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Zur Biographie Heinrich Hoffmanns als persönlicher Entstehungsgrundlage des »Struwwelpeter«

  • Marie-Luise Könneker

Zusammenfassung

Heinrich Hoffmann hat sein Leben als Bürger der Stadt Frankfurt am Main verbracht, einer Stadt, in der sich bürgerliches Geschichtsbewußtsein, politisches Engagement und ›Weltoffenheit‹ mit nüchternem Geschäftssinn seit jeher verbinden. Es erschien ihm bisweilen ungerecht, daß über dem Erfolg des Zufalls- und Nebenprodukts Struwwelpeter sein über 50jähriges Wirken als Arzt und organisationsbegabter Frankfurter Bürger nicht die angemessene Würdigung fand. Hier mag das Hauptmotiv für die Niederschrift der Lebenserinnerungen gelegen haben, die er zunächst nur für die eigene Familie bestimmt hat und auf folgende Weise ebenso selbstgewiß wie bescheiden einleitet:

»Tätige Bürger, Staatsdiener, Schriftsteller, Dichter, Künstler fühlen sich gedrängt, von ihren Mühen und Arbeiten, von ihren Erlebnissen, ihren Leiden und Freuden Rechenschaft zu geben. Aber auch das Leben einfacher, nicht zu einer Gipfelstellung in der Gesellschaft gelangter Menschen enthält so viel wissenswertes und lehrreiches, daß solche sich wohl ermüßigt sehen, niederzuschreiben, wie es ihnen im Verlauf ihres Daseins ergangen ist. Solche Aufzeichnungen sollen nun nicht den Anspruch erheben, denkwürdige Schriftstücke zu sein; aber sie geben dem Schreiber doch die Genugtuung und die beglückende Gelegenheit, sein eignes Dasein in ruhiger Betrachtung zu überblicken und seinen Angehörigen ein wertvolles Andenken zu hinterlassen. Wie würde es uns selbst erfreuen, wenn wir ein solches Heft über das Leben, die Arbeit und die Schicksale unseres eigenen Urgroßvaters durchblättern könnten. Ja, ich kann hinzufügen, daß solche vergilbte Aktenstücke einen zwar beschränkten, aber immerhin interessanten Einblick in die geselligen und bürgerlichen Verhältnisse längst vergangener Zeiten gewähren werden und deshalb nicht ganz unwichtige Quellen der Kenntnis alter sozialer Zustände eröffnen können.« [1]

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Anmerkungen

  1. 1.
    Lebenserinnerungen, l. c. p. 1fGoogle Scholar
  2. 2.
    ibid, p. 26Google Scholar
  3. 3.
    Heinrich Hoffmann, Bastian der Faulpelz. Eine Bildergeschichte für Kinder, Frankfurt/M 1851, cf besonders p. 21f »So ging es ihm im Leben immer, heut schlecht und morgen nur noch schlimmer. Nichts Kluges war aus ihm zu machen; er ward zum Kinderspott; mit Lachen rief man ihm zu: ›Zur Schule geh, und lern das schwere ABC!‹ Er wurd ein Mann; dann wurd er alt. Gebückt und schwach war die Gestalt. Am Herzen siech, am Leibe krank, am Weg dort bei der Ruhebank als Bettler stand er jahrelang. Da war’s ihm oft, als ob der Klang vergess’ner Worte zu ihm drang: ›O Bastian, o Bastian, was wohl aus dir noch werden kann!‹ Verarmt, verkommen und verdorben ist endlich dort er still gestorben.«Google Scholar
  4. 4.
    Lebenserinnerungen, l. c. p. 57Google Scholar
  5. 5.
    ibid, p. 61Google Scholar
  6. 6.
    »Den drohenden Aufstand dämpfte aber der treueste Bundesgenosse der bürgerlichen Ordnung und Ruhe, ein plötzlicher gewaltiger Platzregen.« ibid p. 71Google Scholar
  7. 7.
    ibid, p. 70Google Scholar
  8. 8.
    »Herr Hoffmann ist zu gar nichts nütz, Der macht zu allem schlechte Witz’, Ist einer einer Ohnmacht nah, Gleich hat er Hoffmanns Tropfen da.« ibid, p. 71Google Scholar
  9. 9.
    Heinrich Hoffmann, Gedichte, Frankfurt/M 1842, p. 117–133Google Scholar
  10. 10.
    »Vor-Tisch-Lieder zu dem Gutenbergfeste am 24. und 25. Juni 1840«, In: Gedichte, l. c. p. 115Google Scholar
  11. 11.
    »Ich habe mich nicht eigentlich für einen Dichter, sondern nur für einen Gelegenheitsversemacher gehalten.« Lebenserinnerungen, l. c. p. 115Google Scholar
  12. 12.
    cf z. B. »Das Gebet eines Gottes«, Gedichte, l. c. p. 4ff, ferner den Refrain: »Wohin, wohin wollt ihr denn ziehn? Der Weg so weit! So schwül so schwül die Mittagszeit«, ibid, p. 7, oder das Verspaar »Gütige Eiche/Senke die Zweige«, das sich wie Goethes berühmte Faustverse nur auf gut Frankfurterisch reimt.Google Scholar
  13. 13.
    »Ein schön’res Wirthshaus kenn ich nicht Als das zum grünen Wald… Der Gastwirth heißt Herr Sonnenschein… Und Kühlung ist sein Weib.« ibid p. 81 ff, Hervorheb. vom Verf.Google Scholar
  14. 14.
    Hoffmann lehnt sich an die satirischen Verse »Wie ist doch die Zeitung wieder interessant« an: »Ungeheure Seiten Voll Neuigkeiten Lass ich mir jeden Morgen Ins Haus besorgen. So las ich heute zu meiner Freude: Ein hoher Herr Mußt dreimal niesen; Woraus zu schließen, Daß nächster Tage Ihn der Schnupfen plage.« Gedichte, l. c. p. 109Google Scholar
  15. 15.
    »Ich ging mit ihr im Mondenschein Wohl über den Markt und die Straßen. Ich ging sogar mit ihr allein; Das Herz schlug mir über die Maßen. Ich sprach von dem was man so spricht, Vom Conzert und wie sie sangen, Von meiner Liebe sprach ich nicht Da war ich zu befangen.« (43) cf weiterhin »Verklungene Lieder«, ibid p. 50, die enge Beziehung des Gedichtes »Der Minnehof« zum Anfang von Heines Zyklus »Die Nordsee«, oder Hoffmanns »Von dem Sonntagsgotte und den Werktagsgöttern«: »Ein Sonntag muß gefeiert sein; Da schließt man seinen Laden, Geht morgens in die Kirch hinein, Und ißt zu Mittag Braten.« (92) Es findet sich nolens volens auch eine »Loreley«-Adaption: … »Da faßt ihn der bange Liebselige Wahn Das haben im Sange Die Elfen gethan.« (186)Google Scholar
  16. 16.
    p. 55–59Google Scholar
  17. 17.
    Gedichte, l. c. p. 100ff und der Abschnitt »Balladen«, ibid p. 143–198Google Scholar
  18. 18.
    Heinrich Hoffmann, Aus dem Laienbuche, in: Gedichte, l. c. p. 215Google Scholar
  19. 19.
    Lebenserinnerungen l. c. p. 79. — Hoffmann gehört also in die Reihe der nach Sengle überaus großen Zahl schriftstellernder Dilettanten (cf Friedrich Sengle, Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815–1848, Stuttgart 1971, Bd. 1, p. 98–104); da es jedoch bis heute für Schriftsteller keine Fachausbildung gibt, heißt das nur, daß Dilettanten noch einen anderen Beruf außer der Schrift-stellerei haben. Kinderliteratur wird zur Zeit Hoffmanns oft von Pfarrern und Lehrern verfaßt, nur die Zeichner und Lithographen haben eine Spezialausbildung; ihre Routine ersetzt Hoffmann, wie unten zu zeigen sein wird, durch eine in ihrer Simplizität und Unbeholfenheit durchaus selbstbewußte Adaption der verschiedensten populären Vorbilder. Kompetent ist Hoffmann vor allem als ein sehr aufmerksamer, ins ›normale‹ Bürgerleben voll integrierter Zeitgenosse. Von seinen Schriften die interessantesten dürften die beiden Satiren sein, die er 1848 verfaßt hat, und die einen deutlichen Bezug zum »Struwwelpeter« aufweisen: Struwwel, Peter, Demagog (d. i. H. H.), Handbüchlein für Wühler oder kurzgefaßte Anleitung in wenigen Tagen ein Volksmann zu werden, Frankfurt und Leipzig 1848 und: Heinrich Hoffmann, Der Heulerspiegel. Mitteilungen aus dem Tagebuch des Herrn Heulalius von Heulenburg, Leipzig 1849Google Scholar
  20. 20.
    ibid, p. 105 fGoogle Scholar
  21. 21.
    p. 230, 234 fGoogle Scholar
  22. 22.
    Lebenserinnerungen, l. c. p. 125Google Scholar
  23. 23.
    Heinrich Hoffmann, Der Heulerspiegel. Mitteilungen aus dem Tagebuch des Herrn Heulalius von Heulenburg, Leipzig 1849Google Scholar
  24. 24.
    Lebenserinnerungen, l. c. p. 119Google Scholar
  25. 25.
    Heinrich Hoffmann, König Nußknacker und der arme Reinhold, Frankfurt/M 1851Google Scholar
  26. 26.
    Heinrich Hoffmann, Prinz Grünewald und Perlenfein mit ihrem lieben Eselein, Frankfurt/M 1871Google Scholar
  27. 27.
    Lebenserinnerungen, l. c. p. 190Google Scholar
  28. 28.
    ibid, p. 151Google Scholar
  29. 29.
    Heinrich Heym, Ein Mann, ein Buch, ein Irrenhaus. Der kleine Gammler von 1844. Dr. Heinrich Hoffmanns stille Liebe zum Irrationalen, In: FAZ 29. 4. 1967Google Scholar
  30. 30.
    Lebenserinnerungen, l. c. p. 151Google Scholar
  31. 31.
    cf »Adolf der Renner«, »Eine Überschwemmung« oder »Das Mammut« in: Heinrich Hoffmann, Besuch bei Frau Sonne. Neue lustige Geschichten und drollige Bilder aus dem Nachlaß herausgegeben von Eduard und Walter Hessenberg, Frankfurt/M 1924Google Scholar
  32. 32.
    Lebenserinnerungen, l. c. p. 163Google Scholar
  33. 33.
    ibid, p. 105Google Scholar
  34. 34.
  35. 35.
    »als ich nun gar einen Folioband entdeckte mit den Abbildungen von Pferden, Hunden, Vögeln, von Tischen, Bänken, Töpfen und Kesseln, alle mit der Bemerkung 1/3, 1/8, 1/10 der Lebensgröße, da hatte ich genug.« Lebenserinnerungen, l. c. p. 106Google Scholar
  36. 36.
    ibid p. 108Google Scholar
  37. 37.
  38. 38.
  39. 39.
  40. 40.
  41. 41.
    »Ich machte mich nun in freien Stunden ohne viel Vorbereitungen ans Werk, hatte aber leider nicht bedacht, daß die Arbeit viel Zeit und Mühe erforderte, und mehrmals verwünschte ich es, die Geschichte angefangen zu haben.« Lebenserinnerungen, l. c. p. 107Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1975

Authors and Affiliations

  • Marie-Luise Könneker

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