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Die Aktualisierung sozialpädagogischer Deutungsstrukturen

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Auszug

Der hier verfolgte Zugang zur Sozialpädagogik erfolgt suchend. Er geht diskursiven Positionen und variablen Strukturierungen von Wissen nach. So konnte im bisherigen Argumentationsverlauf auf zentrale, überdauernde Foki sozialpädagogischen Wissens aufmerksam gemacht werden. Die in Übereinstimmung mit Winkler (1988) identifizierten Objektivierungen sozialer (Krisen-)Orte und in sie eingelagerter Subjektivitätsformen repräsentieren historisch langfristige Markierungen sozialpädagogischen Wissens. Allerdings müssen sie stets neu hervorgebracht werden, ansonsten wären sie nicht überlebensfähig; Sozialpädagogik würde möglicherweise „vergessen“. Es ist also besonderes Augenmerk darauf zu richten, wie sozialpädagogisches Wissen permanent verändert und neu kontextualisiert wird.

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Literatur

  1. 77.
    Die Notwendigkeit, auf stets aktualisiertes zeitdiagnostisches Wissen zu rekurrieren, ist ein nicht unwesentlicher Grund, weshalb die Sozialpädagogik größere Mühe mit einem Klassikerdiskurs besitzt; es wird angemahnt, Rekurse auf Klassiker unternähmen den Versuch, Theorie-und Legitimationsdefizite zu substituieren (vgl. Graf 2000). Mag kann diese These als Hinweis auf eine Distanzierung der Sozialpädagogik von ihrer eigenen Geschichte lesen: Indem in der Sozialpädagogik in Abhebung von geschichtlichen Hintergründen auf die Aktualität des prozessierten Wissens Wert gelegt wird, nimmt sie sich zwar die Chance, grundlegende Wissens-und Diskursstrukturen rekonstruierbar zu halten. Aber sie stattet sich im Gegenzug mit dem Anspruch aus, neues, problemadäquates Wissen vorzuhalten.Google Scholar
  2. 78.
    Dies ist auch mit den Problemenkonstitutionen assoziiert, mit denen die Sozialpädagogik arbeitet. Etwa Arbeitslosigkeit, Suchtverhalten, Kriminalität und anderes weisen einen ungeklärten und letztlich nur als sehr komplex zu bezeichnenden ätiologischen Status auf. Zudem ist zu bedenken, dass moderne Gesellschaften derart vielschichtig aufgebaut sind, dass Interventionen im Sinne unilinearer Kausalmodelle unrealistisch erscheinen müssen. Es ist der Einsicht zu folgen, dass komplexe Systeme sich gegenüber eindeutigen Problemerklärungen ebenso sperren wie gegenüber fest gefügten Interventionsschemata, denn „Ursachen und Wirkungen (sind; B.D.) nicht eng miteinander verknüpft, sondern räumlich und zeitlich, sachlich und sozial variabel und verwickelt verbunden“ (Willke 1999, 72). Es steht zu befürchten, dass einfache Ursache-Wirkungs-Annahmen — etwa nach dem Schema: Anomie erfordert sozialpädagogisches Handeln — in die Gefahr tendieren, den angemahnten Missständen kaum gerecht werden zu können.Google Scholar
  3. 79.
    Es handelt sich allerdings nicht nur um einen neueren Trend, sondern auch um ein Grundproblem der Sozialen Arbeit. Ein wenig ermutigendes Bild bezüglich einer Defizitorientierung, die von gesellschaftstheoretischen Ätiologien absieht und damit die Möglichkeit beschränkt, individuelle Verantwortungszuschreibungen zu relativieren, zeichnen Stellungnahmen der Jugendgerichtshilfe und die in ihnen enthaltenen Konstruktionen von Delinquenz (vgl. Nienhaus 1999). Nienhaus registriert zusammenfassend eine „verkürzende Fokussierung auf innerfamiliale soziale und erzieherische Dispositionen der Delinquenzanfälligkeit (...) im thematisch hergestellten Zusammenhang mit persönlichkeitsbezogenen Zuschreibungen“ (ebd., 306). Im Überblick bestätigen diesen Befund Müller und Trenczek (2001).Google Scholar
  4. 80.
    Zwar werden von Sozialpädagogen auch „Fälle“ bearbeitet, bei denen von einer unmittelbaren sozialen Verursachung nicht ausgegangen werden kann, z.B. im Falle von Sozialer Arbeit in Krankenhäusern, wenn vorrangig medizinische „Fälle“ durch entsprechende Maßnahmen begleitet oder in Teilbereichen eigenständig bearbeitet werden (vgl. Kardorff 2002). Es wird dann allerdings in der Regel zumindest ein weiter Gesundheitsbegriff verfolgt, der neben biologischen und psychologischen auch soziale Dimensionen umfasst (vgl. grundlegend Engel 1977; zu einem bekannten, weit gefassten Gesundheitskonzept Antonovsky 1997). Soziale Verursachungen referenzieren deshalb trotz dieser tendenziellen Unschärfe einen entscheidenden Aspekt; genauer wäre allerdings statt von sozialer Verursachung von sozialer Kontextualisierung zu sprechen.Google Scholar
  5. 81.
    Zur Erklärung schreibt Bourdieu: „Analytisch gesprochen wäre ein Feld als ein Netz oder eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen zu definieren“ (Bourdieu/ Wacquant 1996, 127). Einen jüngeren Versuch der Fruchtbarmachung der Vorgaben Bourdieus, u.a. der Theorie sozialer Felder, für die Erziehungswissenschaft unternehmen die Beiträge in Friebertshäuser u.a. (2006).Google Scholar
  6. 82.
    Gemäß der Kapitaltheorie Bourdieus (1983) handelt es sich um institutionalisiertes kulturelles Kapital. Zertifikate entlasten den Besitzer von dem permanenten Nachweis des Kapitalbesitzes und leisten rechtliche Garantien für dessen Wert. Durch das Zertifikat werden Anerkennungsverhältnisse gestiftet, die von der Person des Zertifizierten abstrahieren, tendenziell auch von dem tatsächlichen Besitz des Kapitals (ebd., 190). Diese aus nahe liegenden Gründen umstrittene These der relativen Unabhängigkeit von Zertifikat und „wirklicher“ Kompetenz wird etwa von Collins (1979) betont. Zu einer Vermittlungsposition, der gemäß Fertigkeiten und symbolische Aussagekraft von Zertifikaten nicht unabhängig voneinander sind, vgl. Solga (2005).Google Scholar
  7. 83.
    Ein einschlägiges Beispiel dafür, dass hiervon nicht nur die Sozialpädagogik betroffen ist, sondern Professionen insgesamt, verweist auf die Medizin und den tendenziellen Verlust ihres traditionell hohen Professionsprestiges. Es werden u.a. Forderungen nach einer „best practice“ bzw. der „Evidenzbasierung“ verantwortlich gemacht (vgl. Hanses 2007, 310f), die es Professionellen erschweren, Sachverhalte gemäß ihrer eigenen Deutungsstruktur zu definieren und zu behandeln. Zu bedenken ist allerdings, dass die genannten Trends teilweise Paradoxien generieren und kaum konsequent zu verfolgen sind, da Evidenzen in der Regel strittig und Qualitäten unterschiedlich definierbar sind (vgl. z.B. Klingemann/Bergmark 2006). In diese Lücke können Ökonomisierungen vorstoßen als Versuch, als „best“ zu definieren, was kostengünstig ist.Google Scholar
  8. 84.
    Ein weiteres soll genügen, die Drogenhilfe. In ihr herrschte über längere Zeit die Forderung nach Abstinenz von illegalen Substanzen vor (vgl. Schmid 2003). Die seit den 1980er Jahre vollzogene Etablierung akzeptanzorientierter Interventionsstrategien änderte dies (vgl. Stöver 1999). Gegen individualpathologische Interpretationen von Drogenkonsum und Forderungen nach Abstinenz als alternativloses Interventionsziel wurden breitere Zielorientierungen ermöglicht. Sie schließen u.a. kontrollierten Konsum ein. Es wurde gefordert, Hilfen unmittelbarer an den Drogenverwendern und ihren tatsächlichen Problemen zu orientieren, so dass die Legitimitätskriterien unterstützenden Handelns deutliche Modifikationen erfuhren (zu den jeweiligen Deutungen vgl. Jungblut 2004). Den Adressaten wurden breitere Verhaltensoptionen eingeräumt als zuvor. Allerdings sollte Drogenkonsum nicht lediglich geduldet werden (vgl. Kappeler 1997). Dies hätte die feldspezifischen Interessen von Sozialpädagogen erodieren lassen, so dass es sich nicht um eine Ent-Problematisierung von Drogenkonsum handelte, sondern um eine Änderung auf ihn bezogener Deutungsstrukturen, da Drogengebrauch weniger als krankhaftes, intolerables Verhalten interpretiert wurde, sondern als bewusste Entscheidung in den Blick kam, deren Revision durch begleitende, schadenreduzierende Maßnahmen erfolgen sollte („harm reduction“). Die veränderten Sichtweisen fanden letztlich eine gewisse drogenpolitische Anerkennung, wie in der von Vorbedingungen abhängigen Erlaubnis deutlich wird, Drogenkonsumräume zur Betreuung „Schwerstabhängiger“ gemäß § 10a BtMG zu führen. Die einzelnen betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften illustrieren allerdings ebenso, dass mit der Akzeptanzorientierung keine allgemeine Liberalisierung des Umgangs mit Drogenkonsum verbunden ist. Dessen Kriminalisierung besteht ungebrochen fort. Zudem kam es im Bereich der Drogenhilfe zu Re-Normierungen (vgl. Dollinger/Schmidt-Semisch 2007): Diesbezügliche Ausrichtungen an Effizienzpostulaten, Maßnahmen der Kostenreduktion und Qualitätssicherung weisen Ähnlichkeiten mit den jüngsten sozialpolitischen Reformtrends auf.Google Scholar
  9. 85.
    Charakteristischerweise artikulieren Sozialpädagogen und Sozialarbeiter nur relativ geringe Ambitionen bezüglich beruflicher Karrierechancen oder der Übernahme von Leitungspositionen, während es ihnen deutlich wichtiger ist, Menschen im direkten Kontakt zu helfen (vgl. Karges/ Lehner 2003, 337f).Google Scholar
  10. 86.
    Die aktivierungspolitischen Maßnahmen werden am Beispiel der USA von Theodore und Peck (2001, 81) als „,quick fix’ approaches“ bezeichnet. Es handelt sich um kurzfristige Programme, die sich vorrangig an diejenigen richten, von denen eine schnelle und erfolgreiche Integration erwartet wird (ebd., 86). Fallmanagement richtet sich hingegen — durchaus auch verbunden mit der Forderung, Integrationsschwierigkeiten möglichst schnell zu überwinden — an die Übrigen, die als besonders problembehaftet betrachtet werden. Diese Personen erhalten überdurchschnittlich häufig negative Sanktionen zugesprochen, da ihre Problemlagen z.T. weniger als besonderer Hilfebedarf denn als Kooperationsunwilligkeit interpretiert werden (vgl. Reis 2006, 197).Google Scholar
  11. 87.
    Wie Schütze ausführt, erfolgt dies häufig durch selektive Informationsgewinnung auf der Basis von Aktenführung. Zudem hat die Profession „von der Gesellschaft die Lizenz erhalten“ (Schütze 1996, 184), bei der Fallbearbeitung nach ihren Rationalitäten zu verfahren, so dass organisationale Bedingungen in die professionelle Falldeutung eingehen können, während alternative Sichtweisen ausgeblendet bleiben. Wie und ob dies gelingt, ist jeweils empirisch zu rekonstruieren. Die häufiger anzutreffende These einer prinzipiellen Konflikthaftigkeit professioneller Orientierungen und organisationaler — insbesondere bürokratischer — Strukturen wurde zugunsten komplexerer Modelle revidiert (vgl. Klatetzki/Tacke 2005b). Erfolg versprechend für eine Aufklärung der potentiellen Konfliktbeziehung scheinen die in jüngerer Zeit verstärkt in Anwendung gebrachten professionstheoretisch interessierten Organisationsethnographien (vgl. z.B. Cloos 2006; 2008; Lindner 2000; White/Featherstone 2005).Google Scholar
  12. 88.
    In dieser Hinsicht beschreibt Nagel (1991, 83), es würden von Sozialarbeitern „nicht nur die schweren Fälle“ als professionell relevant betrachtet, „sondern Menschen wie Du und ich, die ihr Leben oder einzelne seiner Phasen nicht ohne fremde Hilfe meistern können.“Google Scholar
  13. 89.
    Es ist zu betonen, dass es sich nicht um eine einigen sozialen Problemen per se zukommende Eigenschaft handelt, sondern um ein Produkt ihrer gesellschaftlichen Konstitution. Teilbarkeiten können sich demnach ändern. Zu einem Versuch, die entsprechenden Vorgaben Nedelmanns für „politische Konstruktionen der Wirklichkeit“ fruchtbar zu machen, vgl. Ratzka (2008).Google Scholar
  14. 90.
    Weiterführend in diesem Zusammenhang ist der professionstheoretische Ansatz einer institutionalisierten „Kompetenzdarstellungskompetenz“ (Pfadenhauer 2003). Eine Anschlussfähigkeit an den hier zugrunde gelegten Wissensbegriff ergibt sich aus dessen Fokus auf die Legitimationsabhängigkeit von Wissen. Es bedarf der Darstellung und diskursiven Absicherung, um Evidenzen generieren zu können.Google Scholar
  15. 91.
    Für den Bereich der Kriminalität findet sich das Gemeinte anschaulich in Durkheims Hinweis auf eine Gesellschaft von Heiligen ausgedrückt. Er schreibt mit Blick auf diese fiktive Gesellschaft: „Verbrechen im eigentlichen Sinne des Wortes werden hier freilich unbekannt sein; dagegen werden dem Durchschnittsmenschen verzeihlich erscheinende Vergehen dasselbe Ärgernis erregen wie sonst gewöhnliche Verbrechen in einem gewöhnlichen Gewissen“ (Durkheim 1895/1984, 158).Google Scholar
  16. 92.
    Andere Probleme der Typologie, wie die unglückliche Bezeichnung der vier Typen oder das kulturelle Bias, primär individuelle Verantwortungen zu betrachten, sind zu ergänzen (vgl. genauer Dollinger 2008).Google Scholar
  17. 93.
    Vgl. hierzu das Prinzip der Subsidiarität, das insbesondere in der katholischen Soziallehre verankert ist und Momente individueller Entwicklung auf der Grundlage solidarischer Beziehungsformen betont (vgl. Stegmann/ Langhorst 2000, 610f).Google Scholar

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