Advertisement

Die Schule als Arbeitsgemeinschaft

  • Theodor Wilhelm

Zusammenfassung

Der wichtigste Teil der staatsbürgerlichen Erziehung ist in Kerschensteiners Augen die Entwicklung der sozialen Tugenden des Schülers. Die Klage, daß die deutschen Schulen dieser Aufgabe zu wenig Rechnung tragen, begleitet Kerschensteiners schriftliche und mündliche Äußerungen vom ersten Tage seines öffentlichen Auftretens an. Unsere heutigen Schulen, sagt er in seinem Rückblick auf das Aufbauwerk der Fortbildungsschulen, befassen sich überwiegend mit der »Erziehung zur persönlichen Tüchtigkeit«, »aber sie sind keine Schulen für den sozialen Dienst«1. 1904 war es das »Gemeinsamkeitsgefühl«, dessen Pflege er in der Schule vermißte2; 1917 sind es die »Kulturgüter des sozialen Verhaltens«, deren stärkere Berücksichtigung der Schule zur Pflicht gemacht wird3. Gemeint ist immer das gleiche: es bedarf einer grundlegenden organisatorischen und methodischen Umwandlung des Schullebens, wenn die deutsche Schule diejenige soziale Mindesterziehung leisten soll, die im Interesse der Staatserhaltung unentbehrlich ist.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. Anm. 1.
    Schluß des Zitats von Kapitel VII, Anm. 1.Google Scholar
  2. Anm. 2.
    Zwischen Schule und Waffendienst (1904), Grundfragen 1. Aufl. S. 14 f.Google Scholar
  3. Anm. 3.
    Grundaxiom 1. Aufl. S. 62 fGoogle Scholar
  4. Anm. 4.
    Etwa: Das Problem der Volkserziehung (1908), Grundfragen 7. Aufl. S. 24.Google Scholar
  5. Anm. 5.
    vgl. die bekannten Stellen in der Züricher Rede von 1908 (Grundfragen 7. Aufl. S. 112) und im Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung von 1910 (1. Aufl. S. 56, 7. Aufl. S. 102): »Gegeben sei eine Klasse von 48 Schülern, wir teilen sie in …« 1908 schlägt K. Zweierbis Vierergruppen, 1910 Vierer- bis Sechsergruppen vor. Im ersten Fall steht der Gesichtspunkt der verschiedenartigen Begabungen, im zweiten der der Hilfsbereitschaft voran.Google Scholar
  6. Anm. 6.
    K. hat im April 1923 in verschiedenen Städten Hollands Vorträge über das »Sociale Interesse« gehalten, für die er sich eine gemeinsame handschriftliche Unterlage auf 7 Oktavblättern ausgearbeitet hat. Das abgedruckte Schema bildet den Schlußteil: »Die vier typischen Einrichtungen zur Förderung des socialen Interesses in der Schule.«Google Scholar
  7. Anm. 7.
    Landwirtschaftlicher Beruf und staatsbürgerliche Erziehung (1910), Grundfragen 7. Aufl. S. 177.Google Scholar
  8. Anm. 8.
    Grundfragen 7. Aufl. S. 112; Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung 1. Aufl. S. 56 f., 7. Aufl. S. 103.Google Scholar
  9. Anm. 9.
    Landwirtschaftsrede 1910, Grundfragen 7. Aufl. S. 176.Google Scholar
  10. Anm. 10.
    Hermann Schwarz, Das sittliche Leben (1. Aufl. 1901), S. 157, ähnlich auch schon S. 122.Google Scholar
  11. Anm. 11.
    Charakterbegriff und Charaktererziehung, 2. Aufl. S. 226 und 239.Google Scholar
  12. Anm. 12.
    K. hat in der Zeit der Begriffsschriften von neuem Jherings »Zweck und Recht« studiert. Der Einfluß folgender, von K. angestrichener Sätze auf die Theorie der Arbeitsgemeinschaft ist unverkennbar: Die Vorderfüße des Vierfüßlers nehmen beim Menschen die Gestalt und den Namen der Arme an; »das Verhältnis des Sittlichen zum Egoismus ist kein anderes — eine Repetition desselben Gedankens auf einer höheren Stufe des Daseins« (Band 11, 5. Aufl., 1916, S. 152).Google Scholar
  13. Anm. 13.
    Für die »Schaffensfreude« als Rückgrat der Pädagogik der Arbeitsgemeinschaft vgl. vor allem den Aufsatz »Das Problem der Volkserziehung« (1908), Grundfragen 7. Aufl. S. 15 ff., insbesondere 31 ff.Google Scholar
  14. Anm. 14.
    Kerschensteiner, Dewey-Auszug, Blatt 107. K. notiert am Ende dieses Kapitels allerdings: »Ich finde nicht gerade besondere Tiefe und Klarheit in all diesen Bemerkungen«; aber das dürfte sich weniger auf den hier zitierten Gedanken beziehen als auf Bemerkungen darüber, daß dem heutigen Menschen die soziale Perspektive der Arbeit verloren gegangen sei.Google Scholar
  15. Anm. 15.
    vgl. Dewey, Demokratie und Erziehung (deutsche Neuausgabe 1949, S. 329 ff.) und mein Buch: Oetinger, Partnerschaft, 3. Aufl. (1956) S. 90 ff.Google Scholar
  16. Anm. 16.
    In Anlehnung an Kurt Hahn in der »Sammlung« 1956, S. 247.Google Scholar
  17. Anm. 17.
    E. O. Sisson, The Essentials of Character (1910), p. 151: True courtesy is the appropriate manifestation of right character in immediate social contact. Dieses Buch, das in das Lager der Behavior-Psychologie gehört, ist von K. genauestens studiert worden; sein Einfluß hat sich mit dem Deweys amalgamiert.Google Scholar
  18. Anm. 18.
    Begriff der Arbeitsschule, 11. Aufl. S. 71. Die Antwort an Förster fehlt noch in der 1. Auflage (1912), obwohl Försters »Staatsbürgerliche Erziehung« bereits 1910 erschienen war. Zur Kontroverse Förster-Kerschensteiner über den »Gruppenegoismus« vgl. Wehle, a. a. O. S. 75 f.; aus der Jubiläumsliteratur von 1954 etwa auch F. Vilsmeier, a. a. O. S. 14.Google Scholar
  19. Anm. 19.
    Zwischen Schule und Waffendienst, Grundfragen 1. Aufl. S. 14. Auf Fichte und Lietz beruft sich K. auch später, vgl. z. B. »Das Problem der Volkserziehung« (1908) in Grundfragen 7. Aufl. S. 30f., und Begriff der Arbeitsschule 1. Aufl. (1913) Kapitel 111 (11. Aufl. S. 66 f.). — Der 1910 erschienene Bericht von Hermann Lietz »D. L. E. H. — Das erste bis sechste Jahr in deutschen Landerziehungsheimen« (1898–1904) befand sich in K’s Bibliothek.Google Scholar
  20. Anm. 20.
    Zuerst 1908, Grundfragen 7. Aufl. S. 31, dann im Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung 1910 (7. Aufl. S. 49) und im Begriff der Arbeitsschule 1912 (11. Aufl. S. 66).Google Scholar
  21. Anm. 21.
    Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung, 1. Aufl. S. 36 (7. Aufl. S. 49).Google Scholar
  22. Anm. 22.
    In der Teubner-Festschrift von 1928, a. a. O. S. 122 ff. Auf Wilhelm Mautes Dorfschule und auf dessen Büchlein »Erziehung zum Gemeinschaftsgeist und zur staatsbürgerlichen Gesinnung« (1927) hatte K. bereits in den späteren Auflagen des »Begriffs der staatsbürgerlichen Erziehung« hingewiesen (7. Aufl. S. 109).Google Scholar
  23. Anm. 23.
    Hinweise auf den Freiherrn vom Stein: 1901 in »Die gewerbliche Erziehung der deutschen Jugend« (S. 13); 1902 in der Mainzer Rede, Grundfragen 7. Aufl. S. 128; 1908 in »Das Problem der Volkserziehung«, Grundfragen 7. Aufl. S. 30; 1919 in »Die immanenten Bildungswerte der Volksschule«, Grundfragen 7. Aufl. S. 260 f.Google Scholar
  24. Anm. 24.
    Wir geben K’s Übersetzung in dem Aufsatz »Das Problem der Volkserziehung«, Grundfragen 7. Aufl. S. 23. Der englische Wortlaut, den K. ebenfalls mitteilt, lautet: »To make each one of our schools an embryonic community life, active with types of occupation that reflect the life of the larger society, and permeated throughout with the spirit of art, history, and science« (Grundfragen 7. Aufl. S. 332).Google Scholar
  25. Anm. 25.
    Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung, 1. Aufl. S. 36 (7. Aufl. S. 49), Zitat aus Deweys »Moral Principles«.Google Scholar
  26. Anm. 26.
    Wir schildern diese Deweysche Theorie der »Embryonalisierung« des sozialen Lebens in der Schule so, wie sie Dewey später (1916) in »Democracy and Education« ausgeführt hat (deutsche Neuausgabe 1949, S. 37 ff.) Sie ließe sich auch aus früheren Schriften Deweys belegen, vor allem aus »My Pedagogic Creed«: (»I believe that the school, as an institution, should simplify existing social life; should reduce it, as it were, to an embryonic form«, p. 8), aus »The School and Society« (1899) und aus »Moral Principles in Education« (1909). Vgl. dazu R. Prantl, Dewey als Pädagog, in Vierteljahrsschrift f. wiss. Päd. 1925, S. 401, und die Aufsätze von Heinrich Heise »Die Schule als zubereiteter Erfahrungsraum« und »Die Schule Pestalozzis und das bürgerliche Haus« in Westermanns Päd. Beiträge 1953, Heft 3, und 1956, Heft 4.Google Scholar
  27. Anm. 27.
    vgl. J. P. Ruppert, Die Schule als Sozialgebilde und Lebensform (1954), S. 100.Google Scholar
  28. Anm. 28.
    Kerschensteiner, Dewey-Auszug (1914).Google Scholar
  29. Anm. 29.
    Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung, 1. Aufl. S. 39 (7. Aufl. S. 50 f.).Google Scholar
  30. Anm. 30.
    vgl. die bekannten Sätze im Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung (1. Aufl. S. 32, 7. Aufl. S. 42): »… daß der Staatsverband mit der fast unübersehbaren Verknüpfung der Lebensinteressen seiner Bürger nur als ein ins Riesenhafte vergrößertes Abbild jenes Schulverbandes und seiner Einrichtungen erscheint, der in den Schülern den Grund zu den sozialen Tugenden bereits gelegt hat.«Google Scholar
  31. Anm. 31.
    Georg Reichwein, GK’s Theorie der Bildung, in Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Jugendbildung 1927, S. 357.Google Scholar
  32. Anm. 32.
    Zitiert von E. Saupe, Deutsche Pädagogen der Neuzeit (4. Aufl. 1925) S. 207.Google Scholar
  33. Anm. 33.
    In der Kerschensteiner-Literatur ist gelegentlich die Vermutung ausgesprochen worden, K. sei mehrfach in Amerika gewesen. Der Amerikaner E. O. Toews schrieb 1954 (Zeitschr. Wirtschaft und Berufserziehung 1954, S. 112): »Er wurde erneut zu dem Bürgermeister von Boston und anderen im Jahre 1912 zum Besuch der International Convention of Chambers of Commerce eingeladen; aber man weiß nicht, ob er die Vereinigten Staaten ein zweites Mal besuchte.« Andere haben von einer Amerikareise K’s »im Jahre 1912« gesprochen (H. Brückl in: Welt der Schule 1954, S. 291). Es steht jedoch fest, daß K. nur einmal in USA war, nämlich in jenem Winter 1910 (Ankunft in New York 26. Oktober 1910, Rückkehr nach München Weihnachten 1910). Die Korrespondenz mit Kreutzpointner (vgl. oben S. 54) reicht bis zum Kriegsausbruch und enthält keinerlei Andeutung von einem zweiten Besuch. Ebensowenig der Briefwechsel mit dem Educational Adviser des Commercial Club in Chicago, Dr. E. G. Cooley. Dr. Cooley schrieb K. in seinem letzten Brief vom 13. Juni 1914: »I also spoke to you (nämlich in seinem letzten Brief) about the proposed Congress of the Joint Committee on Vocational Education next year in California, in connection with the Panama Exhibition. I am quite sure that you could have an enjoyable time with us, if you find it possible to leave home. I am on the committee looking after these Congresses, and should be delighted to see you with us. I have already spoken of you at the meeting of the committee in St. Paul.« K. hat diese Einladung ebensowenig angenommen wie andere, die vorausgegangen waren.Google Scholar
  34. Anm. 34.
    vgl. die fünf Aufsätze K’s über das Schulwesen in USA, in Süddeutsche Monatshefte 1912; Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung VI. Kapitel (ab 3. Aufl.); Begriff der Arbeitsschule, 111. Kapitel (ab 6. Aufl. IV. Kapitel).Google Scholar
  35. Anm. 35.
    Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung, ab 4. Aufl. (1919), 7. Aufl. S. 77 ff.Google Scholar
  36. Anm. 36.
    vgl. vor allem K’s Vorwort zu dem Bericht »Ein Jahr Schülerausschüsse an den realistischen Schulen Bayerns«, Sonderheft der Bayerischen Zeitschrift für das Realschulwesen (1920). K. nennt hier folgende Gründe, warum die Schüler Selbstverwaltung in vielen deutschen Schulen gescheitert sei: 1. sie funktioniert in Internatsschulen besser als in Tagesschulen; 2. es müssen wirkliche Erzieher und nicht bloß Lehrer zur Verfügung stehen; 3. »der Geist der Selbstverwaltung muß im Volke lebendig sein, wenn er allgemein auch in den öffentlichen Tagesschulen lebendig sein soll«; 4. die Schule darf nicht übermäßig groß sein; 5. die Eltern müssen Hilfestellung leisten; 6. Schülerselbstverwaltung braucht Zeit zum Wachsen. Vgl. außerdem die Liste der Voraussetzungen und Normen der Schülerselbstregierung am Schluß des Bielefelder Vortrags von 1922 (unser Anhang S. 247).Google Scholar
  37. Anm. 37.
    Es darf für diesen Zusammenhang ganz allgemein auf K’s handschriftlichen Dewey-Auszug verwiesen werden. K. hat sich nicht nur den englischen Satz Deweys notiert: »Education is the process of remaking or reconstituting experience, so as to give it a more socialized content, through the medium of increase of control of experience«, sondern auch den deutschen: »Die Tauglichkeit fürs Leben, die erreicht werden soll, ist eine Tauglichkeit für das einzige Leben, das wir leben, für das Leben eines jeden gewöhnlichen Tages« (Blatt 44).Google Scholar
  38. Anm. 38.
    Das Problem der Volkserziehung (1908), Grundfragen 7. Aufl. S. 27.Google Scholar
  39. Anm. 39.
    Deutsche Schulerziehung in Krieg und Frieden (1916), S. 86 f.Google Scholar
  40. Anm. 40.
    Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung, von der 3. Auflage (1914) ab; 7. Aufl. S. 55.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1957

Authors and Affiliations

  • Theodor Wilhelm

There are no affiliations available

Personalised recommendations