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Die Diskursanalyse der dokumentarischen Methode

  • Aglaja Przyborski

Zusammenfassung

In diesem Kapitel rekonstruiere ich die Schritte der Analyse von Texten mit der dokumentarischen Methode. Grundlage der Texte sind in der vorliegenden Arbeit in erster Linie Gespräche (Gruppendiskussionen, Interviews, Konversationen), die durch eine gründliche Transkription in Texte überführt wurden. Die Rekonstruktion der Analyseschritte gilt aber im Wesentlichen auch für andere Textgrundlagen, d.h. Diskurse. Einen Kern dieses Kapitels bildet die umfassende Rekonstruktion und Definition der Begriffe, die bei der dokumentarischen Interpretation von Gruppendiskussionen, Gesprächen und anderen Diskursen zur Anwendung kommen.29 Diese theoretisch-definitorische Rekonstruktion der Analysebegriffe ist bereits ein erstes Ergebnis der empirischen Arbeit, in der die Begriffe entwickelt bzw weiterentwickelt wurden. Das Kapitel bildet die Einleitung zum empirischen Teil, dem Hauptteil meiner Arbeit. Die praktische Anwendung der Begriffe wird innerhalb dieses Kapitels anhand eines Interpretationsbeispiels vorgeführt und im empirischen Teil — im Zuge der systematischen Darstellung der unterschiedlichen diskursiven Praxen — vertieft.

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Literatur

  1. 29.
    Diese Terminologie eignet sich auch für die Auswertung anderer Texte wie: Interviews (vgl. Kap. 3.1.1.3), Dokumente (vgl. Nentwig-Gesemann 1999), Tischgespräche (vgl. Bohnsack 2003a und Städtler 1986) und Gespräche von Kindern (Nentwig-Gesemann 2003 und Granzner 2003 ).Google Scholar
  2. 30.
    zu dieser Argumentation vgl. auch Mannheim 1980, S. 217ff.Google Scholar
  3. 31.
    Diese Möglichkeiten sind Antworten von Studierenden auf die Frage, was denn der Begriff „Studium“ bedeutet, entnommen.Google Scholar
  4. 32.
    zu diesem Beispiel vgl. auch Kap. 1.2Google Scholar
  5. 33.
    Oftmals erschließt sich das jeweilige Ende (und damit auch der Anfang) einer (nächsten) Passage erst mit der Transkription selbst, da es einer intensiveren Beschäftigung mit dem Text bedarf, z.B. der Erfassung von Pausen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass selbst die Rekonstruktion dieser scheinbar technischen Schritte der Auswertung nur in idealtypischer Weise erfolgen kann und insofern auch keine dogmatischen Regeln darstellt, sondern lediglich eine näherungsweise Rekonstruktion der Forschungspraxis (vgl. Kap. 2.3. 1. 1 ).Google Scholar
  6. 34.
    Eingangs-oder Anfangspassagen (der Anfang als formales Kriterium) werden in Studien mit einem Interesse an z.B. biographisch relevanten Orientierungen einbezogen. Sie enthalten die erste Reaktion der Informant/inn/en auf Interventionen der Forscher/innen und die in diese Interventionen eingelassenen Interpretamente. Diese Reaktion erlaubt eine erste Rekonstruktion der feld-bzw auch fallspezifischen Relevanz jener anfänglichen Interpretationen, die das Forschungshandeln strukturieren, z.B. wie das Erhebungssetting und der Eingangsstimulus verstanden werden. Gerade die Relation zwischen dem Diskurs der Untersuchten jenseits der Interventionen der Forscher/innen und der Untersuchten mit den Forscherinnen/Forschern erlaubt spannende Rückschlüsse auf die Fallstruktur. Zu Beginn ist letzterer als jener interessant, der die Gesprächssituation in Gang bringt. Wenn die Diskussionsteilnehmer/innen keine Realgruppe bilden, d.h. im Alltag keinen oder kaum Austausch miteinander haben, dann erfolgt in dieser Phase ein erstes Abtasten hinsichtlich geteilter Erfahrung — dieser Prozess findet sich im Verlauf der Diskussion immer wieder. In Realgruppen finden sich in dieser Anfangsphase schon Diskursstrukturen, die sich im Verlauf der Diskussion wiederholt zeigen. Für das Erkenntnisinteresse Diskursorganisation stellen die Eingangspassagen also keinen eigenen Fokus dar.Google Scholar
  7. 35.
    Das methodologisch Elegante an dieser Vorgehensweise ist, dass diese formalen Merkmale gut beschreibbar und von daher einer intersubjektiven Überprüfbarkeit gut zugänglich sind.Google Scholar
  8. 37.
    Der Weg der dokumentarische Methode weist hier große Parallelen mit jenem von Sacks ( 1995, S. 538ff) auf, wenn es ihm um semantische Interpretationen geht. Auch zur Idee der „Abduktion“ im Sinne von Peirce (1967) lassen sich Gemeinsamkeiten finden. (vgl. auch Bohnsack 2001a, Reichertz 2000). Ausgehend von einem überraschenden „Resultat” wird nach der Regel, die diesesGoogle Scholar
  9. zu plausibilisieren vermag, gesucht. Schließt man von einer bekannten Regel auf den Fall, wie sich die Objektive Hermeneutik darstellt, entspricht dies eher der Induktion.Google Scholar
  10. 38.
    Die Zitate aus den Transkripten sind an dieser Stelle — um das Beispiel hier kurz zu halten — geringfügig bearbeitet. Im empirischen Teil — in dem dann auch die Original-Transkriptgrundlage zu diesem Beispiel nachzulesen ist — finden sich derartige Bearbeitungen nicht. (vgl. Transkriptionssystem)Google Scholar
  11. 39.
    Auf eine Proposition folgt nicht notwendigerweise eine Validierung (s.u.). Folgt eine Diskursbewegung einer anderen semantischen Form (z.B. eine Antithese), ist der Dreischritt unterschiedlich.Google Scholar
  12. 40.
    Ein „Ja“ allein kann meist nicht als Validierung einer Orientierung gelten. Es wird dann eher vonGoogle Scholar
  13. 41.
    In seiner Arbeit zu Orientierungen von Jugendlichen einer Kleinstadt und umliegender Dörfer hat Bohnsack (1989) die Grundlage für die unterschiedlichen Modi der Diskursorganisation herausgearbeitet (vgl. bspw. S. 393).Google Scholar
  14. 42.
    Ein Beispiel: 1. Ich glaube, der Tisch wackelt. 2. Der Tisch wird bestimmt wackeln. 3. Wird der Tisch wackeln? Der illokutive Akt von 1. ist eine Vermutung, von 2. ein Versprechen, von 3. eine Frage oder Befürchtung. Der propositionale Akt lautet: Tisch wackelt. Es geht also lediglich um den Gehalt von Referenz und Prädikation.Google Scholar
  15. 43.
    Die Termini dienen „zur Bezeichnung von sprachlichen Ausdrücken und“ — was hier zwar nicht so wichtig ist, im Sinne der Vollständigkeit aber dennoch erwähnt wird — „entsprechenden nicht¬sprachlichen Signalen (z.B. hm), mit denen der Hörer dem Sprecher seine Aufmerksamkeit und Zuhörbereitschaft anzeigt” (Bußmann 2002, S. 112).Google Scholar
  16. 44.
    Das heißt, auf der Grundlage der Handlungspraxis der Diskutant/inn/en ist ein bestimmter Zusammenhang da, aus der Perspektive der Interpretin bzw. des Interpreten nicht. (Man kann das z.B. an einer Ordnung im Kinderzimmer festmachen: Schmutzige Sandförmchen, bandagierte Stofftiere, nackte Puppen, Plastiktiere und Playmobilfiguren befinden sich im Kinderzelt. Ein ziemliches Chaos — aus der Perspektive eines Erwachsenen. Aus der Perspektive der Kinder, die sich wehren, dass auch nur ein Sandförmchen aus dem Zelt entfernt wird, Ordnung. Die Bösen sind gekommen und alle [Lebewesen] müssen im Zelt beschützt werden. — Die Sandförmchen haben alle Tierform, stellt die überrumpelte Mutter fest.)Google Scholar
  17. 45.
    Haltung“ lässt sich gut als reflektierte, als bewusste Habituskomponente fassen.Google Scholar
  18. 46.
    Es scheint sich zu zeigen, dass derartige „Falschrahmungen“ ein interaktives Machtmittel sind und in autoritär strukturierten Diskursen häufig auftreten. Dadurch, dass die Inkongruenzen verdeckt bleiben, werden die,Unterlegenen` auf Linie gebracht. (vgl. Kap. 3.2.2.1 und 3.2.2.2)Google Scholar
  19. 47.
    Der Terminus „«echte» Konklusion“ wird nicht benutzt und auch in weiterer Folge wird in diesem Zusammenhang nur von Konklusion gesprochen.Google Scholar
  20. 48.
    Sacks (1995, S. 561) und im Anschluss an ihn Bergmann ( 1981, S. 133ff.) haben herausgearbeitet, dass Fragen, die eine Reihung enthalten bzw. eine Frageparaphrase, die Möglichkeit eröffnen, mehr als eine Antwort zu geben. Durch eine erneute Formulierung der ersten Frage stellt ein Sprecher dar, dass eher auf eine analytische Betrachtung, eine Erklärung aus der Außenperspektive bezieht als auf Erfahrungen (,Na multikulturell heißt, es sind viele Nationalitäten hier vertreten).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Aglaja Przyborski

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