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König Fußballs neue Kleider: Die Integrationsvorstellungen deutscher Sportverbände

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Auszug

Die folgenden Ausführungen fassen die wesentlichen Ergebnisse einer empirischen Teilstudie zusammen, welche die vorherrschenden Ansichten und Vorstellungen der maßgeblichen Sportverbände in Deutschland zum Zusammenhang von Integration und Fußball im Speziellen bzw. von Integration und Sport im Allgemeinen zum Gegenstand hatte — im Gegensatz zu den Integrationsvorstellungen und -praktiken der Fußballaktiven, die im Fokus der anderen Teilstudien standen (vgl. Kapitel B.II bis B.V). Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses standen Ethnotheorien, d. h. innerhalb der sozialen Realität auffindbare Wirklichkeitskonstruktionen — im vorliegenden Fall bezüglich der (behaupteten) integrativen Wirkung des Fußballspiel(en)s bzw. des Sporttreibens überhaupt.1 Infolge dieses Forschungsansatzes wurden bestehende sozialwissenschaftliche Festlegungen des Integrationsbegriffes zu Beginn bewusst ausgeklammert, um nicht den Blick auf die in der vortheoretischen Praxis auffindbaren Deutungen von vornherein zu verstellen. So soll auch an dieser einleitenden Stelle auf eine terminologische Debatte verzichtet werden.2 Im Fokus dieses empirisch orientierten Beitrags stehen die im analysierten Feld zutage geförderten Integrationsvorstellungen als Konstruktionen erster Ordnung, wie sie im erhobenen Datenmaterial enthalten sind.

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Literatur

  1. 1.
    Die Studie befasst sich m. a. W. mit expliziten, soll heißen in kommunikativer Absicht ausformulierten Integrationsvorstellungen, weniger mit Formen von tacit knowledge im Sinne Polanyis oder praktischen Wissens im Sinne Bourdieus (vgl. Polanyi 1985; Bourdieu 1999). Allerdings kann in expliziten Vorstellungen durchaus auf implizite Wissensformen Bezug genommen werden (vgl. 2.1).Google Scholar
  2. 2.
    Einen überblick bietet bspw. Friedrichs/ Jagodzinski 1999.Google Scholar
  3. 3.
    Am 20. Mai des Jahres 2006 — nach Abschluss der Datenerhebung — fusionierte der DSB mit dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).Google Scholar
  4. 5.
    Leser mit tiefer gehendem Interesse seien verwiesen auf die instruktive Studie von Schröder 1989 sowie auf die Veröffentlichungen von Eisenberg (1999), Düding (1997), Mevert (2000) oder des DSB selbst (1990).Google Scholar
  5. 7.
    Diese Ziffer bezieht sich auf den Zeitraum der Datenerhebung im Jahre 2003.Google Scholar
  6. 9.
    So im »Leitbild des deutschen Sports« aus dem Jahr 2000.Google Scholar
  7. 10.
    Aus der Konzeption des Programms »Integration durch Sport«, 2001.Google Scholar
  8. 12.
    Zitat aus einer Selbstporträtierung des DSB, 2002.Google Scholar
  9. 13.
    Zit. nach Schröder 1989: 136.Google Scholar
  10. 14.
    Zitate aus einem Statement des damaligen DSB-Präsidenten von Richthofen anlässlich der Vorstellung der Kampagne »Sport tut Deutschland gut« (2002), aus einem Selbstporträt des DSB aus dem gleichen Jahr sowie aus dessen Grundsatzerklärung aus dem Jahr 1981.Google Scholar
  11. 15.
    Zur Theorie der Kapitalsorten sowie deren Transformation vgl. Bourdieu 1990 (spez. Kap. II) sowie 1999 (spez. 1. Buch, Kap. 7).Google Scholar
  12. 17.
    In der soziologischen Theoriesprache erinnert das an Tönnies’ klassische Unterscheidung der »Normaltypen« Gemeinschaft und Gesellschaft (Tönnies 1979).Google Scholar
  13. 21.
    Karl Mannheim spricht in seinen theoretischen wissenssoziologischen Überlegungen vergleichbar von einem »〉Abfallen〈 des ideologiebestimmten Handelns vom vorgestellten Gehalte« (1995: 171), das sich unweigerlich dann einstelle, wenn das subjektive Handlungsmotiv sich nicht in der objektiven Gesellschaftsstruktur verwirklicht findet.Google Scholar
  14. 25.
    Diese — bereits im Werk von Luckmanns Lehrer Alfred Schütz (vgl. Schütz 1971) angelegte — Verschiebung des wissenssoziologischen Interesses weg von einer vornehmlich als Ideengeschichte verstandenen Wissenssoziologie markiert die Ausweitung der Wissenssoziologie zu einer allgemeinen Sozialtheorie: »Allerweltswissen, nicht 〉Ideen〈 gebührt das Hauptinteresse der Wissenssoziologie, denn dieses 〉Wissen〈 eben bildet die Bedeutungs-und Sinnstruktur, ohne die es keine menschliche Gesellschaft gäbe» (Berger/Luckmann 1980: 16).Google Scholar
  15. 26.
    Empfehlenswert v. a. die bereits erwähnte Studie von Schröder (1989).Google Scholar
  16. 28.
    Man prüfe versuchsweise das jeweilige Vorgehen auf den von Berger und Luckmann ausdifferenzierten Legitimationsebenen (1980: 100 ff.) dahingehend, ob es dem Typus des Fremden gegenüber praktikabel erscheint. Zumindest auf den ersten beiden Stufen wird man auf erhebliche Probleme stoßen.Google Scholar
  17. 29.
    Mannheim selbst unterscheidet hinsichtlich des theoretischen Teils der Wissenssoziologie noch einmal zwischen einer Lehre, die bloße Tatsachen feststellt, und einer solchen, die erkenntnistheoretische Fragestellungen behandelt. Er vertritt die Auffassung, man könne jene sehr wohl ohne diese betreiben. An diesem Punkt besteht ein wesentlicher Unterschied zu dem jüngeren wissenssoziologischen Theorieansatz von Berger und Luckmann. Nach deren Ansicht dürfen die beiden theoretischen Teile der Wissenssoziologie nicht bloß getrennt betrieben werden, sondern müssen dies sogar. Genauer: Sie gliedern den von Mannheim intendierten epistemologischen Teil konsequent aus einer als Wirklichkeitswissenschaft verstandenen Soziologie aus: »Wenn man erkenntnistheoretische Erwägungen über den Wert soziologischer Erkenntnisse in die Wissenssoziologie miteinbezieht, so ist das, als wenn man einen Bus schieben will, in dem man fährt» (Berger/ Luckmann 1980: 14). Für den vorliegenden Text kann festgehalten werden, dass die Geltung der dargestellten empirischen Betrachtungen zwar von gewissen theoretischen Grundüberlegungen zur sozialen Konstitution von Wissen abhängt, nicht jedoch von einer bestimmten Haltung zur Problematik der Erkenntnistheorie. Am Rande sei bemerkt, dass das gegen Mannheim gerichtete Argument Bergers und Luckmanns selbst wissenssoziologisch einzuordnen ist, insofern es die arbeitsteilige Ausdifferenzierung der akademischen Wissenschaften reflektiert. Die Metaphorik wäre vor diesem Hintergrund zu verbessern: Die Einbeziehung epistemologischer Betrachtungen in die wissenssoziologische Arbeit kommt weniger dem Schieben des Busses gleich, in welchem man zeitgleich sitzt, denn vielmehr der vorgängigen, eigenhändigen Planierung der Straße, auf der man anschließend zu fahren gedenkt — ein in Entwicklungsländern nicht unübliches Verfahren. Der Streit gälte so gesehen der Frage, ob es sich bei der (Wissens-)Soziologie um ein »Entwicklungsland« handelt, und hierauf können zu verschiedenen Zeiten durchaus verschiedene Antworten gegeben werden.Google Scholar
  18. 31.
    Man könnte Mannheims Vorschlag für die wissenssoziologische Forschungsmethodik auch als Antwort auf ein altes wissenschaftstheoretisches Problem lesen: Einen wissenschaftlichen Satz (hier: die Aussage, dass ein bestimmter Denkstil herrscht) begründet man durch Hinweis auf die Erfahrung (hier: Zurechnung von Faktizität). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat Jakob F. Fries analoge Positionen als Psychologismus bezeichnet und als die gangbare Alternative zu Dogmatismus und unendlichem Begründungsregress markiert (vgl. Fries 1967; ferner Poppers Kommentar zu Fries in: Popper 1994: 60 ff.). Die dieser Sichtweise zugrunde liegende strikte Trennung zwischen theoretischen und Erfahrungssätzen übersieht jedoch die Kontinuität zwischen beiden, die Albrecht Wellmer überzeugend in seiner Kritik des popperschen Forschungsprogramms herausgearbeitet hat (vgl. Wellmer 1967). Demnach sind sowohl theoretische als auch Beobachtungssätze allgemeiner Natur und unterscheiden sich lediglich im Grad ihrer Allgemeinheit, nicht jedoch sind jene allgemein und diese konkret. Vor dem Hintergrund dieser Einsicht stellt sich das Begründungsproblem in veränderter Form, nämlich in derjenigen einer zirkulären Verweisstruktur (vgl. etwa Habermas 1993).Google Scholar
  19. 32.
    Bereits Karl Marx und Friedrich Engels bemerkten in der Deutschen Ideologie: »Während im gewöhnlichen Leben jeder Shopkeeper sehr wohl zwischen dem zu unterschieden weiß, was jemand zu sein vorgibt, und dem, was er wirklich ist, so ist unsre Geschichtschreibung noch nicht zu dieser trivialen Erkenntnis gekommen. Sie glaubt jeder Epoche aufs Wort, was sie von sich selbst sagt und sich einbildet« (Marx/ Engels 1962: 49).Google Scholar
  20. 33.
    »Der König vom goldenen Berg« (Grimm 2004).Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2008

Authors and Affiliations

  1. 1.Fachbereich Geschichte und SoziologieUniversität KonstanzKonstanz

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