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Zur Genealogie der einzelnen im »Struwwelpeter« vermittelten Erziehungsinhalte

  • Marie-Luise Könneker

Zusammenfassung

Der pädagogische Gehalt der Struwwelpeter-Geschichten läßt sich — wie in den folgenden Abschnitten im einzelnen zu zeigen sein wird — genauer bestimmen, wenn man ihn in Beziehung zu dem der Kinderliteratur vor Hoffmann, besonders der moralischen Beispielerzählungen, setzt. An einzelnen Stellen werden noch andere literarische Belege zum Vergleich herangezogen. Auf der Suche nach einem positiv formulierten Erziehungsziel und seinen Voraussetzungen sieht sich die Analyse zunächst vor allem auf die Einleitungsverse auf dem ersten Blatt verwiesen, denn Hoffmann gibt dort als Bedingung, unter der er sein Bilderbuch Kindern überhaupt nur in die Hand gegeben wissen will, ein Modellverhalten ›braver Kinder‹ an, das sich von dem der im Struwwelpeter dargestellten Figuren auf zum Teil genau konträre Weise abhebt. So kommt es zu einer wertenden Form der Inhaltsübersicht.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Das kommt besonders deutlich im systematischen Aufbau des auf Vollständigkeit bedachten Inhalts ihrer Kinderschriften zum Ausdruck. Als Beispiel sei hier die »tabellarische Vorstellung des Inhalts« von Campes »Sittenbüchlein für Kinder aus gesitteten Ständen«, Dessau 1780, p. 144 ff, wiedergegeben: 1. Abendgespräch I Von den Pflichten gegen uns selbst, und zwar 1.) In Ansehung unsers Körpers und dessen Gesundheit Diese wird erhalten a) durch Vorsichtigkeit b) durch Mäßigkeit c) durch Arbeitsamkeit d) durch erlaubte Vergnügungen e) durch Reinlichkeit 2.) In Ansehung unserer Seele Deren Wohlsein befördert wird a) durch Erwerbung guter Kenntnisse b) durch Vermeidung aller Laster 3.) In Ansehung unsers äußerlichen Zustandes Von der Sparsamkeit a) Im Gegensaz auf Verschwendung und Nachlässigkeit b) Im Gegensaz auf den Geiz 2. Abendgespräch II Von den Pflichten gegen andere 1.) Einleitung von dem Ursprung der Könige Einleitung der Obrigkeiten und Gerichte Einleitung der Geseze Einleitung der Soldaten Einleitung der Abgaben 2.) Pflichten gegen Obere 3.) Pflichten gegen alle Menschen a) Vermeidung jeder Art von Gewalttätigkeit b) Vermeidung jeder Art des Diebstahls c) Vermeidung jeder Art der Betrügerey d) Vermeidung jeder Art der Falschheit und der Lügen e) Vermeidung jeder Art des vergeblichen und des falschen Schwörens f) Ersezung des unversehenen Schadens 3. Abendgespräch III Von den Pflichten der Geselligkeit 1.) Von der Dienstfertigkeit und dem gefälligen Wesen 2.) Vom Neide 3.) Vom Stolz und Hochmuth 4.) Von der Verläumdung, Spötterey und Tadelsucht 5.) Von der Freundlichkeit, im Gegensaz des verdrieslichen Wesens 6.) Vom Zorn 7.) Von der Unversöhnlichkeit 8.) Von der Schwazhaftigkeit 9.) Von der Undankbarkeit IV Von den Pflichten des häuslichen Lebens a) gegen Eltern b) gegen Lehrer c) gegen Geschwister und Schulfreunde d) gegen das Gesinde V Von den Pflichten gegen die Armen VI Von den Pflichten gegen die Thiere 4. Abendgespräch VII Vom Gewissen VIII Von der Religion Zu jedem einzelnen Punkt wird zunächst die Regel formuliert, dann ein positives oder — meistens — ein negatives Exempel erzählt, dem folgt die Moral, bzw. die Wiederholung oder Bekräftigung der Regel. Am Ende der negativen Exempel stehen Tod oder Bettlerexistenz des jeweiligen Protagonisten.Google Scholar
  2. 2.
    »Das artige Kind gibt es nicht; es ist eine Fiktion … Das Struwwelpeter-Buch ist nicht nur Märchen für Kinder; es ist zugleich Ausdruck einer Pädagogik, die an das artige Kind glaubt.« Theodor Schulze, Häusliche Szenen und seelische Entwicklung, In: Günter Bittner und Edda Schmid-Cords, Erziehung in früher Kindheit. Pädagogische, psychologische und psychoanalytische Texte, München 1970, p. 296Google Scholar
  3. 3.
    Struwwelpeter, l. c. p. 15Google Scholar
  4. 4.
    cf p. 172 dieser ArbeitGoogle Scholar
  5. 5.
    Selbst dort, wo im Text überhaupt nicht von Bewegungen die Rede ist, wie im »Daumen-Lutscher« und im »Suppen-Kaspar«, zeigen die entsprechenden Bilder Konrad und Kaspar in Bewegung begriffen.Google Scholar
  6. 6.
    cf Vogt, l. c. p. 21Google Scholar
  7. 7.
    »Vorerst kommen die Gängelbänder oder Leitzäune. — Überhaupt pflegen wir viele Künsteleien und Mühe an Dinge zu verschwenden, die ohne uns wohl geschehen würden. Die Laufmaschinen, wie sie alle heißen mögen, behaupten unter diesen Überflüssigkeiten einen ansehnlichen Rang. Gebet dem Kinde Freiheit, es wird von selbst schon kriechen und gehen lernen. Durch diese unzeitige Hilfe lehret ihr nur das Kind sich fein auf Andere verlassen, und seine eignen Kräfte nicht zu brauchen. Das ist der erste Versuch zur Schwachheit, trägen Muthlosigkeit, Mangel an Charakter und Sklaverei.« Villaume, In: Revisionswerk l. c. 8. Teil, p. 319Google Scholar
  8. 8.
    Otto Klineberg, Kulturelle Faktoren in der Persönlichkeitsentwicklung bei Kindern, In: Erziehung in früher Kindheit, l. c. p. 71 Klineberg referiert u. a. kritisch die Thesen von Mead, Newcomb und Kardiner.Google Scholar
  9. 9.
    Gutzkow, Säkularbilder I, l. c. p. 25Google Scholar
  10. 10.
  11. 11.
    ibid, p. 28Google Scholar
  12. 12.
    Michael Bacherler, Deutsche Familienerziehung in der Zeit der Aufklärung und Romantik, Stuttgart 1914, p. 67–71Google Scholar
  13. 13.
    Frank, l. c. Bd. 2 p. 624Google Scholar
  14. 14.
    cf Möller, l. c. p. 116–124 Für das Kleinbürgertum ist die gewöhnliche Wohngröße und -aufteilung Stube, Kammer, Küche.Google Scholar
  15. 15.
    cf Phyllis Greenacre, Einschränkung und Zwang im Kleinkindalter, In: Erziehung in früher Kindheit, l. c. p. 156, außerdem: Peter R. Hofstätter, Sozialpsychologie, Berlin 1967, p. 146–157Google Scholar
  16. 16.
    Eine ausführliche Schilderung der verschiedenen Apparaturen gibt G. Stephan, l. c. p. 22 fGoogle Scholar
  17. 17.
    Über den Zusammenhang einer bestimmten Art von motorischer Konditionierung und der Entstehung autonomer Musik arbeitet Hanns-Werner Heister in einer Dissertation mit dem Arbeitstitel: »Untersuchungen zu Publikum, Rezeptionsweise und ästhetisch-musikalischem Gegenstand des Konzertwesens. Ein Beitrag zur Theorie des Konzerts«Google Scholar
  18. 18.
    Nach Stephan gilt »Lesen als vortreffliches Mittel zu ruhiger Beschäftigung, denn auf eine solche drang man infolge der allgemeinen Geringschätzung des kindlichen Bewegungsbedürfnisses schon früh«, l. c. p. 33Google Scholar
  19. 19.
    Für Anton, der wegen einer Fußverletzung lange Zeit nur mit Schmerzen gehen kann, eröffnet das Lesen eine »neue Welt … in deren Genuß er sich für all das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschädigen konnte … denn das Buch mußte ihm Freund und Tröster und alles sein«. Moritz, l. c. p. 13 ff Bacherler gibt den Bericht von Johann Friedrich Böhme wieder, der (geboren 1795 in Frankfurt) erst mit 11 Jahren zum ersten Mal an den Main und mit 12 zum ersten Mal vor die Tore der Stadt geführt wird: »kein heftiger Ausbruch des Gefühls, weder der Freude noch der Trauer ward geduldet. Das Elternhaus war ihm eine verriegelte Burg, in der er abgeschlossen von aller Welt leben mußte«, so richtet sich seine Phantasie ganz auf die »innere Anschauung«. l. c. p. 197 ffGoogle Scholar
  20. 20.
    cf Geschichte der Erziehung, l. c. p. 200 fGoogle Scholar
  21. 21.
    So z. B. Frank, der gegen »beständiges Stillsitzen« polemisiert und die Absicht äußert, »durch beständige Übung des Körpers, den zu frühen Trieb der Liebe von dem Jünglinge zu entfernen«. l. c. Bd. 2 p. 613Google Scholar
  22. 22.
    Frank meint: »das, unter Knaben und jungen Mädchen auf dem Lande übliche Burzelbaum- und Radeschlagen, verrenket oft den Rückstrang, hemmt das Wachstum des Körpers und giebt zu verschiednen üblen Bildungen Anlaß«, er behauptet deshalb die »Nothwendigkeit eines öffentlichen Exerzitienmeisters«. l. c. p. 628 f Auch Büchling befürwortet nur Bewegung in Maßen — Johann David Büchling, Der neueste Tugendspiegel. In Erzählungen für die Jugend, Halle 1795, p. 81 In der Bilder-Akademie ist zwar Tanzen und Springen erlaubt, nicht aber Schaukeln, und Mädchen dürfen nicht zu hoch springen, Federballspiel gilt als gute Körperübung, der Autor warnt jedoch: »Seyd nicht ausgelassen fröhlich in euren Freudenstunden, die sich bald in Trauerstunden verwandeln können.« Kleine Bilder-Akademie für leselustige und lernbegierige Söhne und Töchter, Berlin 1793, p. 9, 13, 26Google Scholar
  23. 23.
    Weiße, l. c. 5. Teil, p. 74Google Scholar
  24. 24.
    Rousseau, l. c. p. 196Google Scholar
  25. 25.
    Das »Gängelband« erscheint in der Literatur des 19. Jhs. vor allem in übertragener Bedeutung. So erhält in Robert Prutz’ »Politischer Wochenstube« Germania, die Deutschland gebären soll, als Patengeschenk »ein Gängelbändchen … Gängelbändchen? In der That: Vielmehr für eine Kette halten muß ich dies. / Und wenn sie nur zum wenigsten ächt vergoldet wär’! / Bald aber trägt das bischen Flitterschaum sich ab / Und drunter steckt die alte eiserne Censur.« Robert Prutz, Die politische Wochenstube, In: Horst Denkler (ed.), Der deutsche Michel, Revolutionskomödien der Achtundvierziger, Stuttgart 1971, p. 119 Schon Knigge meint, äußere Bewegungsfreiheit könne die innere um so stärker behindern: »Ueberhaupt, so sehr auch die neuere Pinsel-Erziehungs-Methode mit der älteren im Widerspruch zu stehn scheint, so führen doch beyde Extreme sicher zu einem Zwecke, zu der goldnen Mittelmäßigkeit. Der Unterschied besteht nur darinn, daß man ehemals den Menschen zu ihrem Besten die Füße band, damit sie ein gewisses schädliches Ziel nicht erreichen, statt daß man sie jetzt an Bockssprünge gewöhnt, damit sie darüber hinaus hüpfen. Ja! diese letztre Art ist gewiß die zweckmäßigste. Ein unruhiger Kopf kann Mittel erfinden, seine Bande zu lösen, und dann hat er das Ziel noch immer vor sich; aber wer einmal einen Sprung überhin gethan hat, der sieht nichts mehr vor sich und geräth so auf viele kleine Nebenwege, daß er nie wieder auf den Hauptpfad zurückkommen kann.« Adolph Frh. v. Knigge, Des seeligen Herrn Etatsraths Samuel Conrad von Schaafskopf hinterlassene Papiere, von seinen Erben herausgegeben, Frankfurt/M 1965, p. 48Google Scholar
  26. 26.
    cf Anm. IV, 214Google Scholar
  27. 27.
    Franz Hoffmann, Geschichtenbuch, l. c. p. 44Google Scholar
  28. 28.
    Diese Namen wurden hier angeführt, weil sie m. E. in nuce das Programm der Frühromantik bezeichnen.Google Scholar
  29. 29.
    »Geschichte eines unbedachtsamen Knaben Ein Knabe, sagte er, gieng einmal spatzieren. Von ungefähr lag am Rande eines Feldes ein Bauernhund, dessen Herr dort pflügte, und schlief. Er, in Gedanken, trat ihn auf den Schwanz. Dieser, dem die Schmeicheley nicht gefiel, sprang auf und wollte ihn beym Rocke fassen. Er zog aus (sic) und sah sich immer um: vergaß aber vor sich zu sehen. Pump! lag er in einem Graben. Er stand auf, und durch die Erfahrung weiser sah er nun starr vor sich auf den Weg. Dieser führte ihn ungefähr unter ein paar Pappelweiden weg. Er bückte sich nicht, und ein Ast schlug ihn vor den Kopf, daß er sich rücklings niedersetzte. Je daß dich! schrie er: nun weiß ich wahrhaftig nicht, wie ich’s machen soll, gehe ich in Gedanken und seh und höre nicht, so trete ich einem Hund auf den Schwanz; seh ich nach dem Hunde, ob er mich verfolgt, so fall ich in den Graben, und seh ich nach dem Graben, so schlägt ein Baum über mir mir vor die Stirn.« Weiße, l. c. 13. Teil, 1778, p. 46Google Scholar
  30. 30.
    Bilder-Akademie, l. c. p. 24 ffGoogle Scholar
  31. 31.
    cf Anm. III, 2Google Scholar
  32. 32.
    Struwwelpeter, l. c. p. 9Google Scholar
  33. 33.
    Schenda schildert die »intensive Metaphorik« der populären erotischen Literatur und führt als Beispiel u. a. an: Gewehr präsentieren, Fuchsloch graben, dreinschießen, Stutzen laden und ins Schwarze schießen etc. Schenda, l. c. p. 368 ffGoogle Scholar
  34. 34.
    Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, ed. von Max Rychner, Zürich 1958, p. 195Google Scholar
  35. 35.
    »Entsprechend dieser wachsenden Teilung des Verhaltens in ein öffentlich erlaubtes und ein öffentlich nicht erlaubtes baut sich auch das psychische Gefüge des Menschen um. Die durch gesellschaftliche Sanktionen gestützten Verbote werden dem Individuum als Selbstzwänge angezüchtet … In ihm selbst kämpfen die lustversprechenden Triebäußerungen mit den unlustversprechenden Verboten und Einschränkungen, den soziogenen Scham- und Peinlichkeitsempfindungen. Dies ist … offenbar der Sachverhalt, den Freud durch Begriffe wie ›Über-ich‹ und ›Unbewußtes‹ … zum Ausdruck zu bringen sucht … Das relativ hohe Maß von Gespaltenheit des ›Ich‹ oder des Bewußtseins, das für die Menschen in unserer Phase der Zivilisation charakteristisch ist, und das in solchen Begriffen wie ›Über-ich‹ und ›Unterbewußtsein‹ zum Ausdruck kommt, korrespondiert der spezifischen Zwiespältigkeit des Verhaltens, zu der das Leben in dieser zivilisierten Gesellschaft zwingt.« Elias, l. c. p. 262 fGoogle Scholar
  36. 36.
    cf p. 30–35 dieser ArbeitGoogle Scholar
  37. 37.
    Elias, l. c. p. 143Google Scholar
  38. 38.
    Christian Gerber, Unerkannte Sünden der Welt, Dresden 1712 IV. Teil, p. 883Google Scholar
  39. 39.
    »Nur Himmelbetten boten die Möglichkeit, einen Rest an Intimsphäre zu retten.« Möller, l. c. p. 116–124 Salzmann gibt ironisch als »Mittel, Kindern die Unzucht zu lehren« an: »Siehe darauf, daß immer zwey und zwey in einem Bette schlafen« und »Leiste unter ihren Augen die eheliche Pflicht«. Christian Gotthilf Salzmann, Anweisungen zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder. Neue rechtmäßige, umgearbeitete und vermehrte Auflage Erfurt 1788, p. XLIII f Und auch Frank gibt zu bedenken, »daß durch diese üble Gewohnheit auf dem Lande, wo nicht selten Eltern und Kinder, Knaben und Mägde in einem Bette zu schlafen pflegen, bei der Jugend oft unglücklicher Weise unzeitige Triebe erwecket werden, die durch einen zu frühen Ausbruch, Leib und Seele verderben müssen« und erwähnt eine polizeiliche Verordnung von 1752 gegen das Zusammenschlafen von Eltern und erwachsenen Kindern und Geschwistern verschiedenen Geschlechts. l. c. p. 249 fGoogle Scholar
  40. 40.
    cf auch p. 155 dieser ArbeitGoogle Scholar
  41. 41.
    Revisionswerk, l. c. 8. Teil, p. 558 und 310Google Scholar
  42. 41.
    zitiert nach: Lehmann, l. c. p. 23 Lehmann erwähnt, daß die Wochenschriften auch die Eltern zu mehr Scham und Rücksicht gegenüber ihren Kindern erziehen wollen: »Ja durch ihre eigne Schamlosigkeit verderben sie ihre Kinder … Wir belustigen uns, wenn sie unzüchtige Dinge vorbringen … Ehe das Kind noch begreifen kann, was lieben heißt, legt man ihm eine Liebste bei. Man lehrt sie Hochzeit spielen« (aus »Biedermann« und »Patriot«), l. c. p. 25Google Scholar
  43. 43.
    Franz Xaver Thalhofer, Die sexuelle Erziehung bei den Philanthropen, Kempten und München 1907, p. 5, 18 fGoogle Scholar
  44. 44.
    Campe meint, das kleine Kind sei weder gut noch böse, sondern tierisch — cf: Kurt Braun, Kleinkinderpädagogik bei Joachim Heinrich Campe, Langensalza 1921, p. 65Google Scholar
  45. 45.
    Revisionswerk, l. c. 8. Teil, p. 562 fGoogle Scholar
  46. 46.
    ibid, p. 558Google Scholar
  47. 47.
    cf Alois Klüpfel, Das Revisionswerk Campes, ein Grundwerk der deutschen Aufklärungs-pädagogik, Diss. Würzburg 1934Google Scholar
  48. 48.
    Elementarwerk, l. c. p. 131Google Scholar
  49. 49.
    Wolfgang Fritz Haug, Zur Strategie der Triebunterdrückung in Gymnasien, In: Das Argument 56, 12. Jg. 1970 Heft 1, p. 9Google Scholar
  50. 50.
    Elias, l. c. p. 248 fGoogle Scholar
  51. 51.
    Hoffmann reflektiert zwar durchaus die Methode seiner Darstellung, aber Inhalt und Methode der Bestrafung werden als selbstverständlich vorausgesetzt.Google Scholar
  52. 52.
    Elementarwerk, l. c. p. 81Google Scholar
  53. 53.
    Weiße, l. c. 10. Teil p. 57Google Scholar
  54. 54.
    cf Frank, l. c. p. 599–601Google Scholar
  55. 55.
    Haug, l. c. p. 17Google Scholar
  56. 56.
    Revisionswerk, l. c. 8. Teil, p. 556 Ganz ähnlich äußert sich auch Frank: »Das onanistische Laster ist in manchen Kollegien, Erziehungshäusern und Schulen vieler Gegenden, besonders in großen Städten so eingerissen und die Folgen sind so erschröcklich, daß man von Seiten der Obrigkeit nicht genug Mittel treffen kann, einer solchen Pest überall zu begegnen. Ich weiß Schulen, wo zu 40 Knaben bei Handlungen angetroffen wurden, welche das gemeine Wesen sollten zittern machen.« Frank, l. c. Bd. 2 p. 599Google Scholar
  57. 57.
    Weiße, l. c. p. 58Google Scholar
  58. 58.
    So entsteht schließlich als Ergebnis der affektdämpfenden, sexualunterdrückenden Erziehung ein Typus, der nicht mehr asketisch verzichten muß, weil er kaum noch verführbar, zu wirklich sinnlichem Genuß nicht mehr fähig ist. Kunst, Natur und Eros werden von ihm innerhalb des institutionalisierten Rahmens als psychohygienische Zerstreuung durchaus goutiert, aber nicht mehr in ihrer alle etablierten Ordnungen sprengenden Intensität wahrgenommen.Google Scholar
  59. 59.
    Rousseau, l. c. Bd. 2 p. 16 ff Wenn auch schon das christliche Mittelalter die Vorstellung des ›inter urinas et faeces nascimur‹ verbreitet, so wird sie m. E. als bewußtes Konditionierungsmittel doch erst hier eingesetzt.Google Scholar
  60. 60.
    zitiert nach Thalhofer, l. c. p. 72Google Scholar
  61. 61.
    Revisionswerk, l. c. 8. Teil, p. 561 fGoogle Scholar
  62. 62.
    Haug, l. c. p. 19Google Scholar
  63. 63.
  64. 64.
    cf Charles Brenner, Grundzüge der Psychoanalyse, Frankfurt/M 1967, p. 58–71 Charakteristische Merkmale sind die Darstellung des Ganzen durch ein Teil und umgekehrt, durch das Gegenteil, durch Analogie und Anspielung, wie sie in der Traumarbeit wirksam werden. cf Sigmund Freud, Die Traumdeutung, Gesammelte Werke l. c. Bd. 2 und 3, p. 593–614Google Scholar
  65. 65.
    cf Arno Schmidt, Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Werk & Wirkung Karl Mays, Frankfurt/M 1969, besonders § 15: »Eine Welt, aus Hintern erbaut / Allgemeines über S-Tarnungen / Beobachtungen im Dunkelfeld« und § 34: »Die Organ-Abbildungen in A & D / Geborenwerden / Der Kessel der Wasserscheide«Google Scholar
  66. 66.
    Alfred Lorenzer, Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs, Frankfurt/M 1970, p. 28Google Scholar
  67. 67.
    cf Anm. 188Google Scholar
  68. 68.
    Lorenzer, l. c. p. 28Google Scholar
  69. 69.
    Sandor Ferenczi, zitiert nach Lorenzer, ibidGoogle Scholar
  70. 70.
    cf p. 4 dieser ArbeitGoogle Scholar
  71. 71.
    Man könnte immerhin erwarten, daß ein Arzt, der einen Krankenbesuch macht, Hut und Stock draußen ablegt. Es zeigt sich hier wieder, daß eine scheinbar realistische Szene in Wirklichkeit montiert ist: der Arzt, so wie man ihn sich unabhängig von einer konkreten Situation vorstellen soll, wird neben das Krankenbett Friedrichs gesetzt. Über die Größenverhältnisse cf p. 76 dieser ArbeitGoogle Scholar
  72. 72.
    Struwelpeter, l. c. p. 20Google Scholar
  73. 73.
  74. 74.
    ibid, p. 8 Die direkte Bedeutung des Ausdrucks »war nicht steif« liegt hier wohl im Sinn von »war nicht faul«, »stand nicht nach« o. ä. Freud würde vermutlich in diesem Fall den Hinweis auf Reimzwang als Rationalisierung werten.Google Scholar
  75. 75.
    cf Anm. IV, 47Google Scholar
  76. 76.
    Freud, Traumdeutung, l. c. p. 409Google Scholar
  77. 77.
    ibid, p. 399Google Scholar
  78. 78.
    Schon Freud gibt die Problematik einer Deutung mit Hilfe eines feststehenden Symbolkanons an und verweist auf Mythen, Sagen, Redensarten, Spruchweisheiten und Witze, deren Symbolik mit der individuellen nicht unbedingt übereinstimmen muß. Freud, l. c. p. 356 f Da jedoch diese Arbeit nicht individuell biographisch interessiert ist, sondern im Gegenteil versucht, die Beziehungen zu populären Formen des Denkens und Sprechens herauszufinden, scheint es durchaus berechtigt, mit dem Freudschen Symbolkatalog zu arbeiten.Google Scholar
  79. 78a.
    Arno Schmidt, Sitara, l. c. d. Anm. 65Google Scholar
  80. 79.
    Georg Groddeck, Das Buch vom Es. Psychoanalytische Briefe an eine Freundin, Wiesbaden 1961, p. 213: »Und Lethes Strom vermischt sich mit dem Bächlein auf der Wiese aus Struwwelpeters Paulinchen, dem Onanielied des Mädchens, und mit den bettnässenden Urinströmen in tiefvergessenem Schlaf.«Google Scholar
  81. 80.
    cf Anm. IV, 139 und Diederichs, l. c. p. 3 fGoogle Scholar
  82. 81.
    cf die Doppeldeutigkeit von Begriffen wie Flamme, Glut, feurig, entzünden, entfachen etc., die gleichzeitig in bildlichen Ausdrücken für Liebe und Leidenschaft gebraucht werden — cf Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 3, Leipzig 1862, Spalte 518 f, 1586f, 1713f Darüber hinaus findet auch eine Verschiebung statt. So wird die ahd. Bedeutung von Brunst gleich Brand, Glut schon im Mhd. durch die ausschließliche Bezeichnung von geistiger und sinnlicher, besonders sexueller Erregung verdrängt. Der Zusammenhang beider erscheint nur noch in dem — an sich pleonastischen — Ausdruck »Feuersbrunst«. cf Der große Duden, Bd. 7 Etymologie, Mannheim, Wien, Zürich 1963, p. 165Google Scholar
  83. 82.
    Kienzle, l. c. p. 170; zum ›Feuerwesen‹ der Frau cf: Albrecht Schoene, Arthur Henkel, Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des 16. und 17. Jhs., Stuttgart 1967, p. 134 f Den Versuch einer sozialgeschichtlichen Ableitung der Hexenverbrennungen macht Eduard Fuchs: Das »Rasen gegen die Frau« habe seine Ursache in der »Lehre von der Erbsünde« der Frau, die eine »systematische Verächtlichmachung des Weibes« begründete, bis hin zu der »Überzeugung, daß der Schoß des Weibes die Pforte der Hölle ist … Das Weib ist für den Mann nicht nur die Sünde, sondern sie ist für ihn zugleich auch ein Geheimnis, nämlich in ihrer individuellen Macht über den einzelnen Mann. Durch diese Macht wurde das Weib in der Phantasie des Mannes auch zu einem Dämon, und an die ständige Begierde, die sie im Mann erweckte, knüpfte sich eine ebenso ständige heimliche Furcht vor ihr: so entstand die Hexe«. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Bd. 1, München 1913, p. 494 f, zum Gesamtzusammenhang p. 487–497Google Scholar
  84. 83.
    z. B.: Ziehnert, l. c. p. 109 ff J. M. H. Poppe, Larunda, oder Schutzgeist unserer Lieben in so vielfältigen Gefahren des Lebens. Ein Lehr- und Lesebuch für Eltern und Kinder, Frankfurt/M 1820, p. 66 f Lange, Tugendspiegel, l. c. p. 41 f Felix Sternau, Palamedes, Berlin 1826, p. 62 f Wilhelm Curtmann, Geschichten für Kinder. Vorzuerzählen von Müttern, Geschwistern und Lehrern. 6. Auflage Gießen 1860, p. 4 außerdem die zitierten Geschichten von Weiße und Büchling, bei Basedow ist ein Mädchen abgebildet, dessen Kleid Feuer gefangen hat. Der Text dazu lautet: »Du geputztes und vorsichtiges Mädchen da am Kaminfeuer! Die Flamme hat schon dein schönes Kleid ergriffen! Wo dir nicht bald geholfen wird, so bist du unglücklich! Du hättest dich wärmen, du hättest mit der Puppe, die nun auf dem Boden liegt, spielen können. Aber vor Feuer müssen sich die Kinder sorgfältig hüten. Ich sehe mit Mitleiden die Angst auf deinem Gesichte.« Basedow, l. c. p. 84 Trotz der auffälligen Verwandtschaft mit Hoffmanns Paulinchen braucht eine unmittelbare Abhängigkeit nicht angenommen zu werden. Feuer, mit dem kleine Mädchen spielen und an dem sie sich verbrennen, gehört aus den oben angeführten Gründen zum Motivkanon der Kinderliteratur. Die oben angeführten Titel, so unvollständig die Auswahl ist, zeigen, daß die »Paulinchen«-Geschichte keineswegs nur um 1844 »in der Luft« lag, wie Bettina Hürlimann und Helmut Müller meinen; der letztere präsentiert zum Beweis ein Kinderbuch aus England mit einem brennenden kleinen Mädchen. cf Hürlimann, l. c. p. 107 und Helmut Müller, In: Klaus Doderer (ed.), Klassische Kinder- und Jugendbücher, Weinheim, Berlin, Basel 1969, p. 64 ff Da außerdem das angeführte Buch (The lily, a book for children) 1820 bereits in der siebten Auflage erscheint, ist zumindest eine zeitliche Korrespondenz kaum gegeben. Interessanter ist, daß Hoffmann, anders als alle anderen genannten Autoren, den Gebrauchsgegenstand Zündhölzer für das traditionelle Motiv verwertet, ebenso wie Andersen in seiner berühmten Geschichte. cf Hans Christian Andersen, Sämtliche Märchen, Bd. 1 München 1953, p. 425–428 Die erste deutsche Ausgabe seiner Märchen erschien 1843, weitere Ausgaben folgten 1846 und 1847, cf Dyhrenfurth, l. c. p. 124Google Scholar
  85. 84.
    Weiße, l. c. 7. Teil p. 38 ffGoogle Scholar
  86. 85.
    Es ist dasselbe Vokabular, mit dem die Anti-Onanie-Schriften operieren, cf z. B.: Christian Gotthilf Salzmann, Ueber die heimlichen Sünden der Jugend, 4. Auflage Leipzig 1819Google Scholar
  87. 86.
    Büchling, l. c. p. 13 fGoogle Scholar
  88. 87.
    Weiße, l. c. p. 71Google Scholar
  89. 88.
    Den Zusammenhang von Zündeln, Onanie und Bettnässen klärt Freud auf in: »Bruchstücke einer Hysterie-Analyse«, Freud, l. c. Bd. 5, p. 223–255 »Feuer ist aber nicht nur als Gegensatz zu Wasser verwendet, es dient auch zur direkten Vertretung von Liebe, Verliebt-, Verbranntsein. Von Feuer geht also das eine Geleise über diese symbolische Bedeutung zu den Liebesgedanken, das andere führt über den Gegensatz Wasser, nachdem noch die eine Beziehung zur Liebe, die auch naß macht, abgezweigt hat, anderswohin …« l. c. p. 234 cf auch Freud, Traumdeutung l. c. p. 400Google Scholar
  90. 89.
    Über den Zusammenhang von Feuer und Sexualität in der populären Vorstellung, etwa des Feuerbohrens als Geschlechtsakt und der Zeugung durch Funkenflug u. a. — cf Handwörterbuch des Aberglaubens, l. c. Bd. 2, Spalte 1389–1402 und Bolte, Polivka, l. c. p. 108 ffGoogle Scholar
  91. 90.
    cf hierzu Abschnitt 5 dieses KapitelsGoogle Scholar
  92. 91.
    Zur psychoanalytischen Interpretation des Daumenlutschens cf vor allen Freud, l. c. Bd. 5, 80 ff, 133, Bd. 11, p. 324 und direkt zum Struwwelpeter p. 384, außerdem: Groddeck, l. c. p. 162, wo gesagt wird, die Geschichte erinnere an die »Entwöhnung, diese unentrinnbare Kastration von der Mutter«. (ibid) und vor allem: Vera Schmidt, Die Bedeutung des Brustsaugens und Fingerlutschens für die psychologische Entwicklung des Kindes, In: Imago 12, 1926 Der Begriff »oral-kaptative Antriebsstörung« wird verwendet in: Christa Mewes, Verhaltensstörungen bei Kindern, München 1971 p. 24–52Google Scholar
  93. 92.
    cf hierzu: Irmela Florin und Wolfgang Tunner, Behandlung kindlicher Verhaltensstörungen, München 1970 und: Rolf Oerter, Moderne Entwicklungspsychologie, Donauwörth 1969Google Scholar
  94. 93.
    »Wenn das Kind nicht fortwährend die Brust seiner Mutter haben kann, lernt es bald, sich durch Saugen an den eigenen Fingern oder Zehen zu beruhigen. Diese Fähigkeit, die eigenen sexuellen Bedürfnisse allein zu befriedigen, wird als Autoerotismus bezeichnet. Er verschafft dem Kind eine gewisse Unabhängigkeit von der Umwelt, soweit es um die Erlangung von Befriedigung geht und läßt ferner den Weg offen für eine möglicherweise verhängnisvolle Abwendung von der gesamten Welt der äußeren Realität, hin zu einem übermäßigen oder sogar ausschließlichen Interesse am Ich, wie man das in ernsten pathologischen Zuständen wie der Schizophrenie findet.« Brenner, l. c. p. 40, außerdem Freud über Autorerotik, l. c. Bd. 5, p. 81 ffGoogle Scholar
  95. 94.
    Graf, Der höfliche Schüler, l. c. p. 15Google Scholar
  96. 95.
    Möller, l. c. p. 36–43Google Scholar
  97. 96.
    ibid p. 39 f, dort auch QuellenhinweiseGoogle Scholar
  98. 97.
    Revisionswerk 8. Teil, l. c. p. 303Google Scholar
  99. 98.
    ibid, p. 304Google Scholar
  100. 99.
    ibid, p. 306Google Scholar
  101. 100.
    ibid, p. 290Google Scholar
  102. 101.
    cf etwa Johann Friedrich Zückert, Unterricht für Eltern zur diätetischen Pflege ihrer Säuglinge, Leipzig 1799, p. 106–111Google Scholar
  103. 102.
    cf Kapitel III. 2Google Scholar
  104. 103.
    »Wem vertraut man nun das höchst wichtige Werk der ersten Erziehung an? ›Den unverständigsten und lasterhaftesten Personen!‹ den Ammen, Kinderfrauen und Dienstboten … ›Die Ammen sind aber mehrenteils die wollüstigsten und die Kinderfrauen die einfältigsten Personen; sie strafen, sie schmeicheln uns auch zur Unzeit. Wenn wir wachen sollten, so zwingen sie uns zum Schlafen. Was thut eine törichte Wärterin nicht, ein Kind zu stillen! Was für thörichtes Zeug schwatzt man uns vor! Mit was für ungereimten Possen füllt man uns die Gedanken! … Wir werden verderbt und verwahrlost, ehe man sichs einbildet, daß wir fähig sind, verderbt und verwahrlost zu werden.‹« Vernünftige Tadlerinnen 5. Teil, zitiert nach Stephan, l. c. p. 48Google Scholar
  105. 104.
    Extreme Abhärtung wird von fast allen Autoren vorgeschlagen, die im Gefolge Lockes und Rousseaus über körperliche Erziehung schreiben. »Härtet ihre Körper gegen die Rauheit der Jahreszeiten, der Klimate, der Elemente, gegen Hunger, Durst und Strapazen ab«. Rousseau, l. c. p. 31 Einen Rückschritt in der Abhärtungspraxis beklagt Gutzkow für das 19. Jh. (Säkularbilder II, l. c., p. 24 f)Google Scholar
  106. 105.
    Gewissermaßen ›nostalgisch‹ verhält sich das Bürgertum zu seinem Ideal Robinson, indem es dessen autonomes Inseldasein wörtlich nimmt und die Kinder auf ähnliche Situationen vorzubereiten trachtet: »Wenn ihr ebensoviel Freude als Robinson an eurer Arbeit haben wollt, so müsset ihr auch erst den Bindfaden euch selbst machen und auch selbst den Flachs oder Hanf zubereiten … Das ist recht gut, Kinder, daß ihr das nachmacht! Wenn ihr denn auch einmal auf eine Insel kommt, wo keine Menschen sind, so wißt ihr schon, wie ihr es machen müßt.« Joachim Heinrich Campe, Robinson der Jüngere, Ein Lesebuch für Kinder, Leipzig 1934, p. 60 fGoogle Scholar
  107. 106.
    Locke, l. c. p.Google Scholar
  108. 107.
    cf p. 150 dieser ArbeitGoogle Scholar
  109. 108.
    cf Anm. 118–122, außerdem: Karl August Staudenmeyer, Kinderleben und Kinderlust. Sechs heitere Erzählungen für die zarte Jugend. Mit sechs fein colorirten Bildern, Stuttgart 1860, p. 12Google Scholar
  110. 109.
    Marx spottet: »Damit entwickelt sich gleichzeitig in der Hochbrust des Kapitalindividuums ein faustischer Konflikt zwischen Akkumulation und Genußtrieb.« Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, l. c. p. 619 f Marx betont jedoch, daß später, wenn die Kapitalakkumulation einen bestimmten Standard erreicht hat, Verschwendung als Zurschaustellung der Kreditwürdigkeit ebenfalls einen ökonomischen Sinn erhält. (ibid) Für die Charakterformung des bürgerlichen Individuums spielt dieses Moment zumindest für den hier betrachteten Zeitraum m. E. keine Rolle.Google Scholar
  111. 110.
    Revisionswerk, 2. Teil Hamburg 1785, p. 478 Die gegenteilige Auffassung vertritt Georg Forster, er wendet sich entschieden gegen alle Versuche einer »Brechung der Sinnlichkeit« (diesen Terminus prägte Wolfgang Fritz Haug), gegen Erzieher, »die sich und andere überreden wollen, wir hätten Füße, um nicht zu gehen, eine Zunge um nicht zu schmecken, Augen um sie nicht aufzuthun und so weiter fort. — Sie finden die Selbsterhaltung im Entbehren und Dulden«, dagegen macht Forster geltend, »daß die Verfeinerung der Sinnlichkeit, mithin auch selbst die Leckerey, so wie sie nur bey kultivirten Völkern entsteht, auch wieder ihrerseits die allgemeine Aufklärung befördern muß.« Georg Forster, Über Leckereien, In: G. F., Kleine Schriften, ed. von A. Leitzmann, Stuttgart 1894, p. 64fGoogle Scholar
  112. 111.
    Zuckerbrödchen, l. c. p. 11 fGoogle Scholar
  113. 112.
    Vogt, l. c. p. 20Google Scholar
  114. 113.
    So z. B. noch bei Staudenmeyer: »›Pfui Kinder, was ist das?‹ sagte Papa, ›habt Ihr heute ganz vergessen‹, was Ordnung bei Tische ist? Meint Ihr, weil Ihr heute uns Freude gemacht und Eure Lieblingsspeise bekommen habt, daß Euch nun alle Unarten freistehen? Gerade jetzt müßt Ihr um so mehr zeigen, was Ordnung und Sitte ist, sonst könnten wir uns ja nicht freuen! Also Frida, setze dich ruhig hin, denn Kinder sollen bei Tische ganz ruhig sein, nicht mit Armen und Beinen schaukeln oder sonst lärmen machen, auch nicht unnötig plaudern! Und Hermann legt den Löffel weg, denn Kinder sollen bei Tische nicht zuerst in die Schüssel fahren, sondern geduldig und bescheiden warten, bis man ihnen vorlegt, und zufrieden sein mit dem, was sie erhalten.« (Hervorhebungen vom Verf.) l. c. p. 15 fGoogle Scholar
  115. 114.
    cf p. 26 dieser ArbeitGoogle Scholar
  116. 115.
    Rousseau, l. c. p. 236, 238Google Scholar
  117. 116.
    Revisionswerk 2. Teil, l. c. p. 476 ffGoogle Scholar
  118. 117.
    ibid, 8. Teil, p. 292Google Scholar
  119. 118.
    »Es ist in der That die Eigenschaft eines wollüstigen Menschen wenn eure Neigung bloß auf die delikatesten Speisen oder Getränke geht. Ihr müßt daher niemalen viel von der Wahl derselben reden. Gebet auch nicht eure Lust oder Unlust zum Essen überlaut zu erkennen, daß ihr saget: Ich esse nichts von dieser Speise oder: ich kann diese Speise nicht riechen, es wird mir übel davon. (Verf.) Es ist bey euch nur ein eingebildeter Eckel, der euch in der Jugend hätte können abgewöhnt werden; ihr müsset ihn deßwegen nicht vor jedermann bekannt machen; was ihr nicht zu verzehren Lust habt, das lasset auf dem Teller, und seyd stille darzu, oder, wenn niemand darauf sihet, so könnet ihr es einem Bedienten abzutragen geben.« »Während der Mahlzeit müßt ihr nichts von den Speisen tadeln, das wäre das Zeichen einer wollüstigen Seele und niederträchtigen Auferziehung.« Grundsätze einer wohlgesitteten Lebensart für die Jugend in allen Ständen, Augsburg 1793, p. 64, 66Google Scholar
  120. 119.
    »Richard (konnte) an keinem Genuß satt werden, nie zu rechter Zeit genug bekommen … Das war eine sehr gefährliche Untugend, denn aus solchen Kindern, die alles übertreiben und nie genug haben, werden gewöhnlich genußsüchtige und leidenschaftliche Menschen, die sich durch die Herrschaft ihrer bösen Leidenschaften endlich in’s Verderben stürzen, um Hab und Gut, um Ehre und Achtung, um Glück und Zufriedenheit, um gutes Gewissen und um die Seligkeit des Himmels bringen.« Staudenmeyer, l. c. p. 26, Hervorhebungen vom Verf.Google Scholar
  121. 120.
    »Das naschhafte Hannchen« ist »lüstern« nach »Eßwaaren oder Leckereien … aus lüsterner Begierde« ißt sie unreifes Obst, bekommt die Ruhr und stirbt. Heinrich August Kerndörffer, Sechzig kleine, aber verständliche Geschichten und Erzählungen für Kinder, 2. Auflage Pirna o. J. (um 1820), p. 7 ffGoogle Scholar
  122. 121.
    ibid In der Geschichte »Wilhelm der Näscher« ist von »böse[r] Begierde« die Rede; die »strafbare Lust zum Bösen« sei »so verführerisch, daß jeder, welcher ihr nicht frühzeitig widersteht, immer mehr und mehr davon überwältigt wird und in immer größere Fehler und Laster verfällt.« (p. 11)Google Scholar
  123. 122.
    »Gekünstelte Gerichte, sprach er, kitzeln wohl den Gaumen und schmecken angenehm; aber sie sind für den Körper oft ein sehr gefährliches Gift; sie reitzen und schwächen die Nerven des Menschen«. Jakob Glatz, Die Familie von Karlsberg, Leipzig 1816, p. 180Google Scholar
  124. 123.
    cf p. 146 ff dieser ArbeitGoogle Scholar
  125. 124.
    cf Anm. 110Google Scholar
  126. 125.
    Zuckerbrödchen, l. c. p. 154Google Scholar
  127. 126.
    Auch in der Kinderliteratur vor Hoffmann werden naschhafte und am Essen mäkelnde Kinder meist von Selbstverletzung, Krankheit oder Tod ereilt.Google Scholar
  128. 127.
    Die wohl subtilste und anmutigste Beschreibung des Naschens findet sich bei Walter Benjamin: »Naschendes Kind. Im Spalt des kaum geöffneten Speiseschranks dringt seine Hand wie ein Liebender durch die Nacht vor. Ist sie dann in der Finsternis zu Hause, so tastet sie nach Zucker oder Mandeln, nach Sultaninen oder Eingemachtem. Und wie der Liebhaber, ehe er’s küßt, sein Mädchen umarmt, so hat der Tastsinn mit ihnen ein Stelldichein, ehe der Mund ihre Süßigkeit kostet. Wie gibt der Honig, geben Haufen von Korinthen, gibt sogar Reis sich schmeichelnd in die Hand. Wie leidenschaftlich dies Begegnen beider, die endlich nun dem Löffel entronnen sind. Dankbar und wild, wie eine, die man aus dem Elternhaus sich geraubt hat, gibt hier die Erdbeermarmelade ohne Semmel und gleichsam unter Gottes freiem Himmel sich zu schmecken, und selbst die Butter erwidert mit Zärtlichkeit die Kühnheit eines Werbers, der in ihre Mägdekammer vorstieß. Die Hand, der jugendliche Don Juan, ist bald in alle Zellen und Gelasse eingedrungen, hinter sich rinnende Schichten und strömende Mengen: Jungfräulichkeit, die ohne Klagen sich erneuert.« Benjamin, l. c. p. 75Google Scholar
  129. 128.
    cf p. 167 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  130. 129.
    Scheinbar freiwillig hungert ein Kind in Loehrs Geschichte »Getäuschte Hoffnung« — es ißt nichts, weil es auf seine Lieblingsspeise wartet, die aber natürlich ausbleibt. Johann Andreas Loehr, Kleinigkeiten für unsere Kinder, Leipzig 1807, p. 55–58Google Scholar
  131. 130.
    Struwwelpeter, l. c. p. 17Google Scholar
  132. 131.
    Wunderhorn, l. c. Bd. 2, p. 11 Über Verbreitung und Varianten: Franz Magnus Böhme, Deutsches Kinderlied und Kinderspiel, Leipzig 1924, p. 325Google Scholar
  133. 132.
  134. 133.
    Böhme, l. c. p. 101Google Scholar
  135. 134.
    »An vielen Orten Deutschlands brechen Hungerunruhen und Revolten (Apr./Mai 1847) aus. Sie sind Folge der Mißernten, die zu höheren Lebensmittelpreisen führen, was sich katastrophal auf die Lebenshaltung der werktätigen Massen auswirkt. Die notleidende Berliner Bevölkerung stürmt am 21. April Bäcker- und Fleischerläden sowie Marktstände. Die Notlage wird durch eine allgemeine Handels- und Industriekrise noch verschärft …« Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Chronik. Teil I Von den Anfängen bis 1907, Berlin 1965, p. 21 cf außerdem: Jürgen Kuczynski, Bürgerliche und halbfeudale Literatur aus den Jahren 1840–1847 zur Lage der Arbeiter. Eine Chrestomathie. Mit einem bibliographischen Anhang von Ruth Hoppe, Berlin 1960, passim und: ders., Studien zur Geschichte des arbeitenden Kindes in Deutschland von 1700 bis zur Gegenwart, Berlin 1968, p. 62–86Google Scholar
  136. 135.
    Georg Weerth, Werke in zwei Bänden, Bd. 1 Gedichte. Kleine Prosa 1844–1848, Berlin 1967, p. 50 Das »Hungerlied« blieb allerdings zu Lebzeiten Weerths ungedruckt; allgemein bekannt dagegen ist das 1844 entstandene »Blutgericht«, das die Lage der schlesischen Weber schildert: »Ihr seid die Quelle aller Not, Die hier den Armen drücket, Ihr seid’s, die ihm das trockne Brot Noch vor dem Mund wegrücket. Was kümmerts euch, ob arme Leute Kartoffeln satt könn’n essen, Wenn ihr nur könnt zu jeder Zeit Den besten Braten fressen. … Nun denke man sich diese Not Und Elend solcher Armen Zu Hause oft kein Bissen Brot, Ist das nicht zum Erbarmen? zitiert nach: Hans Magnus Enzensberger, Rainer Nitsche, Klaus Roehler und Winfried Schafhausen (ed.), Klassenbuch 1 Ein Lesebuch zu den Klassenkämpfen in Deutschland 1756–1850, Darmstadt und Neuwied, 1972, p. 164 fGoogle Scholar
  137. 136.
    »Aber diese ständige Bereitschaft zum Kampf mit der Waffe in der Hand bildete in der mittelalterlichen Gesellschaft nicht nur für die Krieger, für die ritterliche Oberschicht, eine Lebensnotwendigkeit. Auch das Leben der Bürger in den Städten war in einem ganz anderen Maße als in der späteren Zeit, von großen und kleinen Fehden durchsetzt, und auch hier waren Angriffslust, Haß und die Freude an der Qual anderer ungebändigter als in der folgenden Phase. Mit dem allmählichen Aufstieg des dritten Standes verschärften sich die Spannungen in der mittelalterlichen Gesellschaft. Und es war nicht allein die Waffe des Geldes, die den Bürger hochtrug, Raub, Kampf, Plünderung, Familienfehde, das alles spielte im Leben der Stadtbevölkerung kaum eine geringere Rolle als im Leben der Kriegerkaste selbst.« Elias, l. c. p. 273Google Scholar
  138. 137.
    »Was soll das Publikum aus solchen Scenen lernen? Welchen Gewinn soll es aus der Darstellung von blutigen Geschichten, in welchen Väter ihre Kinder mit der Axt erschlagen, Kinder ihre Eltern vergiften, der Mann seiner Frau den Hals abschneidet, oder ihr, der Schlummernden, glühendes Blei in den Hals gießt, oder umgekehrt diese ihrem schlafenden Ehemanne mit Hülfe ihres Buhlen einen Nagel in den Kopf schlägt, ziehen? Ich frage, was soll das niedere Volk in diesen schauerlichen Auftritten, den Aeußerungen der seltensten, äußersten, teuflischsten Bosheit erwerben? Roheit, gänzliche Abstumpfung edler Gefühle, thierische Blutgier und Material zu ähnlichen, furchtbaren Thaten!« In: Didaskalia. Blätter für Geist, Gemüth und Publizität, ed. von J. H. Heller, Frankfurt/M 20. Jg. 1. 10. 1841Google Scholar
  139. 138.
    Radikaler durchgeführt als im Kapitel »Die Grundbegriffe von Staatssachen« des Elementarwerks von Basedow läßt sich dieses Verfahren kaum denken. Zugleich werden die Intentionen einer Kinderliteratur deutlich, die die Gewalttätigkeit des unmittelbar sinnlichen Eindrucks durch die von Beschreibungen und Appellen zu ersetzen sucht. Da kein Referat des Textes zu vermitteln vermag, wovon die Rede ist, sei der größte Teil hier wiedergegeben: »Dort auf dem zweiten Viertel muß ein Soldat Gassenlaufen und wird durch die Spießruten einiger Hundert seiner Kameraden sechsmal oder zwölfmal gejagt, vielleicht drei Tage nacheinander. Diese Strafe der Soldaten ist zwar mehrenteils nicht unehrlich, aber dennoch entsetzlich. Fast alle Adern seines entblößten Rückens werden entzwei gehauen. Und wenn er die traurige Gasse viermal durchlaufen hat, so geht auch das Fleisch bis auf die Knochen herunter. Etwas minder schmerzhaft, aber auch allzeit unehrlich ist die Strafe der öffentlichen Stäupung am Pranger. Seht ihr den Lasterhaften, den Elenden, wie er mit ausgedehntem Leibe da hängt, damit die lange biegsame Rute desto mehr schmerze? Seht, wie der Scharfrichter ausholt. Er zählt die Streiche zu nach dem Urteile der Obrigkeit und nimmt oft frische Ruten, die ihm der hinter ihm stehende Junge reicht. Welcher Schmerz! welche Schande vor einer so großen Menge Zuschauer! Nach dieser Strafe wird er entweder des Landes verwiesen oder auf einige Jahre oder auf Lebenszeit in unehrliche Gefangenschaft gebracht. Denn in demselben Lande, wo man ihn kennt und kurz nach seiner Tat und Strafe kann er weder Gesellschaft noch Vertrauen finden, weil ihn ein jeder verabscheut. Kinder, gewöhnt euch, der Obrigkeit zu gehorchen, denn (anderer Ursachen zu geschweigen) ihre Strafen sind furchtbar. Weil aber viele Menschen sich durch Lebensstrafen mehr als durch andere von großen Verbrechen abschrecken lassen, so sind an den meisten Orten auch diese Arten der Strafen üblich. Jenem Verbrecher (auf dem dritten Viertel), der vermutlich Totschlag begangen hat, jenem auf einem erhabenen Richtplatze knieenden Menschen mit verbundenen Augen wird durch das Schwert des Scharfrichters der Kopf abgeschlagen. Nicht weit davon ist der Galgen, woran man Missetäter (mehrenteils Diebe) hängen läßt, nachdem sie durch den Strick und durch die Schwere ihres Körpers oder durch die Hilfe des Scharfrichters erwürgt sind. Da hängen ihre Leichen, eine Speise der Raben, ein Scheusal aller und ein Schrecken derer, welche sich zu Lastern schon so verwöhnt haben, daß diebische Gedanken, Wünsche und Vorsätze bei ihnen stattfinden. Andere Verbrecher, besonders Straßenräuber und Diebe, die zugleich gemordet haben, oder andere vorsetzliche Mörder werden gerädert, das ist, sie verlieren ihr Leben durch Stöße mit einem Rade, womit der Scharfrichter erst die stärksten Knochen ihres Leibes zerbricht, ehe sie sterben können. Alsdann werden sie zuweilen noch lebend mit Ketten auf einem Rade befestigt, welches oben auf einen langen Pfahl gesteckt ist. Da sterben sie langsam in unsäglichen Schmerzen. Doch den meisten Geräderten werden vorher einige tötende Stöße gegeben, dann erst werden ihre Leichen zum beständigen Schrecken derer, die Bösewichter werden könnten, aufs Rad geflochten. An anderen Orten werden Missetäter von gewisser Art lebendig verbrannt, lebendig an ein Kreuz genagelt, lebendig an den Rippen aufgehängt, lebendig an gewissen Teilen des Leibes auf Spieße oder spitzige Pfähle gesteckt oder lebendig von Pferden gevierteilt. Kinder gewöhnt euch der Obrigkeit zu gehorchen, denn … ihre Strafen sind furchtbar. Wenn ein Missetäter seine Mitverbrecher nicht verraten oder von der Art seiner Verbrechen dasjenige nicht anzeigen will, was er weiß und woran der Obrigkeit viel gelegen ist, es zu wissen, so wird er an einigen Orten durch mancherlei Marter, welche Tortur heißen, zum Bekenntnisse gezwungen. Einige werden vor ihrer Todesstrafe erst gepeitscht, zum Richtplatz hingeschleift und mit glühenden Zangen gerissen. Anderen aber werden erst die Hände abgehauen. Noch andere, die beim Leben bleiben sollen, werden mit einem glühenden Eisen gebrandmarkt oder an Nasen, Ohren und Zungen verstümmelt. Furchtbarer Lohn abscheulicher Laster! Kinder gewöhnt euch, der Obrigkeit zu gehorchen, denn … ihre Strafen sind furchtbar. Jemehr Aufsehen die Strafe der öffentlichen Verbrecher macht, je länger sie zur Schau gestellt werden, je abscheulicher ihr Aufzug ist, je besser alle Untertanen durch obrigkeitliche Nachrichten belehrt werden, wie die Verbrecher von bösen Wünschen und Vorsätzen zu Taten, von kleinen Verbrechen zu größeren fortgeschritten sein, kurz, was sie dazu veranlaßt, gereizt und verführt, ferner, was sie in ihrem bösen Sinne bestärkt habe: desto bessere Wirkung hat die Strafe, welche die Missetäter vornehmlich deswegen leiden, damit ihre Missetaten von anderen nicht nachgeahmt werden. Kinder gewöhnt euch, euren Eltern und anderen Oberen zu gehorchen, und weicht mit eurem Wissen kein Haarbreit von der Tugend; bessert euch alsobald, wenn ihr gewahr werdet, daß es in Übereilung oder Affekt geschehen sei. Dieses wird euch von der Gefahr, dem Scharfrichter in die Hände zu fallen, immer weiter entfernen. Künftig will ich euch noch kräftigere Mittel bekannt machen. Man findet einige den Eltern und Vorgesetzten so ungehorsame Kinder oder Jünglinge, welche sich durch Lehre, Warnung und häusliche Zucht nicht bessern lassen, sondern einen faulenzerischen, betrügerischen, diebischen und gewalttätigen Charakter behalten. Diese werden auf einige Zeit oder auf immer in Zuchthäusern gefangen gesetzt, wo alles besonders durch scharfe Zucht darnach eingerichtet ist, daß sie von bösen Taten abgewöhnt und zur Arbeit und Ordnung angewöhnt werden. Kinder, die ihr dieses Buch lest, entgeht der Gefahr dieser Beschwerlichkeit und Schande durch Gehorsam, durch Liebe der Tugend und durch tägliche Besserung.« (Hervorhebungen vom Verf.) Elementarwerk, l. c. p. 116–119 f, dazu Abb. p. 52 dieser ArbeitGoogle Scholar
  140. 139.
    So z. B. von Büchling: »Der kleine Hartmann fand ein Vergnügen daran, Thiere ohne Noth zu quälen. Er glaubte, er hätte ein Recht, sich dieses Vergnügen zu machen, so oft er die Gelegenheit und Gewalt dazu hatte … Er fing Maikäfer, band sie mit einem Faden an einen Stock, und ließ sie so um denselben herumfliegen, bis sie ganz abgemattet waren. Die unschuldigen, und in mancher Hinsicht nützlichen Frösche stach er mit Nadeln, und ergötzte sich an ihren Zuckungen, bis sie eines langsamen Todes starben.« Büchling, l. c. p. 75 f, cf ferner folgenden Text: »Immer führte er Steine bey sich, womit er die Thiere angriff, die er auf der Straße ansichtig wurde, so daß man jedesmal, so oft man ihn auf der Gasse erblickte, sicher erwarten konnte, das Wehklagen eines Hundes zu hören. Konnte er einer Katze habhaft werden, so war sie immer noch glücklich, wenn sie blos ihren Schwanz und ihre Ohren in den Händen dieses kleinen Henkers lassen mußte. Oft goß er ein Gefäß siedenden Wassers über sie her, oder hackte ihr zwei Füße ab … dennoch verfolgte er jedes Thier mit einer solchen Freude, die kein Tieger fühlt, wenn er aus Blutdurst würgt. Das ängstliche Winden und Krümmen des sterbenden Wurms, das sprachlose Ringen mit dem Tode, das er am zerquetschten Käfer bemerkte, das klägliche Geschrey und die schmerzvollen Verzuckungen des Vögelchens, das unter seinen barbarischen Händen lebendig gerupft oder gespießt wurde, das Jammern und Winseln eines Hundes oder einer Katze in ihrer Todesstunde konnte der Unmensch mit wahrem Vergnügen bemerken und jeder neue Grad des Schmerzes und der Quaal schien gleichsam seine höllische Freude zu vermehren. — Laßt mich aufhören, seine Greuelthaten zu erzählen.« (Hervorhebung MLK) Kleine Geschichten für Kinder von 6–10 Jahren, die gern etwas lesen, was ihnen verständlich, nützlich und angenehm ist. 6 Bde, Leipzig 1792–1801, Bd. 2 p. 202 f Bei Glatz wird die Lust an der Tierquälerei rohen Dorfjungen zugeschrieben, die eigene Feinfühligkeit gilt wiederum als soziales Distinktionsmittel: Die kleinen Bürgerkinder treffen bei einem ländlichen Spaziergang auf Bauernkinder, »die ganz unbefangen« äußern, daß es ihnen Freude mache, Tiere zu quälen, sie bringen »lautes Wohlgefallen« zum Ausdruck, als »einer von den Fröschen, der noch nicht ganz todt war, mit zerschlagenem Körper forthüpfte. Die Schmerzen der Thiere schienen ihnen einen angenehmen Anblick zu gewähren. Dieß empörte die Spazierenden, und die Mädchen besonders entsetzten sich von der Rohheit jener Dorfjungen.« Glatz, l. c. p. 145 ffGoogle Scholar
  141. 140.
    Elias, l. c. p. 281Google Scholar
  142. 141.
    Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M 1969, p. 38Google Scholar
  143. 142.
    »Das bürgerliche Ideal der Natürlichkeit meint nicht die amorphe Natur, sondern die Tugend der Mitte. An den Wendestellen der westlichen Zivilisation … wurde die Furcht vor der unerfaßten, drohenden Natur, Konsequenz von deren eigener Verstofflichung und Vergegenständlichung, zum animistischen Aberglauben herabgesetzt und die Beherrschung der Natur drinnen und draußen zum absoluten Lebenszweck gemacht. Ist am Ende Selbsterhaltung automatisiert, so wird Vernunft von denen entlassen, die als Lenker der Produktion ihr Erbe antraten und sie nun an den Enterbten fürchten. Das Wesen der Aufklärung ist die Alternative, deren Unausweichlichkeit die der Herrschaft ist. Die Menschen hatten immer zu wählen zwischen ihrer Unterwerfung unter Natur oder der Natur unter das Selbst.«Google Scholar
  144. 143.
    cf z. B.: Friedrich Justin Bertuch, Bilderbuch zum Nutzen und Vergnügen der Jugend, 14 Bände, Weimar 1799 ff Georg Christian Raff, Naturgeschichte für Kinder. Mit 11 Kupfertafeln, Göttingen 1778 Johann Siegmund Stoy, Bilderakademie für die Jugend, Nürnberg 1784Google Scholar
  145. 144.
    So äußert Campe, daß, wenn Kinder mit Tieren umgehen, es zuweilen zu Tierquälerei und Grausamkeit komme, die aber oft nur auf das Verlangen der Kinder zurückzuführen sei, das jeweilige Objekt nach ihrer Vorstellung zu verändern, und er empfiehlt lediglich, die Kinder frühzeitig auf dieses Unrecht aufmerksam zu machen. cf Braun, l. c. p. 82Google Scholar
  146. 145.
    Elias beschreibt in seinem Kapitel »Wandlungen der Angriffslust« diese als einen Prozeß der Kanalisierung in z. T. unbewußte Ersatzhandlungen (Jagd, Turnier, Sport, schließlich Identifikation durch bloßes Zuschauen), der geschuldet sei der »affektdämpfenden und transformierenden Wirkung des Geldes«, dem fortschreitenden Prozeß der Funktionsteilung, besonders der Monopolisierung offener Gewaltanwendung durch Staat und Polizei. Elias, l. c. p. 263–283 Nachzutragen bleibt, daß das Aggressionsbedürfnis hier als verschiebbares, aber in seiner Energie konstantes Triebpotential erscheint — was aber doch wohl nur so lange gilt, wie die realen Ursachen für die permanente, wie auch immer vermittelte, Erfahrung und Betroffenheit von Gewalt nicht behoben sind.Google Scholar
  147. 146.
    Moritz, l. c. p. 36 fGoogle Scholar
  148. 147.
    ibid, p. 21 fGoogle Scholar
  149. 148.
    cf p. 34 dieser ArbeitGoogle Scholar
  150. 149.
    Uber die Verbindung von Sadismus und Masochismus cf vor allem: Wilhelm Reich, Der masochistische Charakter, In: W. R., Charakteranalyse, o. O. 1933, p. 234–276Google Scholar
  151. 150.
    William Hogarth’s Zeichnungen, nach den Originalen in Stahl gestochen. Mit der vollständigen Erklärung derselben von Georg Christoph Lichtenberg. 2 Bde, Stuttgart 1840Google Scholar
  152. 151.
  153. 152.
    Didaskalia, l. c. 19. Jg. 23. 11. 1841Google Scholar
  154. 153.
    Lichtenberg, l. c. 764Google Scholar
  155. 154.
    Büchling, l. c. p. 76Google Scholar
  156. 155.
    Gustav Nieritz, Feodor und Luise, oder: des Menschen Pflicht gegen die Thiere, Berlin 1843, p. 12Google Scholar
  157. 156.
    Didaskalia, l. c. 19. Jg. 21. 11. 1841Google Scholar
  158. 157.
    Nieritz, l. c. p. 84Google Scholar
  159. 158.
    Didaskalia, l. c. 23. Jg. 9. 7. 1841 1839 wurde in Nürnberg ein Tierschutzverein gegründet, 1841 in Frankfurt/M, 1842 in München und Berlin — cf hierzu besonders Didascalia, l. c. 22. Jg. 22. 1. 1844Google Scholar
  160. 159.
    ibid, 19. Jg. 9. 7. 1841Google Scholar
  161. 160.
    cf z. B. neben dem bereits zitierten Buch von Nieritz: Gespräch einer Mutter mit ihren Kindern Karl und Sophie, ein Versuch, Kindern Abscheu gegen das Quälen der Thiere einzuflößen, und ihr Mitleid für sie zu erregen, Sulzbach 1844, und: Mary Elliot, Die gequälten Thiere, oder bestrafte Grausamkeit (The dumb animals), Berlin 1836 ferner: Verein gegen Thierquälerei zu Berlin (ed.), Der kleine Thierfreund. Zur Belehrung und Ermunterung der Jugend, Berlin 1848Google Scholar
  162. 161.
    cf Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, l. c. p. 15–23Google Scholar
  163. 162.
    cf p. 98 dieser ArbeitGoogle Scholar
  164. 163.
    Vogt, l. c. p. 13Google Scholar
  165. 164.
    Diese Verlustliste wird von Christa Hunscha aufgemacht, In: Ch. H., Struwwelpeter und Krümelmonster. Die Darstellung der Wirklichkeit in Kinderbüchern und Kinderfernsehen, Frankfurt/M 1974, p. 121Google Scholar
  166. 165.
    Die höchste Sterblichkeitsrate weist Schlesien auf, cf Kulischer, l. c. p. 10 f; im 18. Jh. sterben 48,6% der Nürnberger Kinder vor dem 6. Geburtstag, 52,7% vor Vollendung des 13. Lebensjahres, nach Möller, l. c. p. 30, 189–193. Kuczynski gibt eine Statistik wieder (1835 veröffentlicht), nach der sich aus der Gegenüberstellung von Lebenschancen der Kinder aus »fürstlichen und gräflichen Familien« und der Kinder der Stadtarmen ergibt, daß »von den Kindern der Reichen … in den ersten 15 Lebensjahren noch nicht zehn Prozent, von denen der Armen fast die Hälfte« sterben. Jürgen Kuczynski, Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1789 bis 1849, Berlin 1961, p. 315Google Scholar
  167. 166.
    Kerndörffer, l. c. p. 9, oder das folgende Beispiel: »Einst befand sich Nettchen auf einem Ball, tanzte auf demselben unmäßig und ließ sich durch keine Ermahnungen ihrer Freundinnen davon abhalten. Tags darauf bekam Nettchen Bluthusten … und Nettchen starb an der Schwindsucht, als ein Opfer ihrer Unmäßigkeit.« Lange, l. c. p. 52Google Scholar
  168. 167.
    Goethes Werke, l. c. Bd. 5, p. 27Google Scholar
  169. 168.
    cf Rang, l. c. p. 185Google Scholar
  170. 169.
    »Struwwelpeter« und Hanns Guck-in-die-Luft« werden von einer fiktiven Öffentlichkeit ausgelacht, cf p. 132 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  171. 170.
    cf p. 28 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  172. 171.
    cf Bacherler, l. c. p. 218, Beispiele in: Johann Andreas Loehr, Mancherlei Begebenheiten aus dem Leben des kleinen Andreas. Ein Büchlein für Kinder, Leipzig 1820, p. 68 und Rochow, l. c. p. 31 Daß auch das öffentliche Ausgelachtwerden darauf abzielt, Scham und Kritik im Inneren des Individuums zu etablieren, zeigt besonders deutlich das folgende Beispiel: »Nun ließ ihn seine Mutter vor der Thüre knien, und die Jungen, die in der Nähe waren, erfuhren seine Aufführung, und lachten ihn aus. Ludwig hätte vor Schaam in die Erde sinken mögen, und wenn er dann wieder einen Teller oder eine Schüssel benaschen wollte, so war es ihm, als ständen die Jungen, die ihn ausgelacht hatten, daneben und so blieb Essen und Trinken unbenascht.« (Hervorheb. MLK) Bilder-Buch oder Erzählungen mit illuminirten Kupferstichen zur Unterhaltung für Kinder, Dresden 1790, p. 8Google Scholar
  173. 172.
    Glatz, Die Familie von Karlsberg, l. c. 2. Teil, p. 42Google Scholar
  174. 173.
    Kleine Geschichten …, l. c. p. 219 f cf außerdem Anm. 138Google Scholar
  175. 174.
    So zeigt die Geschichte »Der Apfeldieb«, »wie leicht aus einem kleinen Verbrecher ein großer wird«: als Kind nascht er, als Halbwüchsiger wird er »Mitglied einer Diebsbande«, schließlich lesen die Eltern »in den öffentlichen Blättern, daß er auf dem Schafott geendet habe«. Sternau, l. c. p. 162–176 Dieser Autor degradiert in einer anderen Geschichte seinen Helden »Zacharias Faulbauch«, Sohn eines Fabrikanten, zum Bauernknecht, und erst als der in sich geht, heißt es: »so kannst du wahrhaftig noch etwas Besseres werden, als ein Bauer, so achtenswerthe Menschen übrigens die Landleute sind.« ibid, p. 182–186Google Scholar
  176. 175.
    Bildtafel in: Bilder-Allerley aus dem Gebiete des Guten, Wahren, Nützlichen und Schönen. Ein Wochengeschenk für gute Kinder, Leipzig 1788, im Kapitel über Strafen (p. 235–240). Das Bild zeigt im Hintergrund drei Menschen, die am Galgen hängen, im Vordergrund sind zwei Erwachsene, darunter eine Mutter mit einem Kind auf dem Arm, und zwei Kinder, von denen eines auf den Galgen zeigt, dargestellt. cf außerdem Anm. 138Google Scholar
  177. 176.
    Karl August Musäus, Moralische Kinderklapper für Kinder und Nichtkinder. Nach dem Französischen des Herrn Monget, Gotha 1788, p. 87 f Der Lebenslauf des Diebes, der schon als Kind hartherzig war — Tiere quälte, Schulkameraden ein Bein stellte etc. — wird ausführlich beschrieben. (p. 90 f)Google Scholar
  178. 177.
    zitiert nach: Zur Literatur des Vormärz 1830–1848, 8. durchgesehene und ergänzte Auflage, Berlin 1967, p. 66Google Scholar
  179. 178.
    cf Kap. III, 4Google Scholar
  180. 179.
    Rousseau versucht, um Erwachsene von affektiven Zorn- und Gewaltausbrüchen abzuhalten, sie von ihrer prinzipiellen Überlegenheit gegenüber Kindern zu überzeugen: »Das offen unterdrückte Kind bietet allen Scharfsinn, welchen das sich selbst überlassene Kind zur Erhaltung seiner Person angewendet hätte … nun auf, seine Freiheit aus den Banden seines Tyrannen zu retten … Schlage mit deinem Zögling den entgegengesetzten Weg ein; möge es immerhin glauben der Herr zu sein, wenn du es nur stets in der That bist. Keine andere Unterwürfigkeit ist so vollkommen, als diejenige, welche den Schein der Freiheit bewahrt, dadurch nimmt man den Willen selbst gefangen. Steht denn das arme Kind, welches nichts weiß, nichts kann, nichts kennt, nicht völlig in deiner Gewalt? Verfügst du nicht vermöge des Verhältnisses, in welches du zu ihm getreten bist, über seine ganze Umgebung? Hängt es nicht von dir ab, in jeder Weise auf dasselbe bestimmend einzuwirken? Liegen nicht alle seine Arbeiten, seine Spiele, seine Vergnügungen, seine Strafen ohne sein Wissen sämmtlich in deinen Händen? Allerdings soll es nur thun was es selbst will, aber es darf nur das wollen, was mit deinem Willen übereinstimmt; es darf nicht einen einzigen Schritt thun, den du nicht vorausgesehen hast; es darf den Mund nicht öffnen, ohne daß du weißt, was es sagen will.« (l. c. p. 172)Google Scholar
  181. 180.
    ibid, p. 102 fGoogle Scholar
  182. 181.
    »die Gewalt, die er [J. J. Rousseau, MLK] einsetzt … versteckt sich hinter Naturnotwendigkeiten, hinter Tatbeständen, Umständen und Verhältnissen, die sich scheinbar unmittelbar als Folge der Handlungen des Zöglings ergeben, wie zerbrochene Fensterscheiben, Zugluft, unwegsame Dickichte oder Einladungen zu Kuchen oder Kakao — aber sie sind alle arrangiert und durch Gewalt zusammengehalten. Die Situationen, in die Rousseau Emile hineinführt, gleichen denen von Ratten in Skinners Versuchskäfigen … Rousseau hat nicht nur auf die Eigenart des Kindes hingewiesen, er hat auch die Erziehung als Manipulation von Situationen erfunden.« Schulze, l. c. p. 289Google Scholar
  183. 182.
    Zunächst ist es die pädagogisch theoretische Literatur der Aufklärung, die sich gegen das Erschrecken der Kinder wendet: »Ein allgemeines Verfahren ist es in der ersten Erziehung der Jugend um das Abschröcken der Kinder durch fürchterliche Gegenstände und Erzählungen, so oft es darauf ankömmt solche von etwas abzuhalten oder ihnen zu drohen … da giebt es zu seiner Zeit noch sog. Beizmarten, Beiznickel, der Knecht Rupprecht, Christkindel, welche des Nachts herum laufen, und den Kindern in Dörfern und Städten vor Aengsten die Gichter einjagen. Kaum hat bei uns ein Kind einige nur wenige Begriffe, so sucht man ihm den Kopf mit Schröckbildern anzufüllen — laß’s liegen, es beißt! … es frißt dich! heißt es überall« Frank, l. c. Bd, 2, p. 242 f Frank erwähnt interessanterweise eine Würzburger Verordnung von 1756 gegen das Schreckeinjagen, besonders am Vorabend zum Nikolaustag und an Weihnachten. (ibid) Später unternimmt es die Kinderliteratur, den Kindern die Angst vor Schreckgestalten abzugewöhnen, besonders anschaulich ist eine Geschichte Kerndörffers: »Der Popanz ›Ach! — ach liebe Mutter!‹ — stammelte Hermann und konnte vor Schreck kaum diese Worte hervorbringen, — ›ein fürchterlicher schwarzer Popanz! — draußen steht er vor der Thüre.‹ ›Was Popanz!‹ — sagte die Mutter unwillig, ›pfuy Hermann, ich glaube du fürchtest dich und bist aus Furcht vor einem Nichts davon gelaufen, da ich dir doch so oft gesagt habe, daß nur der Lasterhafte und Bösewicht sich zu fürchten braucht … wer aber immer gut und fromm ist, und ein gutes Gewissen hat, der braucht sich vor nichts zu fürchten … es giebt durchaus keinen Popanz … aber die thörichte Furcht und das böse Gewissen lassen in jedem Schatten einen Popanz erblicken‹«, als der sich als Schornsteinfeger entpuppt, meint Hermann: »›Hätte ich gewußt, daß dieser Popanz ein Schornsteinfeger und ein Mensch sey als ich, so hätte ich mich nicht vor ihm gefürchtet … aber ich hielt ihn wenigstens für einen Mohren?‹ ›Nun und wenn er auch ein Mohr gewesen wäre?‹ — fuhr die Mutter fort; ›ein Mohr ist so gut ein Mensch als du, obgleich er schwarz von Farbe ist, so schwarz sein Gesicht, so gut und menschenfreundlich kann sein Herz seyn!‹« Darauf schließt die Mutter eine Unterhaltung über die Unterschiede der Hautfarben an. (l. c. p. 131–134) Loehr berichtet in seinem autobiographisch gefärbten Kinderbuch über den Knecht Ruprecht: »Konnten sie das nun vor Angst und Zagen nicht (Beten, MLK), so drohte er, die gottlosen und unfleißigen Kinder, die nicht einmal beten könnten, zu stecken in seinen großen schwarzen Sack, und sie mit sich fortzunehmen … ›Litten denn aber die Aeltern das Unwesen‹ — ›Die meisten litten es nicht … Viel andere Aeltern aber sahen es ganz gern, wenn ihre Kinder ein wenig eingefürchtet wurden. Sie dachten, das könne ja gar nicht schaden, sondern nur helfen, denn die Kinder würden um so eher ihre Unbändigkeit ablegen und desto fleißiger beten und lernen … So dachten sie; aber jetzt denken die Aeltern gar nicht mehr so, sondern ganz anders, und unsere Kinder wissen nur noch aus alten Erzählungen, welch ein gefährlicher Mann Knecht Ruprecht war.‹« Loehr, l. c. p. 27 fGoogle Scholar
  184. 183.
    Es scheint nicht ganz ausgeschlossen, daß Hoffmann Rousseau selbst, der dem 19. Jh. als Repräsentant der gesamten Aufklärungspädagogik gilt, karikieren wollte, wird doch zudem ihm, der angeblich die eigenen Kinder ins Findelhaus gegeben habe, immer wieder die Diskrepanz zwischen pädagogisch-aufklärerischer Theorie und der eigenen Praxis vorgeworfen. Rousseau mußte einen Katheter tragen und versteckte diesen unter seinem »armenischen Kostüm«, einem langen Überrock mit Gürtel, einem Kaftan und einer Pelzmütze. Rousseau wurde wegen dieser Kleidung auf der Straße verfolgt und ausgelacht, bis er sich endlich entschloß, Môtiers, seinen damaligen Wohnort, zu verlassen. Mit der Pelzmütze haben ihn verschiedene Künstler portraitiert. cf Georg Holmsten, Jean-Jacques Rousseau in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (= rowohlts monographien 191), Hamburg 1972 p. 136 fGoogle Scholar
  185. 184.
    Hoffmann hat in seiner Autobiographie später begeistert den festlichen Empfang geschildert, den seine von Preußen annektierte Heimatstadt Frankfurt Kaiser Wilhelm I., dem aus der 1848er Revolution berüchtigten ›Kartätschenprinz‹, gegeben hat: »Das Wetter ist klar — kaiserlich und etwas kühl; das Barometer steht hoch, und die nächste Zukunft scheint gesichert. … In dem endlosen Fest- und Fackelzug schienen mir am gelungensten die Schulen, etwa 1500 Knaben aus 19 Schulen. Freudiges Bewegen! Gut geordnet und in festem Schritt, mit Fahnen, Fackeln und Lampions zogen die Burschen vorbei, alle die Wacht am Rhein singend. Es war rührend und freudig erhebend!« Hoffmann, Lebenserinnerungen, l. c. p. 153 f Bereits im 1851 erschienenen »König Nußknacker und der arme Reinhold« nimmt Hoffmann auf scheinbar spaßhafte Weise den später in der Reichsgründung vollzogenen Zwang zur Vereinigung widerstreitender Interessen unter preußischer Herrschaft vorweg. Bevor die erschreckten Kinder aus einer Kanone mit Zuckerwerk beschossen werden, lautet der Befehl: »Der König kommt in dieses Land. Wir machen’s Jedermann bekannt; Und Jedermann, so wird verfügt, Muß heiter sein und sehr vergnügt. Wer murrt und knurrt, und wer nicht lacht, Mit dem wird kurz Prozeß gemacht. Wer nicht mit Lichtern schmückt sein Haus, Dem bläst das Lebenslicht man aus!« Heinrich Hoffmann, König Nußknacker und der arme Reinhold, Frankfurt/M 1851, p. 11Google Scholar
  186. 185.
    cf p. 32 dieser ArbeitGoogle Scholar
  187. 186.
    Revisionswerk, l. c. 5. Teil, p. 397 f cf auch Salzmann, Anweisung …, l. c. p. VI ffGoogle Scholar
  188. 187.
    Albert Walzel versucht anhand von Abbildungen, die Vorstellung des Kinderfressers auf die Saturnsage zurückzuführen — cf Abb. p. 195 dieser Arbeit A. W., Liebeskutsche, Reitersmann, Nikolaus und Kinderbringer. Volkstümlicher Bilderschatz auf Gebäckmodeln, in der Graphik und Keramik, Stuttgart 1963Google Scholar
  189. 188.
    Eine Kritik des aufklärerischen Projektionsbegriffs, dem noch Freud verpflichtet ist, findet sich in Horkheimer Adornos »Dialektik der Aufklärung«: »Das Übernatürliche, Geister und Dämonen, seien Spiegelbilder der Menschen, die von Natürlichem sich schrecken lassen. Die vielen mythischen Gestalten lassen sich der Aufklärung zufolge alle auf den gleichen Nenner bringen, sie reduzieren sich auf das Subjekt«; die Voraussetzung der »fortschreitenden Distanz zum Objekt« sei jedoch dort nicht gegeben, »wo Gedanken und Realität nicht radikal geschieden sind.« l. c. p. 12f, 17Google Scholar
  190. 189.
    Ein — allerdings vereinzeltes — Gegenbeispiel bietet Sternau in seiner Geschichte »Der lange Kohlenpeter«, in der die grausamsten Elemente der Kinderschrecküberlieferung reaktiviert werden: »allein der lange Peter streckte die Hand nach ihm aus und fing ihn, als er eben über die Hecke wollte. Er steckte ihn nun in einen Kohlensack, den er mitgebracht hatte, und ging mit seiner Bürde nach Hause zurück, nicht achtend auf des gefangenen Tobi Bitten und Vorstellungen. Vor der Hütte zog er ihn endlich, von dem Kohlenstaube über und über schwarz und halb erstickt, aus dem Sack hervor.« Als Tobi schließlich entwischt, droht er: »wenn mir der heillose Junge wieder unter die Hände kommt, so nagle ich ihn mit Händen und Füßen an die Wand, oder ich siede ihn in Oel, oder ich verbrenne ihn in dem Kohlenmeiler.« Sternau, l. c. p. 243, 249 fGoogle Scholar
  191. 190.
    cf Anm. IV, 84Google Scholar
  192. 191.
    cf p. 52 dieser ArbeitGoogle Scholar
  193. 192.
    Nikolaustag, Weihnachten — weitere Termine bei Boesch, l. c. p. 84 fGoogle Scholar
  194. 193.
    z. B.: »Mum, mum, mum, wo seyd ihr Kinder, wo? Warumb versteckt ihr euch, was fliehet ihr mich so? Ich thu den Frommen nichts, die Bösen will ich plagen, und sie in Lech, Mägdloch, Hundsgraben, Mistgrub tragen. Wollt ihr auch böse seyn, faullenzen und nichts thun, Grumpfig und muffig seyn als wie ein phyffigs Huhn, Nichts lernen in der Schul, nichts nähen oder spinnen, Nichts betten und auffstehn, so sollt ihr nicht entrinnen, Meim alten Besenstiel, der Peitschen und der Ruth, womit ich schlagen will euch bis aufs rothe Blut: Ich will euch Händ und Füß kreuzweiß zusammenbinden, Und werfen in den Korb, auch will ich euch anzünden Euer Zöpf und Haar, das Gesicht zerkratzen, und die Nas abschneiden, und euch brav zerzaussen: über das All euer Dockwerk wegnehmen und verbrennen, Euer schönstes Sonntagskleid verschneiden und zertrennen, Die Gunckel will ich so einfüllen voll mit Rotz, Daß sie recht tropfen soll, wenn ihr als wie ein Klotz zu lang im Bette stackt und schnarcht, so will ich haspeln Die Därme aus dem Bauch, und ihn hernach mit Raspeln und Hecheln füllen ein …« etc. zitiert nach: Wolfgang Brückner, Populäre Druckgraphik Europas. Bd. III Deutschland, München 1969, p. 114Google Scholar
  195. 194.
    Zum Schneiderspott cf: Albrecht Keller, Die Handwerker im Volkshumor, Leipzig 1912, passim Im »Wunderhorn« gibt es unter vielen anderen auch ein Schneider-Lied, in dem der Schneider allen Teufeln die Schwänze abschneidet und dafür aus der Hölle gejagt wird: »Nachdem er all gemessen hat, Nahm er seine lange Scher Und stutzt den Teuflen d’Schwänzlein ab, Sie hüpfen hin und her. ›He, he, du Schneidergesell, Pack dich nur aus der Höll, Wir brauchen nicht das Stutzen, Es gehe, wie es wöll.‹« … Nach diesem kam der Luzifer Und sagt: ›es ist ein Graus, Kein Teufel hat kein Schwänzerl mehr, Jagt ihn zur Höll hinaus!‹« Wunderhorn, l. c. Bd. 2, p. 333 f. über Schneider als Schulmeister, cf Helmut König, l. c. p. 42Google Scholar
  196. 195.
    Zugleich kündigt sich damit eine satirische Form moralischer Geschichten an, wie sie bei Wilhelm Busch vollends durchgeführt ist, etwa in: »Trauriges Resultat einer vernachlässigten Erziehung« — dort rächt sich Schneider Böckel am vorwitzigen Fritzchen, der ihm ständig »Meck, meck, meck« nachruft: »So was nimmt kein gutes Ende. — Fast verging ein ganzes Jahr, Bis der Zorn in diesem Schneider Eine schwarze Tat gebar. Unter Vorwand eines Kuchens Lockt er Fritzchen in sein Haus, Und mit einer großen Schere Bläst er ihm das Leben aus.« Wilhelm Busch, Kinder seid ihr denn bei Sinnen? Wilhelm Busch — Wie ihn keiner kennt, München 1969, p. 26–32Google Scholar
  197. 196.
    cf p. 114 dieser ArbeitGoogle Scholar
  198. 197.
    in Abschnitt VI, 3Google Scholar
  199. 198.
    Darin mag allerdings auch Spott auf die reale Autorität, individuell biographisch betrachtet, auf den strengen Vater Hoffmanns, enthalten sein. Freud deutet das Zeichnen von Fratzen und Karikaturen als Verhöhnung des Vaters und meint auch im Teufel und in Schreckbildern Abspaltungen des Vaters zu erkennen. Freud, l. c. Bd. 13, p. 332Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Marie-Luise Könneker

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