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Franz Servaes »Impressionistische Lyrik«

Aus: »Die Zeit«, Jg 5, 1898/99, Nr. 212, S. 54–56
  • Erich Ruprecht
  • Dieter Bänsch

Zusammenfassung

Die Erneuerung in der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts hat überall beim Impressionismus gelegen. Den momentanen Eindruck zu fixieren: keine Zeit hat in dem Grade diese Leidenschaft gehabt als die unsrige. Es kam wie ein neues Hell-seherthum über die Menschheit. Im scheinbar Bedeutungslosesten wollte man das Bedeutende, im Flüchtigsten das Ewige fangen. Man sagte sich: Wenn die Ewigkeit nicht in der Secunde liegt, in der Aneinanderreihung von Stunden, Wochen und Jahren, werden wir sie nimmermehr finden ! Und so entstand diese leidenschaftliche Sucht, das Unmittelbarste zu erraffen, Nerven, Augen und Ohren in ihrer Aufnahme- und Empfindungsfähigkeit ins Niedagewesene zu steigern. Die Photographie mußte uns die momentanen Lichteindrücke aufschreiben, der Phonograph die vorübereilenden Hörlaute festhalten. Und alles muß mit wissenschaftlicher Genauigkeit geschehen. Selbst die unbewußt kommenden Empfindungen, wie sie im Spiel unserer Nerven, in der Bewegung unseres Blutes sich äußern, wollen wir wägen und messen lernen, und scharfsinnig erdachte Apparate sind angefertigt worden, um derlei Zwecken zu dienen. Bis in winzigste Bruchtheile von Secunden will man controlieren, was in uns und um uns vorgeht, um es dann später mit unendlicher Mühe, wie im Kosmographen etwa, zu etwas leidlich Ganzem wieder zusammenzusetzen.

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Notizen

  1. 1.
    Obwohl die Bücher Friedrich Nietzsches (1844–1900) zum großen Teil während des naturalistischen Jahrzehnts erschienen, haben sie auf den Naturalismus — einzelne Autoren wie Michael Georg Conrad und Arno Holz ausgenommen — kaum gewirkt. Erst nach 1890 begann sich ihre Rezeption abzuzeichnen; philosophisch im Zusammenhang mit der Schopenhauer-Renaissance, literarisch bei der Herausbildung der gegennaturalistischen Theorien und der Bestimmung des neuen nachnaturalistischen „Geistes“. Servaes wiederholt in seiner Einleitung im wesentlichen früher geäußerte Gedanken Hermann Bahrs, der auch als erster in Nietzsche den „Impressionisten“ entdeckt hatte. Vgl. LMN S. 247.Google Scholar
  2. 4.
    Das Gedicht bezieht sich auf den antinaturalistischen Roman „Là-Bas“ (1891) von Joris Karl Huysmans (1848–1907). Vgl. LMN S. 164f.Google Scholar
  3. 8.
    Iwan Sergejewitsch Turgenjew (1818–1885), russischer Schriftsteller; eine nachgelassene Folge lyrischer Skizzen war vom Herausgeber mit dem Titel „Gedichte in Prosa“ versehen worden.Google Scholar
  4. 9.
    Als „Polymeter“ oder „Streckverse“ bezeichnete Jean Paul Friedrich Richter (1765–1825) seine verstreuten poetischen Gedanken und Einfälle. Sie stehen dem romantischen „Fragment“ nahe und reichen von der aphoristischen Reflexion bis zu durchgeführten Roman-Miniaturen. Ihre in den „Flegeljahren“ vorgebrachte ironische Theorie, sie seien reimlose Gedichte nach freiem Metrum, deren einziger Vers sich nach Belieben verlängern lasse, betont im Grunde den zu ihrer Zeit noch bezweifelten Anspruch der Prosa auf den Rang von Dichtung.Google Scholar
  5. 10.
    Judith Walter, d.i. Judith Mendès-Gautier (1847–1916), französische Schriftstellerin; „Le Livre de Jade“ (1867). Darin enthalten Übertragungen von Gedichten des Li Tai-po (701–762), der als bedeutendster Lyriker der chinesischen Literatur gilt.Google Scholar
  6. 11.
    Pierre Louys (1870–1925). französischer Schriftsteller; „Les chansons de Bilitis. Traduites du grec.“ (1897).Google Scholar
  7. 14.
    Karl Freiherr v. Levetzow (1871–1945), österreichischer Schriftsteller, weitläufiger Verwandter der Ulrike V.L.; stand dem „Jungen Österreich“ nahe und wirkte gelegentlich an Wolzogens „Überbrettl“ mit. Vgl. die im folgenden abgedruckte Polemik gegen Holz’ „Selbstanzeige“ („Gedanken eines Anderen von ihm selbst“, 1896; „Höhenlieder“, 1898).Google Scholar
  8. 15.
    Peter Altenberg, d.i. Richard Engländer (1859–1919); seinen lose komponierten Prosaskizzen wurde ein typisch wienerischer Lyrismus nachgerühmt („Wie ich es sehe“, 1896)Google Scholar
  9. 16.
    Von Paul Victor erschien 1896 eine Sammlung „Kindergeschichten“. Näheres nicht zu ermitteln.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1970

Authors and Affiliations

  • Erich Ruprecht
  • Dieter Bänsch

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