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Theorie des Zeichenunterrichts

  • Theodor Wilhelm

Zusammenfassung

Der »Münchener Schulstreit«, der um das Jahr 1910 die deutsche Öffentlichkeit beschäftigte, hat als ein Zeichenstreit begonnen. Anlaß waren Schülerzeichnungen, die der Münchener Stadtschulrat auf der Ausstellung »München 1908« und auf dem dritten Internationalen Kongreß zur Förderung des Zeichenunterrichts in London im gleichen Jahre gezeigt hatte. Ein der Hamburger Richtung der Kunsterziehung angehörender Berichterstatter unterwarf in der Zeitschrift des Vereins der deutschen Zeichenlehrer die »Münchener Manier« einer scharfen Kritik. Diese Zeichnungen wirkten plakatartig, sie seien nicht aus der Kindesseele hervorgegangen, und auch kein Zeichenlehrer hätte sie erfunden, wenn es nicht den besonderen Stil der Zeitschrift »Münchener Jugend« gäbe. »Gewiß ist weder der einen noch der anderen ‚Jugend‘ damit gedient, wenn Kinder in dieser Kunst gedrillt werden, die sie nicht erfassen können, weil sie eben Kinder sind.«

Daß der Münchener Schulstreit als ein Streit um den Zeichenunterricht begonnen hat, ist fast ganz vergessen, weil K’s Gegner ihren Angriff rasch auf die »Arbeitsschule« insgesamt ausgedehnt haben. Die Kritik der »Hamburger«, die — zusammen mit dem Aufsatz des Münchener Zeichenprofessors Morin (s. S. 93) — den Anstoß gab, erfolgte in der Zeitschrift »Schauen und Schaffen« (1909, Heft 17–19). Es hieß da u. a.: »Die Schüler zeichnen fast ausschließlich mit Kohle und Pastell und stellen nach dem Naturvorbild eine Übersetzung dar, die, auf wenige Tonflächen vereinfacht, entschieden plakatartig wirkt. Das ist natürlich sehr interessant, allein uns will zunächst erscheinen, daß Kindern hier eine Naturauffassung zugemutet wird, die nicht den Anfang, sondern das Resultat eines Studiums bedeutet. Eine Schule für Graphiker, insbesondere Steinzeichner!« (S. 272). »Alle Arbeiten zeigten eine ausgesprochene Manier, die nicht aus der Kindesseele hervorgegangen wäre, die auch kein Zeichenlehrer erfunden hätte, wenn nicht die ‚Munchener Jugend‘ wäre … Gewiß ist weder der einen noch der anderen ‚Jugend‘ damit gedient, wenn Kinder in dieser Kunst gedrillt werden, die sie nicht erfassen können, weil sie eben Kinder sind« (S. 290). »Gibt es in München keine Psychologie? Weiß man dort nicht, daß jede Vorstellungsart nur dann Wert hat, wenn sie hervorgegangen ist aus einer auf breiter Anschauung ruhenden Erkenntnis?« (S. 298).

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Anmerkungen

  1. Anm. 1.
    Zeichenlehrer C. Mangold, in Pädagogische Blätter für Lehrer und Lehrerbildungsanstalten (begr. von Kehr) Band XXXI (1902), S. 480.Google Scholar
  2. Anm. 2.
    Freilich an einer sehr versteckten Stelle seines Buches »Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung« (S. 497).Google Scholar
  3. Anm. 3.
    Oskar Wulff z. B. benützt in seinem Werk »Die Kunst des Kindes« (1927) mit Dankbarkeit immer wieder das Kerschensteinersche Bildmaterial, und zwar auch dort, wo er theoretisch andere Wege geht.Google Scholar
  4. Anm. 4.
    vgl. Kunsterziehung — Ergebnisse und Anregungen des IL Kunsterziehungstages in Weimar am 9., 10., 11. Oktober 1903 (Leipzig 1904), S. 20 f.Google Scholar
  5. Anm. 5.
    Autobiographie 1915, a. a. O. S. 109; Selbstdarstellung 1925, a. a. O. S. 70.Google Scholar
  6. Anm. 6.
    So berichtet Walther Merck über K’s Besuch einer Ausstellung von Schülerzeichnungen im Berliner Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht, Anfang der Zwanzigerjare (Hamburger Lehrerzeitung 25. 8. 1954, S. 1).Google Scholar
  7. Anm. 7.
    Vortrag »Produktive Arbeit und ihr Erziehungswert« (1906)., in Grundfragen 1. Aufl. S. 47 f. (7. Aufl. S. 65 f.).Google Scholar
  8. Anm. 8.
    Ein zutreffendes Gesamturteil über die K’sche Zeichentheorie enthalten neuerdings einige Jubiläumsaufsätze, so Franz Hilker in »Bildung und Erziehung« (1954, S. 388) und Fritz Blättner in »Die Schleswig-Holsteinsche Schule« (20. Juli 1954). In Übereinstimmung befinden wir uns an dieser Stelle vor allem mit der Dissertation von G. Wehle (a. a. O. S. 35 f.). Wehle scheint uns die rationale Grundeinstellung, den Zusammenhang mit dem »Erfahrungswissen« und die Tendenz zur Erscheinungstreue im ganzen richtig zu beurteilen. Die ältere, philosophierende Kerschensteiner-Literatur hat der Theorie des Zeichenunterrichts im allgemeinen keine wesentliche Bedeutung für K’s Gesamtentwicklung beigemessen. Eine Ausnahme bildete Prantl, der K’s Buch über die zeichnerische Begabung »das originellste, wenn nicht bedeutendste Werk K’s« genannt hat (a. a. O. S. 197).Google Scholar
  9. Anm. 9.
    vgl. die oben S. 52 mitgeteilten »Leitlinien und Merksätze« zu den Vorlesungen über Erziehung des Kindes, 1906/7, 13. Vorlesung.Google Scholar
  10. Anm. 10.
    Ausbildung der Gesichtsvorstellungen und der Ausdrucksfähigkeit: z. B. Betrachtungen zur Theorie des Lehrplans (1899), S. 22, 132, 137, 164; Die gewerbliche Erziehung der deutschen Jugend (1901) S. 7; Beobachtungen und Vergleiche (1901) S. 236; Berufsbildung oder Allgemeinbildung? (1904) in Grundfragen 7. Aufl. S. 56; Das zeichnende Kind und sein Verhältnis zur Kunst (1904) durchweg; Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung (1905) vor allem S. 444 und 490; Begriff der Arbeitsschule (1. Aufl. 1912) S. 47; Wesen und Wert des naturwissenschaftlichen Unterrichts (1. Aufl. 1914) S. 71 und 124; Theorie der Bildung (1925) S. 119 f. und oft.Google Scholar
  11. Anm. 11.
    Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung, S. 442–444.Google Scholar
  12. Anm. 12.
    Verhandlungsbericht des Weimarer Kunsterziehungstages 1903, a. a. O. S. 21.Google Scholar
  13. Anm. 13.
    Grundfragen 1. Aufl. S. 38, 7. Aufl. S. 56 (1904) und Begriff der Arbeitsschule 1. Aufl. S. 47, 11. Aufl. S. 90 (1912).Google Scholar
  14. Anm. 14.
    Beobachtung, Erziehung zur Beobachtungsfähigkeit usw.: vgl. die in Anmerkung 10 genannten Quellen, dazu: Der erste naturkundliche Unterricht, Anhang zur 2. Auflage der Betrachtungen zur Theorie des Lehrplans (S. 3) und vor allem: Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung, S. 2 f. und 449.Google Scholar
  15. Anm. 15.
    In der Entwickelung der zeichnerischen Begabung, S. 486 f. Ebenso in einem Aufsatz gleichen Titels in dem Sammelwerk »Deutsche Kunsterziehung« (1908), S. 13–26. Auf Einzelergebnisse seiner Untersuchungen über das Zeichnen, z. B. auf den Unterschied der Geschlechter hinsichtlich der zeichnerischen Entwicklung und auf den Zusammenhang von Intelligenz und Zeichenfähigkeit, hat K. oft und in den verschiedensten Zusammenhängen Bezug genommen.Google Scholar
  16. Anm. 16.
    vgl. Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung, S. 484 ff. Dazu aus der heutigen psychologischen Literatur etwa Wilhelm Neuhaus, Der Aufbau der geistigen Welt des Kindes (1955) S. 119 ff.Google Scholar
  17. Anm. 17.
    Kerschensteiner, ebenda S. 485, und Neuhaus, a. a. O. S. 113.Google Scholar
  18. Anm. 18.
    G. F. Hartlaub, Der Genius im Kinde (1922), S. 72.Google Scholar
  19. Anm. 19.
    Kerschensteiner, Das zeichnende Kind und sein Verhältnis zur Kunst, Vortrag München 1904, Sonderdruck aus der Beilage zur »Allgemeinen Zeitung«, München 1904.Google Scholar
  20. Anm. 20.
    Zwanzig Jahre im Schulaufsichtsamte (1915), a. a. O. S. 109.Google Scholar
  21. Anm. 21.
    Die Anklänge an Karl Lamprecht sind auffallend, obwohl dessen »Einführung in das historische Denken« erst 1912 erschien. Es ist bei K. mehr das allgemeine Empfinden, daß das künstlerische Sehen beim Kind und bei den Menschen der Urzeit durch die Entfaltung derselben Kräfte bedingt ist, ohne daß daraus dann eine Parallelität der psychogenetischen Gesetzmäßigkeit hier und dort in völliger Entsprechung abgeleitet würde.Google Scholar
  22. Anm. 22.
    Entwickelung der zeichnerischen Begabung, S. 17 und 476 f. S. 104.Google Scholar
  23. Anm. 23.
    Ebenda S. 452.Google Scholar
  24. Anm. 24.
    vgl. oben S. 87. Dazu einen Aufsatz von Professor Eugen Kalkschmidt-München im Feuilleton der »Allgemeinen Zeitung« vom 20. Oktober 1909, der beiden Seiten gerecht zu werden versucht, zum Schluß aber eindeutig für K. Stellung nimmt: »Sein (K’s) Verlangen nach dem klaren, charakteristischen Umriß, nach der großen entschieden kontrastierten Fläche und ehrlichen Farbe, nach der großen Form überhaupt — was ist es anders als eine starke und notwendige Reaktion gegen die Wurstelei in imitatorischen Kleinigkeiten, über denen man das Wesen der Erscheinung vergaß und die schöpferische Vorstellungskraft der kindlichen Seele langsam ertötete? Wenn die Münchener Methode die Gefahr eines dekorativen Plakatstils in sich trägt, so kann sie selbst in solchen Verirrungen, die man beklagen und beseitigen müßte, noch immer mehr wirkliches Kunstgefühl offenbaren als die ziellosen Leistungen nach den Prinzipien einer allgemeinen Bildung.«Google Scholar
  25. Anm. 25.
    Morin hat den Kolbschen Aufsatz benützt, um K. erneut zu beschießen (Frankfurter Zeitung, 1. Oktober 1909, Erstes Morgenblatt): Kolb habe bekanntgegeben, die Münchener Zeichnungen seien »durch die Bank von Künstlerhand korrigiert« (was Kolb in Wirklichkeit nur bei zwei Themenreihen vermutet hatte). Kolb brachte in der Juli-Nummer seiner Zeitschrift »Kunst und Jugend« eine Richtigstellung, in der es u. a. hieß: »Wie kann man den Bahnbrecher und Pfadfinder Kerschensteiner, der uns allen ein Licht auf dunklem Wege ist, so mißverstehen und mit solchen Mitteln (der Entstellung) bekämpfen!« (S. 97) Er hat dieses Heft K. zugeschickt mit einem Brief vom 25. 10. 1909, der mit dem Satz beginnt: »Es schmerzt mich tief, daß ich dazu beigetragen habe, daß Sie solche Verunglimpfungen erfahren mußten.«Google Scholar
  26. Anm. 26.
    vgl. die Entwickelung der zeichnerischen Begabung, S. 163, 452, 470. Später z. B. Wesen und Wert, 4. Aufl. S. 119/120.Google Scholar

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  • Theodor Wilhelm

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