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Der Mensch als Träger von Erneuerung Zur Rolle des Subjektes in utopischen Entwürfen des Expressionismus

  • Eva Kolinsky
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Zusammenfassung

»Es kann mit großer Härte und Entschiedenheit betont werden, daß der Mensch in einem negativ gewordenen Lebensraum lebt. Der Staat ist autoritär, egoistisch, militaristisch, die Wirtschaft ist ein Menschenopfer fordernder Moloch. Die engeren und geistigeren Lebensordnungen sind entartet. In den Familien bekämpfen sich die Gatten, die Eltern und Kinder, die Geschwister. In den Schulen herrscht Heuchelei und Pedanterie.« [1] Offen muß bleiben, ob Mann mit diesem Resümee die soziale Situation im wilhelminischen Deutschland oder ihren Widerschein in der Literatur der expressionistischen Generation trifft. In unserem Zusammenhang ist wichtig, daß die Sozialkritik der jungen Autoren sich nicht auf das Zweite Reich und seine Institutionen beschränkt, sondern ganz allgemein gegen die moderne Gesellschaft zielt. Dieser negative Bezug zur Gegenwart kulminiert im Krieg, der als Aufgipfelung der industriellen und »materiellen« Prinzipien des 19. Jahrhunderts erfahren wurde, und er steigert sich zur Ablehnung der sozialen Wirklichkeit überhaupt. »Wir sind das Geschlecht, das zu der Zeit auf Erden ist, als die Abhängigkeit von den Determinanten nicht zermalmender mehr werden konnte: in unserer Epoche vernichteten sie nicht nur die Glücksmöglichkeiten der Lebenden, sondern die Lebensmöglichkeiten selbst. [2] »Determinanten« nennt Pinthus in seinem programmatischen Aufsatz Rede für die Zukunft die »Mächte der Vergangenheit und Konstellationen der Gegenwart,« [3] die als Gesetzmäßigkeit von Geschichte, Gesellschaft oder Natur den Menschen lenken.

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Anmerkungen

  1. 2.
    Kurt Pinthus, Rede für die Zukunft. In: Die Erhebung I. Jahrbuch für neue Dichtung und Wertung. Hrsg. von Alfred Wolfenstein (Berlin 1919), S. 403.Google Scholar
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1970

Authors and Affiliations

  • Eva Kolinsky

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