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Mehrperspektivität — ein Metakonzept für Modellpluralität, konnektivierende Theorienbildung und sozialinterventives Handeln in der Integrativen Supervision (1994a)

Auszug

Das Konzept der „Mehrperspektivität“ (multiperspectivité) wurde im Integrativen Ansatz an Überlegungen von Merleau-Ponty, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Paul Ricœur u.a., anschließend im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Phänomenologie, ernüchterten Tiefenhermeneutik und kritischen Strukturtheorie bzw. Metahermeneutik entwickelt und elaboriert, wobei schon früh systemtheoretische (Luhmann 1968) und komplexitätstheoretische (Waldrop 1992; Weaver 1948; Gleich 1988) Einflüsse hinzukamen (Petzold 1970c), denn die „Integrative Therapie“ (idem 1965, 1974k, 1988n, 1992a) — und in ihrer Folge die „Integrative Supervision“ (idem 1973, 1991o; Schreyögg 1991) — waren in ihrem Bemühen um einen differenzierenden und integrierenden Umgang mit der Lebenswirklichkeit von Menschen in ihrem Kontext stets auf die Frage nach einem theoriegeleiteten Ansatz der Modell-, Konzept- und Interventionspluralität gerichtet. Im Rahmen dieser Bemühungen wurde „Mehrperspektivität“ allmählich zu einem Metakonzept ausgearbeitet, das eine übergreifende Praxis (Metapraxis, Petzold 1992a, 29, 82, 919; 1994c) fundiert. Die sich daraus ergebenden theoretischen und methodischen Konzeptualisierungen, etwa einer integrativen Theorienbildung, konnektivierender, multitheoretischer Diskurse1, inter- und transdisziplinärer Ko-respondenzprozesse und einer Praxis, die auf „atmosphärisches Erfassen“ und „szenisches Verstehen“ von Menschen und Gruppen in Kontext und Kontinuum — unter systemischer Perspektive also — gerichtet ist (idem 1965, 1974j, 1987c, 1990o, 1991a, 1992a, 1994c), bestimmen unser Therapiewie unser Supervisionsverständnis grundsätzlich.

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Anmerkungen

  1. 1.
    In diesem Beitrag — wie insgesamt in diesem Buch — wird der Begriff „Diskurs“ im Sinne von Habermas (1971, 1980, 1985) kursiv, „Diskurs“ im Sinne von Foucault (1974) fett und „Diskurs“ in einem allgemeinen und sozialwissenschaftlichen Sinne als „fachliche Diskussion“ normal gesetzt.Google Scholar
  2. 3.
    „Ko-respondenz ist ein synergetischer Prozess direkter und ganzheitlicher Begegnung und Auseinandersetzung zwischen Subjekten auf der Leib-, Gefühls-und Vernunftsebene über ein Thema unter Einbeziehung des jeweiligen Kontextes/Kontinuums.“ „Ziel von Ko-respondenz ist die Konstituierung von Konsens, der in Konzepten Niederschlag finden kann, die von Konsensgemeinschaften getragen werden und für diese zur Grundlage für Kooperation werden.“ „Voraussetzung für Ko-respondenz ist die in der prinzipiellen Koexistenz alles Lebendigen gründende, wechselseitige Anerkennung subjektiver Integrität, die durch Konsens bezeugt wird, und sei es nur der Konsens darüber, miteinander auf der Subjektebene in den Prozess der Ko-respondenz einzutreten oder konsensuell Dissens festzustellen und als solchen zu respektieren“ (Petzold 1978c, 1991e).Google Scholar
  3. 4.
    So ist es wahrscheinlich nicht unerheblich zur Beurteilung meines theoretischen Ansatzes der Supervision, wie er z.B. in dem Aufsatz „Supervision zwischen Exzentrizität und Engagement“ (Petzold 1989i) sichtbar wird, zu wissen, dass Kropotkin die „Hauslektüre“ meiner Eltern war und ich mit seinen Gedanken schon in Kindertagen — im Jugendlichenalter dann durch direkte Lektüre — vertraut gemacht worden bin. Dieser Denker, frühe Nietzsche-Lektüre und Lektüre der „Philokalie“ (Die Liebe des Guten/Schönen, vgl. Petzold/Zenkowskij 1969), sind Quellen des Integrativen Ansatzes (Petzold/Sieper 1988a), wobei die Bedeutung dieses Diskurses für meine theoretische und praxeologische Arbeit im Sinne einer strukturellen, „unsichtbaren Einflussnahme“ mir erst spät bewusst wurde, genauso wie der der russischen Enzyklopädisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts (Zenkowskij 1953; Petzold 1971a II, 1972a II), einem Ideal, dem sich mein Vater verpflichtet fühlte.Google Scholar
  4. 5.
    Ein Text meines Vaters, den er während seiner Inhaftierung durch die Nationalsozialisten im Dritten Reich trotz Folter und Todesdrohung geschrieben hat, ist hier für mich maßgeblich geworden. Ich zitiere seine letzten Zeilen: „Alles ist vielfach, Vielfältigkeit Die Ereignisse sind überstürzend Die Menschen so verschiedenartig Die Wirklichkeit voller Perspektiven Das Leben ist Vielfalt ohne Maßen Es will stets mit frischen Augen betrachtet Und immer wieder aufs neue begriffen werden Das alles, selbst hier, selbst heute“. Hugo Petzold 1938 (Wehrmachtsgefängnis Germersheim) in: Petzold (1988n, 19f).Google Scholar

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