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Problemstellung, Gegenstand und epistemologische Reflexion

  • Aglaja Przyborski

Zusammenfassung

Das vorangestellte Zitat markiert keine Resignation für die textbasierte, empirische Sozialforschung, sondern u.a. eine Ermutigung, sich der Dynamik des Lebens zu stellen. Als eine Lösung schlägt diese Arbeit die Erforschung von Prozessstrukturen der Kommunikation vor. Gerade wenn man die „dynamische Konstitution“(Slunecko 2002) des sozialen Lebens einbezieht, finden sich klare, gut generalisierbare Strukturen — wenn diese auch nicht für alle Zeit zutreffen mögen.

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Literatur

  1. 1.
    Beide Projekte wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und hatten den Titel „Entwicldungs-und milieutypische Kriminalisierungs-und Ausgrenzungserfahrungen in Gruppen Jugendlicher“. Sie wurden von Ralf Bohnsack geleitet (zu den Ergebnissen vgl. u.a. Bohnsack et al. 1995, Schiffer 1996, Wild 1996, Nohl 1996 und 2001a, Bohnsack/Loos/Przyborski 2001).Google Scholar
  2. 2.
    Der Zusammenhang, aus welchem das jeweilige Material stammt, ist jeweils an der entsprechenden Stelle vermerkt.Google Scholar
  3. 3.
    Denn für die rekonstruktiven Methoden ist es geradezu kennzeichnend, dass die „Explikation der Standards erst nach erfolgreich etablierter Forschungspraxis“ (Bohnsack, erscheint) erfolgt, in welcher sie entwickelt werden.Google Scholar
  4. 4.
    Wesentlichen Einfluss übten hier Hymes z.B. 1974, Gumperz z.B. 1982a und b, Labov z.B. 1980 und Sacks z.B. 1995, aber auch Goffman z.B. 1972 und 1981 aus.Google Scholar
  5. 6.
    zu den folgenden Ausführungen vgl. Mannheim 1980, S. 85–93Google Scholar
  6. 7.
    Wissenschaftstheoretisch interessant ist, dass derartige genetische oder dokumentarische Inter¬pretationen wissenschaftlicher Erkenntnisse immer dazu angetan waren, ihre Mangelhaftigkeit zu entlarven, ihre Kontamination zu zeigen, selten jedoch um auf ihre erkenntnisgenerierende Kraft aufmerksam zu machen (vgl. zu dieser Kritik Knorr-Cetina 1988).Google Scholar
  7. 8.
    Dieser Ansatz, den wir nun gleich auf die Sprache als „verstehbares Gebilde“ anwenden wollen, eröffnet auch fruchtbare Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Erfassung anderer „verstehbarer Gebilde” wie Bilder und Filme (vgl. Bohnsack 2001d und 2003a, Schäffer 2001) oder gegenständlicher Dinge (vgl. Städtler 1998, Schäffer 2003).Google Scholar
  8. 9.
    Die „Kontagion“ als die elementarste Form des Erkennens sowohl von gegenständlichen Dingen als auch von anderen Menschen bei Mannheim erscheint hier zentral und müsste, um präzise zu bleiben, eigentlich an dieser Stelle ausgearbeitet werden. Hier liegt m.E. die Basis für die Primordialität der Kollektivität, wie sie uns gleich mit dem konjunktiven Erfahrungsraum begegnet. Dennoch scheint sie an dieser Stelle zunächst zu weit von unserem Gegenstand der Sprache wegzuführen. (vgl. Polany 1966, S. 205ff.) Mit Kontagion ist eine „Aufnahme des Gegenübers in das Bewusstsein” angesprochen, (a.a.O., S. 206), gegenständliches ebenso wie menschliches Gegenüber. (vgl. auch Schäffer 2003, S. 770 „Unsere Erkenntnis“ eines anderen Menschen spielt sich mithin „nicht im leeren Raume des Geschehens überhaupt” ab, „sondern (…) unsere erste der Kontagion folgende Erfahrung“ ist „stets fundiert (…) durch jene spezifische existentielle Beziehung zum Gegenüber, die sofort aufleuchtet und sich neu konstituiert, sobald wir uns auf ihn (…) einstellen, sei es daß wir ihm wieder begegnen, sei es daß wir seiner und seinem Fernsein in Form von Sehnsucht und Erinnerung gedenken” (Mannheim 1980, S. 210). Im Ausblick formuliere ich die Möglichkeit, die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit aus der Perspektive der Kontagion in Zusammenhang mit Erkenntnissen der Säuglingsforschung zu stellen. (vgl. Kap. 5.2.6)Google Scholar
  9. 10.
    Robinson Crusoe in Daniel Defoes gleichnamigem Roman verwirklicht auf der einsamen Insel allein den Habitus der englischen Aristokratie seiner Zeit. Die Handlungsvollzüge muten in der Einsamkeit der Insel eigentümlich an. Diese Eigentümlichkeit verschwindet, wenn man ein Gegenüber mitdenkt, bzw in dem Moment, in dem es in Form von Freitag auftaucht — immerhin soll er ja was lernen.Google Scholar
  10. 11.
    zur Diskussion des Habitusbegriffes bei Mannheim und Bourdieu vgl. Meuser 2001Google Scholar
  11. 12.
    Mannheim spielt sehr genau die Möglichkeiten der konjunktiven Abstraktion sprachlicher Bedeutung durch, immer bleiben sie an das Perspektivische der in der Bedeutung gespeicherten Erfahrung gebunden. Man findet bei ihm wenig, wie es zu der Idee des „Allgemeinbegriffs“ kommt, der „trachtet alles auszumerzen, das an diese Perspektive gemahnt” (Mannheim 1980, S. 226). Erhellend sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Slunecko (2002, S. 193ff.) zur Entwicklung von Schriftsystemen, des Vokalalphabets und des Buchdrucks. Kontextbedingte Gestaltungselemente entfallen zunehmend, Schrift und Buch ermöglichen die Abstraktion von Produzent/inn/en und ihrer Perspektive. Eine „Wissenschaft“ nimmt ihren Aufschwung, die den „Wahrheitswert abstrakter Aussagen” bestimmt und „so wie Popper das vorschlägt, (…) [eine] ganze Methodologie an der Frage“ aufhängt, „ob Hypothesen (d.h. abstrakte Sätze […1) den Kontakt mit der empirischen Welt überleben oder dabei untergehen” (Slunecko 2002, S. 200)… und „befriedigt schiebt sich begriffliche Ordnung vor das, was Denken begreifen will“ (Adorno 1966, S. 17 ).Google Scholar
  12. 13.
    siehe dazu auch Kleist (o.J.) „Ober die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“Google Scholar
  13. 14.
    Der Einfachheit halber wurde hier als Beispiel ein Individuum gewählt. Zwar scheint der Professor recht einsam, wenig kollektiv zu sein. Doch ist der Habitus des Professors ohne eine Institution wie die Universität denkbar? Verkörpert nicht die Universität selbst auch diesen Habitus? Und wer erschuf sie?Google Scholar
  14. 15.
    Diese „Reproduktionsgesetzlichkeit“ (vgl. Wohlrab-Sahr 2003, S. 127) von Prozessstrukturen hat Bohnsack zu einer Methodologie des Gruppendiskussionsverfahrens ausgearbeitet. (vgl. u.a. Bohnsack 19976 und 2000a)Google Scholar
  15. 16.
    Es ist nicht so leicht, es mit der geschlechtstypischen Sozialisation ein wenig anders zu versuchen. Mein Kind hatte im Alter von 2 1 /2 Jahren blonde Locken und war stolz darauf. Beim Spiel größerer Mädchen mit dem „herzigen“ Kind schlug die Stimmung einmal plötzlich um. „Ich bin ein Bub. Ich hab einen Penis”, hörte ich meinen Sohn verzweifelt rufen. Die Mädchen verneinten. Ein Mädchen sagte schließlich: „Aber du hast doch blonde Locken.“ Abends sagte er traurig: „Die sagen, ich bin ein Mädchen, weil ich Locken habe. Ich bin doch ein Bub.” In den nächsten Tagen entschloss er sich zu einem Haarschnitt, einer Bubenfrisur, auch für seinen kleinen Bruder… Zwei,richtige` Buben.Google Scholar
  16. 17.
    vgl. allein seitens methodisch orientierter Publikationen im Bereich qualitativer Methoden u.a.: Bohnsack/Schäffer 2001, Heinzel 2000, Kormrey 1986, Lamnek 1998, Liebig/Nentwig-Gesemann 2003, Loos/Schäffer 2001, Morgan 1998Google Scholar
  17. 18.
    Ursprünglich geht der Begriff auf Studien von Merton und Kendall (1976, orig. 1946) zur Erforschung von Zuseherreaktionen zurück.Google Scholar
  18. 19.
    Für diese Ausrichtung sprechen auch die jüngsten Entwicklungen in diesem Bereich. Die Gruppendiskussionen werden über das Internet erhoben. (vgl. Harrer 2002 )Google Scholar
  19. 20.
    zu den Folgen von Eingriffen in das Rederecht bei der Erhebung von Gruppendiskussionen vgl. Kap. 3.2.1.2, zu Prinzipien der Erhebung vgl. Bohnsack 2003a, S. 207ff.Google Scholar
  20. 21.
    vgl. u.a. Lunt und Livingstone 1996Google Scholar
  21. 23.
    Gibt es gar keine Gemeinsamkeiten, dann entsteht auch kaum ein Diskurs, es sei denn, die Gesprächspartner stehen in einem äußerlich strukturierten Verhältnis zueinander. Von daher läuft das Ansinnen, wie man es häufig beim Einsatz von Gruppendiskussionen findet, möglichst unterschiedliche Personen zusammenzusetzen, um möglichst viele (verschiedene) Informationen zu bekommen, dem empirischen Potenzial des Gruppendiskussionsverfahrens, nämlich der Erfassung „kollektiver Orientierungen“, zuwider.Google Scholar
  22. 24.
    Diese Standards oder Regeln sind auf einer ähnlichen Ebene angesiedelt wie das „turn-taking-system“, welches in der Konversationsanalyse (zuerst: Sacks/Schegloff/Jefferson 1978) entwickelt wurde, die narrativen Strukturen, wie sie für die Narrationsanalyse vor allem durch Schütze (vgl. u.a. 1987) oder auch die Gattungsanalyse (u.a. Günthner/Honer 1997) ausgearbeitet wurden.Google Scholar
  23. 25.
    Zum Verhältnis qualitativer und quantitativer Methoden formuliert Meuser ( 2001, S. 207), dass sich die „qualitativen (…) auf der Seite der,armen Verwandten“` (Meuser 2001, S. 207) finden, die für die Mikrosoziologie bzw in der Psychologie für Tiefenstrukturen oder für die Störvariable „Kultur” (vgl. Slunecko 2002, S. 167ff.) und in den Sozialwissenschaften insgesamt für eine Felderkundung (vgl. Flick/Kardorff/Steinke 2000a, S. 25) zuständig sind. Die „quantitativen Verfahren“ vermögen diese Felder ebenso zu bearbeiten, sie allein sind aber für das wissenschaftliche Hauptgeschäft zuständig. Mit ihnen können makrosoziologische Fragestellungen beantwortet werden und die großen, räumlich und zeitlich nicht gebundenen Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Psyche dingfest gemacht werden.Google Scholar
  24. 26.
    Nicht alle Verfahren, die als qualitativ bezeichnet werden, können in dem hier angesprochenen Sinn auch als rekonstruktiv gelten. So vollzieht sich beispielsweise die „qualitative Inhaltsanalyse“ in einer quantitativen Forschungslogik. Das Analysematerial wird theoriegeleitet, systematisch kodiert. Das heißt, dass sich die Erhebung des Materials zwar ganz offen vollziehen kann, was davon aber als Beobachtungsdatum gezählt wird, ist standardisiert. Damit kann eine qualitative Inhaltsanalyse letztlich immer in eine quantitative übergeführt werden (vgl. Mayring 1997 und 2000 ).Google Scholar
  25. 27.
    Mannheim hat diesen Schritt bereits ganz konsequent am Beginn des letzten Jahrhunderts vollzogen. (vgl. Mannheim 1980 und 1964 sowie Bohnsack 2001a und Kap. 1.2)Google Scholar
  26. 28.
    Vgl. dazu auch Habermas ( 1981, S. 179): „Wenn die möglichen Korrektive gegen irregeleitete kommunikative Erfahrungen sozusagen in das kommunikative Handeln selbst eingebaut sind, kann der Sozialwissenschaftler die Objektivität seiner Erkenntnisse nicht dadurch sichern, daß er in die fiktive Rolle eines,uninteressierten Beobachters’ schlüpft und damit an einen utopischen Ort außerhalb des kommunikativ zugänglichen Lebenszusammenhangs flüchtet. Er wird vielmehr in den allgemeinen Strukturen der Verständigungsprozesse, auf die er sich einläßt, die Bedingungen der Objektivität des Verstehens suchen müssen, um festzustellen, ob er sich in Kenntnis dieser Bedingungen der Implikationen seiner Teilnahme reflexiv vergewissern kann.“ (Hervorhebungen im Original)Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Aglaja Przyborski

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