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Emanzipation und Präsenz der Narrenfreiheit

  • Volker Ulrich Müller

Zusammenfassung

Nicht die bloße Naivität des Sentimentalischen, die Überzeugung, daß das »Ich« Ausgangspunkt aller Realitätserfahrung ist, macht die eigentliche Gefahr der Jean Paulschen Produktivität aus, sondern die Raffinesse, mit der er das Subjekt mit der Omnipotenz ausstattet, seine eigenen Bedürfnisse in aller Reinheit und Naivität auch zu erfüllen. Die »Kühnheit des Herzens«, zu der Jean Paul trotz allem auffordert, anerkennt nämlich nicht nur den Sachverhalt, daß die »höchsten Interessen der Vernunft« nur im bösen Glauben als Schimäre abgetan werden können, daß das »Gift der Ideale«, das das Subjekt in sich findet, nicht einfach als intellektuelle Verwirrung konstatiert werden kann, wie dies für den Typus des positivistischen Kantianers des Kampaner Tals gilt. Sophistisch ist vielmehr Jean Pauls Plädoyer für diese »Kühnheit« erst, wenn die Intensität des Bedürfnisses für die Unwiderlegbarkeit seiner Erfüllung, für seine Befriedigung einsteht. Die Radikalität, mit der Jean Paul Idealist ist, den von ihm kritisierten »poetischen Nihilismus« bei weitem überbietend, die Radikalität, mit der er — nicht unähnlich dem mit Kierkegaard manifest werdenden Existentialismus — von der unhintergehbaren Befindlichkeit eines Ich ausgeht, das in sich sowohl die utopische Intensität des Herzens als auch die »Keckheit des vernichtenden Humors« findet, ist denn auch erst problematisch, wo er durch ein gleichsam strategisches Opfer der »Kühnheit der Vernunft« ihrer Spannung ausweicht, und sich in die Ruhe der Gewißheit stürzt.

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Anmerkungen

  1. 22.
    Günther Voigt, Die humoristische Figur bei Jean Paul, in: JbJPG 4, 1969 (1. Aufl. 1934).Google Scholar
  2. 49.
    Vgl. dazu auch Wolfgang Promies, Der Bürger und der Narr oder das Risiko der Phantasie, München 1966 (5. Kap.: Der Spätrationalismus — ein Bedlam für verstimmte Talente).Google Scholar
  3. 77.
    Jörg Schönert, Roman und Satire im 18. Jahrhundert, Stuttgart 1969, S. 29.Google Scholar
  4. 80.
    Kurt Wölfel, Epische und satirische Welt, in: Wirkendes Wort 10, 1960, S. 91.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1978

Authors and Affiliations

  • Volker Ulrich Müller

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