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Strukturelle Religiosität auf dem Wege zur religiösen Indifferenz

  • Ulrich Oevermann
  • Manuel Franzmann

Auszug

Der Prozeß der Säkularisierung des religiösen Bewußtseins wird hier als ein unvermeidlicher unterstellt. Wir halten die religionssoziologische Debatte, die darüber vor allem in den USA entbrannt ist (Swatos/Olson 2000), für irreführend. Zumindest trifft sie auf die europäischen Verhältnisse nicht zu. Vor dem Fortschreiten der erfahrungswissenschaftlichen Erkenntnisse und den mit ihm sich befestigeden wissenschaftlichen Rationalitätsstandards verdampfen auch für den außerhalb der Wissenschaften im engeren Sinne tätigen Menschen der Moderne die religiösen Glaubensinhalte. Ein Leben nach dem Tode wird zwar nach wie vor ängstlich von Vielen erwünscht, aber eine religiös befestigte Vorstellung von einem Jenseits verliert zunehmend an innerer Plausibilität; der Ritus und das Sakrament der Eucharistie verlieren an Glaubwürdigkeit und Dringlichkeit und die spezifisch kirchlich geforderten ethischen Regeln der Lebensführung verlieren, soweit sie inhaltlich nicht im weltlichen Recht aufgegangen sind und soweit ihre Verletzung nicht als justiziell verfolgte Gesetzesübertretung oder als menschliche Unanständigkeit gemäß alltagsweltlicher Normen sanktioniert wird, sondern als Sünde gilt, um die Gott um Vergebung zu bitten ist, vor allem auf dem Gebiet der Sexualmoral und der Rationalität der Verfolgung des Eigenintereses an Bindungskraft. In der Bundesrepublik Deutschland kann das Jahr 1968 vergleichsweise präzise als Umschlagjahr gelten: Vor ihm hatten die öffentlich geäußerten Anschauungen der Kirche zugleich gesamtgesellschaftliche Verbindlichkeit; die Beweislast trug, wer ihnen widersprach.

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Bibliographie

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Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006

Authors and Affiliations

  • Ulrich Oevermann
  • Manuel Franzmann

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