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Strukturelle Kopplungen und Politikberatung

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Auszug

Das Beispiel der Hartz-Kommission zeigt verschiedene Umweltbezüge auf, die bei der politischen Entscheidung über die Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe eine Rolle spielen. Die Empfehlungen der Kommission betreffen die Arbeitsmarktpolitik, mit anderen Worten politische Programme, die auf die Minderung der Zahl der Arbeitslosen, also eine konkrete Veränderung des Wirtschaftssystems, abzielen. Ausgearbeitet sind die Ratschläge von Experten, die sich auf wissenschaftliches Wissen berufen können, und von Experten, die Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und Unternehmen angehören und auf dieser Basis ein spezialisiertes Wissen über den Arbeitsmarkt für sich in Anspruch nehmen. Als Ergebnis ihrer Zusammenarbeit stellen sie einen stark simplifizierten Kausalzusammenhang heraus, der klare Ansatzpunkte für politische Steuerungsversuche bietet. Das Kausalschema kann sich auch deshalb vorübergehend als Grundlage für ein politisches Programm durchsetzen, weil die Kommissionsarbeit viel Raum in der massenmedialen Berichterstattung erhält. Für die Beratung im laufenden Wahlkampf wird die Hartz-Kommission damit zu einem Thema, dessen Effekte mit Hilfe technisierter Kausalschemata zum Umgang mit Themen und Images bestmöglich zu nutzen sind.

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Literatur

  1. 103.
    In einer Nebenbemerkung bezeichnet Luhmann Leistungsverhältnisse als den Mechanismus, „über den die Dynamik der gesellschaftlichen Integration geleitet wird“ (Luhmann 1997: 759), während die strukturellen Kopplungen zwischen Funktionssystemen der Statik zugeordnet werden.Google Scholar
  2. 104.
    Für eine ausführliche Darstellung verschiedener anderer Bedeutungsverschiebungen, die einzelne Konzepte bei Luhmann im Laufe der Zeit und insbesondere infolge der Umstellung auf eine Theorie autopoietisch geschlossener Systeme erfahren haben, siehe Göbel (2000).Google Scholar
  3. 105.
    Luhmann vertritt gelegentlich die Sichtweise, dass Kommunikation zwischen Personen oder Organisationen gleichzeitig Kommunikationen zwischen Funktionssystemen sei (vgl. etwa Luhmann 2000b: 397f.). Damit wäre das Konzept (eben nur) struktureller Kopplung für innergesellschaftliche System-Umwelt-Beziehungen aber nicht länger plausibel. Der gleiche Punkt wird im Zusammenhang mit der lobbyistischen Politikberatung im nächsten Abschnitt wieder aufgegriffen.Google Scholar
  4. 106.
    Vgl. etwa Kleinsteuber (2006) für eine, ebenfalls auf Erfahrungen beruhende, positivere Bilanz, die jedoch die Einschätzungen hinsichtlich des Kontrasts von Politik und Wissenschaft teilt.Google Scholar
  5. 109.
    Mit dieser Sichtweise, die sich auf veränderte Leistungserwartungen konzentriert, vermeidet man, von einer enger werdenden strukturellen Kopplung zu sprechen, wie es Weingart (2001) vor dem Hintergrund der These von der Wissensgesellschaft tut. Wenn strukturelle Kopplungen zwischen Funktionssystemen nichts an der operativen Geschlossenheit dieser Systeme ändern, sondern lediglich ein wechselseitiges Irritationspotential zur Verfügung stellen, dann sind sie entweder vorhanden oder nicht vorhanden, für Variationen zwischen diesen beiden Möglichkeiten stellt der Begriff im systemtheoretischen Rahmen kein plausibles Konzept zur Verfügung. Veränderungen, die Weingart als parallele „Verwissenschaftlichung der Politik“ und „Politisierung der Wissenschaft“ charakterisiert, bedeuten auch nicht die Aufweichung der operativen Trennung von Funktionssystemen, sondern lassen sich nur auf der Ebene von Organisationen als veränderte Programmierungen begreifen (vgl. Bora 2001).Google Scholar
  6. 110.
    Die starke Stellung der Wirtschaftsverbände in der Verbändelandschaft (vgl. Sebaldt 1996: 661ff.) führt zu diesem Fokus; die Relation zu anderen Funktionssystemen wäre mit Blick auf Verbände aber analog zu bechreiben.Google Scholar
  7. 111.
    Brodocz kann dies auch nur vorschlagen in Verbindung mit der Annahme, dass Verbände keine permanenten strukturellen Kopplungen darstellen, sondern nur dann als strukturelle Kopplungen fungieren, wenn sie von den Funktionssystemen in diesem Sinne, also zur wechselseitigen Ausrichtung von Erwartungen, benutzt werden. Dies widerspricht aber der üblichen Auffassung von struktureller Kopplung als dauerhafte wechselseitige Angewiesenheit der beteiligten Systeme (vgl. Luhmann 1993a: 441).Google Scholar
  8. 112.
    Zunächst müssten Organisationssysteme als Teilsysteme von Funktionssystemen aufgefasst werden, damit eine solche Vertreterrolle überhaupt denkbar ist. Kap. 3 hat Gründe angeführt, die gegen diese Sicht sprechen. Darüber hinaus wäre eine Ausarbeitung des Begriffs der operativen Kopplung erforderlich. Wird sie versucht (vgl. Schneider 2005: 356ff.), zeigt sich, dass ihre lediglich ergänznede Rolle in der Theorie sich nicht halten lässt, sondern der Begriff der oprativen Kopplung gleichberechtigt neben den der strukturellen Kopplung tritt. Die vorliegende Arbeit stellt dagegen den Begriff der Leistungserwartung neben den der strukturellen Kopplung. Beide Varianten haben Folgen für die Theorie, die hier nicht gegeneinander abgewogen werden können. Stattdessen wird mit Blick auf den Gegenstand der Politikberatung für die zweite Variante optiert.Google Scholar
  9. 113.
    Kämper und Schmidt wollen zwar ausdrücklich einen Unterschied zwischen ihrem Gegenstand und klassischen Grenzstellen festhalten. Daher beschreiben sie Netzwerke als strukturelle Kopplung zwischen Organisationssystemen. Dieser Begriff ist nach ihrer Ansicht deshalb angebracht, weil es sich nicht um ein Phänomen handelt, das zwischen zwei Systemen zu verorten wäre, sondern sich in den beteiligten Organisationssystemen vollzieht (vgl. Kämper/ Schmidt 2000: 228). Im Kontext der vorliegenden Arbeit ist diese unübliche Begriffsverwendung nicht weiter von Belang und die obige Darstellung zeigt, dass eine Beschreibung von Policy-Netzwerken ohne sie auskommt. Auch der behauptete prinzipielle Unterschied zu klassischen Grenzstellen leuchtet nicht ein. Er soll darin liegen, dass mittels Netzwerken Umweltinformationen nicht einfach gesichtet, sondern erst generiert, in der Interaktion erzeugt werden. Doch scheint dieser Differenz eher eine vereinfachte Vorstellung von ‘klassischen’ Grenzstellen zugrunde zu liegen. So schreibt Luhmann bei der Einführung des Begriffs der Grenzstelle in die organisationssoziologische Debatte zwar, dass die Grenzstellen „stärker als andere Posten Informationen aus der Umwelt ausgesetzt sind und (...) die Verhaltenserwartungen, welche die Umwelt an das System adressiert, sozusagen im Rohzustand und unverfälscht [empfangen]“ (Luhmann 1964: 221). Diese Sicht muss vor dem Hintergrund der autopoietischen Geschlossenheit von Organisationssystemen aber dahingehend modifiziert werden, dass Information nie einfach zur Sichtung in der Umwelt vorhanden, sondern stets das Resultat systeminterner Konstruktionsprozesse ist.Google Scholar
  10. 114.
    Der Begriff des Kontaktsystems ist von Luhmann (1983: 75ff.) entlehnt, der ihn benutzt, um speziell das Verhältnis von Verwaltungen und Interessenverbänden zu beschreiben. Während Luhmann damit im Grunde ebenfalls Verhandlungssysteme meint, wird er hier verwendet, um den Begriff des Verhandlungssystems zu vermeiden, denn Politikberatung ist eben nicht mit Verhandeln gleichzusetzen.Google Scholar
  11. 115.
    Ob die Bertelsmann-Stiftung als akademischer oder als adovkatischer Think Tank einzuordnen ist, kann hier offen bleiben. Aus systemtheoretischer Sicht wäre vor allem die Produktion von Publikationen zu prüfen, die im Wissenschaftssystem anschlussfähig sind, d.h. zitiert werden (vgl. Stichweh 1987).Google Scholar
  12. 116.
    Wahlweise wird die Bedeutung der öffentlichen Meinung für das politische System in der Reduktion von Komplexität über die Bereitstellung einer Themenstruktur (Luhmann 1971), in der Ermöglichung von Selbstbeobachtung (Luhmann 1990b, Gerhards 1994, Görke 2003), in der Bereitstellung von Schemata und damit sozialem Gedächtnis (Luhmann 1997, Luhmann 2000a) oder in der Vermittlung zwischen Zentrum und Peripherie des politischen Systems (Beetz 2003) gesehen.Google Scholar
  13. 117.
    Bezeichnenderweise fällt denn auch der Begriff der öffentlichen Meinung nicht, wenn Luhmann sich ausnahmsweise der strukturellen Kopplung von Politik und Massenmedien von der Seite der Massenmedien her nähert (vgl. Luhmann 1996:117ff.).Google Scholar
  14. 118.
    Luhmann benutzt gelegentlich den Begriff der Öffentlichkeit, um die generalisierte andere Seite aller innergesellschaftlichen Sozialsysteme zu bezeichnen (vgl. Luhmann 2000a: 285, Luhmann 1996: 184f.). Die andere Seite der zugrundeliegenden Unterscheidung ist dabei ein konkretes anderes System, das in der Umwelt identifiziert wird: „Wenn intern spezifische Irritationserfahrungen wiederholt anfallen, kann das System andere Systeme in der Umwelt voraussetzen, die dafür verantwortlich sind. Wenn das System dagegen reflektiert, daß es von außen beobachtet wird, ohne daß Schon feststünde, wie und durch wen, begreift es sich selbst als beobachtbar im Medium der Öffentlichkeit.“ (Luhmann 1996: 185). Für das politische System ist diese Öffentlichkeit das politische Publikum.Google Scholar
  15. 119.
    Luhmann (2000a: 283) schiebt die Relevanz von Meinungsumfragen beiseite mit dem Argument, dass selbst Wahlergebnisse nur als Interpretation zur öffentlichen Meinung werden, also indem die Massenmedien über sie berichten. Dabei übersieht er aber, dass Meinungsforschung von politischen Parteien und Kandidaten selbst in Auftrag gegeben wird. Darüber hinaus sind auch die Äußerungen einfacher Parteimitglieder als Indiz für die öffentliche Meinung nicht völlig irrelevant — der Beitrag der Parteien zur politischen Willensbildung (vgl. Kap. 4; Grundgesetz Art. 21) läuft aber angesichts schwindender Mitgliederzahlen dominant über die Massenmedien.Google Scholar
  16. 120.
    Ob dies erwünscht ist, hängt von den Ergebnissen der Umfrage und der aktuellen politischen Lage ab, da (trotz mangelnder empirischer Belege) Effekte der Demoskopie auf Wahlbeteiligung und Wahlverhalten vermutet werden (vgl. Gallus 2004).Google Scholar
  17. 122.
    Als vollständiges Realisieren von Rationalität im Sinne Luhmanns könnte man diese Art der Selbstbeobachtung nur betrachten, wenn man gleichzeitig davon ausginge, dass das Funktionssystem der Massenmedien es dem politischen System erlaubt, auch zu beobachten, wie weitere Funktionssysteme die Politik beobachten, und auf diese Weise die System/Umwelt-Differenz nicht nur als Differenz von Politik und Massenmedien zu reflektieren, sondern als Differenz von Politik und Rest der Gesellschaft (so Marcinkowski 2002). Aber die Konzentration auf Themen und Images zeigt, dass genau dies nicht der Fall ist.Google Scholar

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