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Hans Landsberg »Los von Hauptmann!«

Berlin: Hermann Walther 1900, S. 3–9, 77–79
  • Erich Ruprecht
  • Dieter Bänsch

Zusammenfassung

Auf allen Gassen ertönt heute das Feldgeschrei: der Naturalismus ist tot, es lebe der Idealismus! Und die schönheitsseligen Aesthetiker der alten Schule wie die idealistischen Dichter vor der Revolution spitzen die Ohren und hoffen, ein neuer Frühling sei auch für ihre Muse und ihre Aesthetik gekommen. Sie weisen triumphierend darauf hin, daß sie das rasche Ende dieser Bewegung vorausgeahnt hätten und putzen die alten Phrasen vom idealistischen Grundelement der germanischen Poesie wieder auf. Sie werden dadurch um nichts lebendiger und thäten gut, sich ruhig wieder schlafen zu legen. Sie vergessen, daß dieser neue Idealismus und der ihrige so gar nichts gemein haben. Dort ein kraftloses Epigonentum, hier ein Aufsteigen zu einer neuen Blüte der Kunst. Von jeher ist der Naturalismus (wofern man ihn nicht als natürliche, realistische Kunst überhaupt begreift) nur die Reaktion gegen einen verstiegenen, naturfremden Idealismus gewesen, niemals eine dauernde Kunstform. Von Zeit zu Zeit nämlich fühlt sich der künstlerisch begabte Mensch gedrängt, mit der Tradition, die auf ihm lastet und ihn in seiner selbständigen Entwicklung hemmt, zu brechen. Seine Säfte stocken, und aus der unmittelbaren Berührung mit der Natur will er ihnen neues frisches Blut zuführen. Er jagt alle ästhetischen Regeln zum Teufel, und weil der Künstler sich eins fühlt mit dem Menschen, auch alle moralischen. Er gr eift Staat [S. 4:] und Kirche und Gesellschaft an . Er bäumt sich auf gegen die Tradition, welche seine Individualität hemmt, stellt sich ganz auf sich selbst in selbstbewußter Ueberschätzung seiner Persönlichkeit, und seine Werke verkünden sein Ich der Welt.

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Notizen

  1. 1.
    Daß Gerhart Hauptmann (1862–1946) heim Naturalismus „stehen gehliehen“ sei, ist allerdings, auch aus dem Blickwinkel des Jahres 1900, eine unverständliche Behauptung. Gerade in den Dramen der neunziger Jahre, vor allem in „Hanneles Himmelfahrt“ (1893), „Elga“ (1896) und der „Versunkenen Glocke“ (1896), treten Züge hervor, die schon von der zeitgenössischen Kritik als „Neuromantik“ bestimmt wurden; Franz Mehring, einer der Bewunderer des naturalistischen Hauptmann, sprach enttäuscht vom „Mißbrauch eines so großen Talentes“. Vgl. auch LMN S. 238.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1970

Authors and Affiliations

  • Erich Ruprecht
  • Dieter Bänsch

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