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Auszug

Die Ausgangsfrage nach der Säkularisierung des Geschichtsdenkens in der frühen bayerischen Landeshistoriographie des 15. Jahrhunderts ist im Grunde recht eindeutig zu beantworten. Das Verhältnis von traditioneller Heilsgeschichte und neuer territorialgeschichtlicher Thematik ist keinesfalls von tiefen Brüchen und großen Sprüngen gekennzeichnet, sondern mehr von einem langwährenden problemlosen Nebeneinander in Form einer Symbiose. Die Landesgeschichte nahm ihren Anfang gänzlich unter dem Oberdach der Heilsgeschichte, sie hat sich erst in einem kontinuierlichen Verselbständigungsprozeß allmählich aus dieser herausentwickelt. Das religiös bestimmte Geschichtsdenken des Mittelalters behauptete seine Gültigkeit lange auch für dieses neue historiographische Genus, das voll in die überkommenen Denkmuster eingepasst wurde. Der niederbayerische Ritter Hans Ebran von Wildenberg beschloss in diesem Sinne den Prolog seiner Chronik mit dem bezeichnenden Aufruf an die Adressaten, der dieses Nebeneinander sehr deutlich macht: „o, ir fürsten, geistlich und weltlich, wendet die grossen sünd, das nit der zorn gottes auf die cristenheit fall. ir müst warlich darumb antwort geben vor dem letzten gericht, so himel und erden vor dem ernstlichen richter ertzittern“. Seine Grundintention war, den Verantwortlichen den Weg aufzuzeigen, „dadurch sie erkennen den weg des fridens“122. Auch die Landesgeschichte diente weithin noch immer zur Verdeutlichung und Exemplifizierung der Aussagen der Bibel; ihr liegt die Überzeugung zugrunde, dass alles Geschehen gottgewollt sei und allein er geschichtlichen Fortschritt ermögliche.

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