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Alfred Klaar »Was nennen wir literarisch«

Aus: »Das literarische Echo«, Jg 10, 1907/08, H. 10, Sp. 683–687
  • Erich Ruprecht
  • Dieter Bänsch

Zusammenfassung

(…) Belauschen wir uns selbst und fragen uns, unter welchen Umständen uns der Ausdruck „literarisch“ bei einer etwas tiefer eindringenden Charakterisierung von Menschen und Dichtungen auf die Lippen dringt, so werden wir sofort gewahr werden, daß die Eindrücke, um die es sich handelt, sich jenseits von Gut und Böse im literarischen Sinne bewegen. Wir können etwas literarisch nennen, was wir entzückend finden, und wir tun dasselbe bei einer Darbietung, die wir ablehnen oder gar verwerfen. Beweis genug, daß die Kennzeichen der Trefflichkeit und der Eindrucksfähigkeit hier für uns nicht entscheidend sind. Was aber sonst? Unverkennbar: ein Entstehungsmerkmal, das als solches für den Wert des Gewordenen nicht den Ausschlag gibt; etwa dasselbe, was wir beim Erkennen einer Rasse konstatieren, ohne dabei irgendwie festzustellen, ob es sich um ein schön entfaltetes oder ein verkümmertes Exemplar dieser Rasse handelt. „Literarisch“ drängt sich uns als ein neuer Naturlaut auf, wenn uns eine Erscheinung — ein geistiger Mensch oder ein Werk — gegenübertritt, die von Literatur gesättigt und getränkt ist, die von ihr herkommt und aus ihr die Lebenssäfte gesogen hat.

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Notizen

  1. 1.
    Franz Brentano (1838–1917), deutscher Philosoph; der von Klaar gestreifte Gedanke gehört in seine Lehre von den drei Grundformen psychischer Phänomene: der Vorstellung, des Urteils und der Gemütstätigkeit.Google Scholar
  2. 2.
    Die beiden österreichischen Volksschriftsteller Ludwig Anzengruber (1839–1889), Verfasser lehrhaft realistischer Bauerndramen und -romane, so des vielgespielten „Meineidbauern“ (1872), und Peter Rosegger (1843–1918), bekanntgeworden durch seine autobiographischen Schilderungen (,,Als ich noch der Waldbauernbub war“, 1902).Google Scholar
  3. 4.
    Das literarische Werk des Wiener Arztes Arthur Schnitzler (1862–1932) läßt sich demjenigen Hofmannsthals nicht im Sinne einer Rivalität gegenüberstellen, obschon Schnitzlers Ruhm durch die Erscheinung des zehn Jahre jüngeren Hofmannsthal — der zu Schnitzlers szenischen Dialogen „Anatol“ (1893) noch den berühmt gewordenen Prolog schrieb — mehr und mehr verdunkelt wurde. Ein Vergleichspunkt läge zwar in der formalen Idee der lyrischen Szene, aber nicht in der Schnitzlerischen „Spezialität“ ihres Inhaltes: dem immer wieder umkreisten Thema des sich selbst entfremdeten Eros (u.a. „Liebelei“, 1895; „Reigen“, 1903).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1970

Authors and Affiliations

  • Erich Ruprecht
  • Dieter Bänsch

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