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Sozialwissenschaftliche Fußballforschung

Zugänge – Konzepte – Kritik
  • Stefan Hebenstreit

Zusammenfassung

Im Vorjahr einer Europa- oder Weltmeisterschaft lassen sich innerhalb der Scientific Communitystets wiederkehrende Abläufe beobachten. In den neugedruckten Katalogen von sozialwissenschaftlichen Fachverlagen findet sich dem Anlass entsprechend meist das ein oder andere Fußballbuch. Gleichzeitig enden in dieser Zeit viele Fristen von Call for Papers, entweder für sozialwissenschaftliche Fachzeitschriften, die anlässlich des Endrundenturniers ein Fußballdossier planen, oder für wissenschaftliche Tagungen, die sich – neben vielen Ringvorlesungen und regulären Lehrveranstaltungen – mit den sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen des Fußballs auseinandersetzen. Die Institute und Fachbereiche der Universitäten weisen in den Monaten vor dem Turnier auf ihrer Homepage unter der Rubrik ‚Presse‘ auf Expertendienste hin. Hierin genannte Wissenschaftler werden in der Folge von Journalisten interviewt und in den Medien zitiert. Doch nicht nur im Zuge von internationalen Turnieren taugt der Fußball als sozialwissenschaftliches Untersuchungsfeld. Als populäres und globales Phänomen der Alltags- bzw. Popkultur entwickelte sich der Fußballsport in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum zu einem beliebten Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. Vor diesem Hintergrund fragt der vorliegende Beitrag nach dem gegenwärtigen Status des Fußballs in den Sozialwissenschaften. Verbunden mit einer Bestimmung der gesellschaftlichen und sozialen Vergegenständlichungen und Verflechtungen des Fußballs als originärem Gegenstand sozialwissenschaftlicher Fußballforschung werden dabei zwei etablierte Herangehensweisen und Konzeptualisierungen skizziert und diskutiert: Zum einen der verbreitete Interpretationsansatz, gesellschaftliche Wechselwirkungen des Fußballs und seiner sozialen, politischen und ökonomischen Implikationen funktionalistisch zu erklären, zum anderen die populäre, in der aktuellen Literatur oft unreflektiert verwendete Spiegelbild-Metaphorik, wonach der Fußball gesellschaftliche Entwicklungen exemplarisch widerspiegele. Bezüglich beider Konzeptualisierungen wird argumentiert, dass sie immanente Widersprüchlichkeiten und Eigenlogiken im Fußball nur unzureichend berücksichtigen. Die Diskussion mündet in die grundlegende, den aktuellen Forschungsdiskurs durchziehende Frage, ob Akademiker gleichzeitig Fußballfans sein dürfen. Diese Doppelrolle soll einerseits forschungsethisch reflektiert, andererseits für kritische, unter die Oberfläche blickende Zugänge in der sozialwissenschaftlichen Fußballforschung fruchtbar gemacht werden. Grundlegendes Ziel des Beitrags ist es, eine angemessene Kritik der aktuellen sozialwissenschaftlichen Fußballforschung, ihrer Zugänge und Konzepte zu liefern.

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Authors and Affiliations

  • Stefan Hebenstreit

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