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Verwaltungsmodernisierung in Deutschland — ohne Folgen für eine zeitgemäße Organisationsgestaltung?

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Auszug

Seit Anfang der 1990er Jahre mehren sich im öffentlichen Sektor intensive wie extensive Modernisierungsversuche. Sie zählen zu den evolutionären Veränderungsprozessen der deutschen öffentlichen Verwaltung, so wie es ein evolutionärer Prozess war, der zu ihrer Herausbildung seit Mitte des 19. Jahrhunderts geführt hat. Gleichzeitig gibt es Anzeichen, dass es mit einer reinen Fortschreibung der bisherigen Organisationsgestalt für die Verwaltung nicht getan ist. Staat und Verwaltung müssen wohl mit einem veränderten Organisationsform1 auf die qualitativen Sprünge in der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem Umfeld reagieren, etwa in Analogie zu einem Zustand nach einer Mutation. Verwaltungen sollten sich neu formieren und sich an den geänderten Gegebenheiten ausrichten. Für das Weitere sei vorausgeschickt:
  • Es wird um der Klarheit willen vereinfacht. Akzentuierte Tendenzaussagen sollen Kernsachverhalte deutlich werden lassen.

  • Hinter den Aussagen stehen 25 Jahre Beobachtungen des Autors von Wandlungsprozessen in der öffentlichen Verwaltung und in großen Unternehmen. Es wird von dem Durchgängigen, von grundlegenden Tendenzen, dem Allgemeinen in der öffentlichen Verwaltung gesprochen. Der spezifische Anspruch der Sozialwissenschaften, zu differenzieren, kann im Weiteren nur punktuell eingelöst werden.

  • Die hier vorgestellten Überlegungen und Ergebnisse lassen sich nach den Erfahrungen des Autors sinngemäß auch auf größere Unternehmen oder Einrichtungen des intermediären Sektors, zum Beispiel Wohlfahrtseinrichtungen, übertragen.

  • Der Begriff Verwaltung steht für eine Vielfalt von Behörden und staatlichen oder kommunalen Einrichtungen. Es ist nur deshalb erlaubt, von „der“ Verwaltung zu sprechen, weil Verwaltung eine legalistisch geprägte Institution ist, deren Strukturen und Abläufe durch ein relativ einheitliches Regelwerk bestimmt sind (vgl. das Kapitel von Bull in diesem Band).

  • Mit thesenhaften Aussagen soll kritisch-pragmatisches Nachdenken für einen intensiven Dialog über zeitgemäße und zukunftsfähige Organisationsform für die anstehenden Verwaltungsaufgaben in verschiedenen Bereichen angeregt werden. Dieser Dialog sollte mit hochrangigen Verwaltungsfachleuten, mit Politikern mit Positionsmacht an der Schnittstelle von Politik und Verwaltung sowie mit Fachvertretern der Verwaltungswissenschaft geführt werden und wäre demnach ein „Trialog“. Es ist wohl an der Zeit, die Konsequenzen oder Wirkungen zahlreicher begrenzter Veränderungen in der Vergangenheit zum Beispiel im Hinblick auf ihre Passungen zur bestehenden Organisationsform kritisch-pragmatisch zu bedenken, um dann eine Organisationsform für eine noch leistungsfähigere und vor allem zukunftsfähige Verwaltung zu entwickeln und zu erproben. Immerhin ist die Grundform der deutschen Verwaltung rund 160 Jahre alt und verdiente jetzt eine überarbeitung, um das Land zukunftsfähig zu erhalten.

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© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2008

Authors and Affiliations

  1. 1.Vorsitzender der HochschulleitungKatholische Universität Eichstätt-IngolstadtEichstätt

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