Advertisement

Normalität und Biographie. Anmerkungen aus migrationswissenschaftlicher Sicht

Chapter

Auszug

Kritik und Diskussion von Normalitätsannahmen, auch solcher, die im eigenen Forschungsprozess produziert und reproduziert werden, gehören — mindestens programmatisch — zu den Selbstverständlichkeiten der scientific community. Dies gilt für die Biographie- und Migrationsforschung in besonderer Weise. In der Biographieforschung hat, vor allem in den 1980er Jahren, eine theoretische und empirische Auseinandersetzung mit dem Konzept der ‚Normalbiographie‘ stattgefunden und eine kritisch-reflexive Distanzierung zu Gegenstand und Methode bewirkt, die seitdem als Qualitätsausweis der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Biographien gilt. Auch für die Migrationsforschung ist das Thema Normalität bedeutsam, allein weil Migrationsphänomene bestehende gesellschaftliche Normalitäten sichtbar machen und herausfordern. So kann die mit der Wanderung von Menschen und ihren ‚neuen Anwesenheiten‘ einhergehende gesellschaftliche Erfahrung als Provokation verstanden werden, die Fragen der ‚technischen‘ Bewahrung und Durchsetzbarkeit von Normalität auf den Plan ruft, aber auch die Legitimitä von Normalitätsordnungen problematisiert. Migrationsforschung beschreibt hierbei nicht allein Normalitätsordnungen und ihren durch Migration angestoßenen Wandel, sie muss auch selbst als Herstellerin von Normalität und als ihre Kritikerin verstanden werden. Migrationsforschung ist im Hinblick auf (Nicht-) Normalität produktiv.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Battaglia, Santina (2000): Verhandeln über Identität. Kommunikativer Alltag von Menschen binationaler Abstammung. In: Frieben-Blum, Ellen/ Jacobs, Klaudia/ Wießmeier, Brigitte (Hrsg.): Wer ist fremd? Ethnische Herkunft, Familie und Gesellschaft. Opladen, S. 183–202.Google Scholar
  2. Bourdieu, Pierre (1990): Die biographische Illusion. In: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, 3, Heft 1, S. 75–81.Google Scholar
  3. Dausien, Bettina (1996): Biographie und Geschlecht. Zur biographischen Konstruktion sozialer Wirklichkeit in Frauenlebensgeschichten. Bremen.Google Scholar
  4. Dausien, Bettina (2002): Sozialisation — Geschlecht — Bigraphie. Theoretische und methodologische Untersuchung eines Zusammenhangs. Habilitationsschrift, Universität Bielefeld. Wiesbaden.Google Scholar
  5. Gildemeister, Regine/ Wetterer, Angelika (1992): Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung. In: Knapp, Gudrun-Axeli/ Wetterer, Angelika (Hrsg.): Traditionen Brüche. Entwicklungen feministischer Theorie. Freiburg im Breisgau, S. 201–254.Google Scholar
  6. Goffmann, Erving (1975): Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt am Main.Google Scholar
  7. Gomolla, Mechtild/ Radtke, Frank-Olaf (2002): Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Opladen.Google Scholar
  8. Hahn, Alois (1982): Zur Soziologie der Beichte und anderer Formen institutionalisierter Bekenntnisse. Selbstthematisierung und Zivilisationsprozeß. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 34, S. 408–434.Google Scholar
  9. Hahn, Alois (1987): Identität und Selbstthematisierung. In: Hahn, Alois/ Kapp, Volker (Hrsg.): Selbstthematisierung und Selbstezugnis: Bekenntnis und Geständnis. Frankfurt am Main, S. 9–24.Google Scholar
  10. Hahn, Alois (2000): Konstruktionen des Selbst, der Welt und der Geschichte. Aufsätze zur Kultursoziologie. Frankfurt am Main.Google Scholar
  11. Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. Historische Befunde und theoretische Argumente. In: Kölner Zeitschrift füur Soziologie und Sozialpsychologie, 37, S. 1–29.Google Scholar
  12. Kohli, Martin (1988): Normalbiographie und Individualität. Zur institutionellen Dynamik des gegenwärtigen Lebenslaufregimes. In: Brose, Hans-Georg/ Hildenbrand, Bruno (Hrsg.): Vom Ende des Individuums zur Individualität ohne Ende. Opladen, S. 33–53.Google Scholar
  13. Krüger, Helga (1991): Normalitätsunterstellungen bezüglich des Wandels in der weiblichen Lebensführung zwischen Erwerbsarbeit und Familie. In: Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Die Modernisierung moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 25. Deutschen Soziologentages in Frankfurt am Main 1990. Frankfurt am Main/New York, S. 688–703.Google Scholar
  14. Krüger, Helga (1995): Dominanzen im Geschlechterverhältnis: Zur Institutionalisierung von Lebensläufen. In: Becker-Schmidt, Regina/ Knapp, Gudrun-Axeli (Hrsg.): Das Geschlechterverhältnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften. Frankfurt am Main/New York, S. 195–219.Google Scholar
  15. Link, Jürgen (1996): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Opladen.Google Scholar
  16. Lorber, Judith (1999): Gender-Paradoxien. Opladen.Google Scholar
  17. Matthes, Joachim (1985): Zur transkulturellen Relativität erzählanalytischer Verfahren in der empirischen Sozialforschung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 37, S. 310–326.Google Scholar
  18. Mecheril, Paul (2003): Prekäare Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-) Zugehörigkeit. Münster.Google Scholar
  19. Mecheril, Paul/ Schrödter, Mark/ Scherschel, Karin (2003): ‚Ich möchte halt von dir wissen, wie es ist du zu sein‘. Die Wiederholung der alienierenden Zuschreibung durch qualitative Forschung. In: Badawia, Tarek/ Hamburger, Franz/ Hummrich, Merle (Hrsg.): Wider die Ethnisierung einer Generation. Beiträge zur qualitativen Migrationsforschung. Frankfurt am Main, S. 93–110.Google Scholar
  20. Nassehi, Armin/ Weber, Georg (1990): Zu einer Theorie biographischer Identität. Epistemologische und systemtheoretische Argumente. In: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, 3, Heft 2, S. 153–187.Google Scholar
  21. Nassehi, Armin/ Saake, Irmhild (2002): Kontingenz. Methodisch verhindert oder beobachtet. Ein Beitrag zur Methodologie der qualitativen Sozialforschung. In: Zeitschrift für Soziologie 31, Heft 1, S. 66–86.Google Scholar
  22. Salecl, Renata (1994): Politik des Phantasmas. Nationalismus, Feminismus und Psychoanalyse. Wien.Google Scholar
  23. Schütze, Fritz (1983): Biographieforschung und narratives Interview. In: Neue Praxis, 13, Heft 3, S. 283–293.Google Scholar
  24. Schütze, Fritz (1987): Das narrative Interview in Interaktionsfeldstudien. Lehrbrief der Fernuniversität Hagen, Kurseinheit 1. Hagen.Google Scholar
  25. Strauss, Anselm (1968): Spiegel und Masken. Die Suche nach Idenität. Frankfurt am Main.Google Scholar
  26. Thomas, William I./ Znaniecki, Florian (1958): The Polish, Peasant in Europe and America. 2 Bde. New York.Google Scholar
  27. West, Candace/ Zimmerman, Don H. (1987): Doing Gender. In: Gender and Society 1, Number 2, New York.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006

Authors and Affiliations

There are no affiliations available

Personalised recommendations