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Rudolf Borchardt »Das Gespräch über Formen«

Leipzig: J. Zeitler 1905, S. 21–26
  • Erich Ruprecht
  • Dieter Bänsch

Zusammenfassung

Arnold: (…) Ich sage es Ihnen wieder, Harry, was ich Ihnen so oft gesagt habe, Leben heißt das große Wort, Leben, nur Leben, nicht Buch, und ich wollte, ich könnte es für Sie mit einem Atem von Schauer und Geheimnis, mit einer Wucht von wundervollem Irrsal so überfüllen, daß Ihnen der Ton nicht mehr vergeßbar wird, mit dem es hier so oft ausgesprochen worden ist. Wem zehn Worte, die als das, was sie sind, so und nicht anders im Verse beieinander stehen, wem die so im Raume stehenden Linien, der so und nur einmal so von Farbe, Licht und Wind schütternde Baum, wem diese Unwiderruflichkeit der Formen nicht sinnliches, geliebtes Dasein schlechtweg sind, der glaube nicht zu leben. Unsere Sinne sind da und sind das einzige, was wir als vollste Gegenwart spüren, als geheimnisvoll rauschendes Blut, als Atem und rätselhaften Durst, als den ungeheuren dumpfen Drang, das unersättigte Aug und Ohr, als tiefste heiligste Sicherheit. Wer sie aus unserem Bewußtsein hinauszureden versucht, ist unser Todfeind. In jedem Kunstwerke ist das Sinnliche primär, nicht das Sittliche, und die sittliche Metempsychose, in der das Sinnliche im Kunstwerke sich ausspricht, ist immer noch sinnlich in der Farbe und im tiefsten Grunde. Was der Pöbel Form nennt, ist Inhalt, was er Inhalt nennt, Resultat einer Formung, entst an den unter dem Hinzutreten des Elements einer Arbeit, eines Bewältigen- und Lenkenwollens, [So 22:] einer σπoυδή.1 Zwischen der sinnlichen und der sittlichen Sphäre des Daseins steht, wer sich bemüht.

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Notizen

  1. 4.
    Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorf (1848–1931), deutscher Altphilologe; der im folgenden erwähnte Passus stammt aus dem Vorwort des ersten Bandes seiner „Griechischen Tragödien“ (1899).Google Scholar
  2. 8.
    Aubrey Beardsley (1872–1898), englischer Zeichner und Lyriker; einer der Anreger der „Neuen Buchkunst“ und des modernen Plakats.Google Scholar
  3. 7.
    Herman Grimm (1829–1901), deutscher Kunst- und Kulturhistoriker, Essayist und Erzähler; ältester Sohn Wilhelm Grimms. Entdeckte in Marianne von Willemer die Suleika des „Westöstlichen Divans“ (u.a. „Goethe in Italien“, 1859).Google Scholar
  4. 8.
    Hans von Marées (1837–1888), deutscher Maler; wie Feuerbach auf der Suche nach einer neuen Klassizität.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1970

Authors and Affiliations

  • Erich Ruprecht
  • Dieter Bänsch

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