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Methodische Annäherungen an die Texte

Auszug

Weiter oben war bereits mehrfach von ‘Denkstilen’ und ‘Denkkollektiven’ die Rede - und damit von den beiden Säulen der Theorie des polnischen Arztes und Wissenschaftstheoretikers Ludwik Fleck.61 Es ist schon wiederholt versucht worden, diese Fleckschen Kategorien auf die Analyse der Geschichte der Humanwissenschaften anzuwenden.62 Obwohl Fleck wesentliche Erkenntnisse seiner Theorie durch die Beobachtung einer anwendungsbezogenen Disziplin, der Medizin, gewonnen hat, richtete er sein Interesse auf die Genese und Entwicklung des wissenschaftlichen Erkennens. Nun ist aber gerade für die Bevölkerungswissenschaft nach 1933 kennzeichnend, dass sie in allgemeintheoretischer Hinsicht stagnierte. Selbst rein gesellschaftsbiologische Theorien in den Bevölkerungswissenschaften, die den Machthabern in ihren ideologischen Gehalten entgegenkamen und in denen „Gesellschaft“ nur als „ein Teilphänomen innerhalb der Rasse“ (Alfred Ploetz) behandelt wurde, waren dann nicht opportun, wenn sie die Definitionsmacht der politischen Führung untergruben. Stattdessen war „der (angloamerikanische) Ansatz, empirische Methoden zur Lösung konkreter Probleme ohne allgemeinen theoretischen Anspruch zu erheben, (...) für die Karriere im Nationalsozialismus geeigneter als die umfassenden Entwürfe der (sozialwissenschaftlichen/ökonomischen) Bevölkerungswissenschaft von vor 1933.“63

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Literatur

  1. 61.
    Vgl. Fleck 41999, 1983.Google Scholar
  2. 62.
    Vgl. z.B. Etzemüller 2001, Hummel 2000.Google Scholar
  3. 63.
    Das Thesenpapier des Projekts Mackensen / Ferdinand / Görzig in Lausecker, Pinwinkler 2002:8. Diese Einschatzung von Ursula Ferdinand fur die Bevölkerungswissenschaft deckt sich mit den Resultaten aus der Soziologie-und Psychologiegeschichtsschreibung der 1980er Jahre (vgl. u.a. Rammstedt 1986; Geuter 1988).Google Scholar
  4. 64.
    Obwohl Flecks aus diesem Ansatz heraus konsequent schlussfolgerte, dass „gewisse Elemente des aktuellen Gedankeninhalts (...) verfasserlos sein“ können (vgl. Fleck 1936:96), ist die Genese und Fortentwicklung wissenschaftlicher ‘Denkstile’ immer auch auf Individuen zurückfuhrbar. Fleck zeigte an kollektiven Denkstilen die sozialen Mechanismen der Wissensproduktion auf; er bot aber keinen Freibrief für eine verantwortungslose Wissenschaft/Wissenschaftler.Google Scholar
  5. 65.
    Vgl. Fleck 1999:40–53.Google Scholar
  6. 66.
    Vgl. dazu schon die retrospektive Beurteilung durch einen ‘Leipziger’, nämlich Hans Linde (1988).Google Scholar
  7. 67.
    Fleck 1983:111.Google Scholar
  8. 68.
    Ludwik Fleck demonstrierte dies überzeugend an der Entwicklung des Syphilisbegriffs (vgl. Fleck 1935, 21993, 3–29).Google Scholar
  9. 69.
    Planert 2000:562f.Google Scholar
  10. 70.
    Dies war auch eine wichtige Ausgangsfragestellung des o.g. Salzburger Workshops: „Wer schreibt sich welchem Kollektiv zu und wer wird welchen Kollektiven zugeschrieben? Welche Identifikationsprozesse werden dabei lesbar? Wer soil ‘rnehr’ und wer soll ‘weniger’ werden? Welche wechselseitigen Relationen werden zwischen verschiedenen Zuschreibungen und Differenzkonstruktionen lesbar?“ usw (Lausecker, Pinwinkler 2002:2).Google Scholar
  11. 72.
    Vgl. bereits Harmsen 1933:212.Google Scholar
  12. 73.
    So die sinngemäße Übersetzung aus Biagioli 1992:194, der diese These aus Robert N. Proctors Studie (Racial Hygiene: medicine under the Nazis. Cambridge, Mass.; London: Harvard University Press, 2000) bezog.Google Scholar
  13. 74.
    Mackensen 2000:409.Google Scholar
  14. 75.
    So die Interpretation in einer Untersuchung zum „sozialen Auf-und Abstieg im deutschen Volk“, die in der Mitte der zwanziger Jahre von dem Statistiker Friedrich Zahn initiiert worden war (vgl. Nothaas 1934:473).Google Scholar
  15. 76.
    Nothaas 1934:477.Google Scholar
  16. 77.
    Nikolow 2002b:240f.Google Scholar
  17. 78.
    Der sie ja generell nahe stand, denn die „Deutsche Statistische Gesellschaft“ war 1911 als Abteilung aus der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hervorgegangen. Erst 1928 wurde die „Deutsche Statistische Gesellschaft“ selbstständig (vgl. Schubnell 1967:242).Google Scholar
  18. 79.
    Jochen Fleischhacker in Mackensen 1998:135.Google Scholar
  19. 80.
    Vgl. Petermann 2005.Google Scholar
  20. 81.
    Klingemann 1996:228f.Google Scholar
  21. 82.
    Röhr 1992:32f.Google Scholar
  22. 83.
    Vgl. bei Petermann 2005:7 (zit. nach dem unveröffentlichen Manuskript des Beitrags). Ich danke Heike Petermann für den Aufsatz.Google Scholar
  23. 84.
    Geiger 1933:356.Google Scholar
  24. 85.
    Dazu Theodor Geiger kritisch: „Wer soziale Schichten direkt oder indirekt in die eugenische Rechnung einbezieht, kommt in Gefahr, den alten Gedanken der erblich geschlossenen Stände in die Gegenwart zu übertragen, deren Gesellschaftsstruktur grundsätzlich darauf beruht, dass der Sozialstandort des Einzelwesens veränderbarist.“ (Geiger 1933:387)Google Scholar
  25. 87.
    Klingemann 1996:220.Google Scholar
  26. 88.
    Vgl. zum Zusammenhang von Schließung und ethnischer Gemeinschaft bei Max Weber: Weber 2001:168–190; zum neueren Forschungsstand siehe: Mackert 2004, 1999.Google Scholar
  27. 89.
    Klingemann 1996:220f.Google Scholar
  28. 90.
    Vgl. zum Zusammenhang zwischen Stratifikation und sozialer Differenzierung jetzt: Schwinn 2004.Google Scholar
  29. 91.
    Vgl. dazu bereits Gutberger 21999:33–72; 143–216.Google Scholar
  30. 92.
    Vgl. Wolf 1931:66.Google Scholar
  31. 93.
    Vgl. dazu die Anmerkungen von Niels C. Lösch in Mackensen 1998:161.Google Scholar
  32. 94.
    Vgl. Mackensen 1998; vom Brocke 1998.Google Scholar
  33. 95.
    Mackensen 1967:48f.Google Scholar
  34. 96.
    Dies kann hier gleichwohl nur aus den Selbstzeugnissen Johann Hermann Mitgaus entnommen werden. Friedrich Burgdörfer erklärte gegenüber J.H. Mitgau, dass Karl Seiler, der „sehr gern gekommen ware“, von der Hindenburg-Hochschule für Wirtschafts-und Sozialwissenschaften in Nürnberg nicht freigegeben wurde. Nun könne Mitgau den vakanten (zweiten) Abteilungsleiterposten einnehmen (vgl. Mitgau, Münchener Tagebuch, Teil IV, 6 Eintrag vom 27.8.1941). Karl Seiler traf später auch auf einer Tagung der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (im März 1944 in Pretzsch an der Elbe) mit Johann Hermann Mitgau und Elisabeth Pfeil zusammen (ebd., 73).Google Scholar
  35. 97.
    Vgl. dazu die ausführliche Darstellung in: Gutberger 21999. Auf diese Arbeit baut die hier gelieferte Analyse auf.Google Scholar
  36. 98.
    Der niederländische Sozialforscher Sebald Rudolf Steinmetz hatte als Erster den Begriff „Soziographie“ benutzt. In seinem (ethnographischen) Sinne umfasste die Soziographie (im Gegensatz zu der auf die Untersuchung von Beziehungen zielenden Soziologie) die Untersuchung von „Völker(n) und ihre(r) Teile in ihrer konkreten Eigenheit“ (vgl. Steinmetz 1926:222; Hervorhebung, H.G); vgl. dazu auch Mackensen 2003a:488f.Google Scholar
  37. 99.
    Wenn Räume zum Thema bevölkerungswissenschaftlicher Fragen wurden, dann häufig im Sinne von ‘Regionen’; also Territorien, die sich weitgehend von der landschaftlichen Grundlage gelöst haben (vgl. hier Mackensen 1967a:6a mit Bezug auf Pfeil 1937:126). Gleichwohl mache es nur Sinn von ‘Bevölkerung’ zu sprechen, wenn auch von „Gebieten“ gesprochen werde (vgl. hier Mackensen 1967a:22a mit Bezug auf Pfeil 1937:124). Andererseits gehöre „Regionaltheorie“ aber eher systematisch in den Bereich der Raumforschung; im gleichen Verhältnis, wie die Demographie zur Bevölkerungswissenschaft gehöre (ebd., 7b).Google Scholar
  38. 100.
    Vgl. Beispiele in Gutberger 2005.Google Scholar
  39. 102.
    „In vielen Fällen ist es schwer zu entscheiden, ob eine soziale Bewegung als Aufstieg oder als Abstieg zu bewerten ist, z.B. wenn aus dem Landarbeiter oder Bauern mit sehr kleinem Besitz ein Hilfsarbeiter wird. Aus diese Grund ist es ratsam, mit den Begriffen Aufstieg und Abstieg vorsichtig umzugehen.“ (Vgl. Andorka 2001:192).Google Scholar
  40. 103.
    Vgl. Geiger 1932 (1987).Google Scholar
  41. 104.
    Hradil 2002:371.Google Scholar
  42. 105.
    Andorka 2001:198.Google Scholar
  43. 106.
    Endruweit, Georg 2002:469.Google Scholar
  44. 107.
    Vgl. Endruweit, Georg 2002:467. Ein Interesse an einer Festschreibung sozialer Positionen und einer sozialen Schließung gibt es aber gerade auch in modernen Gesellschaften. Nur läuft dies nun vermittelt über Interessenverbände ab. Berger zeigt, dass sich in einer Marktgesellschaft die Berufsverbände als Erben ständestaatlicher Standessicherung entpuppen und in erster Linie die „einmal erreichte Position“ absichern helfen: vgl. Berger 2004:371f.Google Scholar
  45. 108.
    Vgl. Andorka 2001:200.Google Scholar
  46. 109.
    Andorka 2001:214.Google Scholar
  47. 110.
    Vgl. zur gegenteiligen Position: Endruweit, Georg 2002:469.Google Scholar
  48. 111.
    Vgl. Hradil 2002:371.Google Scholar
  49. 112.
    Zur Epochenspezifik des Volumens sozialer Mobilität vgl. bereits Sorokin 1927.Google Scholar
  50. 113.
    Andorka 2001:204.Google Scholar
  51. 114.
    Vgl. Andorka 2001:208.Google Scholar
  52. 115.
    Vgl. Weiß 2002:79ff.Google Scholar
  53. 116.
    Vgl. z.B. Chesnais 1986.Google Scholar
  54. 117.
    Andorka 2001:194f. Die räumliche Mobilität ist also nicht mit der der horizontalen Mobilität zu verwechseln, unter der ein Wechsel innerhalb des gleichen „Rangs“ verstanden wird.Google Scholar
  55. 118.
    Hradil 2002:369f.Google Scholar

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