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Der »Struwwelpeter« als literarisch-ästhetischer Gegenstand der Analyse

  • Marie-Luise Könneker

Zusammenfassung

Zunächst empfiehlt es sich, in einer vorläufigen Definition das wesentlich Neue der Struwwelpeter-Bildergeschichten anzugeben: Jede Geschichte stellt einen Handlungsund (oder) Bewegungsablauf mit Hilfe einer Folge einzelner aufeinander bezogener Bilder dar, der von einem jeweils mehrstrophigen gereimten Text zusätzlich beschrieben und kommentiert wird. [1]

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Anmerkungen

  1. 1.
    Diese Form der Bildergeschichte soll abgehoben werden von vielfältigen anderen Formen, etwa dem erzählenden Einzelbild und der Bildgeschichte ohne Text, dem Rebus oder dem VexierbildGoogle Scholar
  2. 2.
    cf Helmut Müller, Vorläufer, In: Klaus Doderer, Helmut Müller (ed.), Das Bilderbuch. Geschichte und Entwicklung, Weinheim und Basel 1973, p. 2–16 und p. 37–42Google Scholar
  3. 3.
    ibid, p. 12Google Scholar
  4. 4.
    »Mit der zwingenden Aufforderung zur Beschreibung, die in dergleichen Bildern liegt, rufen sie im Kinde das Wort wach … Es lernt an ihnen zugleich mit der Sprache die Schrift: Hieroglyphik. In deren Zeichen gibt man heute noch den ersten Fibelworten das Linienbild der Dinge, welche sie bedeuten, mit: Ei, Hut«; eine direkte Verbindung zur Hieroglyphik ist im Rebus hergestellt, das bekannteste der »sehr reizende[n] pädagogische[n] Rebusbücher« sind die »Sittensprüche des Buchs Jesus Sirach für Kinder und junge Leute aus allen Ständen mit Bildern, welche die vornehmsten Wörter ausdrücken«. Walter Benjamin, Aussicht ins Kinderbuch, In: Walter Benjamin, Über Kinder, Jugend und Erziehung. Mit Abbildungen aus der Sammlung Benjamin, Frankfurt/M 1969, p. 48, 50 cf auch Müller, l. c. p. 11 fGoogle Scholar
  5. 5.
    Neu-Ruppiner Bilderbogen Nr. 324, faksimiliert wiedergegeben in: Gertraud Zaepernick, Neu-Ruppiner Bilderbogen der Firma Gustav Kühn, Leipzig 1972, Abb. Nr. 70Google Scholar
  6. 6.
    Den Hinweis darauf verdanke ich Karl RihaGoogle Scholar
  7. 7.
    Die Münchener Bilderbogen, ediert von Caspar Braun und Friedrich Schneider, den Herausgebern der »Fliegenden Blätter«, erscheinen von 1849 bis 1898Google Scholar
  8. 8.
    Die erste Auflage erschien 1658; nach dem ABC-Teil wendet sich Comenius dem Makrokosmos — Gott, Himmel und Welt — zu, darauf folgen konkrete Gegenstände des täglichen Lebens, und den Schluß bildet eine Art Sittenlehre.Google Scholar
  9. 9.
    cf Dierks, l. c. p. 28–34Google Scholar
  10. 10.
    cf Müller, l. c. p. 21 fGoogle Scholar
  11. 11.
    Basedow, Elementarwerk, l. c. p. 84; cf auch: Johann Andreas Loehr, Erstes Bilderbuch zur zweckmäßigen Beschäftigung des Verstandes und zur angenehmen Unterhaltung zunächst für Kinder welche noch nicht lesen können, Leipzig 1802, zitiert in: Müller, l. c. p. 26Google Scholar
  12. 12.
    Das grosse Nürnberger ABC für Kinder, Nürnberg 1803, Faksimiledruck im Insel-Verlag, Frankfurt/M 1970, p. 7Google Scholar
  13. 13.
    Klaus Doderer, Das poetische Bilderbuch im 19. Jahrhundert, In: Doderer, Müller, l. c. p. 111Google Scholar
  14. 14.
    Das Büchlein Sing-Sang. 20 Kinderlieder mit Bildern, Berlin o. J. (um 1840)Google Scholar
  15. 15.
    Allerlei Kleinigkeiten für kleine Kinder. Bunte Bilder und lustige Reime, Stuttgart o. J. (um 1840)Google Scholar
  16. 16.
    Die Märchenausgaben der Romantik, wie auch das »Wunderhorn« selbst, sind eher auf edel-ornamentale Weise illustriert, und auch die Zeichnungen von Richter, Pocci und Hosemann halten sich vom Derb-Populären fern. cf hierzu: Oskar Lang, Deutsche Romantik in der Buchillustration, Diessen 1948, passimGoogle Scholar
  17. 17.
    Während etwa Günter Metken die Anfänge der Comics in den Kulturen des alten Orient aufsucht und im Wandteppich von Bayeux einen »frühe[n] Prototyp der Bilderzählung« erblickt, betont David Kienzle für seine Comic-Definition den medialen Aspekt der massenhaften Verbreitung: »1) There must be a sequence of seperate images; 2) There must be a preponderance of image over text; 3) The medium in which the strip appears and for which it is originally intended must be reproductive, that is, in printed form, a mass medium«. Günter Metken, Comics, Frankfurt/M 1970, p. 7 David Kienzle, The early Comic Strip, Berkeley, Los Angeles, London 1973, Bd. 1, p. 2Google Scholar
  18. 18.
    ibid, p. 4Google Scholar
  19. 19.
    So berichtet Eberhard v. Künßberg: »Man schloß am Vollstreckungstage die Schulen, damit ja der Jugend der Anblick nicht entgehe. Man betrachtete die Exekution als ein pädagogisches Schauspiel, zu dem Schulkinder und Schulmeister aufgeboten werden mußten. Nicht genug an dem, man zog die Kinder heran zur Mitwirkung … so fand man es für schicklich, daß unschuldige Kinder Sterbelieder sangen, um die Feier eindrucksvoller zu gestalten, und wenn der dem Tode Geweihte noch von der Richtstatt herunter eine fromme Ansprache an das Volk hielt, so wendete sich die Moral von der Geschichte auch hauptsächlich an die Jugend.« Eberhard Freiherr von Künßberg, Rechtsbrauch und Kinderspiel. Untersuchungen zur deutschen Rechtsgeschichte und Volkskunde, Heidelberg 1952, p. 17 fGoogle Scholar
  20. 20.
    cf Kapitel V.5Google Scholar
  21. 21.
    In der Kinderliteratur des 18. und z. T. selbst noch des frühen 19. Jhs. werden oft die lasterhaften Lebensläufe von Erwachsenen rekapituliert; so präsentiert z. B. der Autor Glatz kindlichen Besuchern eines Krankenhauses erwachsene Patienten, die »an ihrem Unglücke selbst Schuld« sind, denn »sie haben nicht so gelebt, wie Natur und Vernunft vorschreiben«, vielmehr in »früheren Jahren [sich] den sinnlichen Trieben und Lüsten überlassen«. Jakob Glatz, Die Familie von Karlsberg, Leipzig 1816, p. 194 cf auch p. 166 f dieser Arbeit Erst verhältnismäßig spät setzt sich eine Übertragung des Schemas auf das Verhalten und die Realität von Kindern allgemein durch.Google Scholar
  22. 22.
    Darin eingeschlossen ist auch die Rezeptionssituation des Jahrmarkts; eine aufschlußreiche Beschreibung liefert Jean Paul: »Anfangs zwischen den Buden; denn das vielstimmige Getümmel und die Olla Potrida von wohlfeilen Genüssen und die aufgeschlagene Musterkarte der Lumpen, aus und auf denen wir unsere Trachten und Gehäuse zusammenflicken, alles dieses senkte seine Seele in humoristisch-melancholische Betrachtungen über unser aus farbigen Minuten, Stäubchen, Tropfen, Dünsten und Punkten zusammenstoppeltes Mosaik-Gemälde des Lebens ein. Er lachte und hörte mit einer nur wenigen Lesern begreiflichen Rührung einen Bänkelsänger an, der gellend mit seinem Rhapsoden-Stabe in der einen Hand auf das illuminierte große Blatt eines gräulichen Mordes hindeutete, und in der andern gedruckte kleinere Blätter mitteilte, worin das Unglück und der Mörder mit keinen hellern Farben als mit poetischen den Deutschen vorgemalt waren. Siebenkäs machte eine Bestellung von zwei Exemplaren, die er einsteckte, um sie abends zu lesen.« (Hervorhebung vom Verf.) Jean Paul, Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel, Hamburg 1957, p. 60 Siebenkäs’ Rührung läßt sich deuten als die des Schriftstellers, der hier noch die unmittelbare, sinnlich-spontane Beziehung des künstlerischen Produzenten — mit der Bezeichnung »Rhapsode« ordnet Jean Paul den Bänkelsänger in die literarische Tradition ein — zum Publikum erlebt, die sich gleichwohl zum vermittelten, abstrakten Medium des Gedruckten zu verlängern sucht. Der Bänkelsänger säkularisiert jedoch auch die Rolle des Predigers, der in der Kirche den Gläubigen (und Ungläubigen) die auf den Flügelaltären dargestellten und ohne Kommentar Laien kaum verständlichen Geschichten erklärt. cf etwa das Altarbild mit Stationen aus dem Leben der hl. Anna im Historischen Museum FrankfurtGoogle Scholar
  23. 23.
    cf p. 24 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  24. 24.
    Auch die Beziehung, die Basedow in seinen Texten zu den Tafeln Chodowieckis herstellt, kann an manchen Stellen die Verwandtschaft zur moralisierenden Sensationsberichterstattung des Bänkelsängers nicht verleugnen. cf Anm. V, 138Google Scholar
  25. 25.
    cf hierzu: Karin Dörner, Die deutsche Kinder- und Jugendbuchillustration von 1770 bis 1860 (Diplomarbeit), Leipzig 1965Google Scholar
  26. 26.
    Zu den bei Kühn erschienenen Bildergeschichten cf Zaepernick, l. c. p. 37–40Google Scholar
  27. 27.
    cf p. 194 f und p. 227 dieser ArbeitGoogle Scholar
  28. 28.
    ibid p. 168–171Google Scholar
  29. 29.
    cf hierzu: Robert Herlinger, Geschichte der medizinischen Abbildung I. Von der Antike bis um 1600, 2. verb. Aufl. München 1967, p. 29–31, 37, 57, 62 f, 94 f und p. 9 dieser ArbeitGoogle Scholar
  30. 29a.
    Es scheint so, als bereite in Deutschland die verzerrt-typisierende Darstellung von Angehörigen der verschiedenen Stände die physiognomischen Karikaturen von Politikern vor: »Was nun den Gewerbtreibenden Stand anbetrifft, so muss hier zuvörderst an eine Gattung von Bildern erinnert werden, welche jetzt ganz verschwunden ist, an die sogenannten Handwerkerbilder. Auf Duodezblättchen war ein junger Handwerker, Fleischer, Schuster, Maurer u. s. f. mit einem jungen Mädchen, das gewöhnlich einen Korb am Arm trug, als im Gespräch begriffen, dargestellt. Darunter standen dann sehr zweideutige, ja frech obscöne Verse … Auf einem andern Bogen sieht man Schuster, Schneider und Tischler so dargestellt, wie Stirn, Auge, Nase, Mund sich bis zum Eckigen der Carricatur bei ihnen ausgebildet hat. Mit instinctmässigem, physiognomischen Tact haben die Figuren nur die Ueberschriften: Ich ziehe, ich steche, ich stosse! Denn in der That erklärt diese Hauptbewegung ihres Geschäfts ihre Physiognomie.« Carl Rosencranz, Die Bilderliteratur des deutschen Volkes, In: C. R., Zur Geschichte der deutschen Literatur, Königsberg 1836, p. 264 fGoogle Scholar
  31. 30.
    Schon Heine macht sich 1819 über den Plan lustig, in Frankfurt für ein Goethe-Denkmal zu sammeln (l. c., Bd. 1 p. 32), und später gibt ihm und der Karikatur die 1842 vollendete Walhalla den Anlaß für einen weiteren ironischen Kommentar. Ludwig I. von Bayern läßt dort die Büsten berühmter Deutscher aufstellen: »Bei Regensburg läßt er erbaun Eine marmorne Schädelstätte, Und er hat höchstselbst für jeden Kopf Verfertigt die Etikette ›Walhallagenossen‹, ein Meisterwerk, Worin er jedweden Mannes Verdienste, Charakter und Taten gerühmt, Von Teut bis Schinderhannes« ibid p. 164 Von Heinrich Hoffmann weiß der Chronist zu berichten: »Vom ersten Sängerfest in Frankfurt 1838 an begleitete er die Ereignisse der deutschen Geschichte mit begeisterten oder kritischen Versen — ein Künstler der Freiheit und der Einigkeit. In seiner Vaterstadt gab es keine Erinnerungsfeier oder Denkmalsenthüllung — ob es sich um Gutenberg, Goethe, Schiller oder Senckenberg handelte —, an der nicht Hoffmann geistvolle Dichtungen vorgetragen oder witzsprühende Festreden gehalten hätte.« Friedrich Schmidt, Wer war der Verfasser des Struwwelpeter, In: Eltern und Schule, ed. von Elternbeiräten in Baden-Württemberg, 14/1963, H. 12, p. 9Google Scholar
  32. 31.
    cf p. 194 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  33. 32.
    Das vermindert jedoch m. E. nicht die pädagogische Wirksamkeit, wie z. B. Müller (H. M., Der »Struwwelpeter«, l. c. p. 60) meint; die Signifikanz des über das Zufällige und Individuelle hinausgehenden Zeichens spricht eher für das Gegenteil — vermag doch die komplexe erlebte Situation nur in prägnant verkürzter, verdichteter Form eine bleibende Erinnerungsspur zu hinterlassen.Google Scholar
  34. 33.
    Erst in der endgültigen Fassung von 1858 ist in dem aufgeschlagenen Bilderbuch die »Struwwelpeter«-Figur zu erkennen.Google Scholar
  35. 35.
    cf p. 143 dieser ArbeitGoogle Scholar
  36. 36.
    Alle drei lachen gleichzeitig den vorbeispazierenden Mohren aus, dem Text nach betreten zunächst alle drei Buben nacheinander die Szene.Google Scholar
  37. 37.
    Wilhelm Hey, Otto Speckter (Illustrator), Noch fünfzig Fabeln für Kinder, Hamburg 1837Google Scholar
  38. 38.
    Carl Peter Geißler, Mährchenkranz für gute Kinder, Stuttgart 1843Google Scholar
  39. 39.
    cf Walter Benjamin, Der destruktive Charakter, In: W. B., Illuminationen, Ausgewählte Schriften, Frankfurt/M 1961, p. 310 ffGoogle Scholar
  40. 40.
    cf Anm. 53Google Scholar
  41. 41.
    Eine solche Zauberscheibe wird bereits ausführlich und genau beschrieben in: Das Pfennigmagazin für Kinder. Erscheint alle Sonnabende. Nr. 1–52 Januar bis Dezember, Leipzig 1834, p. 223Google Scholar
  42. 42.
    Günter Metken macht auf den Zusammenhang von Wilhelm Buschs Bildergeschichten und den »Vorformen der Kinematographen« aufmerksam. l. c. p. 20Google Scholar
  43. 43.
    Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, p. 400 fGoogle Scholar
  44. 44.
    cf Anm. III, 79Google Scholar
  45. 45.
    Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, l. c. p. 170 und dazu die Anm. 17. p. 182 fGoogle Scholar
  46. 46.
    Im Unterschied zur Bildergeschichte ordnet sich im Comic der Text ganz dem Bild unter. cf Alfred Clemens Baumgärtner, Die Welt der Comics als semiologisches System. Ansätze zur Decodierung eines Mythos, In: Vom Geist der Superhelden. Comic Strips. Zur Theorie der Bildergeschichte, München 1973, p. 101 f, ferner: Marietheres Doetsch, Comics und ihre jugendlichen Leser, Frankfurt/M 1968, p. 35 fGoogle Scholar
  47. 47.
    cf Anm. VI, 67 Mit ihrem Wechsel an vorüberziehenden Szenen, Illuminationen, Bekränzungen und farbigen Kostümen lassen sich festliche Umzüge und Prozessionen als lebendige Bildergeschichten auffassen. Eine Schilderung solcher Umzüge bei: Heinz Lenhardt, Feste und Feiern des Frankfurter Handwerks. Ein Beitrag zur Brauchtumsund Zunftgeschichte, Frankfurt/M 1951, besonders p. 10–33, ferner: Friedrich Bothe, Brauch und Sitte im alten Frankfurt, Frankfurt/M 1941, p. 28–40 Während in den Umzügen selbst das spielerisch-sinnliche Moment allmählich verschwindet (so berichtet Lenhardt, daß an Fastnacht 1838 beim Festzug der Bender die traditionellen Reiftänze durch den Vortrag von Widmungsgedichten ersetzt wurden), übernimmt die illustrierte Presse das formale Schema.Google Scholar
  48. 48.
    Malewitsch, der sein berühmtes schwarzes Quadrat als Nullform bezeichnet, bezieht den Vorgang äußerster Reduktion auch auf das eigene Erleben: »Ich habe mich selbst in die Null-Form transformiert«, zitiert nach: Hannah Weitemeier, Gedanken zu Laszlo Moholy-Nagy, In: Laszlo Moholy-Nagy, Stuttgart 1974, p. 142Google Scholar
  49. 49.
    cf Karl Riha, Karikatur und Physiognomik. Anmerkungen zum frühen Daumier, In: Honoré Daumier und die ungelösten Probleme der bürgerlichen Gesellschaft (Ausstellungskatalog), Berlin 1974, p. 31 f und den Bericht Heines über die Entstehung der »Birne« und die sich daraus entwickelnden Schwierigkeiten der Gerichte, In: Französische Zustände, Artikel I, l. c. Bd. 4, p. 29 fGoogle Scholar
  50. 50.
    Eines der besten Beispiele ist das im Bildteil wiedergegebene Blatt, auf dem die Verarmung des Arbeiters als kontinuierliches Abmagern bis hin zum Totengerippe dargestellt wird. Es ist das visuelle Pendant zu Weerths »Hungerlied« und dem »Lied vom Hungernden Kind« — cf p. 158 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  51. 51.
    Allgemeines Grundschema der Phasenbilder scheint die stufenförmige Darstellung der Lebensalter zu sein, die mit dem Kleinkindalter beginnt, den Höhepunkt etwa beim dreißigjährigen Erwachsenen ansetzt, um dann bis zum Greisenalter und schließlich dem Tod abzusteigen. Während sich hier auch der zeitliche Ablauf als hierarchische Abfolge darbietet, kommt eine kontinuierliche Entwicklung erst Ende des 18. Jhs. ins Bild. cf. Kienzle, l. c. p. 5 fGoogle Scholar
  52. 52.
    Hoffmann zeigt sich auch hier populären Mustern verpflichtet. In den Neuruppiner Bilderbogen macht sich in den 50er Jahren eine Tendenz zu neuer Prächtigkeit bemerkbar — vor allem »dilettantische Kopien zeitgenössischer Künstler« werden mit »reich verschnörkelten, zitronengelb kolorierten ›Goldrahmen‹« umgeben. cf Zaepernick, l. c. p. 33 Sicher das bekannteste und schönste »Goldrahmen-Bild« stellt »Metschunka, die Lieblingssklavin Abd’ el Kaders« dar, wiedergegeben in: Populäre Graphik des 19. Jhs. Sammlung Günter Böhmer (Ausstellungskatalog), München, Berlin 1970, Abb. 267 Hoffmanns Neigung zum Selbstzitat mag ihn bewogen haben, in der zweiten Fassung des damals schon berühmten »Struwwelpeter« die letzte Geschichte derart ›einzurahmen‹.Google Scholar
  53. 53.
    So berichtete mir Volker Klotz, daß seine Kinder sich vorstellten, das Blut von Konrads abgeschnittenem Daumen könne dem Konrad auf dem letzten Bild darunter auf den Kopf tropfen und man müsse daher einen Kanal anlegen, um es abfließen zu lassen. Die Hoffmannsche Form der Bildergeschichte oktroyiert noch nicht wie die Schrift und später der Comic den ein für allemal festgelegten Ablauf von links nach rechts, sondern läßt dem Kind die Möglichkeit, andere räumliche Beziehungen zwischen den einzelnen Bildern herzustellen und so eigene Geschichten zu erfinden. cf p. 66 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  54. 54.
    Die zweite Fassung wird deshalb vor allem von Bogeng scharf kritisiert (l. c. p. 68 f), Bogeng war jedoch noch nicht bekannt, daß Hoffmann selbst die Umzeichnung angefertigt hat, da das nach Amerika gelangte Manuskript erst nach Kriegsende wieder in Deutschland auftauchte.Google Scholar
  55. 55.
    Eher könnte man den umgekehrten Vorgang annehmen: der Erwachsene sieht das Kind als willkürlich manipulierbares Gliederpüppchen.Google Scholar
  56. 56.
    cf p. 113 dieser ArbeitGoogle Scholar
  57. 57.
    Diesen Aspekt hebt auch Kafka in seiner Erinnerung hervor, die er im »Brief an den Vater« mitteilt: »Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, daß der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht auf die Pawlatsche tragen konnte und daß ich also ein solches Nichts für ihn war.« Franz Kafka, Brief an den Vater, München 1960, p. 10Google Scholar
  58. 58.
    Hoffmann erhebt den Hasen in der Schuß-Szene noch zusätzlich, indem er ihn auf einen Hügel stellt, cf p. 116 und 118 dieser ArbeitGoogle Scholar
  59. 59.
    Wolfgang Kayser, Geschichte der deutschen Ballade, Berlin 1936, p. 190Google Scholar
  60. 60.
    cf p. 116 dieser ArbeitGoogle Scholar
  61. 61.
    Gegen die »Hosensklaverey« und für den Kittel spricht sich vor allem Johann Bernhard Faust aus (l. c. p. 44–89), über die »Reformtracht« der Kinder cf ferner: Friedrich Hottenroth, Altfrankfurter Trachten, Frankfurt/M 1912, p. 227Google Scholar
  62. 62.
    cf Kapitel VI, 4Google Scholar
  63. 63.
    Eine schwarze Krawatte kennzeichnet den Jakobiner — cf: Ludmilla Kyblovà, Olga Herbanovà und Milena Lamarovà, Das große Bilderlexikon der Mode. Vom Altertum bis zur Gegenwart, Prag 1966, p. 273 und Ruth Klein, l. c. p. 236 Hottenroth berichtet über die Kleidung der sog. »Ultralen«, d. h. der radikalen Demokraten der dreißiger Jahre, folgendes: »Braun und Olivgrün hatten sich als Überreste aus der französischen Revolutionszeit erhalten« und führt über die politische Signifikanz der Kleidung aus: »Der ›Ultrale‹ wurde zur Karikatur; aber er widerstand und was er nicht mit Sprache undGoogle Scholar
  64. 64.
    cf p. 208 dieser ArbeitGoogle Scholar
  65. 65.
    ibid p. 199 fGoogle Scholar
  66. 66.
    ibid p. 134 Schreibfeder sagen durfte, sagte er durch seine Kleidung.« l. c. p. 277 fGoogle Scholar
  67. 67.
    Es sei denn, den lesenden Kindern, die das Urteil des Autors und der von ihm beschworenen Öffentlichkeit (»ein jeder«) nachvollziehen sollen — daher betont Walter Scherf die entlastende Funktion des Struwwelpeter-Bilderbuches, das »den Unarten seiner Betrachter Projektionsfiguren anbietet … auf die man nur allzu gern die den Familienfrieden untergrabenden Unarten werfen und dann vergnügt aus eigener Sicherheit beobachten kann, was daraus wird«. Walter Scherf, Vom Handwerk der Bilderbuchrezension, In: Alfred Clemens Baumgärtner, Aspekte der gemalten Welt, Weinheim 1968, p. 143 fGoogle Scholar
  68. 68.
    cf Arwed D. Gorella, Realismus und Antizipation in der Lithographie ›Liberté de la Presse‹ von Honoré Daumier, In: Kunst der bürgerlichen Revolution, l. c. p. 135–143 und: Friedrich Kniiii, ›Der wahre Jakob‹ — ein linker Supermann? Versuch über die Bildsprache der deutschen Sozialdemokratie, In: Comic Strips. Geschichte, Struktur, Wirkung und Verbreitung der Bildergeschichten, Berlin 1970 (Ausstellungskatalog), p. 12–20 Wie differenziert Hoffmann in einer Art »Adhoc-Allegorie« (Kniiii, ibid p. 17) die Handbewegungen einsetzt, zeigt sich im »Suppen-Kaspar«: hier läßt Hoffmann Kaspar die eine Hand in trotzigem Widerstand zur Faust ballen, während die andere abwehrend die Suppe zurückweist.Google Scholar
  69. 69.
    Kniiii interpretiert das in der Halbtotalen gegebene Verhältnis von Sehachse und Handlungsachse als Ausdruck kritischer Distanz des Autors zu seiner dargestellten Figur.Google Scholar
  70. 70.
    Friedrich Theodor Vischer, Satirische Zeichnung. Gavarni und Toepffer. Mit einem Zusatz über neuere deutsche Literatur, In: Kritische Gänge Bd. 5, 2. vermehrte Auflage, München 1922, p. 317Google Scholar
  71. 71.
  72. 72.
    cf p. 170 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  73. 73.
    Man kann nicht ausschließen, daß Hoffmann diese oder ähnliche Kinderbücher in Frankfurt auf der Messe zu Gesicht bekommen hat, bzw. daß über die Adaption deutscher Illustratoren sich Anregungen nachweisen ließen. Solange jedoch keinerlei brauchbare, vom Material her fundierte Untersuchung über die Beziehungen der deutschen zur englischen und französischen Kinderliteratur vorliegt, sind hier nur Spekulationen möglich. Die im Bildteil wiedergegebenen Abbildungen sollen daher nur Vergleiche ermöglichen, nicht etwa ›Einflüsse‹ nachweisen — cf hierzu p. 5 dieser ArbeitGoogle Scholar
  74. 74.
    Im Bett trägt Friedrich dann — ein Detail, das Hoffmann in der zweiten Fassung allerdings wegläßt — eine Zipfelmütze, typische Kopfbedeckung des zur Passivität verdammten deutschen Michel — cf hierzu: Anton Zempes, Chronologie der Kopfbedeckungen in dem merkwürdigsten aller Jahre 1848, Wien 1848 außerdem p. 101 dieser ArbeitGoogle Scholar
  75. 75.
    Vischer, l. c. p. 291Google Scholar
  76. 76.
    cf hierzu: Hella Dunger, Jochen Heyermann, Friedrich Kniiii, Erwin Reiss, Karin Reiss, Comic — Vorschule des Fernsehens, In: Dietger Pforte (Hrsg.), Comics im ästhetischen Unterricht, Frankfurt/M 1974, p. 172–247Google Scholar
  77. 77.
    ibid, p. 190 fGoogle Scholar
  78. 78.
    Kniiii spricht in einem ähnlichen Fall von einer »Ambivalenz von Demonstratio coram publico … und Demonstratio ad picturam«, mit der »der Kommunikator seinen Kommunikanten ins Vertrauen« zieht. Kniiii, Der wahre Jacob, l. c. p. 16Google Scholar
  79. 79.
    James Krüss bezeichnet das Bilderbuch, durch das das Kind die Welt kennenlernt, als »Zeigefingerwelt« und hält den »Zeigefinger in der Kinderliteratur« auch für die moralische Belehrung angebracht. James Krüss, Naivität und Kunstverstand. Gedanken zur Kinderliteratur, Weinheim, Basel, Berlin 1969, p. 161–165Google Scholar
  80. 80.
    Dunger u. a., l. c. p. 195–205Google Scholar
  81. 81.
    ibid, p. 198Google Scholar
  82. 82.
    Dem dramatischen Aufbau der balladesken Form fügen Bilder, die als Wechsel von Auftritten und Szenen aufgefaßt werden können, die visuelle Ebene hinzu — machen den dargestellten Vorgang ›theatralisch‹, während das Geschehen, das als Folge von Bewegungsausschnitten abläuft, eher epischen Charakter hat. Den Widerspruch, der erst in der neuen Form des Film »aufgehoben« (im Sinn Hegels) wird, bezeichnet bereits Vischer in seinem Kommentar zu Toepffers »Bilderromanen«: »Das Sukzessive aber behandelt Toepffer in seiner phantastischen Weise gern so, daß er dieselbe Handlung … in mehreren unmittelbar aufeinander folgenden Momenten darstellt … Im Epischen dieses Verfahrens ist nun freilich dieses wiederholte Einführen desselben Subjekts in mehreren unmittelbar aufeinander folgenden Momenten derselben Handlung wieder dramatisch zu nennen, es ist ganz, als sähen wir den geistreichsten komischen Schauspieler vor uns, der das Motiv der einzelnen Situationen durch alle seine Folgen und Wendungen mit der behaglichsten Gründlichkeit durchführt.« l. c. p. 292 fGoogle Scholar
  83. 83.
    cf p. 24 und p. 108 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  84. 84.
    cf Anm. 97Google Scholar
  85. 85.
    cf Anm. 145 aGoogle Scholar
  86. 86.
    cf Anm. 99Google Scholar
  87. 87.
    Auf die Abwesenheit der Erzieher machen auch Ellen und Jochen Vogt aufmerksam: »Das hat einen handlungsimmanenten Grund: Anwesende Eltern könnten das Schlimmste verhüten, das hier in der Beispielerzählung als Abschreckungsmittel gerade erwünscht ist. Das besitzt aber auch eine psychologische Dimension: Alleinsein ist die Bewährungssituation für das bürgerliche Individuum im allgemeinen, für das Kind im besonderen. In ihr erweist sich, ob die Innensteuerung des Verhaltens, ihrerseits aufgebaut durch oft wiederholte äußere Lenkung, schon verläßlich funktioniert.« l. c. p. 16Google Scholar
  88. 88.
    cf p. 79 dieser ArbeitGoogle Scholar
  89. 89.
    ausgeführt in Kap. VI, 2Google Scholar
  90. 90.
    F. C. Delius, Der Held und sein Wetter, München 1971, p. 129Google Scholar
  91. 91.
    Das Talionsprinzip und die »spiegelnde Strafe« sind zwar durchaus Bestandteil ältester Rechtssprechung — neu in der von Rousseau inspirierten Pädagogik ist, daß die Bestrafung sich abgelöst von einem Urteilsspruch, wie von selbst, ›automatisch‹ vollziehen soll: cf Kap. V, 5Google Scholar
  92. 92.
    Dreßler, Der philosophische Gehalt des Struwwelpeter, In: Süddeutsche Monatshefte, 5. Jg. (1908) Heft 7, p. 22Google Scholar
  93. 93.
    cf p. 206 dieser ArbeitGoogle Scholar
  94. 93a.
    Eben dies stellt Volker Klotz auch für die Personen Karl Mays fest: »Was sie sind oder tun, ist an äußeren Zeichen kenntlich. Der Charakter wird nicht erzählt oder erörtert, er wird in Handlungen, Physiognomien, Kleidern und Geräten manifest … ihre Eigenart ist attributiv.« Volker Klotz, Durch die Wüste und so weiter. Zu Karl May, In: Gerhard Schmidt-Henkel, Horst Enders, Friedrich Kniiii, Wolfgang Maier (ed.), Trivialliteratur. Aufsätze, Berlin 1964, p. 49Google Scholar
  95. 94.
    cf Anm. 91Google Scholar
  96. 95.
    cf p. 198 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  97. 96.
    Über den Zweizeiler als mögliches Grundelement einer neuen Dramenform — etwa nach Art der »Blechschmiede« von Arno Holz — cf Karl Riha, Cross-Reading und Cross-Talking, Zitat-Collagen als poetische und satirische Technik, Stuttgart 1971Google Scholar
  98. 97.
    Elise Riesel, Der Stil der deutschen Alltagsrede, Leipzig 1970, p. 198 Gerhard Schaub spricht von einer »dem Kinderlied und Volksmärchen entlehnten Kettentechnik, bei der die verschiedenen Motive, Bilder, Ereignisse und Episoden ohne logische, kausale Verknüpfung beiordnend nebeneinandergestellt werden.« Gerhard Schaub, Le Génie Enfant. Die Kategorie des Kindlichen bei Clemens Brentano, Berlin, New York 1973, p. 169Google Scholar
  99. 98.
    cf p. 96 dieser ArbeitGoogle Scholar
  100. 99.
    Auch die Kinder- und Erziehungsliteratur der Aufklärung benutzt Necknamen — auch für Erwachsene; so werden in einer schlesischen Wochenschrift von 1751 alle möglichen zu kritisierenden Elterntypen bezeichnet: Commodus Kinderfeind, Placida Kindernärrin, Timidus Webermann, Furiosus Schlagezu etc. nach Gebauer, l. c. p. 38 An diese Namen fühlt man sich bei Hoffmanns Pseudonym »Reimerich Kinderlieb« erinnert (cf Anm. 106). Die Verbindung der Tätigkeit oft mit dem Eigennamen des Betreffenden gehört zur Namengebung beim »Gesellenmachen« in der Zunft; Lenhardt nennt u. a.: »Valentin Schumacher genannt guck in die Naab«, »Dummel das Rad«, »Springinsfeld« (cf Grimmelshausen), l. c. p. 58 »Das burleske Vergnügen an seltsamen … hanswurstig klingenden kuriosen Namen«, wie es im Puppenspiel, im Kasperltheater oder in volkstümlichen Possen herrscht, treibt vor allem Clemens Brentano zur Erfindung immer neuer Namen: z. B. Witzenspitzel, Labelang, Dickedull, Mollekopp etc., cf Schaub, l. c. p. 158 f, 188 ff und 203 fGoogle Scholar
  101. 100.
    Von der 4. Auflage von 1846 an erscheint der »Struwwelpeter« im Titel für das gesamte Bilderbuch.Google Scholar
  102. 101.
    So berichtet Hoffmann, daß ihn Mütter und Väter auf der Straße angehalten hätten, um ihm mitzuteilen, welch große Begabung ihrer Kinder sich herausgestellt habe, da diese bereits mit drei Jahren den Text des gesamten Bilderbuches auswendig hersagen konnten. Heinrich Hoffmann, Wie der Struwwelpeter entstand, In: Die Gartenlaube Jg. 1871, p. 786Google Scholar
  103. 102.
    Nach Kayser ist »die Häufung des Und am Anfang der Zeilen« ein Stilmerkmal der Schillerschen Ballade, das von zahlreichen Epigonen übernommen wird, l. c. p. 136 fGoogle Scholar
  104. 103.
    ibid p. 93 Schaub reklamiert eben diese Stilmerkmale für eine typisch kindliche Sprache, wenngleich auch er nicht umhin kann, festzustellen, daß die »Grenzen zwischen Kinder- und Volkspoesie fließend sind«. l. c. p. 93 Zur Stilanalyse cf insgesamt die Kapitel »Die poetische Sprachkindlichkeit Brentanos« und »Der kindliche Sprachhumor Brentanos«, ibid p. 156–214Google Scholar
  105. 104.
    Kayser, l. c. p. 149Google Scholar
  106. 105.
    Es wird meist übersehen, daß die moralischen Beispielgeschichten keineswegs auf die Zeit der eigentlichen Aufklärung beschränkt sind, sondern daß — wie die vor allem in Kap. V gegebenen Zitatbeispiele punktuell belegen — diese Tradition in erstaunlicher Kontinuität bis mindestens 1860 fortgesetzt wird.Google Scholar
  107. 106.
    Die Verse lauten: »Es stehn in diesem Büchlein hier Sechs Mährlein mit schöner Bilderzier: Vom bitterbösen Friederich, Und wie er zum durstigen Hunde schlich, Vom kohlpechschwarzen Mohren dann, Vom wilden Sonntagsjägermann, Wie ihn der kleine Haas bezwang, Daß er in einen Brunnen sprang, Dann wie’s dem Suppen-Kaspar ging, Wie den Daumenlutscher der Schneider fing, Und endlich auf dem letzten Bild Vom Struwwelpeter, wüst und wild. Das alles fein malte und beschrieb Der lustige Reimerich Kinderlieb.« Lustige Geschichten und drollige Bilder, Frankfurt/M 1845, BuchdeckelGoogle Scholar
  108. 107.
    Hoff mann, Wie der Struwwelpeter entstand, l. c.Google Scholar
  109. 108.
    Es handelt sich um die wahrscheinlich von Bürger inspirierte und von Auguste Pattberg eingesandte Ballade, in der es heißt: »Da drunten auf der Wiesen Da ist ein kleiner Platz, Da tät ein Wasser fließen, Da wächst kein grünes Gras … Im kühlen Wasser fließt Sein rosenrotes Blut, Das Bächlein sich ergießet Wohl in die Meeresflut.« Des Pfarrers Tochter von Taubenheim, In: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder, gesammelt von Ludwig Achim von Arnim und Clemens Brentano, Bd. 2, Berlin 1966, p. 202 Über das Fortleben der Empfindsamkeitstradition im »gemütvolle[n] Biedermeier« und die dort herrschende Tränenseligkeit cf Sengle, l. c. p. 238–243; Sengle zitiert folgendes frühes Gedicht von Heine, dessen »alte Wasser- und Flammenmetaphorik« von Hoffmann wörtlich genommen, bildlich konkretisiert und damit parodiert wird: »Lehn deine Wang an meine Wang’ Dann fließen die Thränen zusammen! Und an mein Herz drück fest dein Herz, Dann schlagen zusammen die Flammen! Und wenn in die große Flamme fließt Der Strom von unsern Thränen, Und wenn dich mein Arm gewaltig umschließt — Sterb’ ich vor Liebessehnen!« l. c. p. 240 Mörike faßt seine Kritik an der Empfindsamkeit in folgende Verse zusammen, die ebenso gut an Hoffmanns Katzenchor gerichtet sein könnten: »Merkt’s euch, ihr tränenreichen Sänger Im Katzenjammer ruft man keine Götter!« Eduard Mörike, Gedichte, Leipzig und Wien o. J. p. 204Google Scholar
  110. 109.
    Gottfried August Bürger, Lenore, In: G. A. B., Balladen, München 1919, p. 3Google Scholar
  111. 110.
  112. 111.
    »Robinson, Robinson / Fuhr in einem Luftballon / In die Höh’, in die Höh’ / Mit der Jungfer Salomé«, zitiert nach: Franz Magnus Böhme, Deutsches Kinderlied und Kinderspiel, Leipzig 1924, p. 135 Böhme bemerkt dazu: »Robinson war damals geläufiger als Robertson, der Luftschiffer; aber gemeint ist wohl sein Vorgänger Blanchard, der die Aeronautik als Geschäft betrieb und mit einem Fräulein Simoné aufgestiegen ist.« (ibid)Google Scholar
  113. 112.
    Kayser, l. c. p. 123Google Scholar
  114. 113.
    nach Kayser, l. c. p. 200Google Scholar
  115. 114.
  116. 115.
    Kayser, l. c. p. 203 »Die Natur als solche wird mit dem Göttlichen oder Dämonischen zusammengesehen, das trotz aller Annäherungsversuche letzten Endes unnahbar, unheimlich ist. Dagegen ist das Haus der eigentlich menschliche Raum.« Sengle, l. c. p. 61Google Scholar
  117. 116.
    cf Hans Gunter Thalheim, Nachwort zu »Des Knaben Wunderhorn«, l. c. Bd. 3, p. 380 fGoogle Scholar
  118. 117.
    Achim von Arnim, Von Volksliedern, ibid p. 304Google Scholar
  119. 118.
    »Darum finden wir auch das neuere Volkslied, wo es sich entwickelt, diesem [dem »Nährstand«, MLK] angeschlossen in mäßiger Liebe, Gewerb- und Handelsklagen, Wetterwechsel und gepflügtem Frühling … Die Scheidung zwischen Freude und Bedürfnis war einmal gemacht.« ibid, p. 313Google Scholar
  120. 119.
    Der »Struwwelpeter« als Figur wird daher hier nicht behandelt.Google Scholar
  121. 120.
    Hoffmann, Struwwelpeter, l. c. p. 3Google Scholar
  122. 121.
    Eine vergleichbare Stelle findet sich in Salzmanns »Krebsbüchlein«: »So gieng das Prügeln auf den armen Hund los … Da nun die magd am gewöhnlichsten um ihn war, so mußte diese gemeiniglich seinen Zorn empfinden. Er schlug nach ihr, kratzte und biß sie … So wurde der Gustav gebildet, der da er größer wurde, einigemal seine alten Aeltern geschlagen und sie mit den abscheulichsten Reden gepeiniget hat; der auf jedermann wüthend losgieng, wer ihn beleidiget hatte, und der, wenn er an Menschen sich nicht rächen konnte, die Stühle zertrat, und die Krüge auf die Erde warf« Christian Gotthilf Salzmann, Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder. Neue rechtmäßige und erweiterte Auflage, Erfurt 1788, p. 57 f Zur Reihung von Gegenständen, Tieren und Bediensteten cf folgende Anmerkung aus dem »Kapital«: »Der Arbeiter soll sich hier, nach dem treffenden Ausdruck der Alten, nur als instrumentum vocale von dem Tier als instrumentum semivocale und dem toten Arbeitszeug als instrumentum mutum unterscheiden.« Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, MEW 23, p. 210, Anm. 17 Das von Hoffmann gebrauchte Zeugma wirft ein Schlaglicht auf die Tatsache, daß der Bürger auf der einen Seite sich empfindsam um das Tier sorgt, die Menschenrechte bis zu den Rechten des Tiers verlängern möchte, auf der anderen Seite jedoch eine wachsende Zahl von Arbeitern, die er wie sachliches Verfügungskapital behandelt, zu einem unmenschlichen, tierischen Vegetieren zwingt.Google Scholar
  123. 122.
    Zur Gestik cf p. 78–81 dieser ArbeitGoogle Scholar
  124. 123.
    Zur Rolle der Sexualsymbolik cf Kap. V.2Google Scholar
  125. 124.
    Hoffmann, Struwwelpeter, l. c. p. 4Google Scholar
  126. 125.
    Karl Gottfried Bauer rät in seinem Werk »Über die Mittel, dem Geschlechtstrieb eine unschädliche Richtung zu geben«: »Man soll nicht spaßen oder lachen oder lügenhafte Vorstellungen erwecken über diese Sachen, z. B. den Befehl geben, gewisse Teile zu verbergen, damit sie nicht der Hund wegbeißt.« nach Thalhofer, l. c. p. 76Google Scholar
  127. 126.
    Struwwelpeter, l. c. p. 4Google Scholar
  128. 127.
    Zur »Ethisierung von Bewegungen im Raum«, cf Klotz, l. c. p. 35: »Die Symbolik und Allegorik der späten Romane (Karl Mays, MLK) verwertet geschickt Vorstellungen des allgemeinen Bewußtseins, dem das Wertvolle oben, das Wertlose unten ist.« ibidGoogle Scholar
  129. 128.
    Struwwelpeter, l. c. p. 5Google Scholar
  130. 129.
    Nach Max Boehn bezeichnet der Zylinder (im 19. Jh.) staatstreue Gesinnung — »›Männer-stolz vor Königsthronen‹ hätte damals unmöglich im Frack präsentiert werden können.« Max von Boehn, Die Mode. Menschen und Moden im 19. Jh., Bd. VII München 1964, p. 13 und p. 124 ff Auch Friedrich Hottenroth bemerkt: »Als Kopfbedeckung diente der Zylinderhut. Der politische Stoffwechsel der Mode (sic) hatte sich stark an diesem Hut betätigt: in den neunziger Jahren, als er aufkam, war er die Kopfbedeckung der Revolutionäre; jetzt nach dreissig Jahren galt er als konservatives Symbol; wer seine Anhänglichkeit an die bestehenden Zustände augenfällig zu machen wünschte, setzte den Zylinder auf.« Hottenroth, l. c. p. 280 fGoogle Scholar
  131. 130.
    cf die Einschätzung von Friedrich Engels: »Dem siegreichen Arbeiter gegenüber, mochte er auch noch gar keine Forderungen aufgestellt haben, verbanden sich die Freunde mit ihren langjährigen Feinden, und das Bündnis zwischen der Bourgeoisie und den Anhängern des gestürzten Systems wurde noch auf den Barrikaden von Berlin geschlossen … und daher setzten sie den ganzen alten Staatsapparat in Bewegung, um die Ordnung wiederherzustellen. Nicht ein einziger Bürokrat oder Offizier wurde entlassen, nicht die leiseste Änderung im alten bürokratischen Verwaltungssystem vorgenommen … so kam es, daß nach einer Emanzipation von drei Monaten, nach blutigen Kämpfen und militärischen Exekutionen, insbesondere in Schlesien, der Feudalismus durch die gestern noch antifeudale Bourgeoisie wiederhergestellt wurde.« Friedrich Engels, Revolution und Konterrevolution in Deutschland, MEW 8, p. 40, 43Google Scholar
  132. 131.
    Möglicherweise hat Hoffmann dieses Detail seinerseits übernommen aus dem ihn in sehr ungenierter Weise nachahmenden »Rutschepeter«, illustriert von Carl Reinhardt, in dem sich eine Medizinflasche mit der Aufschrift »Bitter« und ein Rezept abgebildet finden. cf Rutschepeter. Ein Bilderbuch mit drolligen Geschichten für Kinder von 3–6 Jahren. Mit vielen Illustrationen von C. Reinhardt, 2. verbesserte Auflage Wien o. J. (1854), p. 4Google Scholar
  133. 132.
    Struwwelpeter, l. c. p. 6Google Scholar
  134. 133.
  135. 134.
    cf Kap. V, 1Google Scholar
  136. 135.
    cf Ruth Klein, l. c. p. 211 und: James Laver, Children’s fashions in the nineteenth century. With an introduction and notes to the plates, London, New York 1951 außerdem Anm. III, 49Google Scholar
  137. 136.
    cf Kap. V. 2 dieser ArbeitGoogle Scholar
  138. 137.
    cf Anm. III, 103 »Einige spielen da mit Puppen. Das ist gut, wenn sie sich gewöhnen, mit den Puppen und ihrem Anzuge ebenso umzugehen, als sie die Wärterinnen mit den kleinen Kindern thun sehen. So werden sie bald geschickt, kleine Kinder, ohne ihre Gefahr, zu warten, sie anzukleiden, sie zu vergnügen; und alsdann können sie ihren Müttern helfen, wenn diese etwa keine Zeit haben, bei den kleinen Kindern zu bleiben.« Kleine Bilder-Akademie für leselustige und lernbegierige Söhne und Töchter, Berlin 1793, p. 9 f Die in der zweiten Fassung hinzugefügte Puppe kontrastiert noch deutlicher erlaubte — d. h. zu Ehe und Kindern führende — mit unerlaubter, ›verzehrender‹ Leidenschaft. cf auch die Geschichte samt zugehörigem Bild (Abb. links) mit dem Titel: Pauline oder das jähzornige Mädchen, in: Spiegelbilder für kleine Mädchen. Ein Lesebuch zur Erweckung eines sittlichen Verhaltens. Guben 1849Google Scholar
  139. 138.
    cf Elisabeth Diederichs, Untersuchungen zur Wortkarte ›Streichholz‹, In: Zs f. Mundartforschung XXV. Jg. 1957, H. 1 p. 1–29 »Der Begriff ›Feuerzeug‹ — gemeint ist durchaus das Streichhölzchen, nicht etwa das moderne mechanische Taschenfeuerzeug — erscheint auf der Karte gebietbildend im hessischen Raum.« (ibid, p. 15), cf ferner folgenden Artikel über »Gefahren und Nichtgefahren der Streich-Zündhölzchen«: »Der Verbrauch von Streichhölzchen hat in den letzten Jahren einen wahrhaft colossalen Aufschwung genommen … In dem selben Maße hat denn auch die Fabrikation zugenommen … [es] hat sich die Fabrikation von Streichhölzchen, die 1834 in Darmstadt begann, rasch über alle Theile Deutschlands verbreitet, und lieferten acht große Fabriken in Hessen-Darmstadt bereits im Jahre 1850 wöchentlich eine halbe Million solcher Schachteln, von denen jede 1000–5000 Stück enthielt.« Frankfurter Familienblätter, Jg. 1857, p. 322Google Scholar
  140. 139.
    Beispiele skrupulöser Selbstgespräche, die Kinder führen, bevor sie die verbotene Tat begehen, finden sich u. a. auch in: Samuel Ludewig, Der Bürgerfreund, ein Lesebuch für Kinder in Bürgerschulen, 3. Aufl. Berlin 1796, p. 160f, und in: Amadeus Ziehnert, Die erzählende Mutter im Kreise ihrer Kinder. Ein Versuch zur ersten Bildung des Verstandes und Erweckung sittlichen Gefühls. Mit 12 Kupfertafeln, Pirna 1812, p. 79Google Scholar
  141. 140.
    Struwwelpeter, l. c. p. 6Google Scholar
  142. 141.
  143. 142.
    Eine Interpretation, die mit Vogt (l. c. p. 16 f) den Katzen die Rolle des Gewissens, der »inneren Stimme« zuschriebe, täuschte sich m. E. über die Reihenfolge, in der sich historisch wie individuell über äußere Zwänge und Drohungen eine Internalisierung der Strafinstanz herausbildet. Mit den Katzen tritt Paulinchen wie dem kindlichen Rezipienten eben nicht die innere moralische Instanz, was visuell allerdings auch schwer darzustellen wäre, entgegen, sondern die warnende, sich in der Tiermaske tarnende äußere Autorität. Für das lesende Kind kann sich dann später Unschlüssigkeit vor der moralischen Versuchung als innerer, da in der Er-innerung reproduzierter — Dialog artikulieren. cf hierzu Elias, l. c. p. 181 f und den Abschnitt V, 5 dieser ArbeitGoogle Scholar
  144. 143.
    Struwwelpeter, l. c. p. 6Google Scholar
  145. 144.
    cf p. 89 dieser ArbeitGoogle Scholar
  146. 145.
    »Etwas Unheimliches, Dämonisches wohnt nach allgemeinem Glauben diesem Tier inne, das man daher stets mit einer gewissen Scheu behandelt. In noch höherem Grade als andere Haustiere deutet die Katze Zukünftiges an.« (Hervorhebung vom Verf.) Im einzelnen wird genannt, daß eine kläglich miauende Katze einen Todesfall ankündige, daß sie als eine Art Hauskobold gelte, daß Hexen sich in Katzen verwandeln und daß man daher Kinder nicht mit Katzen allein lassen solle. Handwörterbuch des Aberglauben, l. c. Bd. 7, Spalte 1117, 1120, 1255 f, 1128Google Scholar
  147. 145a.
    »Katzenmusik« wie »Katzenjammer« kommen aus der Studentensprache des 18. Jhs. — cf Der große Duden, Etymologie, Bd. 7 Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, Mannheim, Zürich, Wien 1963, p. 317 Katzenmusiken werden auch politischen Gegnern dargebracht: »Glücklicherweise war vor dem Hause eines mißliebigen Beamten eine kleine Katzenserenade von dem souveränen Volksorchester arrangiert worden.« Heinrich Hoffmann, Aus dem Tagebuch des Herrn Heulalius von Heulenburg, l. c. p. 11 »Charivari«, d. h. Katzenmusik ist der Titel einer der bekanntesten Karikaturzeitschriften im Frankreich der Julimonarchie.Google Scholar
  148. 146.
    Hoffmann, Struwwelpeter, l. c. p. 6Google Scholar
  149. 148.
    ibid, p. 7Google Scholar
  150. 148a.
  151. 149.
  152. 150.
    Die Trauerschleifen tauchen zwar erst in der neuen Fassung von 1858 auf, aber schon in der Urfassung gleichen die erhobenen Pfoten der Katzen eher menschlichen Armen und Händen mit Zeigefingern, und in Frontalansicht gleichen ihre Leiber mehr denen von Kindern als von Katzen.Google Scholar
  153. 151.
    cf Kap. VI, 2 und 3Google Scholar
  154. 152.
    Struwwelpeter, l. c. p. 8Google Scholar
  155. 153.
    Als Beispiele seien aus der Kinderliteratur genannt: »In Ansehung der Farbe giebt es 1. weiße Menschen … Und diese Farbe scheint nicht nur die schönste sondern zugleich auch angesehenste zu seyn … 4. schwarze Menschen; hierher gehören die Neger, Mohren. Sie sind ganz schwarz, haben große Lefzen, schneeweiße Zähne, platte Nasen, große Augen, und Haare wie Wolle. Ihre schwarze Farbe haben sie vermutlich von dem heißen Himmelsstrich, unter dem sie leben.« Bilder-Akademie, l. c. p. 188 f; und: »Vergebens wäschet sich der Mohr, Denn er bleibt schwarz. Der Thor bleibt Thor« Bilder-A, B, C, Stralsund 1788, zitiert nach Arthur Rümann, Alte deutsche Kinderbücher, Wien 1937, Bildtafel Nr. 35 An Kinder und Erwachsene wendet sich der 1845 erschienene »Neuruppiner Bilderbogen« Nr. 1730: »ABC aller Ländertrachten«, faksimiliert wiedergegeben in: Zaepernick, l. c. Abb. Nr. 55; cf ferner das Literaturverzeichnis im AnhangGoogle Scholar
  156. 154.
    Zur pädagogischen Wirksamkeit der pantomimischen Karikatur gibt es Ende des 18. Jhs. bereits eine Theorie; danach dient dem Erzieher die Pantomime zur Nachahmung der Fehler seines Zöglings, um »durch anschauliche Darstellung des Fehlers selbst zu beschämen und Besserung zu bewirken … Kurz das ganze Gesicht wird zur Carrikatur werden, in welcher man neben der Nachäffung einer fremden Gebehrde zugleich den eigenen Hohn und Unwillen des Redenden deutlich gewahr wird« J. J. Engel, Ideen zu einer Mimik. Erster (u. Zweyter) Theil. Mit erläuternden Kupfertafeln. Berlin 1785–86, Bd. 1, p. 10 fGoogle Scholar
  157. 155.
    cf p. 168–172 dieser ArbeitGoogle Scholar
  158. 156.
    Struwwelpeter, l. c. p. 9Google Scholar
  159. 157.
  160. 158.
    In der Kinderliteratur ist die Haltung der Autoren gegenüber dem Auslachen zwiespältig, überwiegend jedoch wird es als Bestrafung abgelehnt, bei August Kerndörffer heißt es verallgemeinernd: »Es entstellt den Menschen nichts so sehr als die Spottsucht, Personen welche über Andere gern spotten und ein Vergnügen darin finden, sich über sie lustig zu machen, verrathen ein böses Herz und verdienen mit Recht, daß man sie nicht achtet und sich vor ihnen zurückzieht.« Heinrich August Kerndörffer, Sechzig kleine, aber verständliche Geschichten und Erzählungen für Kinder, Pirna o. J. (um 1820), 2. verb. Auflage, p. 38 Im »Bilderbuch« wird es dagegen gerechtfertigt, Kinder zur Strafe auslachen zu lassen: »Es war freylich eine harte Strafe, die Ludwigen widerfuhr. Aber seine Eltern meynten denn doch, es sey besser, sie suchten ihn recht zu beschämen, um ihn von seiner Unart abzubringen« Bilderbuch oder Erzählungen mit illuminirten Kupferstichen zur Unterhaltung für Kinder, Dresden 1790, p. 8 cf auch p. 166 dieser ArbeitGoogle Scholar
  161. 159.
    Struwwelpeter, l. c. p. 10Google Scholar
  162. 160.
    cf p. 70 dieser ArbeitGoogle Scholar
  163. 161.
    Ebenso geschieht es »Struwwelpeter« und »Hans-Guck-in-die-Luft«.Google Scholar
  164. 162.
    Vogt, l. c. p. 17 Über die ökonomische Fundierung des Toleranzpostulats läßt die Kinderliteratur des 18. Jhs. ihre Leser durchaus nicht im Unklaren, cf z. B.: »Die Handlung nähert überdies die Menschen einander, bringt sie in engere Verbindung und läßt sie ihre gegenseitge Abhängigkeit voneinander empfinden«. »Endlich trägt die Handlung durch dieses alles nicht wenig dazu bey, die Sitten zu veredeln, milder und gefälliger zu machen, den Geschmack zu bilden, und die gegenseitige Dultung und Verträglichkeit unter den Menschen zu befördern … Je mehr Verschiedenheit wir endlich in den Meynungen und Gebräuchen der Menschen wahrnehmen … desto mehr verlieren Abneigung und Entfernung, die durch Verschiedenheit der Grundsätze erzeugt werden könnten, von ihrer, dem Vorurtheil unterstützenden Gewalt, und wir gewöhnen uns daran, den Menschen als Menschen zu schätzen … zu welcher Nation er auch gehöre, — welche Sprache er rede, welcher Religion er zugethan seye, — welche Gebräuche er beobachtet. Diese gegenseitige Achtung und Dultung finden wir unter den handelnden Völkern weit stärker und allgemeiner, als bey solchen, die in ihre eigenen Grenzen eingeschlossen, weniger Gemeinschaft mit anderen haben.« Christian August Buesch, Moral für Jünglinge, die sich dem Kaufmannsstande widmen wollen, 2. Aufl. Gießen 1800, p. 58, 70 f — ähnlich kann man es auch in Weißes »Kinderfreund« lesen, l. c. 2. Teil, p. 179–182Google Scholar
  165. 163.
    cf p. 170 dieser ArbeitGoogle Scholar
  166. 164.
    cf Anm. VI, 50Google Scholar
  167. 165.
    cf Anm. 76Google Scholar
  168. 166.
    cf p. 67 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  169. 167.
    Franz Güll, Franz v. Pocci, Kinderheimath, 2. Auflage Stuttgart 1846, p. 112Google Scholar
  170. 168.
    ibid, p. 114Google Scholar
  171. 169.
    Während jedoch hier eine Trivialisierung der traditionellen Sonnenemblematik vorliegt, wie sie später stereotyp in Kinderbüchern und daher auch Kinderzeichnungen wiederkehrt, erinnert das Gesicht im »Daumen-Lutscher« eher an Gesichter von klassizistischen Brunnenfiguren.Google Scholar
  172. 170.
    Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen, München o. J., p. 85–94 »Mit der Darstellung des Angreifers, der Übernahme seiner Attribute oder seiner Aggression verwandelt das Kind sich gleichzeitig aus dem Bedrohten in den Bedroher.« l. c. p. 88Google Scholar
  173. 171.
    Da wird z. B. das traurige Ende einer »süchtige[n] Kaffeeschwester« geschildert: »Lieber wollte sie nicht leben; ohne Kaffee und Freiheit hatte das Daseyn keinen Werth für sie. So dachte sie und stürzte sich des Nachts halb wahnsinnig in ein 16 Schuh tiefes ausgemachtes Dungloch. — Den andern Morgen fand man einige Stücke von ihren Kleidern auf dem unreinen Wasser schwimmen. Es wurde nach ihr gesucht und man zog sie todt aus der Pfütze. Auf obrigkeitlichen Befehl wurde sie abgewaschen und geöffnet. Ihr Magen war voll Kaffeesatz und ihr Gehirn ausgetrocknet.« Kindergeschichten zur Warnung vor Gefahren und moralischen Fehlern, 2. Aufl. Nürnberg 1829, p. 82 ffGoogle Scholar
  174. 172.
    Struwwelpeter, l. c. p. 15Google Scholar
  175. 173.
    ibid, p. 6Google Scholar
  176. 174.
    Uber die Veränderung der Anredeformen cf Bacherler, l. c. p. 85, 216Google Scholar
  177. 175.
    Struwwelpeter, l. c. p. 15Google Scholar
  178. 176.
  179. 177.
    cf p. 170 ff dieser ArbeitGoogle Scholar
  180. 178.
    Struwwelpeter, l. c. p. 15Google Scholar
  181. 179.
  182. 180.
    cf Elias, l. c. p. 181 f Gegenüber der Drohung mit Schreckgestalten scheint der Hinweis auf die Allgegenwart Gottes oder seines Engels, wie er mit dem von Hoffmann später hinzugefügten Gesicht visuell gegeben ist, einen weiteren Schritt in Richtung Internalisierung zu bezeichnen. Schon Erasmus zielt deutlich darauf ab: »Und in jeder Versuchung, am meisten aber, wenn du zur Wollust aufgestachelt wirst, sollst du den Engel vor Augen haben, der dich schützt, der bei allem, was du tust, dein beständiger Beobachter und Zeuge ist, und Gott, der dir ins Herz sieht, dessen Augen alles offen steht, der über den Himmeln thront und in die Abgründe blickt. Und du scheust dich nicht, etwas, das so häßlich ist, daß du dich schämst, es vor einem Menschen als Zeugen zu tun, vor dem Engel, der dir so nahe ist, vor Gott und der ganzen himmlischen Heerschar zu tun, die dir zusieht und dich verflucht? Glaube mir, auch wenn du bessere Augen als ein Lux hättest, bessere als ein Adler, so sähest du doch bei hellem Tageslicht das, was jemand vor deinen Augen tut, nicht sicherer, als alle deine Wünsche offene Verstecke sind für den Blick Gottes und der Engel.« Erasmus v. Rotterdam, Gegenmittel gegen einige besondere Laster, In: E. v. R., Ausgewählte Schriften, ed. von Werner Welzig, Bd. 1, Darmstadt 1968, p. 339Google Scholar
  183. 181.
    Struwwelpeter, l. c. p. 16Google Scholar
  184. 182.
  185. 183.
  186. 184.
    cf p. 130f dieser ArbeitGoogle Scholar
  187. 185.
    ibid, p. 25–29Google Scholar
  188. 186.
    Struwwelpeter, p. 17Google Scholar
  189. 187.
    Vogt, l. c. p. 20Google Scholar
  190. 188.
    Joseph v. Eichendorff, Sprüche, zitiert nach: Erläuterungen zur deutschen Literatur. Romantik, Berlin 1973, p. 374Google Scholar
  191. 189.
    Friedrich Schmidt, Heinrich Hoffmann und Arthur Schopenhauer, In: 47. Schopenhauer Jahrbuch. Für das Jahr 1966, ed. von Arthur Hübscher, Frankfurt/M 1966, p. 88Google Scholar
  192. 190.
    Struwwelpeter, l. c. p. 17Google Scholar
  193. 191.
  194. 192.
  195. 193.
    cf p. 70 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  196. 194.
    Adorno macht die Unterscheidung von Variation und Scheinvariation für die Analyse des Schlagers fruchtbar, cf: Theodor W. Adorno, Einleitung in die Musiksoziologie. Zwölf theoretische Vorlesungen, Reinbeck 1968, passimGoogle Scholar
  197. 195.
    zitiert nach Bogeng, l. c. p. 17Google Scholar
  198. 196.
    Struwwelpeter, l. c. p. 17Google Scholar
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    Darauf machen auch Ellen und Jochen Vogt aufmerksam, l. c. p. 21Google Scholar
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    Klara Pamperien, Essen und Trinken in der deutschen Bühnendichtung von Gottsched bis zum Sturm und Drang, Diss. Würzburg 1921, p. 96 Über die Rührstücke und Familiendramen dringt diese Selbstthematisierung des Bürgertums, die in der deutschen Literatur vor allem mit Lessing beginnt, auch in die populären Formen ein. Die Szene im »Zappel-Philipp« kommt dem nahe, was Sengle als »Genre-Realismus« bezeichnet. l. c. p. 644Google Scholar
  201. 199.
    Karl Gutzkow, Säkularbilder I, In: Gesammelte Werke Bd. 9 Frankfurt/M 1846, p. 101 fGoogle Scholar
  202. 200.
    cf p. 19 dieser ArbeitGoogle Scholar
  203. 201.
    Max Lüthi, Familie und Natur im Märchen, In: Max Lüthi, Volksliteratur und Hochliteratur. Menschenbild — Thematik — Formstreben, Bern und München 1970Google Scholar
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    cf p. 17 ff dieser ArbeitGoogle Scholar
  205. 203.
    Struwwelpeter, l. c. p. 18Google Scholar
  206. 204.
  207. 205.
    In der zweiten Fassung wird die Autorität des Vaters noch visuell akzentuiert durch ein aufrechtstehendes Messer, das er in der Hand hält. Eine psychoanalytisch orientierte Interpretation würde in ihm sogleich den erigierten Penis einerseits und das Instrument zur Kastration andererseits symbolisiert finden. In jedem Fall ist das Messer — neben Philipps Teller liegen nur ein Löffel und eine Gabel — Indiz für Stärke und Überlegenheit des Vaters.Google Scholar
  208. 206.
    Struwwelpeter, l. c. p. 18Google Scholar
  209. 207.
  210. 208.
    ibid, p. 19Google Scholar
  211. 209.
  212. 210.
  213. 211.
  214. 212.
    Vogt, l. c. p. 22Google Scholar
  215. 213.
    Dreßler, l. c. p. 22Google Scholar
  216. 214.
    »Ich war bis dahin ein recht fauler und zerstreuter Schüler gewesen und hatte das Meisterstück fertig gebracht, daß ich zweieinhalb Jahre in Tertia sitzen blieb. Zerstreut, vergeßlich, flüchtig, wie ich war, blieb nichts bei mir haften, alles verflüchtigte sich.« Daher befiehlt ihm der Vater für die Ferien eine strenge Zeiteinteilung: »daß er nicht untergehe in der Fluth des alltäglichen gemeinen Lebens. In der Besorgniß, daß auch diese Ermahnung nichts helfen wird, und in dem festen Willen, wenigstens die bevorstehende letzte Ferienwoche nicht in tagediebischem Schlendrian zugebracht zu sehen: befehle ich folgende Einteilung der Zeit …« (Hervorhebung MLK) »Struwwelpeter-Hoffmann«, l. c. p. 26 Die hervorgehobene Stelle deutet darauf hin, daß Hoffmann das vom Vater gebrauchte sprachliche Bild wiederum visuell konkretisiert hat, cf auch p. 7, 130 f dieser ArbeitGoogle Scholar
  217. 215.
    »Trivialaufklärung« meint die Reduktion der Vorstellung von einer vernünftigen Übereinstimmung von Individuum und Gesellschaft auf den unreflektierten Geltungsanspruch des gesunden Menschenverstandes, wie er dem »Philister vor, in und nach der Geschichte« (Brentano) eigen ist. cf Erläuterungen, Romantik, l. c. p. 42–48 und p. 265 ffGoogle Scholar
  218. 216.
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  221. 219.
    ibid, p. 96 fGoogle Scholar
  222. 220.
    Struwwelpeter, l. c. p. 21Google Scholar
  223. 221.
    Horkheimer, Adorno, Dialektik der Aufklärung, l. c. p. 39 Schon Rousseau ermahnt die Erzieher: »Wenn ihr, anstatt den Geist eures Zöglings in weiter Ferne umherschweifen, ihn unaufhörlich in anderen Gegenden, in anderen Himmelsstrichen, in anderen Jahrhunderten, an den äußersten Enden der Erde, ja selbst in den Himmel umherirren zu lassen, wenn ihr, sage ich, stattdessen darauf hinwirkt, daß er sich sammelt und seine Aufmerksamkeit auf das lenkt, was ihn unmittelbar berührt: dann werdet ihr ihn auch zum Auffassen, Behalten, ja selbst zum Urteilen fähig finden; so bedingt es die Ordnung der Natur.« Rousseau, l. c, p. 167 Für Rousseau ist indessen die Konzentration auf das Nächstliegende noch nicht Ausdruck unreflektierter Normalität, sondern wird bewußt aus den Reproduktionsbedingungen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft abgeleitet, die allerdings, legitimiert als »natürliche«, bereits zur Verselbständigung auch im Bewußtsein tendieren.Google Scholar
  224. 222.
    Struwwelpeter, l. c. p. 21Google Scholar
  225. 223.
    ibid, p. 22Google Scholar
  226. 224.
    ibid, p. 23Google Scholar
  227. 225.
    cf Dreßler, l. c. p. 22Google Scholar
  228. 226.
    Struwwelpeter, l. c. p. 23Google Scholar
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  230. 228.
    »Und doch enthält auch dieses Exempel, das deutlich genug den Triumph des Realitätsprinzips feiert, eine Spur von Utopie. Während Hanns ins Wasser fällt und auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird, entschwindet das Werkzeug und Symbol seiner am Realitätsprinzip orientierten Tätigkeit am Horizont … Leuchtend rot wie Roberts roter Schirm, wird auch diese Mappe zum Symbol und Vehikel des Ausbruchs aus der Welt bürgerlicher Vernunft und Zweckmäßigkeit.« Vogt, l. c. p. 23, cf auch p. 91 dieser ArbeitGoogle Scholar
  231. 229.
    Das wird auch in der zweiten Fassung beibehalten.Google Scholar
  232. 230.
    cf p. 78 dieser ArbeitGoogle Scholar
  233. 231.
    Walter Benjamin, Eine kommunistische Pädagogik, In: W. B., Über Kinder, Jugend und Erziehung, l. c. p. 87Google Scholar
  234. 232.
    Struwwelpeter, l. c. p. 24Google Scholar
  235. 233.
    cf z. B.: »Minchen rannte durch dick und dünn, wie gewöhnlich, und machte sich nichts daraus, wenn sie sich dabei von oben bis unten besudelte.« Franz Hoffmann, Geschichtenbuch für die Kinderstube. Kleine moralische Erzählungen für Kinder von 5–8 Jahren, 2. Aufl. mit vielen neuen Abbildungen, Stuttgart 1850, p. 6; ähnlich bei Kerndörffer, l. c. p. 31, Graf, l. c. p. 14 und vielen anderen Autoren.Google Scholar
  236. 234.
    Struwwelpeter, l. c. p. 24Google Scholar
  237. 235.
    Vogt, l. c. p. 22Google Scholar
  238. 236.
    Struwwelpeter, l. c. p. 24Google Scholar
  239. 237.
  240. 238.
  241. 239.
    Die Berichte werden wiedergegeben in: Eberhard Buchner, Das Neueste von Gestern. Kulturgeschichtlich interessante Dokumente aus deutschen Zeitungen, München o. J. (1911–13), Bd. 3 p. 330–336, 342ff, 355–372, 408; Bd. 4, p. 6 ff cf ferner: Die Abenteuer eines Luftschiffers. In: Jugendgarten. Unterhaltungsschrift für die Jugend, Bd. 4, p. 38–42, Stuttgart 1842 und: Franz M. Feldhaus, Luftfahrten einst und jetzt, Berlin 1908, passimGoogle Scholar
  242. 240.
    Buchner, l. c. Bd. 3, p. 346Google Scholar
  243. 241.
    Delius, l. c. p. 122Google Scholar
  244. 242.
    Joseph v. Eichendorff, Ahnung und Gegenwart, zitiert nach: Erläuterungen, Romantik, l. c. p. 392Google Scholar
  245. 243.
    Zur Flugmetaphorik der Romantik cf Heinz Hillmann, Bildlichkeit der deutschen Romantik, Frankfurt/M 1971, besonders p. 74–77, 120 f, 128 ffGoogle Scholar
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    Jean Faul, Komischer Anhang zum Titan. Des Luftschiffer Giannozzo Seebuch, In: Werke in drei Bänden, ed. von Norbert Miller, München 1969, p. 727Google Scholar
  247. 245.
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  248. 246.
    Vogt, l. c. p. 22 fGoogle Scholar
  249. 247.
    Ganz so absurd, wie es zunächst scheint, ist Hoffmanns Vorstellung nicht. Sybille Schall berichtet von Fallschirmversuchen Anfang des 19. Jhs.; ein französischer General habe gar versucht, mit Hilfe eines gewöhnlichen Regenschirms zu fliehen und die Festungswälle zu überwinden. Sybille Schall, Unter dem Sonnen/Regendach. Die unvergleichliche Karriere des Schirms in viertausend Jahren, München o. J. p. 38Google Scholar
  250. 248.
    Bogeng bemerkt zu dieser Veränderung: »Die Bilder der Geschichte vom fliegenden Robert sind in vergoldete Gemälderahmen gezwängt, und hiermit ist ihnen ihre Unheimlichkeit für das kindliche Gemüt genommen, es sind nun nur ›Bilder‹«. Bogeng, l. c. p. 68 cf auch Anm. 52Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Marie-Luise Könneker

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