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Der Begriff in den Auseinandersetzungen der »Religionskriege«

  • Gerhard Schneider

Zusammenfassung

Eine für seine weitere Entwicklung entscheidende Prägung erhielt das Wort »libertin« in den moralisch-politischen Schriften der Bürgerkriegszeit, womit hier die Epoche der religiösen Bürgerkriege und ihrer unmittelbaren Nachwirkung in Frankreich, also etwa das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts, gemeint ist. Es sind dies die Erinnerungen von Militärs und Politikern, die an den Bürgerkriegen aktiv teilgenommen haben (Monluc, La Noue, Brantôme), und die politischen und moralphilosophischen Schriften von Autoren, die unter dem unmittelbaren Eindruck der Kriege schrieben (Marnix de Sainte-Aldegonde und Charron). Während die bisher behandelten Schriften bis auf eine Ausnahme, Tahureau, von Theologen stammen und durchweg der theologischen Polemik angehören, wird nun in der Krise der Bürgerkriege der gelehrte Neologismus »libertin« zum ersten Male in größerem Maße von nichttheologischen Autoren verwendet, und zwar in Schriften von durchweg politischem Charakter, beherrscht von der moralphilosophischen Richtung des französischen Humanismus. Dieser Grundzug ist am ausgeprägtesten bei der einzigen Ausnahme dieser Gruppe, dem Theologen Pierre Charron, der allerdings wie Calvin zunächst Jurist war. Es zeigt sich hierin, daß die Religion in der Epoche jener Kriege, die in der offiziellen Propaganda beider Parteien ihretwegen geführt wurden, vorwiegend unter politischen Gesichtspunkten beurteilt wurde. Die Irreligiosität wird zu einer allgemein registrierten geistigen und gesellschaftlichen Erscheinung. Die Erfahrungen dieser Kämpfe werden am Ende des 16. Jahrhunderts von Pierre Charron formuliert und systematisch zusammengefaßt.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Blaise de Monluc: Commentaires et Lettres, ed. Alphonse de Ruble, t. V, Paris 1872, p. 32.Google Scholar
  2. 3.
    François de La Noue: Discours politiques et militaires. Basle 1587, p. 6.Google Scholar
  3. 12.
    Brantôme: Œuvres complètes, ed. L. Lalanne, t. VI. Paris 1873, p. 180. Den Discours sur les couronnels françois, dem dieser Bericht entstammt, datiert Pierre Champion auf 1575, cf. Dictionnaire des lettres françaises (2), Le seizième siècle, Paris 1951, p. 131.Google Scholar
  4. 25.
    Cf. hierzu Max Horkheimer: Montaigne und die Funktion der Skepsis; in: Zeitschrift für Sozialforschung, 7 (1938), 1–52.CrossRefGoogle Scholar
  5. 26.
    Philippe de Marnix de Sainte-Aldegonde: Œuvres, éd. A. Lacroix, t. VIII, Paris-Bruxelles 1860, p. 402–403.Google Scholar
  6. 30.
    Zu diesem Problem cf. bes. Max Horkheimer in: Zeitschrift für Sozialforschung VII (1938), hier pp. 10–11 und 20–22. Über die Rolle des Protestantismus bei der Entstehung des Kapitalismus informiert inzwischen nachgerade jede neuere Wirtschafts-, Sozial- oder Kulturgeschichte, im Anschluß besonders an die Arbeiten von Max Weber und Ernst Troeltsch. Bei Max Webers Polemik gegen den »naiven Geschichtsmaterialismus« sieht es oft so aus, als erkläre er die Entstehung des Kapitalismus geradezu ursächlich aus dem Protestantismus (cf. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, bes. Kap. I, 2: Der »Geist« des Kapitalismus). Dieser überspitzten These widerspricht, außer der Existenz katholischer Kapitalisten, die Tatsache, daß es Bankwesen, Handelskapitalismus und in Einzelfällen sogar Konzentration von Produktionsmitteln (Verlagswesen in der Tuchherstellung) weit vor dem 16. Jahrhundert gab, in Italien z.B. schon seit dem 13. Jahrhundert (cf. R. Mosnier: Les XVIe et XVIIe siècles, p. 85). Doch waren dies Ausnahmeerscheinungen in einer wesentlich feudal-agrarischen Wirtschaft. Der Kapitalismus verdankt seine Entstehung der Bildung großer Märkte mit der Zunahme des Überseehandels im 16. Jahrhundert, der großen Produktionszentren, die Konzentration von Kapitalien erforderte, welche wiederum erhöhten Bedarf an Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Rohstoffen haben, so daß noch die entlegenen landwirtschaftlichen Gebiete in den sich bildenden Weltmarkt hineingerissen werden (cf. hierzu R.Mousnier, o.c., bes. pp. 90–92). Reformation und Reformkatholizismus sind mehr Reflexe dieser Entwicklung, welche sie dann ihrerseits begünstigten.Google Scholar
  7. 36.
    cf. Busson: La Pensée religieuse française de Charron à Pascal, Paris 1933.Google Scholar
  8. 48.
    F. Überweg: Grundriß der Geschichte der Philosophie. 3. Teil, Die Philosophie der Neuzeit. 12. Aufl. Berlin 1924, p. 30.Google Scholar
  9. 49.
    Ernst Cassirer: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der Neuzeit. 2. Aufl. Bd. 1. Berlin 1911, pp. 172–200.Google Scholar
  10. Franz Borkenau: Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild. Paris 1934, pp. 170–199.Google Scholar
  11. 65.
    (Casanova: Histoire de ma vie. Wiesbaden, Paris, t. IV, 1960, p. 250).Google Scholar
  12. 76.
    (A. Tenenti: Libertinisme et hérésie; in: Annales 18 (1963), hier bes. pp. 13–19).CrossRefGoogle Scholar
  13. 84.
    P. Charron: Petit traicté de Sagesse, Préface. Angeb. an Fuges Ausgabe der Sagesse 1632, mit eigener Paginierung, p. 1.Google Scholar
  14. 93.
    Cf. F. Borkenau: Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild. Paris 1934, pp. 195–197. Doch ist Borkenaus Erklärung dieser Widersprüche als »Tohuwabohu der sich auflösenden mittelalterlichen Denkformen« zu simpel. Der wirkliche Grund dieser Widersprüche ist vielmehr in der objektiv widersprüchlichen historischen Situation zu suchen.Google Scholar
  15. Dazu neuerdings auch A.M. Battista: Alle origini del pensiero politico libertino. Milano 1966, pp. 101–111.Google Scholar
  16. 98.
    Cf. A. Tenenti, in: Annales 18 (1963) p. 17.CrossRefGoogle Scholar
  17. 99.
    Cf. dazu Jean Dagens: Le Machiavélisme de Pierre Charron; in: Studies aangeboden aan Gerard Brom. Utrecht, Nijmegen 1952, pp. 56–64; hier bes. pp. 65–64. Auch A. Tenenti, l.c. Auch in der Sagesse ist die Nähe der Skepsis zur Mystik erkennbar, so wenn Charron die skeptische Enthaltsamkeit vom Urteil mit der leeren Freiheit des Geistes in der mystischen Theologie vergleicht (ed. Fugé 1632, pp. 337–338), oder wenn er die »opinion de science« verhöhnt (0. c, p. 337, 639).Google Scholar
  18. 100.
    H. Sée: Histoire économique de la France, t. I, Paris 1948, p. 73.Google Scholar
  19. 102.
    Dazu P. Villey: Les Sources et l’évolution des Essais de Montaigne. Paris 1900, t. II, pp. 357–362;Google Scholar
  20. und zuletzt noch A.M. Battista: Alle origini del pensiero politico libertino. Milano 1966, pp. 7–50.Google Scholar
  21. 104.
    Cf. Max Horkheimer: Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphilosophie. Stuttgart 1950, pp. 7–10.Google Scholar
  22. 108.
    Ph. Marnix de Sainte-Aldegonde: Œuvres, t. VIII, Bruxelles 1860, p. 483. (…) O.c., p. 483.Google Scholar
  23. 113.
    Cf. A. Adam: Histoire de la littérature francaise au XVIIe siècle, t. V. Paris 1962, pp. 33–38.Google Scholar
  24. Zuletzt bei J. Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. 2. Aufl. Neuwied 1965, p. 35.Google Scholar
  25. 114.
    Cf. B. Groethuysen: Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich. Bd. I Halle/S. 1927, p. 14.Google Scholar
  26. A. Hauser: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. 2. Aufl. Bd. II. München 1958, p. 65. Zur Rolle der Kritik cf. bes. Marmontels Art. CRITIQUE in der Encyclopédie. Dazu auch R. Koselleck: Kritik und Krise, pp. 81–103.Google Scholar
  27. 116.
    M. Horkheimer in: Zeitschrift f. Sozialforschung 7 (1938), p. 7–8.Google Scholar
  28. 117.
    A. Adam: Théophile de Viau et la libre pensée française en 1620. Paris 1935, p. 431.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1970

Authors and Affiliations

  • Gerhard Schneider
    • 1
  1. 1.DuisburgDeutschland

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