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Wissen und Unsicherheitsabsorption im politischen System

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Auszug

Das Kapitel geht vom kleinsten gemeinsamen Nenner aus, der sich hinsichtlich der Funktion von Politikberatung — gleich welcher Spielart — in der Literatur abzeichnet: Politische Entscheidungen werden unter Unsicherheit getroffen und sind auf Informationen angewiesen, die helfen diese Unsicherheit zu reduzieren; Politikberatung bietet solche Informationen. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Information bzw. Wissen einerseits und Entscheidungen andererseits komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Mehr Informationen bedeuten nicht unbedingt mehr Sicherheit, wie insbesondere die Organisationsforschung zeigt, die organisationale Entscheidungsprozesse daraufhin untersucht hat, in welchem Maße sie Informationen sammeln und benutzen, um Entscheidungen zu treffen. Da es auch im politischen System um Entscheidungen und Entscheidungsprozesse geht, sind diese Arbeiten für das Verständnis von Politikberatung relevant. Andererseits kümmert sich die Organisationsforschung kaum um die Frage, was Informationen eigentlich sind. Ihr analytischer Fokus bei der Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Information und Entscheidung liegt eindeutig auf der Seite des Entscheidens. Von der anderen Seite her kann man sich dem Zusammenhang nähern, wenn man genauer danach fragt, welche Bedeutung Information — oder dann besser: Wissen — in der Politik überhaupt hat. Hierfür sind politikwissenschaftliche Bemühungen um eine stärkere Wissenszentrierung theoretischer Ansätze, vor allem aber systemtheoretische Überlegungen zu den Strukturen sozialer Systeme relevant.

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Literatur

  1. 2.
    Luhmann (1990a: 136ff.) bestimmt Wissen als Struktur von Erwartungen, die im Enttäuschungsfall korrigiert werden, d.h. als Kondensat kognitiver Erwartungen im Unterschied zu normativen Erwartungen, die auch bei Enttäuschung weiter aufrechterhalten werden. Der Schemabegriff scheint dagegen für beide Arten von Erwartungen offen zu sein. Natürlich ist es wichtig, zwischen kognitiven Erwartungen, die im Enttäuschungsfall verändert werden, und normativen Erwartungen, die im Enttäuschungsfall beibehalten werden, zu unterscheiden. Den Begriff des Wissens nur für die kognitiven Erwartungen zu reservieren ist aber im Kontext dieser Arbeit insofern problematisch, als kognitives und normatives Erwarten in vielen Fällen ineinander übergehen, wie Luhmann (1984: 437f.) selbst bemerkt. Will man die Anschlussfähigkeit an Ergebnisse der wissenszentrierten politikwissenschaftlichen Ansätze erhalten, die auch Normen, Prinzipien u.ä. als Wissen begreifen, sollte man dieser theoretischen Zuspitzung nicht folgen, die bei Luhmann vor allem dazu dient, über die Spezialisierung auf kognitive bzw. normative Erwartungen die Ausdifferenzierung der Funktionssysteme Wissenschaft und Recht zu begründenGoogle Scholar
  2. 3.
    Die soziologische Systemtheorie überträgt damit Erkenntnisse der psychologischen Attributionsforschung auf die Ebene von Kommunikation (vgl. Arbib/ Hesse 1986 zu Bemühungen, mentale und soziale Schemata mit Hilfe einer allgemeinen Schematheorie zu erfassen).Google Scholar
  3. 6.
    Dies ist kein Widerspruch zu der Art und Weise, wie politische Entscheidungen weiter oben im Anschluss an Feldman und March (1988) charakterisiert wurden. Eben weil ihnen klare Kriterien fehlen, ihre Effekte erst spät und dann nur unter Schwierigkeiten feststellbar sind und von anderen Entscheidungen überlagert oder gar konterkariert werden, sind die Möglichkeiten, Probleme auf falsche Entscheidungen zuzurechnen, in der Politik fast grenzenlos — man kann der Zurechnung zwar widersprechen, aber sie kaum widerlegen.Google Scholar
  4. 7.
    In der Ausgangsüberlegung, dass jede Entscheidung prinzipiell unsicher ist, liegt ein zentraler Unterschied des hier verfolgten Ansatzes zu Evers/ Nowotny (1989), die die Rolle von Politikberatung (bzw. spezieller die Verwendung sozialwissenschaftlichen Wissens) ebenfalls im Kontext von Unsicherheit deuten, dabei aber institutionalistisch denken und daher Phasen gesellschaftlicher Unsicherheit von Phasen unterscheiden, in denen gefundene institutionelle Lösungen Sicherheit bieten.Google Scholar
  5. 8.
    Die Grenzen sozialer Systeme sind nicht materieller oder räumlicher Art, sondern werden durch jede Operation des jeweiligen Systems miterzeugt und reproduziert. Das System unterscheidet sich im Vollzug seiner Operationen selbst von seiner Umwelt, indem es in jeder Operation die Differenz von Fremdreferenz und Selbstreferenz herstellt (vgl. Luhmann 1997: 77). Jede Fremdreferenz eines sozialen Systems ist daher auf die mitvollzogene Selbstreferenz angewiesen. Mit anderen Worten, jede Umweltbeobachtung ist eine interne Systemoperation, die auf dem Gebrauch systemeigener Unterscheidungen beruht (vgl. Luhmann 1997: 92). Das System kann nicht in die Umwelt ausgreifen, sondern nur an die eigenen Operationen anknüpfen, um auf diese Weise Umweltbeobachtungen intern zu konstruieren.Google Scholar
  6. 10.
    Die Zurechnung von schlechten Wahlergebnissen auf ungünstige Umweltumstände kommt als Erklärungsversuch in der politischen Kommunikation durchaus vor. So diente nach den Bundestagswahlen 2002 der Verweis auf das Elbe-Hochwasser und die Irak-Krise der CDU als Erklärung für den Wahlsieg der SPD. Auch diese Deutung führt jedoch auf den selbstreferentiellen Aspekt von Politik zurück, denn politische Relevanz konnten diese beiden Themen erst durch den geschickten Umgang mit ihnen im SPD-Wahlkampf gewinnen (vgl. Quandt 2005).Google Scholar
  7. 11.
    Diese Aussage bezieht sich auf die Operationsweise des politischen Systems. Damit wird nicht die Nützlichkeit einer Unterscheidung wie der zwischen ‘Office-Seekers’ und ‘Policy-Seekers’ bestritten, die auf Personen und Parteien zielt (vgl. Wiesendahl 1998: 153ff.).Google Scholar
  8. 13.
    Auch die Autopoiesis von Organisationen — die besondere Form sozialer Systeme, die sich über Entscheidungen als Letztelement reproduziert — beruht darauf, dass an Kommunikationen so angeschlossen wird, dass sie von Folgekommunikationen als Entscheidungen aufgefasst werden, und diese Folgekommunikationen von weiteren Kommunikation wiederum als Entscheidungen beobachtet werden. Ebenso wie eine Kommunikation erst dadurch zur Kommunikation wird, dass eine weitere Kommunikation an sie anschließt, werden Entscheidungen erst durch die Art des Anschlusses zu Entscheidungen. Sicherlich benutzen bestimmte Kommunikationen Unterscheidungen, die besonders leicht erkennbar machen, dass damit anderes explizit ausgeschlossen wird, also Alternativen im Spiel waren, die ausgeschlossen wurden (vgl. Luhmann 2000b: 64). Damit wird es für diese Kommunikationen wahrscheinlicher, dass sie im Weiteren als Entscheidung behandelt werden; prinzipiell ist das aber bei jeder Kommunikation möglich.Google Scholar
  9. 15.
    Tacke (2001: 148ff.) macht darauf aufmerksam, dass eine solche Zuordnung eine beobachterabhängige Simplifikation darstellt, weil Organisationssysteme als eigener Typ sozialer Systeme sich anders von ihrer Umwelt abgrenzen als Funktionssysteme. Der operative Vollzug der Autopoiesis eines Organisationssystems kann daher nicht als Teil der Autopoiesis eines Funktionssystems begriffen werden. Trotzdem kann dieses Organisationssystem seine eigenen Entscheidungen unter dem Gesichtspunkt beobachten, dass sie auf ein bestimmtes Funktionssystem — etwa Politik — bezogen sind. Solche Beobachtungen sind natürlich für die Strukturen des Organisationssystems nicht folgenlos. Siehe auch Kap. 3.3.Google Scholar
  10. 17.
    Natürlich wirkt eine Ideologie, die auf der Ebene des Funktionssystems eine Rolle spielt, in die Organisationen hinein, die sich diesem Funktionssystem zuordnen und beeinflusst die dort präferierten Werte. Zum Zusammenhang von Werten, Ideologien und Motivation von Handeln siehe auch Luhmann (1987a: 168ff.)Google Scholar
  11. 18.
    Vgl. etwa die ökonomische Idee des Keynesianismus, die in Deutschland ab Mitte der sechziger Jahre als Reaktion auf ein stark verlangsamtes Wirtschaftswachstum in der Wirtschaftspolitik prägend wurde (unter maßgeblicher Mitwirkung wirtschaftspolitischer Beratung), Anfang der siebziger Jahre angesichts steigender Inflation und der ersten Ölkrise aber schnell wieder an Boden verlor (vgl. Allen 1989).Google Scholar

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