Advertisement

Erziehung und Beruf

  • Theodor Wilhelm

Zusammenfassung

Diejenige Stelle, wo die Problematik der »praktischen« Bildung die Schule am unmittelbarsten berührt, ist die Berufserziehung. Kerschensteiner sah sich, als er sein Amt antrat, durch ein geschichtliches Gebot der Stunde auf sie hingewiesen. Der frische Auftrieb des neuen Reiches hatte die soziale und wirtschaftliche Verwandlung der Welt, die im Laufe des Jahrhunderts in ganz Europa in Gang geraten war, auf deutschem Boden in besonderer Weise sichtbar gemacht. Die Fragen der sozialen und politischen Existenz des Menschen, die in der Überlieferung der deutschen Philosophie und Pädagogik am weitesten zurückgestanden hatten, brachen über Nacht gebieterisch über die deutsche Volksbildung herein. Eine Bildungsidee, die ganz einseitig an der Idealgestalt des Menschen, am Bild des sittlichen Sollens und der ästhetischen Vollkommenheit, orientiert war, sah sich plötzlich vor die Aufgabe gestellt, für die konkrete Problematik des industriellen Zeitalters und der konstitutionellen Demokratisierung der Nation brauchbare Lösungen zu finden.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. Anm. 1.
    vgl. Friedrich Schneider, GK’s Auslandsbedeutung, in Berufspädagogische Zeitschrift 1954, S. 123.Google Scholar
  2. Anm. 2.
    Die zeitgenössische Sozialdemokratie, die K’s Begründung der Fortbildungsschule ablehnte, weil sie die Gesellschaftsordnung im ganzen unangetastet ließ, hat die praktische organisatorische Leistung K’s auf diesem Gebiet durchaus anerkannt (vgl. Wehle, a. a. O. S. 65 f.). Auch Prantl, der mit dem vorausgegangenen Volksschullehrplan scharf ins Gericht ging, hat die Organisation der Fortbildungsschule als das bleibende Verdienst K’s bezeichnet (a. a. O. S. 213). Paul Luchtenberg 1954 mit speziellem Bezug auf die Ausgestaltung der Berufsschule: »Sein Vermächtnis ist zur Wegweisung geworden« (Zeitschrift Wirtschaft und Berufserziehung 1954, S. 110).Google Scholar
  3. Anm. 3.
    G. Wehle, Praxis und Theorie im Lebenswerk GK’s (1956), S. 47. Wehle setzt im Hinblick auf die gesamte praktisch-organisatorische Leistung K’s hinzu: »Im ganzen erwächst aus der Betrachtung dieses Wirkens ein lebendiges Bild seiner kraftvollen Persönlichkeit.« R. Egenberger hat 1954 aus eigener Erfahrung das Bedürfnis gehabt, der Verherrlichung K’s eine Bremse anzulegen, und hat zu bedenken gegeben, daß ohne die einzigartig verständnisvolle Mithilfe aller städtischen Instanzen das organisatorische Werk K’s unmöglich gewesen wäre (Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung 1954, S. 189).Google Scholar
  4. Anm. 4.
    Über die Erziehungssituation des handwerklichen Nachwuchses in den Neunzigerjahren vgl. Fritz Blättner, Menschenbildung und Beruf (1947), S. 145 f.; Josef Dolch, »GK zum 98. Geburtstag« in Deutsche Berufsund Fachschule 1952, S. 655 ff.; und vor allem die Gedenkschrift des Kölner Instituts für Berufserziehung im Handwerk: Die Bedeutung GK’s für die Berufserziehung im Handwerk (Köln 1954), S. 7 ff.Google Scholar
  5. Anm. 5.
    Aus dem Hauptdokument für das Verhältnis von Meisterlehre und Schule, dem Vortrag auf dem Deutschen Städtetag 1908 »Die Schulwerkstatt als Grundlage der Organisation der Fortbildungsschule«, in Süddeutsche Monatshefte 1908, S. 327 ff.Google Scholar
  6. Anm. 6.
    vgl. die laufenden »Jahresberichte der männlichen Fortbildungsund Gewerbeschulen Münchens«, die der Stadtschulrat von 1906 ab erstattete, den Vortrag von 1906 über die »Grundlagen für die Organisation des Fortbildungsschulwesens« (Grundfragen 1. Aufl. S. 126 ff.), und den zusammenfassenden Rechenschaftsbericht »Organisation und Lehrpläne der obligatorischen Fach- und Fortbildungsschulen für Knaben in München« (München 1910).Google Scholar
  7. Anm. 7.
    Mainzer Vortrag 1902 (Grundfragen 1. Aufl. S. 106, 7. Aufl. S. 121).Google Scholar
  8. Anm. 8.
    Beobachtungen und Vergleiche über Einrichtungen für gewerbliche Erziehung außerhalb Bayern (1901), S. 128. Anerkennung finden in K’s Bericht vor allem Österreich mit seinen an eine sechsjährige Volksschule anschließenden »Staatshandwerkerschulen« und die Schweiz mit dem Gewerbemuseum in Bern; in Deutschland hat K. u. a. in Stuttgart und Karlsruhe gewerbeschulische Einrichtungen vorgefunden, die ihm mustergültig erschienen.Google Scholar
  9. Anm. 9.
    K’s scharfe Aburteilung des »niederen« gewerblichen Schulwesens darf nicht dazu verleiten zu vergessen, daß die deutsche Fortbildungsschule (seit 1923 »Berufsschule«) sich sehr rasch auf eine in der ganzen Welt anerkannte Höhe heraufgearbeitet hat, und darf vor allem auch nicht unbesehen auf das niedere und höhere Fachschulwesen übertragen werden. Zum letzteren vergleiche das Lob der Fachschulen, das Willy Hellpach nach einer Betrachtung der Lebensläufe von Siemens, Krupp, Borsig, Ballin, Diesel u. a. singt: »Vertieft man sich in die Lebensläufe der bahnbrechenden Pioniere unserer ökonomisch-technischen Zivilisation im 19. Jahrhundert und bis an den ersten Weltkrieg im 20. heran, so tönt aus dem Werden und Können dieser Männer ein Hoheslied der deutschen Fachschulen, ob sie nun Gewerbeschulen, Handelsschulen, Industrieschulen oder wie immer sich nannten« (W. Hellpach, Erzogene über Erziehung, 1954, S. 134).Google Scholar
  10. Anm. 10.
    Staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend — Von der Erfurter Königl. Akademie gemeinnütziger Wissenschaften als Preisschrift gekrönt (1901), 1. Aufl. S. 30 ff.Google Scholar
  11. Anm. 11.
    Bei genauem Zusehen überwiegt in der Preisschrift auch rein statistisch der Gebrauch des Begriffes »Arbeit« gegenüber dem »Beruf«.Google Scholar
  12. Anm. 12.
    Zum Begriff »Tüchtigkeit«: Er ist ein Zentralbegriff in Unolds »Grundlegung für eine moderne praktisch-ethische Lebensanschauung«, wo folgende Definition gegeben wird: »Tüchtig = tauglich ist derjenige, der den Umständen, in die er versetzt ist, und den Aufgaben, die ihm in Beruf und Leben gestellt sind, gewachsen, vollkommen angepaßt sich zeigt« (S. 353). — Zu »Brauchbarkeit«: K. beruft sich dafür besonders gern auf den Erlaß des Kurpfalzbayerischen General-Schulen-Direktoriums von 1803, den er bereits in den Betrachtungen zur Lehrplantheorie ausführlich zitiert. Dort hieß es: »Die allgemeine Bestimmung jedes Menschen ist die reine Sittlichkeit, die besondere ist Brauchbarkeit, das heißt als ein Glied der bürgerlichen Gesellschaft muß er in den Stand gesetzt werden, zu seinem und zu dem allgemeinen Wohle der Gesellschaft, in welcher er lebt, das möglichste beizutragen.« Kerschensteiners Vorliebe für diesen alten Erlaß (Prantl: »woran er wie an einer durch das Alter ehrwürdig gewordenen Reliquie oder einem uralten selbstgemachten Gräberfund unentwegt festhält«, a. a. O. S. 209) und für dessen Idee der »Brauchbarkeit« ist schon von K’s Gegner Zillig kritisiert worden: es handle sich um eine typische Begründung der Bürgerpflicht aus der Restaurationszeit I Man kann aber natürlich auch umgekehrt sagen: gerade der konkrete politische Bezug dieses Erlasses und seines Brauchbarkeitsbegriffes ehrt den, der sich auf ihn beruft. — Über die idealistisch-moralisierende Weiterentwicklung des Begriffes in K’s späteren Schriften vgl. jetzt Wehle, a. a. O. S. 79 f. und 134.Google Scholar
  13. Anm. 13.
    Grundaxiom 1. Aufl. S. 41 ff., 8. Aufl. S. 121 ff.; Theorie der Bildung 1. Aufl. S. 22, 38 ff., 188 ff., 319 fGoogle Scholar
  14. Anm. 14.
    Wehle, a. a. O. insbesondere S. 54 ff., 86 ff. und 112 ff.Google Scholar
  15. Anm. 15.
    Die kritische Bemerkung über die angebliche »Selbsttätigkeit« in unseren Schulen, die in der 1. Auflage des Begriffs der Arbeitsschule lautete: »Es ist leider mehr die Selbsttätigkeit einer Maschine als die der produktiven Arbeit«, ist in den späteren Auflagen abgeändert in: »Es ist leider mehr die Selbsttätigkeit einer Maschine als die einer eigenartig sich selbst gestaltenden Seele« (1. Aufl. S. 41, 11. Aufl. S. 80).Google Scholar
  16. Anm. 16.
    vgl. »Der pädagogische Begriff der Arbeit« in Zeitschrift für Lehrerfortbildung 1923, Nr. 21; Begriff der Arbeitsschule 6. Aufl. (1925) Kapitel 111 und 11. Aufl. Kapitel 111; und die Dortmunder Rede »Der pädagogische Begriff der Arbeit«, in Erziehungsfragen im Industriegebiet (1926). — Reihenfolge der »bildenden« Arbeitsgüter 1925: technisch-handwerkliche Arbeit, Übersetzung aus dem Lateinischen, Mathematik, Physik und Chemie, Konstruktives Zeichnen. Reihenfolge 1926: Her-Übersetzungen, Mathematik, Physik und Chemie, Konstruktives Zeichnen, technisch-praktische Arbeiten, Hin-Übersetzungen.Google Scholar
  17. Anm. 17.
    »Die immanenten Bildungswerte der Volksschule« (1919), in Grundfragen, 7. Aufl. S. 268.Google Scholar
  18. Anm. 18.
    Wozu in der modernen K.-Literatur eine deutliche Neigung besteht; vgl. etwa Litt, Berufsbildung und Allgemeinbildung (1947) S. 10, Erich Weniger in: Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung 1954, S. 168, und Wehle, a. a. O. S. 96.Google Scholar
  19. Anm. 19.
    vgl. den oben zitierten Satz aus der Theorie der Bildung, S. 189.Google Scholar
  20. Anm. 20.
    vgl. z. B. Beobachtungen und Vergleiche … (1901) S. 51; »Berufs- oder Allgemeinbildung?« (1904) in Grundfragen 1. Aufl. S. 23ff.; »Produktive Arbeit und ihr Erziehungswert« (1906) in Grundfragen i. Aufl. S. 46ff.; »Das Problem der Volkserziehung« (1908) in Grundfragen 7. Aufl. S. 15ff.; und dann Begriff der Arbeitsschule, 11. Aufl. S. 19. Ebenda auch fast durchweg der Hinweis auf die Pflege der »Interessen« und auf den »Dienst an anderen«.Google Scholar
  21. Anm. 21.
    Abgedruckt in Grundfragen, 1. Aufl. S. 23 ff. (7. Aufl. S. 40 ff.).Google Scholar
  22. Anm. 22.
    Gemeint ist vor allem die Polemik Zilligs in den beiden Abhandlungen von 1900 und 1908, von denen noch zu reden ist.Google Scholar
  23. Anm. 23.
    Gegen eine rein fachliche »Banausenbildung« wendet sich K. in fast allen Vorträgen und Aufsätzen zwischen 1901 und 1910. In seinem Auszug aus Dewey (vgl. unsere Dewey-Anmerkung, Seite 54 f.) hat K. sorgfältig die Einwendungen notiert, die Dewey selbst gegen die Überspitzung des Prinzips der Berufsbildung gemacht hat: dann rücke die Erziehung ganz in das Licht der Vorbereitung — Vorbereitung zum Staatsbürger, zur Lebenstüchtigkeit, zur Welt der Erwachsenen überhaupt, und die Ferne des Ziels schiebe alle Erscheinungen, die dem Kind begegnen, auf ein und derselben »toten Ebene« zusammen! Es sind freilich Einwände, die Dewey nur macht, um sie selbst zu entkräften: trotzdem bleibe der Beruf (die Arbeit) der einzige Ort, wo sich die psychologischen und die soziologischen Erfordernisse der Erziehung am vollständigsten vereinen (Dewey-Auszug, Blatt 64).Google Scholar
  24. Anm. 24.
    Vor allem in »Berufs- oder Allgemeinbildung?« (1904) und in der Theorie der Bildung (1. Aufl. S. 41). — Goethe ist wahrscheinlich der erste »Pädagog«, den K. »studiert« hat. Jedenfalls hat er das Buch von Adolf Langguth »Goethes Pädagogik, historisch-kritisch dargestellt« (1886) genauestens durchgearbeitet. Karl Muthesius hat seine 1927 erschienene Abhandlung »Goethe und das Handwerk« Kerschensteiner gewidmet.Google Scholar
  25. Anm. 25.
    Die klassische Gestalt des Handwerker tum s im Gegensatz zu den industriellen und bürokratischen Berufsformen der Gegenwart ist heute sowohl soziologisch wie philosophisch und pädagogisch vielfach untersucht. Vgl. u. a. die Reihe »Berufserziehung im Handwerk« des bereits genannten Kölner Instituts für Berufserziehung, darin vor allem A. Schwarzlose, Berufserziehung in der industriellen Gesellschaft (1954); sodann Hans Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters (1955), wo die Handwerksarbeit als »Idyll der Arbeit« geschildert wird (S. 3iff.); Theodor Litt, Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeits weit (1955) mit der schönen Beschreibung des klassischen Hand-werkertums als einer Welt des »Umgangs« mit den Dingen; Hans Wenke in seiner Münchener Festrede 1954; und Fritz Blättner »Über die Berufserziehung des Industriearbeiters« im Archiv für Berufsbildung 1954, Heft 3, S. 33 fr.Google Scholar
  26. Anm. 26.
    Noch 1917 heißt es im Vortrag »Freie Bahn für den Tüchtigen!« (S. 11): »Denn selbst die größte Wissensmenge trägt keine Korrektion der eigenen Unzulänglichkeit in sich. Ihrer werden wir erst inne in der Anwendung des Wissens auf die praktischen Aufgaben des Lebens, denen doch alles Wissen schließlich zu dienen hat. Darum ist die leider so selten gewordene gute Meisterlehre in Handwerk, Kunst und Wissenschaft, in der alles Wissen sich im produktiven Können zu bewähren hat, immer eine gute Quelle aller Tüchtigkeit und der sie begleitenden Eigenschaften gewesen.«Google Scholar
  27. Anm. 27.
    Ein Satz aus K’s handschriftlichem Dewey-Auszug, den K. dick angestrichen hat.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1957

Authors and Affiliations

  • Theodor Wilhelm

There are no affiliations available

Personalised recommendations