Advertisement

Einstellungs-Verhaltens-Forschung

Chapter
  • 5.4k Downloads

Auszug

In diesem Kapitel werden zentrale theoretische Konzepte der Einstellungs-Verhaltens-Forschung rekonstruiert und kritisch beleuchtet. Hierzu zählen zum einen „klassische“ theoretische Konzepte der Einstellungsforschung, die entweder von spontanen oder von überlegten Informationsverarbeitungsprozessen ausgehen, und zum anderen integrative duale Prozessmodelle. Am Ende von Kapitel 2 steht dann ein generisches duales Prozessmodell der Einstellungs-Verhaltens-Beziehung, welches als Vergleichsmodell mit den Handlungstheorien (Kapitel 3) sowie im empirischen Teil der Arbeit (Kapitel 4) eingesetzt wird.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 4.
    Thomas/Znaniecki verstanden unter einer Einstellung einen „[...] process of individual consciousness which determines the real or possible activity of the individual in the social world.” (Thomas/ Znaniecki 1918: 221). Allport definierte eine Einstellung wie folgt: „An attitude is a mental and neural state of readiness, organized through experience, exerting a directive or dynamic influence upon the individual’s response to all objects and situations with which it is related.” (Allport 1935: 810)Google Scholar
  2. 5.
    Thurstone verstand unter einer Einstellung einen „affect for or against a stimulus” (Thurstone 1931: 261). Und zuvor bereits: „The concept‘attitude’ will be used here to denote the sum total of a man’s inclinations and feelings, prejudice or bias, preconceived notions, ideas, fears, threats, and convictions about any specific topic.” (Thurstone/Chave 1929: 6f)Google Scholar
  3. 6.
    „Attitudes are typically defined as predispositions to respond in a particular way toward a specified class of objects. [...] The types of response [...] fall in three major categories: cognitive, affective, and behavioral.“ (Rosenberg/ Hovland 1966: 1)Google Scholar
  4. 7.
    „[...] attitude is equated with the probability of recurrence of behaviour forms of a given type or direction.” (Defleur/ Westie 1963: 21)Google Scholar
  5. 8.
    Eine Einstellung wird verstanden als „[...] an individual’s disposition to react with a certain degree of favorableness or unfavorableness to an object, behavior, person, institution, or event [...]” (Ajzen 1993: 41)Google Scholar
  6. 9.
    Einstellungen werden hier definiert als „[...] enduring systems of positive or negative evaluations, emotional feelings, and pro or con action tendencies with respect to social objects.” (Krech et al. 1962: 139)Google Scholar
  7. 10.
    „Attitude is a psychological tendency that is expressed by evaluating a particular entity with some degree of favour or disfavour.” (Eagly/ Chaiken 1993: 1)Google Scholar
  8. 11.
    „Attitudes can be seen as object evaluations stored in memory.“ (Judd et al. 1991: 1)Google Scholar
  9. 12.
    „An attitude is viewed as an association between a given object and a given evaluation.“ Fazio 1989: 155)Google Scholar
  10. 13.
    Im Sinne des Dreikomponentenmodells nach Rosenberg/ Hovland (1960, 1966) ist eine Einstellung ein hierarchisch strukturiertes multidimensionales Konstrukt zweiter Ordnung, welches aus den Subdimensionen (d.h. Konstrukten erster Ordnung) Konation, Affekt und Kognition besteht (vgl. Abbildung 2.1). Dies impliziert zwei Probleme, die dazu geführt haben, dass Einstellungen heute nicht mehr über das Dreikomponentenmodell definiert werden: Eine Einstellung wäre demnach erstens kein Konstrukt erster Ordnung, sodass dieses nicht direkt mittels manifesten Indikatoren operationalisiert werden könnte. Und zweitens könnte Verhalten nicht durch Einstellungen erklärt werden, wenn Verhalten Bestandteil der Konzeptspezifikation und Operationalisierung der Einstellung wäre (vgl. hierzu die Ausführungen zur Einstellungsdefinition).Google Scholar
  11. 14.
    Abbildung 2.2 ist eine schematische Darstellung der oben vorgestellten Diskussion innerhalb der Einstellungs-Verhaltens-Forschung, sodass keine weiteren theoretischen Effekte (z.B. situative oder normative Faktoren) sowie Residueneffekte eingezeichnet sind, die in vielfältiger Weise beliefs, Emotionen, Einstellungen und Verhalten sowie deren Relationen beeinflussen können (vgl. nachfolgende Abschnitte). Zudem wird in der Übersicht noch nicht zwischen bilanzierenden Einstellungen gegenüber Zielen und gegenüber Verhalten (sog. „Verhaltenseinstellungen“) unterschieden. Und es wird bei der konativen Komponente noch nicht zwischen Verhaltensintentionen und tatsächlichem ausgeführtem Verhalten unterschieden. Denkbar sind zudem nicht-intervenierte Effekte von Konation, Kognition oder Affekt „an der Einstellung vorbei“ (z.B. Effekte von Habits direkt auf Verhalten ohne Vermittlung durch Einstellungen, vgl. Eagly/ Chaiken 1993: 209). Solche Zusatzannahmen werden in den nachfolgenden Kapiteln noch in den Blickpunkt rücken.Google Scholar
  12. 16.
    Ein weiteres beliebtes Verfahren zur experimentellen Messung impliziter Einstellungen ist das „affective priming“ nach Fazio et al. (1986) (vgl. z.B. auch Fazio/Olson 2003; Wentura/Degner 2006).Google Scholar
  13. 17.
    Grundsätzlich soll mit dem IAT die mentale Assoziation von Konzepten und deren Bewertungen gemessen werden, was dessen prinzipielle Anwendbarkeit in vielen Bereichen kognitiver Forschung ermöglicht (vgl. Banaji/ Greenwald 1995; Greenwald/Farnham 2000; Greenwald et al.1998; Greenwald et al. 2002). Der IAT verläuft dabei in zwei Phasen: (1.) Der Proband muss mehrere Attribute per Knopfdruck bewerten, wobei er mit einer Hand immer eine positive und mit der anderen immer eine negative Bewertung auslöst. Diese Prozedur geht so lange, bis der Proband automatisch eine positive bzw. negative Bewertung auf jeweils eine Hand übertragen kann. (2.) In der zweiten Phase soll der Proband Einstellungsobjekte zwei verschiedenen vorgegebenen sozialen Kategorien zuordnen, wobei jeweils eine Hand eine Kategoriewahl auslöst. Ist die mentale Repräsentation der eingeschätzten Kategorie nun eng mit der Bewertung assoziiert, die mit derselben Taste ausgelöst wurde, so wird der Proband schneller antworten. Für eine Umsetzung in der Surveyforschung spielt der IAT jedoch keine Rolle.Google Scholar
  14. 19.
    Dass sich Richetin et al. (2007: 544) diesen Befund nicht erklären können, zeigt, wie problematisch die undifferenzierte Gleichsetzung der methodischen Ebene (implizit-explizit) und theoretischen Ebene (spontan-überlegt) ist.Google Scholar
  15. 20.
    In der Forschung impliziter versus expliziter Maße wird zudem der Frage nachgegangen, ob diese bei der statistischen „Erklärung“ von Verhalten in einem additiven oder in einem interaktiven Verhältnis zueinander stehen, oder ob implizite Maße spontanes und explizite Maße überlegtes Verhalten erklären (z.B. Perugini 2005; Spence/Townsend 2007). Bei diesen empirischen Analysen wird jedoch wieder nicht berücksichtigt, dass explizite Maße sowohl spontan als auch überlegt geäußert werden können, sodass diese Analysen auf der falschen Ebene durchgeführt werden — nämlich auf der methodischen Ebene der Messverfahren anstatt auf der Ebene der Modi der Informationsverarbeitung. Entsprechend uneinheitlich sind auch die empirischen Ergebnisse: nach Spence/Townsend (2007) ist das additive Modell den übrigen überlegen, während gemäß den beiden Studien von Perugini (2005) einmal das multiplikative Modell zu bevorzugen wäre und einmal das Modell implizit-spontan und explizit-überlegt. Auf theoretischer Ebene betreffen diese Analysen unter anderem die Frage nach der Möglichkeit der gleichzeitigen Wirkung zweier qualitativer Modi (d.h. spontan und überlegt) sowie deren Interaktion als „Mischform“. Diese Möglichkeiten sehen u.a. das MODE-Modell sowie das ELM und HSM vor, vgl. Abschnitt 2.2.Google Scholar
  16. 21.
    Als klassisches Paradebeispiel der Krise der mit der Konsistenzannahme operierenden Einstellungsforschung entwickelte sich eine sehr frühe empirische Studie von LaPiere (1934). In dieser zeigte sich, dass 250 von 251 Hoteliers das chinesische Test-Paar als Gäste aufnahmen, obwohl über 90% dieser Hoteliers in einer Befragung eine generelle Verweigerung der Aufnahme chinesischer Gäste im Hotel bekundeten. Dass dieses Beispiel aus heutiger einstellungstheoretischer Perspektive Probleme der Verhaltensintentions-Verhaltens-Relation und nicht der Einstellunge-Verhaltens-Relation dokumentiert, ist hier nicht von zentraler Bedeutung und sei nur angemerkt.Google Scholar
  17. 23.
    Bassili (1996a) und Bassili/Krosnick (2000) beschreiben Extremität und Ambivalenz als quasioperative Maße, da diese zwar nicht-reaktiv gebildet werden (also dem Befragten unbewusst und ohne Abfragen eines Urteils zweiter Ordnung), die aber erstens die prozessualen Aspekte der Urteilsbildung nur sehr indirekt erfassen und zweitens ihrerseits aus der Selbsteinschätzung gegenüber einer abgefragten Einstellung heraus generiert werden.Google Scholar
  18. 24.
    Fazio begreift dabei Einstellungen als affektive Komponente, die Verhalten über die Mediation kognitiver (Wahrnehmungs-)Prozesse beeinflusst (Fazio 1986: 205). Einmal mehr ist dies ein Beispiel des uneinheitlichen Begriffsverständnisses der affektiven Komponente in der Einstellungsforschung, da Fazio hier den mittlerweile überholten Affekt-Begriff verwendet, der sich primär auf die bilanzierend-bewertende Komponente anstatt auf Emotionen bezieht (vgl. Abschnitt 2.1.1). Daher wird auf den Begriff des Affektes bei der nachfolgenden Rekonstruktion Fazios Modell verzichtet.Google Scholar
  19. 26.
    Die Verfügbarkeit einer Einstellung (availability) meint ihr bloßes Vorhandensein im Gedächtnis, während mit der Zugänglichkeit einer Einstellung (accessibility) die Leichtigkeit ihres Zugangs und ihrer Verwendung während Informationsverarbeitungsprozessen gemeint ist (vgl. Eagly/ Chaiken 1993: 131).Google Scholar
  20. 30.
    Messmethoden zur Erhebung individueller beliefs wurden daher einige vorgeschlagen, sind in ihrer Anwendung jedoch allesamt sehr zeitaufwändig und daher in Bevölkerungsumfragen nur schwer durchführbar (Conner/ Armitage 1998). Eine Möglichkeit, unter den modal salienten beliefs einer Erhebung dennoch Varianzen in der individuellen Salienz festzustellen, besteht in der Anwendung von Antwortreaktionszeitmessungen bei den belief-Abfragen (z.B. Ajzen et al. 1995). Je schneller eine Person auf eine belief-Frage antwortet, desto salienter ist das belief, so die Annahme hierbei. Vgl. zur empirischen Anwendung auch Urban et al. (2007).Google Scholar
  21. 31.
    Die inzwischen zahllosen empirischen Anwendungen der TPB und TRA haben gezeigt, dass der von Wicker (1969) beschriebene statistische Anteil ausgeschöpfter Varianz von ca. 10 % des Verhaltens in Abhängigkeit von Einstellungen zumeist deutlich überschritten wurde mit Anteilen von ca. 30–50 % bei der Erklärung von Verhaltensintention und ca. 20–40 % bei der Erklärung von Verhalten (z.B. Six/Eckes 1996). Dies ist zwar sicherlich als ein Fortschritt der Einstellungsforschung zu werten, zeigt aber auch, dass die TPB längst noch nicht dem Anspruch einer vollständigen Erklärung von Verhalten und Verhaltensintention gerecht wird.Google Scholar
  22. 32.
    Hinzu kommen Vorschläge, die vorhandenen Modellvariablen dimensional zu differenzieren. So werden neben der subjektiv wahrgenommenen Norm weitere Typen von Normen vorgeschlagen in Form der persönlichen moralischen Verpflichtung bzw. persönlichen Norm (z.B. Ajzen 1991: 199; Bamberg 1999; Conner/ McMillan 1999), der deskriptiven Norm, mit der gemessen wird, wie sich andere verhalten, und nicht etwa, wie Personen Erwartungen an das eigene Verhalten wahrnehmen (z.B. Sheeran/Orbell 1999), sowie Selbstkonsistenznormen (vgl. Jonas/Doll 1996). Zudem wird die konzeptionelle Trennung von self-efficacy als Persönlichkeitseigenschaft von der wahrgenommenen aktuellen Verhaltenskontrolle vorgeschlagen (vgl. Conner/Armitage 1998, Terry/O’Leary 1995). Und auch Typen von Verhaltenseinstellungen und beliefs werden immer wieder diskutiert, insbesondere die Unterscheidung affektiv-emotionaler und kognitiv-evaluativer Maße der Verhaltenseinstellung sowie beliefs (z.B. „heiße“ versus „kalte“ Urteile nach Abelson 1963; Ajzen 1991; Conner/Armitage 1998; Rhodes et al. 2006).Google Scholar
  23. 33.
    Eine alternative Messmöglichkeit von Habits schlagen Verplanken et al. (1994) vor: Demnach können Habits als subjektive Wahrscheinlichkeit einer Verhaltensausführungen in unterschiedlichen Situationskontexten konzipiert werden. Dieses Habit-Maß kann als unabhängig von vergangenem Verhalten betrachtet werden (vgl. hierzu auch Davidov 2007; zu weiteren Habit-Maßen vgl. z.B. Verplanken et al. 2005).Google Scholar
  24. 34.
    Gemäß Davidov (2007) kann die Ausführung von Habits auf zwei Arten gestoppt werden: erstens durch die Aktivierung des überlegten Modus sowie zweitens durch neue, ungewohnte Situationskontexte. Letzteres kann jedoch ebenfalls mittels dualen Prozessmodellen erklärt werden, da neue Situationen die Motivation zum Überlegen steigern sollten und folgerichtig Habits auch in diesem Fall durch den überlegten Modus gestoppt werden — zumindest dann, wenn für den Akteur subjektiv „viel auf dem Spiel steht“ (andernfalls würde die Routine auch in neuen Situationen angewendet).Google Scholar
  25. 35.
    In der Literatur werden zudem alle möglichen weiteren Moderatorbedingungen durch externe Variablen vorgeschlagen (z.B. Habits oder moralische Normen, vgl. Conner/ McMillan 1999). Ein bekanntes Problem hierbei ist dann sicherlich die Erhöhung der Modellkomplexität. Dieses Argument gilt im Übrigen nicht als Gegenargument für Interaktionseffekte zwischen theorieinternen Konstrukten. Denn wenn sich zeigte, dass z.B. nicht nur oder gar anstatt korrelativen oder kausalen Beziehungen zwischen Modellkomponenten Interaktionsbeziehungen eine adäquatere Spezifikation darstellen würden, so würde dies eine Modifikation des Theoriekerns mit sich bringen. Eine Moderatorbedingung nahmen Ajzen/Fishbein (2000: 22) mittlerweile als Zusatzannahme auf: Bilanzurteile, die auf Basis kongruenter beliefs gebildet werden, sind einflussreicher als solche mit einer inkongruenten belief-Grundlage.Google Scholar
  26. 36.
    In diesem Kontext ist die Bedeutung der relativen Gewichtung der Verhaltenseinstellung versus der subjektiven Norm zu nennen, die Ajzen/ Fishbein (1980) noch als wichtige Komponente in die TRA einführten, die später aber aus den Publikationen verschwand. Bereits bei ihrer Einführung wiesen Ajzen/Fishbein (1980) darauf hin, keine geeignetere Operationalisierung hierfür vorschlagen zu können als die empirisch geschätzten Regressionskoeffizienten post hoc einzusetzen, wobei der Gewichtungsfaktor dann kein individueller mehr ist, wie ursprünglich vorgesehen, sondern ein interindividueller.Google Scholar
  27. 37.
    Zur zentralen Bedeutung von Heuristiken im Zusammenhang mit der Annahme der bounded rationality vgl. u.a. Gigerenzer 2004; Gigerenzer/Selten 2001; Todd/Gigerenzer 2003.Google Scholar
  28. 40.
    Vermittelnd zwischen den Positionen von Bargh et al. und Fazio kann sicherlich angemerkt werden, dass auch nach Bargh et al. eine Einstellung nur dann aktiviert werden kann, wenn sie prinzipiell verfügbar ist. Der untere Pol des Zugänglichkeitskontinuums ist nun auch bei Fazio derjenige des Fehlens jedweder Einstellung. Interessanterweise rezitieren z.B. Sanbonmatsu et al. (2007: 3) sowohl die Arbeiten von Fazio et al. als auch die oben angesprochenen Arbeiten von Bargh et al. als gemeinsamen Beleg dafür, dass die Wahrscheinlichkeit der Einstellungsaktivierung von der Stärke der Objekt-Bewertungs-Assoziation abhängt. Darüber hinaus stellen Sanbonmatsu et al. (2007) empirisch einen “Deautomatisierungseffekt” fest, wenn die wiederholte direkte Erfahrung mit dem Einstellungsobjekt nicht-evaluativer Art ist.Google Scholar
  29. 42.
    Eine Einstellungsangabe in einer Umfrage (verstanden als Befragungsverhalten), die ausschließlich auf Basis von situativen Hinweisreizen geäußert wird, stellt dann typischerweise das dar, was Converse (1970) als „Nonattitude“ bezeichnete — d.h. eine Einstellungsangabe, für die keine Entsprechung als kognitive Repräsentation vorliegt, und zu deren Urteilsbasis weder die entsprechende latente Einstellung aktiviert wurde und beitrug, noch inhaltlich relevante beliefs prozessiert wurden, sondern alleine alle anderen möglichen inhaltsunabhängigen situativen Hinweisreize.Google Scholar
  30. 43.
    Ein möglicher Grund der Inkonsistenz der hier vorgestellten und Essers Rekonstruktion des MODE-Modells könnte darin bestehen, dass Esser keinen Unterschied zu machen scheint zwischen Fazios Modell spontanen Prozessierens (Fazio 1986), welches noch als Alternative zur TRA konzipiert war, und dem MODE-Modell (Fazio 1990a), mit dem Fazio zu modellieren versucht, wann sein Modell spontanen Prozessierens gilt und wann nicht.Google Scholar
  31. 44.
    Dass Esser neben der Motivation und Möglichkeit zudem noch die Variable des „Aufwands“ als weitere zentrale Bedingung einführt (Esser 1996b: 15, 1999b: 121), findet im MODE-Modell keine Entsprechung: der kognitive Aufwand ist dort kein Prädiktor des Modus der Informationsverarbeitung, sondern eine Eigenschaft der beiden Modi: hoher (überlegt) versus niedriger (spontan) kognitiver Aufwand.Google Scholar
  32. 45.
    Cooke/ Sheeran (2004) stellen zudem fest, dass das Ausmaß der Moderatorwirkung der Einstellungszugänglichkeit gegenüber anderen Moderatorvariablen der Einstellungs-Verhaltens-Beziehung als relativ gering einzustufen sei. Im Sinne des MODE-Modells mag dies jedoch schlicht daran liegen, dass die in der Meta-Analyse berücksichtigten empirischen Studien nicht zusätzlich den Modus der Informationsverarbeitung unterscheiden. Denn das MODE-Modell postuliert ja wie gesehen nur für den spontanen Modus eine starke Moderatorwirkung der Zugänglichkeit. Diesbezügliche neue empirische Ergebnisse werden auch im empirischen Teil der vorliegenden Monographie berichtet (vgl. Abschnitt 4).Google Scholar
  33. 46.
    Der Gehaltvergleich von Theorien ist ein zentrales Qualitätskriterium bei der wissenschaftstheoretischen Beurteilung von Theorien (vgl. Pähler 1986; Popper 1963, 1994). Demnach ist diejenige Theorie zu bevorzugen, deren Theoreme leichter falsifizierbar sind, d.h. je weniger komplex die widerlegenden Basissätze sein müssen und je größer der empirische Gehalt und geringer die logische Wahrscheinlichkeit der Theoreme ist. Und es ist diejenige Theorie zu bevorzugen, die dieselben und mehr Fragen beantworten kann als eine andere, wenn dieser Gehaltsüberschuss formal erkennbar ist und sich empirisch bewährt. Man kann in diesem Zusammenhang auch vereinfacht vom Vergleich der „Erklärungskraft“ von Theorien sprechen. Ein Spezialfall hiervon ist die Tiefenerklärung, die die Reduktion mehrerer Einzeltheorien auf eine allgemeine Theorie bedeutet. Die allgemeine Theorie muss dabei die Randbedingungen angeben können, unter denen die speziellen Theorien gelten oder nicht. Tiefenerklärungen üben damit eine Integrationsfunktion aus und stehen einem lakatos’schen Theorienpluralismus entgegen.Google Scholar
  34. 49.
    Die Elaborationswahrscheinlichkeit kann definiert werden als Wahrscheinlichkeit, „[...] dass ein Rezipient die in der Botschaft enthaltenen Argumente einer kritischen Prüfung unterzieht [...]“ (Stroebe/ Jonas 1992: 183).Google Scholar
  35. 50.
    Vgl. Gigerenzer (2004), Gigerenzer/Selten (2001) und Todd/Gigerenzer (2003) zur Rolle von Heuristiken als Teil einer sog. ‘ökologischen Rationalität’.Google Scholar
  36. 51.
    Chaiken et al. (1989: 213) schreiben hierzu: „Although we tend to regard systematic processing as generally controlled and intentional, the status of heuristic processing is less clear [...] Thus, heuristic processing can be controlled and intentional, but at times it may achieve some — though not all — of the criteria that have been used to define an automatic process (lack of intention, lack of awareness, involuntariness, noninterference with other ongoing mental processes).“Google Scholar
  37. 52.
    Das HSM und das ELM sind nicht die einzigen dualen Prozessmodelle, die von einer Gleichzeitigkeit beider Modi ausgehen. Hierzu zählt z.B. auch das Reflective-Impulsive-Model (Strack/ Deutsch 2004), welches in Abschnitt 2.2.1.3 näher betrachtet wird. Kogler/Kühberger (2007) legen jedoch empirische Ergebnisse vor, die naheliegen, dass selbst bei der Annahme des gleichzeitigen Prozessierens zweier qualitativ unterschiedlicher Modi sich im Ergebnis stets ein Modus durchsetzt: „the-winner-takes-all“ (Kogler/Kühberger 2007: 150). Dies spricht für die trade-off-Annahme des ELM und gegen die Annahme der Unabhängigkeit des HSM.Google Scholar
  38. 53.
    Das duale Modell von Hastie/ Park (1986) verhilft unter anderem zum besseren Verständnis, wann bilanzierende Einstellungen im Gedächtnis abgespeichert und dadurch später einfach aufgerufen werden können (on-line) und wann nicht und daher Rohinformationen erinnert werden müssen (memory-based). Zu memory-based Urteilen kommt es vor allem dann, wenn „[...] zum Zeitpunkt der Informationsaufnahme kein expliziter Anlass für ein späteres Urteil vorhanden ist [...]“ (Hertel/Bless 2000: 21), wenn kein vorab generiertes ähnliches Bilanzurteil bereits vorliegt, wenn die Motivation zur Nutzung des Langzeitgedächtnisses hoch ist oder wenn nicht alle relevanten Urteilsdimensionen während der Informationsaufnahme kognitiv verfügbar sind (Hastie/Park 1986: 2; Hertel/Bless 2000: 20).Google Scholar
  39. 54.
    Duale „Systeme“, duale „Prozesse“, duale „Modi“ oder duale „Routen“ der Informationsverarbeitung sind unterschiedliche Begriffe dafür, dass grob zwei Arten der Informationsverarbeitung unterschieden werden können, die sich weiter in einzelne kognitive Sub-Prozesse differenzieren lassen (vgl. z.B. Petty/ Briňol 2006 zur Äquivalenz von dualen „System“-und dualen „Prozess“-Modellen).Google Scholar
  40. 55.
    Z. B. intuitiv/experientiell/erfahrungsbezogen/assoziativ vs. analytisch/rational/logisch, vgl. Keller et al. 2000.Google Scholar
  41. 57.
    Wertexpressive und instrumentelle Motivation unterscheiden Urban/ Slaby (2002) empirisch über die Zustimmung von Wertorientierungen (wertexpressiv) zum spezifischen Thema (hier: Gentechnik). Instrumentelle Motivation liegt hingegen dann vor, wenn keine Wertorientierungen zum Thema aktiviert werden.Google Scholar
  42. 59.
    Kruglanski/ Thompson (1999a: 91f) unterscheiden die „capability“ („Software“, d.h. Besitz kognitiver Strukturen, die überlegtes Prozessieren ermöglichen) und „capacity“ („Hardware“, d.h. Aufmerksamkeitsressourcen). Zur „capability“ wären dann vor allem die themenspezifischen Fähigkeitsmaße zu zählen, aber auch die generell-intrinsischen im Sinne der „Befähigung“ zum überlegtkontrollierten Prozessieren.Google Scholar
  43. 61.
    Dass in der Einstellungsliteratur auch berichtet wird, dass hohe Elaboration zu hoher Zugänglichkeit führt (z.B. Ajzen 2005; Petty et al. 1995), widerspricht nicht den Ausführungen zum Effekt von Zugänglichkeit als Motivationsquelle: Während im ersteren Fall die Einstellungsbildung als abhängige Variable fungiert (z.B. ELM, HSM), ist in letzterem Fall Verhalten abhängig und Zugänglichkeit eine Antecendenzbedingung. Dies betrifft im übrigen nicht nur die Modellierungslogik, sondern auch den Fokus der Kognition von Personen: Ersteres bezieht sich alleine auf die Bildung einer Einstellung, Letzteres hingegen auf die „Wahl“ einer Verhaltensweise.Google Scholar
  44. 62.
    Eine denkbare Möglichkeit der Begründung der unterschiedlichen Wirkweise von Einstellungszugänglichkeit könnte in der Informationsinkonsistenz gesehen werden, die die Motivation zum überlegten Prozessieren anhebt (Brömer 1999; Kahlor et al. 2003): So könnte angenommen werden, dass kognitiv hoch zugängliche Urteile, die nicht im Widerspruch mit situativen Informationen der Entscheidungssituation stehen, die Motivation zum erneuten Nachdenken hemmen, während hoch zugängliche Urteile, die im Widerspruch zu situativen Informationen stehen, die Elaborationsmotivation erhöhen.Google Scholar
  45. 63.
    Wie lässt sich die Operationalisierung von Motivation und Möglichkeit innerhalb standardisierter Bevölkerungsumfragen verwirklichen? Befragungssituationen kann man allgemein als low cost Situationen beschreiben (vgl. auch Esser 1990). D.h., die befragte Person hat kaum etwas zu befürchten, wenn sie das Interview abbrechen sollte — gerade bei Telefoninterviews, in denen einfach nur der Hörer aufgelegt werden könnte. Die situative Wichtigkeit der Entscheidungen selbst wird in Befragungssituationen also zumeist sehr niedrig sein. Wird keine spezielle Interviewanweisung gegeben, so rücken bei standardisierten (Telefon-) Umfragen zur Erklärung von Befragungsverhalten vor allem themenspezifische und individuellintrinsische Indikatoren in den Mittelpunkt. Ob Interviewsituationen primär als Situationen mit für den Befragten ausreichend zur Verfügung stehender Zeit interpretiert werden können, ist zumindest strittig, da dies stark vom subjektiv empfundenen Zeitdruck des Befragten selbst abhängt (zum Zeitdruck in der Interviewsituation z.B. Esser 1985, 1991a; Slaby 1998; Sudman et al. 1996; van der Pligt et al. 2000). Einige Befragte hegen sicherlich Erwartungs-Erwartungen, möglichst schnell und/oder „wahr“ zu antworten oder werden möglicherweise durch die Sprechgeschwindigkeit des Interviewers beeinflusst. Durch unterschiedliche Interviewinstruktionen kann der Zeitdruck manipuliert werden (vgl. mehr dazu in Abschnitt 4).Google Scholar
  46. 66.
    Geringer Aufwand und Unbewusstheit können als „Effizienz“ zusammengefasst werden (vgl. Bargh 1989: 5).Google Scholar
  47. 67.
    Zudem ist im Zuge der Untersuchung automatischer Aktivierung von Einstellungen (Bargh et al. 1992; Bargh et al. 1996a) und von Verhalten (Bargh et al. 1996b) stets von vorbewussten Prozessen die Rede, während Fazios Arbeiten zur automatischen Aktivierung von Einstellungen von Bargh (1989: 16) noch explizit der Kategorie nachbewusster Automatizität zugeordnet wurden, obwohl hoch zugängliche Konstrukte vorbewussten Prozessen zugeordnet werden (vgl. Bargh 1989: 12ff) — die Einteilung hat daher vor allem mit der Experimentanordnung zu tun, ob die Stimuli bewusst oder unbewusst präsentiert werden.Google Scholar
  48. 68.
    Eine weitere durch das UM ausgelöste Diskussion interessiert hier weniger und beruht auf einem Missverständnis der Forschergruppe um Kruglanski bezüglich des HSM und ELM, dass die heuristisch-periphere Route stets inhaltsunabhängige Informationen prozessiere und die systematischzentrale stets inhaltliche Argumente. Das ist jedoch konzeptionell in den dualen Persuasionsmodellen nicht der Fall, auch wenn die empirische Forschungspraxis dies missverständlicherweise nahe legt und das HSM und ELM in dieser Hinsicht z. T. auch missverständlich formuliert sind (vgl. hierzu Bohner/ Siebler 1999; Chaiken et al. 1999; Eagly 1999; Lavine 1999; Manstead/van der Pligt 1999; Petty et al. 1999; Wegener/Claypool 1999).Google Scholar
  49. 69.
    Über Automatizität und bewusste Kontrolle hinaus herrscht in der Literatur Uneinigkeit über weitere Merkmale der qualitativen Dimension. Ajzen (1999) sieht darin den Informationstypus inhaltsunabhängiger („cues“ bzw. „Heuristiken“) versus inhaltsabhängiger Informationen („Argumente“), auch wenn die Zuordnung von Informationstypen und Prozessmodi gerade Schwierigkeiten und Missverständnisse mit sich bringt (s.o.). Chaiken et al. (1999) sehen darin neben der Automatizität qualitativ unterschiedliche Konsequenzen der beiden Routen hinsichtlich der Einstellungsstabilität. Kruglanski/Thompson (1999b) und Erb/Kruglanski (2005) merken hierzu jedoch richtigerweise an, dass gerade das HSM, welches von Chaiken ins Leben gerufen wurde, explizit annimmt, dass heuristische Prozesse automatisch oder überlegt prozessiert werden können. Zusätzlich zur Automatizität führen Bohner/Siebler (1999) qualitativ unterschiedliche Arten des Prozessierens der beiden Modi bzw. Routen an: top-down versus bottom-up. Manstead/van der Pligt (1999) schreiben sicherlich zurecht, dass die Klassifikation unterschiedlicher Kognitionen durch unterschiedliche kognitive Operationen und idealiter unterschiedlicher Hirnaktivität nachgewiesen werden sollte — und dies erscheint Manstead/van der Pligt (1999) am einfachsten anhand der Automatizität möglich zu sein (vgl. auch die Arbeiten von Bargh et al., vorgestellt in Abschnitt 2.2.2).Google Scholar
  50. 70.
    Dass sich die sozialpsychologische Forschung längst nicht darüber einig ist, ob und wie viele „Modi“ der Informationsverarbeitung unterschieden werden sollen, unterstreicht die Notwendigkeit eines pragmatischen Zwischenwegs für die nachfolgenden Analysen in der vorliegenden Arbeit (vgl. z.B. zur aktuellen diesbezüglichen Diskussion: Crano 2006; Deutsch/Strack 2006; Kruglanski et al. 2006; Moors/De Houwer 2006; Moskowitz/Li 2006; Payne/Jacoby 2006; Petty/Briňol 2006; Pryor/Reeder 2006; Sherman 2006; Wentura/Greve 2006; Wyer 2006).Google Scholar
  51. 71.
    Während Bargh (1989) alle Eigenschaften bzw. Definiens dichotom modelliert, wird hier davon ausgegangen, dass ein Mehr oder Weniger an kognitivem Aufwand, Aufmerksamkeit und Kontrolle über kognitive Prozesse sinnvollerweise zu modellieren ist, während das Bewusstsein in Anspruch genommen wird oder nicht (dichotom) und ebenso Intentionen über outcomes entweder vorliegen oder nicht (dichotom).Google Scholar
  52. 73.
    Wenn man den Ablauf des überlegten Prozessierens modellhaft in einzelne Kognitionsphasen weiter differenzieren möchte, so kann in der ersten Phase eine automatische Aktivierung von hoch zugänglichen Informationen und Bewertungen von der anschließenden zweiten Phase unterschieden werden, in der letztlich die überlegte Generierung von Metarepräsentationen, die Erinnerung weniger zugänglicher Rohdaten, die Kontrolle spontaner Assoziationen sowie die letztliche bottom-up-Bildung eines Bilanzurteils und einer Verhaltensintention stattfinden (vgl. z.B. Krosnick et al. 2005 zur Unterscheidung dieser Phasen). Im Ergebnis — und das ist es, was hier letztlich interessiert — ist demnach im überlegten Modus keine Moderatorwirkung der Einstellungszugänglichkeit zu erwarten, auch wenn der „Startpunkt“ eines überlegten kognitiven Prozessierens durchaus die am höchsten zugängliche Information sein kann.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2009

Personalised recommendations