hinweg aufrecherhalten; viertens ist der Prozess des heterolocalism — obwohl schon seit längerem beobachtbar —, an eine bestimmte Phase sozio-ökonomischer und technischer Entwicklungen des späten zwanzigsten Jahrhunderts gekoppelt; fünftens ist heterolocalism sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten zu flnden.Google Scholar
  35. 102.
    Eine äußerst geringe Bedeutung der Nähe zu türkischen Nachbarn als Grund für die Wohnstandortwahl zeigte sich im Rahmen der gleichen von Hanhörster und Mölder (2000) durchgeführten Untersuchung auch in einem Wuppertaler Stadtteil Osterbaum: Für lediglich 6 Prozent der türkischen Bewohner war die Nähe zu türkischen Nachbarn für Wahl des Wohnorts von Relevanz (ebd., 377).Google Scholar

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