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Moderner Anstaltsstaat und Massendemokratie

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Auszug

Neben der Wissenschaft galt Max Webers großes Interesse der Politik. Dies lässt sich schon aus seinem wissenschaftlichen Werk im engeren Sinn ablesen, in dem Fragestellungen aus dem Bereich der politischen Soziologie einen prominenten Platz einnehmen. Darüber hinaus mischte sich Weber aber auch immer wieder leidenschaftlich in die aktuellen politischen Debatten seiner Zeit ein. Mommsen (1989) rekonstruiert Webers diverse Bemühungen, in der Parteipolitik Fuß zu fassen, von 1894, wo sich das erste Mal die Möglichkeit einer Reichstagskandidatur abzeichnete, bis zum Jahr 1919, als Weber sich tief enttäuscht aus der Politik zurückzog. Während dieser 25 Jahre partizipierte Weber in unterschiedlichen Rollen und Funktionen am politischen Leben des Kaiserreiches: Er fungierte u.a. eine Zeitlang als Berater der Freisinnigen Volkspartei, er arbeitete in Friedrich Naumanns „Arbeitsausschuß für Mitteleuropa“ mit, der sich während des Ersten Weltkrieges darum bemühte, ein Alternativprogramm zu den maßlosen Kriegszielen der extremen Rechten zu entwickeln, er wurde zum Vorstandsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei gewählt und er nahm auf Einladung des damaligen Außenministers Graf Brockdorff-Rantzau an den Friedensverhandlungen in Versailles teil. Dass seine (partei-)politischen Aktivitäten nicht immer den gewünschten Erfolg erzielten, lag sicherlich zum einen an den Positionen, die er — häufig in drastische Formulierungen gekleidet — konsequent vertrat, und die ihn immer wieder in Konflikt mit weiten Kreisen der politischen Öffentlichkeit brachten. Diese inhaltlich bestimmte „Sperrigkeit“ wurde noch dadurch verstärkt, dass Weber selbst, wie Mommsen richtig beobachtet, die verantwortungsethische Haltung, die er eigentlich für einen Politiker als unerlässlich erachtete (dazu später mehr), selber nicht konsequent durchhalten konnte: Immer wieder brach bei ihm der gesinnungsethische Impetus des „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ durch.

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Literatur

  1. 58.
    Dafür sei z.B. auf Wolfgang Mommsen verwiesen, dessen immer noch einschlägiges Werk „Max Weber und die deutsche Politik 1890–1920“ mittlerweile in einer durchgesehenen dritten Auflage (2004) vorliegt.Google Scholar
  2. 60.
    Staaten haben nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie setzen sich im internationalen Konkurrenzkampf durch oder sie werden von anderen dominiert. Dies gilt zumindest für (quantitativ) große politische Gemeinschaften, die „eine potentielle Bedrohung für alle Nachbargebilde bedeuten“ und daher „zugleich selbst ständig latent bedroht“ sind (WuG: 520).Google Scholar
  3. 63.
    „Weber viewed the world historical predicament of the early 20th century as a turning point no less momentous than the Battle of Marathon. The outcome of the Battle between the Russian Knout, Anglo-Saxon materialism, constitutionalism and popular sovereignty and a still emerging German alternative would help to decide the future of the West.“ (Kilker 1989: 435).Google Scholar
  4. 68.
    Bei der Konturierung der diametral entgegengesetzten „beruflichen Habitus“ von Beamten und Politikern handelt es sich selbstverständlich auch wieder um eine idealtypische Konstruktion, die die für Weber entscheidenden Facetten betont: „Wenn ein leitender Mann dem Geist seiner Leistung nach ein ‚Beamter ‘ist, sei es auch ein noch so tüchtiger: ein Mann also, der nach Reglement und Befehl pflichtgemäß und ehrenhaft seine Arbeit abzuleisten gewohnt ist, dann ist er weder an der Spitze eines Privatwirtschaftsbetriebs noch an der Spitze eines Staates zu brauchen.“ (GPS: 334).Google Scholar
  5. 71.
    Erinnert sei hier nur an Zygmunt Baumans Argumentation in Dialektik der Ordnung (1992), wo er zeigt, wie unverzichtbar die leistungsfähige, moderne deutsche Bürokratie für die Organisation und Durchführung des Holocaust war.Google Scholar

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