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Theoretische Bezüge

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Auszug

Die hier präsentierte detaillierte Analyse jener Prozesse und Interaktionen, die das Entscheidungshandeln in Gremien konstituieren, weist theoretische Bezüge unter anderem zur Sprechakttheorie, der Konversationsanalyse, der Phänomenologie und zu verschiedenen mikrosoziologischen Ansätzen auf, insbesondere zur Ethnomethodologie. Darüber hinaus bilden einzelne Aspekte jener Konzeptionen, die in der Sozialtheorie, den Kulturwissenschaften und der Philosophie unter dem Label Practice Theory zusammengefasst werden, zentrale Bezugspunkte.

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Literatur

  1. 26.
    Unter der Bezeichnung Practice Theory wird häufig ausschließlich jene Gruppe von Ansätzen zusammengefasst, die erstmals in dem Band „The Practice Turn in Contemporary Theory“ (Schatzki/ Knorr Cetina/ Savigny 2001) präsentiert wurde (Preda 2000; Stern 2003: 188). Als deutscher Vertreter der ‘Practice Theory’ gilt vor allem Andreas Reckwitz (Reckwitz 1997, 2003). Fasst man den Begriff — im Sinne des Practical Turn in der Philosophie — weiter auf, so ist eine Vielzahl von Konzeptionen zu nennen, die Heideggers Sein und Zeit (2006 [1927]) und Wittgensteins Philosophische Untersuchungen (1999 [1953]) zu ihren theoretischen Wurzeln zählen (Stern 2003: 188). Unter diesen weiteren Begriff lassen sich beispielsweise die Arbeiten von Joseph Rouse (Rouse 2002; 2007a, 2007b) fassen, aber auch auf die Sprachphilosophie Robert B. Brandoms (Brandom 1979, 1994, 2000). Als prominentester Kritiker des Praktikenkonzepts ist Stephen P. Turner in Erscheinung getreten (Turner 1994, 2002, 2007).Google Scholar
  2. 27.
    Reinach verdeutlicht dies am Beispiel des Befehls. Der Befehl „gibt sich, in seiner Wendung an den anderen, kund, er dringt in den anderen ein, es ist ihm die Tendenz wesentlich, von dem anderen vernommen zu werden. Wir werden niemals einen Befehl vollziehen, wenn wir bestimmt wissen, daß das Subjekt, an das wir uns befehlend wenden, unfähig ist, seiner innezuwerden. Der Befehl ist seinem Wesen nach vernehmungsbedürftig. Wohl kommt es vor, daß Befehle erteilt, aber nicht vernommen werden. Dann haben sie ihre Aufgabe verfehlt. Sie sind wie geschleuderte Speere, welche niederfallen, ohne ihr Ziel zu erreichen“ (Reinach 1989: 159 — Hervorhebungen im Original).Google Scholar
  3. 28.
    Reinach betont dabei, dass die Äußerung nicht nur verbal erfolgen könne: „Der Befehl kann in Mienen, in Gesten, in Worten in Erscheinung treten“ (ebd.: 160).Google Scholar
  4. 29.
    Diese Konzeption steht somit in einer Tradition mit Forschungsrichtungen, die annehmen, dass der Körper ein „Medium der Kommunikation“ ist — wobei es sowohl sprachbegleitende als auch sprachfreie „körperliche Kommunikation“ gibt (Knoblauch 2005a: 100) — oder die behaupten, dass man „auch den Körper als Sprachmedium“ (Waldenfels 2007: 467) begreifen bzw. „das Sprechen selbst eine körperliche Handlung“ nennen kann (Butler 1998: 21).Google Scholar
  5. 30.
    Auch der Bereich unbewusster Einflüsse des Nonverbalen auf Wahrnehmungs-und Verstehensprozesse wird gemeinhin vorausgesetzt. In den Worten Merleau-Pontys: „Die leibliche Vermittlung entzieht sich mir in den allermeisten Fällen: Wenn ich Ereignissen beiwohne, die mich interessieren, so bin ich mir kaum der fortwährenden Zäsuren bewußt, die der Lidschlag dem Schauspiel aufprägt, und sie figurieren nicht in meinem Gedächtnis“ (Merleau-Ponty 1976: 218).Google Scholar
  6. 31.
    Zur Beredsamkeit redebegleitender Gesten vgl. Müller 1998a und 1998b.Google Scholar
  7. 34.
    So beschrieb Helmut Schmidt die Situation des politischen Redners wie folgt: „Manche Gedanken fliegen ja eigentlich dem Redner zu, während er spricht, und manches bildet sich in Gedanken, indem er in den Gesichtern, die vor ihm sitzen, die Reaktion der Zuhörer sieht; dies ist ganz wesentlich für das, was man sagt“ (Gaus 2001: 417).Google Scholar
  8. 35.
    Zur Nutzung der Sprechaktanalyse für die Analyse politischer Interaktionen vgl. Nullmeier 2003, 2004; Holzinger 2001a, 2001b, 2004. Eine ansatzweise auch nonverbale Äußerungen mit einbeziehende empirische Sprechhandlungsforschung findet sich in Diegritz/Fürst 1999.Google Scholar
  9. 36.
    Einerseits soll die Sprache nicht prinzipiell über den leiblichen Ausdruck gestellt werden; andererseits wird nicht der u.a. von Bourdieu vertretenen Annahme einer prinzipiellen Relativierung bzw. sinnhaft-sozialen Überformung des Sprachlichen durch das Körpersprachliche gefolgt (Bourdieu 2005).Google Scholar
  10. 38.
    Dass Formen der Verbindlichkeitsherstellung auf einem Dreischritt beruhen, wird auch im Zusammenhang mit der Entwicklung des Vertragsrechts thematisiert. So setzte im 19. Jahrhunderts eine Debatte darüber ein, ob ein Vertrag bereits mit der Annahme des Angebots durch den „Anerbotenen“ (Regelsberger 1868: 23–24) zum Abschluss gelange (im Sinne der so genannten Äußerungstheorie) oder erst dann, wenn der Anbietende von der Annahme Kenntnis erhalte (im Sinne der so genannten Vernehmungstheorie). Nach den bis heute in Kommentaren zum allgemeinen Teil des BGB zitierten Ausführungen des Juristen Ferdinand Regelsberger ist der Vernehmungstheorie zuzustimmen. Danach ist ein Vertrag erst dann vollendet, wenn sich jede der beiden Vertragsparteien wechselseitig der Übereinstimmung der anderen bewusst geworden ist (ebd.: 24).Google Scholar
  11. 40.
    Die von Harvey Sacks begründete und insbesondere von Emanuel A. Schegloff fortgeführte Conversation Analysis (CA) stellt die sequenzielle Analyse von Interaktionen in den Mittelpunkt (Sacks/ Schegloff/ Jefferson 1974; Schegloff 2007; Ten Have 1999; Deppermann 2001). Bisher wurde politisches Entscheidungshandeln noch nicht als gesondertes Analysefeld der Konversationsanalyse betrachtet. Arminen begründet und untersucht Verhandlungen als eine spezielle Form der Interaktion, geht dabei jedoch von Annahmen aus, die zum Teil in deutlichem Kontrast zum hier entfalteten Verständnis stehen (Arminen 2005: 168–197).Google Scholar

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