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Deutungsstrukturen sozialpädagogischen Wissens

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Auszug

Zur Analyse sozialpädagogischen Wissens wurde bisher ein bewusster Umweg beschritten. Er zeigte auf, dass anomietheoretische Interpretationen einen Kernbereich dieses Wissens darstellen, der Besonderheiten und Probleme mit sich bringt. Theoretisierungen sozialer und sozial bedingter individueller Krisen setzen eine Ebene der Plausibilität voraus, die in objektivistischen Theorieansätzen nicht aufgearbeitet werden kann. Sie kann allerdings wissenssoziologisch rekonstruiert werden. Diese Rekonstruktion hat die Aufgabe, Verweisungszusammenhänge, d.h. Relationierungen, zu bestimmen. Sie werden im Folgenden als Deutungsstrukturen ausgearbeitet, um die analytische Basis für eine Erschließung inhaltlicher Spezifika sozialpädagogischen Wissens in den Blick nehmen zu können.

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Literatur

  1. 31.
    Der Begriff „Diskurs“ ist ohne Zweifel mittlerweile „ein Allerwelts-und Modewort“ (Landwehr 2004, 66). Das hier verfolgte Verständnis wird im Folgenden thematisiert. Zu einem Überblick zur neueren Diskursforschung vgl. Landwehr (2004); Keller (2004); Keller u.a. (2001; 2003).Google Scholar
  2. 32.
    Natürlich aber nicht völlig. Entscheidend ist diesbezüglich die diskurstheoretische Kanalisierung von Subjektivität und subjektiver Erfahrung (vgl. Sarasin 2007, 210f). Die nachfolgende Spezifizierung betont dieses Erfahrungsmoment und konkretisiert in der Referenz auf den Deutungsmusteransatz die Relationierung einzelner Erfahrungsermöglichungen.Google Scholar
  3. 33.
    Aus problemsoziologischer Sicht verweisen Holstein und Miller in dem Ansatz der „social problems work“ auf diesen Aspekt. Diskursive Problematisierungen generieren ihnen zufolge „candidate ‚reality structures‘“ (Holstein/ Miller 2003, 74), die in konkrete problembezogene Erfahrungen und Praxisformen einmünden.Google Scholar
  4. 34.
    Dem Ansatz wird in dem Maße nicht gefolgt, in dem Keller (2008) beansprucht, eine diskursanalytische Herangehensweise in eine Hermeneutische Wissenssoziologie zu integrieren. Dies ist umzudrehen, da Verstehensleistungen auf diskursiv geöffnete Optionen von Verstehensperspektiven verweisen.Google Scholar
  5. 35.
    In dem Wissen um diesen Bruch ist auf der eigenständigen Legitimität von Theoriearbeit zu insistieren, denn „über Theorie kann nur dann sinnvoll gesprochen und gestritten werden, wenn ihr eine eigene Legitimität von vornherein zugestanden wird“ (Winkler 2003a, 9).Google Scholar
  6. 36.
    Kessl kritisiert in dieser Hinsicht etwa den Ansatz von Berger und Luckmann (1980), da sie in der Erörterung von Prozessen der Internalisierung von Welt und ihrer externalisierenden Hervorbringung „Akteure und Aktionsräume als Ausgangs-und Endpunkt dieser Prozesse in ihrer Statik“ (Kessl 2005, 103) belassen. Prozessuale Analysen führen demgegenüber die Voraussetzungen von Welterfahrungen als Explanandum in die Analyse ein.Google Scholar
  7. 38.
    Vor diesem Hintergrund kann Oevermann (1973/2001, 22) davon ausgehen, die Rekonstruktion der Inhalte von Deutungsmustern und ihre Integration in eine Struktur könne mit gesellschaftlichen Struktur-und tatsächlichen Handlungsproblemen konfrontiert werden. So könnte möglicherweise bewertet werden, ob die Muster als Antworten auf reale Problemlagen geeignet sind oder nicht. Im hier verfolgten Konzept einer Deutungsstruktur ist dies nicht denkbar; die Unterstellung einer deutungsfrei zugänglichen Ebene des gesellschaftlichen Lebens und faktischer Handlungsprobleme scheint gewagt.Google Scholar
  8. 39.
    Es ist deshalb ambivalent festzustellen, für eine empirische Deutungsmusteranalyse eigneten „sich gesellschaftliche Umbruch-und Krisensituationen als günstige Forschungsgelegenheiten“ (Meuser 2006, 32). Dies ist nur dann zutreffend, wenn Krisenbehauptungen ihrerseits als Deutungen ernst genommen und an ihnen die Relevanz und Konflikthaftigkeit von Deutungsmustern rekonstruiert wird. Krisen aber vorauszusetzen und zu fragen, wie sie — und eventuell, ob sie angemessen-gedeutet werden, wäre unzureichend.Google Scholar
  9. 40.
    Selbst wenn akademische Ausführungen zu Problemlagen im Einzelnen überaus differenziert sind und sich von allgemeineren kulturellen Diskursen deutlich unterscheiden, schließen problembezogene akademische Theorien teilweise an basalen Argumentationspunkten an, die auch im Alltag verbreitet sind und „verstanden“ werden können (vgl. am Beispiel von Suchtmittelabhängigkeit Furnham/ Lowick 1984; Furnham/Thomson 1996). Dies spricht für eine differentielle kulturelle Plausibilität einzelner Theoretisierungen und mit ihnen verbundener Interventionsformen.Google Scholar
  10. 43.
    Die Anerkennung eines Problems, die ihm dauerhafte Existenzmöglichkeiten verschafft, verweist vor allem auf den Staat als zentralen Akteur der langfristigen Durchsetzung einzelner, oft massenmedial vermittelter Probleminterpretationen (vgl. Schetsche 1996, 125ff). Er übt teilweise auch direkten Einfluss auf die Förderung bzw. Finanzierung problembezogener wissenschaftlicher Studien aus und leitet damit wissenschaftliche Konstruktionen von Problembestätigungen an (vgl. O’Neill 2005, 18). Darüber hinaus prägt er durch sozialpolitische und-rechtliche Vorgaben sozialpädagogisches Handeln und entsprechende Wissensformen-was freilich nicht bedeutet, es würde direkt sozialpädagogisches Wissen generiert; dieses folgt einer Eigenlogik, die nachfolgend beschrieben wird.Google Scholar
  11. 44.
    Oevermanns Deutungsmusteransatz wird aus den genannten Gründen, im Rahmen seiner strukturalistischen Ausrichtung, hierunter subsumiert. Es sei damit nicht in Abrede gestellt, dass Oevermann in seinem Werk auch andere Schwerpunkte setzt. Etwa bezüglich der Erklärung kultureller Dynamik „begibt sich Oevermann“, so Reckwitz (2000, 258), „konsequent auf die Ebene einer Analyse der Mikrosituationen, in denen der Akteur in seinem lebenspraktischen Handlungsprozess vor die Notwendigkeit gestellt wird, seine bisher verwendeten Deutungsmuster zu transformieren, und lehnt sich dabei eng an das pragmatische Vokabular von George Herbert Mead an“. Ein Wandel der Sinnorientierung eines Akteurs verweise auf dessen Interpretationen, so dass es nicht genüge, „die ‚Krise‘, in die die bisher routinisiert verlaufende Regelproduktion gerät, aus der Perspektive des sozialwissenschaftlichen Beobachters als ‚objektiv ‘vorhanden anzunehmen, sie muss vielmehr vom Akteur selbst als eine solche perzipiert werden“ (ebd., 259). Zu bedenken ist dabei, dass der Interpret die Erfahrung einer Krise, indem er sie als solche wahrnimmt, in Abhängigkeit von verfügbaren Deutungen realisiert. Die folgenden Ausführungen gehen dieser Spur und den betreffenden Hinweisen auf die Re-und Neu-Kombination einzelner Deutungsmuster nach und stellen diesbezüglich die „Vereinseitigung“ (Keller 2008, 241) in Rechnung, die der Oevermannsche Deutungsmusterbegriff durch seinen Bezug auf objektive Problemlagen erfährt. So wird auch von Autoren, die Oevermanns Gesamtwerk attestieren, eine Vermittlung der Rekonstruktion subjektiver Lebenspraxis und objektiver Strukturgesetzlichkeit realisiert zu haben, ein „strukturaler“ (Wagner 2003, 6) Zugang in den Mittelpunkt gestellt.Google Scholar
  12. 45.
    Zu einem Vergleich des Oevermannschen Ansatzes und wissenssoziologischen Annäherungen an das Konzept sozialer Deutungsmuster vgl. Kassner (2003) und Lüders/Meuser (1997).Google Scholar
  13. 46.
    Die damit angesprochenen Verbindungen von Problematisierungen werden in der Problemsoziologie erörtert, indem auf die Assoziierung bereits etablierter Problemsichten mit einer intendierten neuen Problemkonstruktion aufmerksam gemacht wird. So kann etwa der Konsum einer bestimmten „Droge“ als Problem zu markieren gesucht werden, indem er mit einer diskreditierten Personengruppe assoziiert wird. Die Stigmatisierung, die diese Gruppe erfährt, wird auf die von ihr verwendete Substanz übertragen; Reinarman und Levine illustrieren dies am Beispiel des US-amerikanischen Diskurses über den Konsum von Crack (im Überblick vgl. Reinarman/ Levine 1997; grundlegend Selling 1989).Google Scholar
  14. 48.
    Der Fokus auf Personen gilt für fall-wie auch für feldorientierte Herangehensweisen. Sozialraumorientierte Maßnahmen legitimieren sich zwar durch einen Bezug auf soziale Kontexte statt auf einzelne Personen. Dennoch heben sie nicht zuletzt den Einfluss hervor, den sie auf Individuen ausüben, und so geht es „letztlich immer um die Organisation einer aktiven Unterstützung und geplanten Beeinflussung von Subjektivierungsweisen“ (Kessl/ Maurer 2005, 122; s. Kap. 4).Google Scholar

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