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Die Streitbare Demokratie als Réligion civile?

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Auszug

Die Streitbare Demokratie erhebt einen Selbstbehauptungsanspruch, der auf der Ebene der Länderverfassungen vielfach in Erziehungszielen als Aufforderung zur Entwicklung habitueller Demokratiekompetenz formuliert wurde. 124 Habituelle Demokratiekompetenz umschreibt dabei die Erwartung an die Einstellungen und persönlichen Werthaltungen der Bürger sowie an ein diesen Werthaltungen entsprechendes äußeres Verhalten. („Bürger sollen Demokraten sein und Demokratie leben!“) Für die Politische Bildung sind dabei zwei Fragerichtungen zu berücksichtigen, die bereits Rousseau in seinen Vorstellungen von einer Réligion civile umrissen hat. Die erste Fragerichtung erscheint in der folgenden Formulierung: „Die Dogmen der bürgerlichen Religion müssen einfach, gering an Zahl und klar ausgedrückt sein, ohne Erklärungen und ohne Erläuterungen.“ 125 Hierbei geht es erstens darum, den Wertbezug Politischer Bildung, der eingangs als Spannungsverhältnis von Freiheit und Bindung begründet wurde, zu substanziieren. Zu beantworten ist dabei die Frage, welche ethischen Minima des Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft mit dem Spannungsverhältnis von Freiheit und Bindung in Einklang gebracht werden können. Die zweite Richtung erscheint in der Formulierung:

„Es gibt daher ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis, dessen Artikel festzusetzen dem Souverän zukommt, nicht regelrecht als Dogmen einer Religion, sondern als Gesinnung des Miteinander, ohne die es unmöglich ist ein guter Bürger und ein treuer Untertan zu sein. Ohne jemanden dazu verpflichten zu können, sie zu glauben, kann er jeden aus dem Staat verbannen, der sie nicht glaubt; er kann ihn nicht als Gottlosen verbannen, sondern als einen, der sich dem Miteinander widersetzt und unfähig ist, die Gesetze und die Gerechtigkeit ernstlich zu lieben.“.

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Literatur

  1. 124.
    Vgl. Scherb, 2003, S.15ff.Google Scholar
  2. 125.
    Rousseau, (1762) 1968, S.118f.Google Scholar
  3. 126.
    Rousseau, (1762) 1968, S.118f.Google Scholar
  4. 127.
    Vgl. Sternberger in FAZ vom 23.5.1979. Vgl. auch ders. in FAZ vom 16.9.1959, abgedr. in Behrmann/Schiele, 1993, S.1ff.Google Scholar
  5. 128.
    Lepsius, 1989, S.254f.Google Scholar
  6. 129.
    Sternberger, 1990, S.32.Google Scholar
  7. 130.
    Vgl. Sutor, 1984 I, S.116.Google Scholar
  8. 131.
    Vgl. Gebhardt, 1993, S.36 mit Bezug auf Lepsius, 1989, S.245.Google Scholar
  9. 132.
    Vgl. Habermas, 1987, S.169ff.Google Scholar
  10. 133.
    Sternberger, (1947), 1980, S.33.Google Scholar
  11. 134.
    Sternberger, (1982), 1990, S.30f.Google Scholar
  12. 135.
    Sutor, 1993, S.39.Google Scholar
  13. 136.
    Vgl. Sutor, 1995a, S.5.Google Scholar
  14. 137.
    Vgl. Sternberger, (1979), 1993, S.3.Google Scholar
  15. 138.
    So Sarcinelli, 1993b, S.56 mit Bezug auf Sternberger (1979), 1993, S.3.Google Scholar
  16. 139.
    Vgl. Sternberger (1979), 1993, S.3.Google Scholar
  17. 140.
    Sternberger, (1979), 1993, S.3.Google Scholar
  18. 141.
    Sternberger, (1979), 1993, S.4.Google Scholar
  19. 142.
    Sternberger, (1979), 1993, S.3.Google Scholar
  20. 143.
    Vgl. Sternberger, (1979), 1993, S.3.Google Scholar
  21. 144.
    Vgl. Honneth, 1994, S.15.Google Scholar
  22. 145.
    Larmore, 1994 (1990), S.141.Google Scholar
  23. 146.
    Vgl. Larmore, 1994 (1990), S.140f. Larmore wehrt sich in diesem Zusammenhang gegen die amoralische Interpretation der Konzeption eines „Modus vivendi“ durch Rawls. Vgl. Larmore, 1994 (1990), S.141 mit Bezug auf Rawls, 1994 (1992), S.306.Google Scholar
  24. 147.
    Unzutreffend ist daher wohl auch Dubiels Bezeichnung dieses Konzeptes als „radikal-liberal“. Wenn er in diesem Zusammenhang im Konzept des „Modus vivendi“ auf die „Radikalisierung der klassischen liberalen Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit“ hinweist, hebt er auf genau die amoralische Interpretation ab, gegen die sich Larmore verwahrt. Vgl. Dubiel, 1994b, S.108.Google Scholar
  25. 148.
    Rawls, 1994 (1992), S.39.Google Scholar
  26. 149.
    Rawls, 1994 (1992), S.39 und S.65. Dubiel spricht in zutreffender Anerkennung der Differenzen in den individuellen Letztbegründungen eines Beitritts zu diesem Konsens von einem „überlappenden“ Konsens (Dubiel, 1994a, S.491).Google Scholar
  27. 150.
    Rawls (1992) 1994, S.50. Rawls spricht im amerikanischen Original von einem „veil of ignorance“.Google Scholar
  28. 151.
    Vgl. Rawls, 1994 (1992), S.41.Google Scholar
  29. 152.
    Rawls 1994, (1992), S.38.Google Scholar
  30. 153.
    Vgl. Rawls, 1994 (1992), S.43.Google Scholar
  31. 154.
    Vgl. Rawls, 1994 (1992), S.59.Google Scholar
  32. 155.
    Rawls, 1994 (1992), S.39.Google Scholar
  33. 156.
    Vgl. Forst, 1994, S.199.Google Scholar
  34. 157.
    Vgl. Taylor, 1994 (1989), S.118.Google Scholar
  35. 158.
    Vgl. Taylor, 1994 (1989), S. 125. Vgl. auch Forst, 1994, S.200.Google Scholar
  36. 159.
    Vgl. Taylor, 1994 (1989), S. 125.Google Scholar
  37. 160.
    Vgl. MacIntyre, 1994 (1984), S.85f.Google Scholar
  38. 161.
    Vgl. Sandel, 1982, S.172. Vgl. Taylor, 1994 (1989), S.111.Google Scholar
  39. 162.
    Vgl. Bellah u.a., 1992, S.60.Google Scholar
  40. 163.
    Bellah u.a., 1987, S.297.Google Scholar
  41. 164.
    Vgl. Bellah u.a., 1992, S.60. Vgl. Bellah u.a., 1987, S. 333ff.Google Scholar
  42. 166.
    Vgl. die Einschätzung bei Reese-Schäfer, 1994, S.82f.Google Scholar
  43. 167.
    So die Einschätzung von Hirschman, 1994, S.295. Ähnlich Dubiel, 1994b, S.111 und Heitmeyer, 1997, S.453.Google Scholar
  44. 168.
    Vgl. Hirschman, 1994, S.294.Google Scholar
  45. 169.
    Dubiel, 1994b, S.112.Google Scholar
  46. 170.
    Vgl. Dubiel, 1994a, S.495.Google Scholar
  47. 171.
    Heitmeyer, 1997, S.447.Google Scholar
  48. 172.
    Heitmeyer, 1997, S.448.Google Scholar
  49. 173.
    Vgl. Dubiel, 1994a, S.493 u. ders., 1994b, S.112f.Google Scholar
  50. 174.
    Dubiel, 1994a, S.495.Google Scholar
  51. 175.
    Hirschman, 1994, S.299. Dass jedoch bei der Entscheidung der Frage, ob Konflikte eine integrierende oder zerstörende Wirkung haben, die Globalität oder historische Spezifizierung des sozialen Systems eine große Rolle spielt, mag dem historischen Abriss über den „Beitrag von Konflikten zur sozialen Kohäsion“ von Hirschman, 1994, S.296 entnommen werden, der als Vorläufer zu den von Georg Simmel 1908 veröffentlichten soziologischen Analysen des Streits die heraklitsche Auffassung vom Krieg als dem Vater aller Dinge referiert. Vgl. Hirschman, 1994, S.297.Google Scholar
  52. 176.
    Hirschman, 1994, S.302: „(Es) ist heute schwer zu verstehen, dass der Marxismus solange erfolgreich darin war, den gesellschaftlichen Konflikt, eindrucksvoll aufgemotzt als Klassenkampf, als den hauptsächlichsten und unversöhnlichsten Konflikt in modernen Gesellschaften zu präsentieren, wo es doch in Wirklichkeit jener ist, der sich am besten für die Kunst des Kompromisseschmiedens eignet.“ Dieser Uminterpretation der von den Marxisten vermeinten „antagonistischen Widersprüche“ ist in anderen Zusammenhängen jedoch Ideologieanfälligkeit attestiert worden. Die Betonung der Oberfläche des Distributionsverhältnisses in der Gesellschaft galt Agnoli, 1978, S.23ff. als Instrument zur Verschleierung des antagonistischen Gegensatzes von Kapital und Arbeit auf der Produktionssphäre.Google Scholar
  53. 177.
    Hirschman, 1994, S.304. Hirschmans Unterscheidung stellt insofern eine Weiterführung der Gauchet-Dubiel-These dar, als sie zum Verständnis einer historischen Entwicklung beiträgt, in der vermeintlich antagonistische Konfliktlagen (z.B. Kapital versus Arbeit) auf einer distributiven Ebene als „teilbare“ Konflikte weitgehende Möglichkeiten der Regelbarkeit aufgewiesen haben, aus denen sich ein kohäsives Kapital entwickelt hat. Eine genauere Aufklärung darüber, wann welche Konflikte unter welchen Bedingungen als „teilbar“ bzw. „unteilbar“ klassifiziert werden können, ist die politische Soziologie bislang noch schuldig geblieben.Google Scholar
  54. 178.
    Bayertz, 1996, S.27 spricht in diesem Zusammenhang von einem „‚patch-work ‘lokaler Dissense und Konsense“.Google Scholar
  55. 179.
    Vgl. Dubiel, 1994a, S.494. Ebenso Hirschman, 1994, S.302.Google Scholar
  56. 180.
    Wenn Dubiel die Forderung erhebt, dass eine demokratische Gesellschaft auf jede noch so schwache Suggestion von Einheit verzichten solle (vgl. Dubiel, 1994a, S.493) distanziert er sich von den normativen Ansprüchen der Kommunitaristen. In seinen Ausführungen findet sich deshalb ein Widerspruch zwischen der Distanzierung von kommunitaristischen Positionen (vgl. auch Dubiel, 1994b, S. S.111) und dem ausdrücklichen Eingeständnis, sich mit der Theorie von der kohäsiven Kraft gesellschaftlicher Konflikte in der „Nähe einer gemäßigt kommunitaristischen Position“ zu befinden.(Vgl. Dubiel, 1994a, S.495.)Google Scholar
  57. 181.
    Dubiel, 1994b, S.111 wollte sich in diesem Punkt von den Kommunitaristen abgrenzen, weil die bloße Annahme der Vermehrung von Konsens im demokratischen Zeitalter unhaltbar geworden (sei)“. (Ebd.)Google Scholar
  58. 182.
    Heitmeyer (1997) hat unter der Fragestellung „Was hält die Gesellschaft zusammen?“ unterschiedliche Autoren mit je spezifischen Auffassung über den Regulationsmodus in einem Sammelband zu Wort kommen lassen. „Was hält die Gesellschaft zusammen?“ ist dabei der zweite Band eines zweibändigen Werkes, das sich unter dem Titel „Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft“ mit der Neuinterpretation gesellschaftlicher Konflikte auseinander setzt. (Vgl. ebd., S.457f.)Google Scholar
  59. 183.
    BVerfGE, 2, S.381.Google Scholar
  60. 184.
    Vgl. Kaufmann, 1991, S.5 mit dem Hinweis auf BVerfGE, 7, S. 198ff. (S.205). Der Bundesgerichtshof hat noch 1954 ein objektives unveränderbares Sittengesetz angenommen, mit dessen Hilfe das positive Recht unter der Prämisse des von ihm als maßgeblich erachteten „christlich-abendländischen Weltbildes“ zu interpretieren war.Google Scholar
  61. 185.
    BVerfGE, 5, S.139 und 6, S.40.Google Scholar
  62. 186.
    BVerfGE, 39, S.334 und S.347.Google Scholar
  63. 187.
    BVerfGE, 7, S.198ff. (S.205).Google Scholar
  64. 188.
    Lerche, 1961, S.61.Google Scholar
  65. 189.
    BVerfGE 28, S.49: „Die Bundesrepublik Deutschland ist eine Demokratie, die von ihren Bürgern eine Verteidigung der Demokratie erwartet und einen Missbrauch der Grundrechte zum Kampf gegen diese Ordnung nicht hinnimmt. (...) Dieses Prinzip (Hervorh.; A.S.) der Streitbaren Demokratie gilt auch für die innere Ordnung der Bundeswehr. Es ist deshalb eine Grundpflicht der Soldaten, durch ihr gesamtes Verhalten für die Erhaltung der freiheitlichen Ordnung einzutreten.“Google Scholar
  66. 190.
    Vgl. zur deontologischen Qualifizierung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Kontext einer zumindest in der frühen Judikatur des Bundesverfassungsgerichts nachweisbaren Prinzipientheorie der Grundrechte ausführlich Alexy, 1994, S.126ff. und 132f. Vgl. auch Harnischfeger, 1966, S.233f.Google Scholar
  67. 191.
    Vgl. Ridder, 1975, S.138. Vgl. Lameyer, 1978, S.13 und 1981, S.151.Google Scholar
  68. 192.
    Diese Typisierung trifft vor allem Böckenförde, 1981, S.13ff.Google Scholar
  69. 193.
    Vgl. Sutor, 1995b, S.71 mit einem Überblick über derartige Argumentationen.Google Scholar
  70. 194.
    Vgl. Böckenförde, 1974, S.1533.Google Scholar
  71. 195.
    Isensee, 1986, S.192. Zumindest was die etatistischen Implikationen der Forderung einer Erziehung zur Demokratie anlangt, hat schon Oetinger darauf hingewiesen, dass man „Erziehung zur Demokratie“ auch als Propaganda bezeichnen muss, wenn damit die Erziehung zu einer bestimmten politischen Ordnung gemeint ist. Vgl. Oetinger, 1951, S.16f.Google Scholar
  72. 196.
    Vgl. die Übersicht über die entsprechenden Verfassungsartikel bei Scherb, 1987, S.286ff.Google Scholar
  73. 197.
    Vgl. Klein, 1975, S.153f. Vgl. Ders., 1979, S.81. Vgl. Häberle, 1979, S.126. Vgl. Badura, 1982, S.869f. Vgl. Götz, 1983, S.22. Vgl. Bethge, 1985, S.256.Google Scholar
  74. 198.
    BVerfGE, 28, 48.Google Scholar
  75. 199.
    Vgl. Denninger, 1973, S.87.Google Scholar
  76. 200.
    Vgl. Isensee, 1986, S.194. Vgl. Sutor, 1995b, S.75. Vgl. Preuß., 1995, S.44f.Google Scholar
  77. 201.
    Preuß, 1995, S.44.Google Scholar
  78. 202.
    Vgl. Denninger, 1979, S.27 mit Hinweis auf Montesqieus „De l’esprit des lois“, Buch 12, Kapitel 1: „Es kann geschehen, dass wohl die Verfassung frei ist, nicht aber der Bürger.“Google Scholar
  79. 203.
    Preuß, 1995, S.44. Vgl. ders. 1973, S.148. Vgl. Sutor, 1997, S.82.Google Scholar
  80. 204.
    Vgl. Scherb, 1987, S.266.Google Scholar
  81. 205.
    Vgl. z.B. die Formulierung des Bundesbeamtengesetzes: § 7, Absatz 1: „In das Beamtenverhältnis darf nur berufen werden, wer (...) 2. die Gewähr dafür bietet, dass er jederzeit für die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes eintritt.“ Vgl. die Übersicht über entsprechende Formulierungen in den Beamtengesetzen bei Scherb, 1987, S.300ff.Google Scholar
  82. 206.
    BVerfGE, 39, S.334f.Google Scholar
  83. 207.
    Isensee, 1986, S.192.Google Scholar
  84. 209.
    Vgl. Böckenförde, 1976, S.60. Vgl. Isensee, 1981, S.99f.Google Scholar
  85. 210.
    Vgl. Häberle, 1981, S.69f.Google Scholar
  86. 211.
    Häberle, 1981, S.76.Google Scholar
  87. 212.
    Löwisch, 1985. S.61.Google Scholar
  88. 213.
    Löwisch, 1985, S.56.Google Scholar
  89. 214.
    Regenbrecht, 1990, S.62.Google Scholar
  90. 215.
    Vgl. Häberle, 1981, S.73.Google Scholar

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