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Die Dialektik der staatsbürgerlichen Bildung

  • Theodor Wilhelm

Zusammenfassung

Kehren wir, bereichert durch die Erkenntnisse der beiden letzten Kapitel, zurück zu Kerschensteiners Theorie der staatsbürgerlichen Erziehung, so läßt sich eines jetzt bereits mit Bestimmtheit aussagen: wenn es zutrifft, daß Kerschensteiners Bildungstheorie zu der verhängnisvollen politischen Blindheit des gebildeten deutschen Bürgertums beigetragen hat, so liegt die Schuld nicht bei der praktischen Orientierung seiner Schulpädagogik und nicht bei dem pragmatisch-dynamischen Grundcharakter seiner Anthropologie, sondern umgekehrt bei der zunehmenden Preisgabe dieses Ausgangspunktes unter der Einwirkung jener idealistischen Kulturideologie, die ihn in den letzten fünfzehn Lebensjahren immer ausschließlicher gefangen nahm. Die bedenklichste und zugleich nachhaltigste Wirkung Kerschensteiners knüpft sich an die Spätform seiner politischen Erziehungslehre, in der Staat und Bildung einander wesensmäßig zugeordnet erscheinen. Wo Kerschensteiner den zu erziehenden Menschen auf dem gewachsenen Grund der natürlich-geschichtlichen Lebensordnungen, der beruflichen Aufgaben, praktischen Hantierungen und sozialen Notwendigkeiten erblickte, war alles gesund und echt; dieses Vermächtnis bleibt lebendig, auch wenn die Welt sich unterdessen erheblich verändert hat und die Verantwortlichkeit des Subjekts heute einen ungleich schwereren Stand hat als vor fünfzig Jahren. Das Verhängnis beginnt erst mit dem systematischen Ausbau der Bildungstheorie. Als Kerschensteiner sich anschickte, die Staatsidee auf Bildungsbegriffe aufzubauen, versanken die Lebensbegriffe seiner politischen Pädagogik hinter dem Horizont. Der Staat als Funktion der »Kultur« war das Trostgebilde der bürgerlichen Lebensverarmung, unter dessen Schutz der Rechtsstaat sich selbst der Diktatur preisgab.

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Anmerkungen

  1. Anm. 1.
    Das Hereinströmen der Wertphilosophie ist u. a. an den verschiedenen Auflagen des »Begriffs der staatsbürgerlichen Erziehung« zu verfolgen: 1. Aufl. 1910 (S. 24): »Der Weg zum Weltbürger geht ausschließlich über den Staatsbürger«; 3. Aufl. 1914 (S. 24): »Der Weg zum wertvollen Weltbürger geht ausschließlich über den wertvollen Staatsbürger.« Die »geistig Hochbegabten« der 3. Auflage sind später in die »Träger höherer Werte« umgewandelt (3. Aufl. S. 98, 7. Aufl. S. 117).Google Scholar
  2. Anm. 2.
    Es darf hier ganz allgemein noch einmal auf die Dissertation von G. Wehle verwiesen werden, insbesondere auf S. 81, 94, 95,101, 106, 107, 157.Google Scholar
  3. Anm. 5.
    Das meint Fritz Blättner in seinem Aufsatz »Vom Selbstverständlichen in der Erziehung«, Vierteljahrsschrift für wiss. Päd. 1954, Heft 2, S. 82 f.Google Scholar
  4. Anm. 4.
    Begriff der Arbeitsschule, 11. Aufl. S. 72 (auch schon 1. Aufl.).Google Scholar
  5. Anm. 5.
    Schon 1907, vgl. Grundfragen, 1. Aufl. S. 219 (7. Aufl. S. 204).Google Scholar
  6. Anm. 6.
    vgl. H. Wenkes Abhandlung »Der Deutsche und sein Staat«, in seinem Buch: Wissenschaft und Erziehung (1952), S. 166 ff.Google Scholar
  7. Anm. 7.
    Notiz in K’s handschriftlichen Aufzeichnungen über Natorps Pestalozzibücher.Google Scholar
  8. Anm. 8.
    Wehle, a. a. O. S. 132 ff.Google Scholar
  9. Anm. 9.
    Deutsche Schulerziehung in Krieg und Frieden (1916), passim.Google Scholar
  10. Anm. 10.
    vgl. dazu Th. Litt, Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeitswelt (1955) und meine Abhandlung: Fr. Oetinger, Sachlichkeit und Menschlichkeit (1956), insbesondere S. 24 ff.Google Scholar
  11. Anm. 11.
    Autobiographie 1915, a. a. O. S. 113; Selbstdarstellung 1925, a. a. O. S. 76. Vgl. auch Wehle, a. a. O. S. 84 f.Google Scholar
  12. Anm. 12.
    Eberhard Grisebach, Gegenwart — Eine kritische Ethik (1928), S. 435 ff. und 559 ff.Google Scholar
  13. Anm. 13.
    Formulierung von Walther Tritsch, Europa und die Nationen (1953), S. 152.Google Scholar
  14. Anm. 14.
    Kerschensteiner, Die Mädchenschulreform, in Süddeutsche Monatshefte 1909, S. 384.Google Scholar
  15. Anm. 15.
    Theorie der Bildung, 1. Aufl. S. 13 und 16 (»Harmonie des Sinngefüges«, »widerspruchsfreie Wertgestalt«); Begriff der Arbeitsschule, 11. Aufl. S. 15 (das Gemeinwesen »ein harmonischer Bund sittlich freier Persönlichkeiten«).Google Scholar
  16. Anm. 16.
    vgl. dazu Otto Veit, Die Flucht vor der Freiheit (1947), S. 311: »Menschlichkeit ist Sache des Lebensverständnisses. Wer dem Leben fremd gegenübersteht, ist grausam wie das Kind, das die Erfahrung des Leidens und Erleidens nicht kennt. Der extreme Metaphysiker ist grausam, weil er das Leben nicht als Kern des Seins betrachtet. Andererseits ist aber auch der extreme Spezialist oder Positivist zur Unmenschlichkeit disponiert. Es fehlt ihm der Zugang zu einem Lebensschicksal, das außerhalb seines engsten Gesichtskreises liegt. Der Spezialist vermag niemals den Schleier der Maja zu lüften, um (nach Schopenhauer) fremdes Leid als eigenes zu erkennen und mitzuleiden.«Google Scholar
  17. Anm. 17.
    Nietzsche, Der Wille zur Macht, Krönerausgabe hrg. von Alfred Baeumler, Band VI, S. 398.Google Scholar
  18. Anm. 18.
    Richard Kabisch, Das neue Geschlecht (1913), S. 44 f. Vgl. auch E. Saupe, Deutsche Pädagogen der Neuzeit, 4. Aufl. 1925, S. 53.Google Scholar
  19. Anm. 19.
    Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung, 3. Aufl. S. 110 (7. Aufl. S. 127).Google Scholar
  20. Anm. 20.
    Vierter Pädagogischer Kongreß (1949) S. 25, und Gerd Hohendorf, Die pädagogische Bewegung in den ersten Jahren der Weimarer Republik (Berlin 1954) S. 17 und 18.Google Scholar
  21. Anm. 21.
    Die betreffende Abhandlung ist in der 1. Auflage (1916) überschrieben »Über das eine und einzige Ziel der Erziehung in Krieg und Frieden«, in der 2. Auflage (1922) »Über ein Grundprinzip der Erziehung«. Der Gedankengang ist unverändert beibehalten, lediglich einige kriegsbedingte Wendungen sind geändert, und belustigenderweise ist der »kaltblütige hartnäckige Gegner, der uns das Schwerste nicht ersparen wird«, den K. 1916 »jenseits des Kanals« lokalisiert hatte, nach Kriegsende »jenseits des Rheins« versetzt! (1. Aufl. S. 31, 2. Aufl. S. 185).Google Scholar
  22. Anm. 22.
    Beobachtungen und Vergleiche (1901), S. 211 ff.Google Scholar
  23. Anm. 23.
    Preisschrift 1. Aufl. (1901), S. 11.Google Scholar
  24. Anm. 24.
    Ein Beispiel erzählt Marie Kerschensteiner in der Lebensbeschreibung GK’s, a. a. O. 3. Aufl. S. 191 f.Google Scholar
  25. Anm. 25.
    Vor allem in der Lebensskizze von 1915. — Zu dieser militanten Diktion ist Verschiedenes zu sagen. Äußerungen, die im Krieg getan werden, müssen mit anderem Maß gemessen werden — das sollte heute jeder wissen, der sich die Fähigkeit kritischer Selbstbeobachtung bewahrt hat. Im übrigen gehört K’s »militante Diktion« von Rechts wegen nicht so sehr vor das Forum der nationalen Gesinnung als vielmehr vor das Forum des Geschmacks, des Temperaments und des Humors! Einen Beitrag zum Thema militanter Humor enthält ein Briefwechsel mit Aloys Fischer. Als K. aus Amerika zurückkam, überfiel ihn Aloys Fischer mit der Bitte um einen Aufsatz: »Ehe der Amerikamüde noch recht zum Sitzen gekommen ist, stürzt der Zutreiber und Sklave des Verlegerkapitals auf ihn los mit etwas Schlimmerem als einer vorgehaltenen Pistole, mit der Bitte: schreiben Sie uns frisch unter dem nachdauernden Eindruck einen Bericht über das amerikanische Schulwesen …« — worauf K. antwortete: »Ich würde sehr gerne Ihre Bitte erfüllen, wenn nicht gegenwärtig zu allen Fenstern die Revolver hereinschauen würden, jeder mich zu einer anderen Arbeit aufmunternd, nicht zum wenigsten die Aktenrevolver« (A. Fischers Brief vom 2. Januar 1911, K’s Antwort im Stenogramm auf der Rückseite, Handschriften-Abt. der Münchener Stadtbibliothek).Google Scholar
  26. Anm. 26.
    Vortrag am 31. März 1913 im Münchener Bürgerbräukeller. Zitiert nach dem maschinenschriftlichen Text der Rede im Nachlaß. Ausführlicher Bericht in der München-Augsburger Abendzeitung vom 1. 4. 1913.Google Scholar
  27. Anm. 27.
    In einem von fröhlichem Wehrglauben getragenen Vortrag von Oberleutnant Giehrl aus dem Jahre 1911, der nach der Melodie ging »Volkskraft und Wehrkraft sind eins«, haben K. nur zwei Stellen interessiert, nämlich eine bewegte Schilderung der sozialen Durchschnittswelt, aus der die Fortbildungsschüler herkommen, und eine sozialpsychologische Diagnose der zum Jungdeutschlandbund stoßenden Neulinge. Zu diesen beiden Absätzen macht K. die Randbemerkung: »Sehr gute Psychologie!« (H. Giehrl, Der Offizier im Dienste der Jugendpflege, Berlin 1912; »GK herzlich zugeeignet«).Google Scholar
  28. Anm. 28.
    vgl. Grundfragen, 1. Aufl. S. 20 f.Google Scholar
  29. Anm. 29.
    Nachweise insbesondere in der Festrede »Zwischen Schule und Waffendienst« auf dem Kongreß des Zentralausschusses für Volks- und Jugendspiele in Quedlinburg 1904 (nur 1. Aufl. der Grundfragen).Google Scholar
  30. Anm. 30.
    Aloys Fischer, GK’s Leben und pädagogisches Werk (Wien 1925) S. 15 f. (Bücherei der »Quelle« Heft 11). Auch Erich Weniger hat schon zu K’s Lebzeiten dazu aufgefordert, bei der Beurteilung seiner politisch-pädagogischen Gedanken die konkrete Lage Deutschlands um die Jahrhundertwende nicht außer acht zu lassen (»Zur Frage der staatsbürgerlichen Erziehung« in: Die Erziehung, Januar 1929, Neudruck in den Pädagogischen Quellentexten Heft 6, 1951, S. 10 f).Google Scholar
  31. Anm. 31.
    G. Hohendorf, Die pädagogische Bewegung (1954) S. 73: »K. hatte es kraft seiner Autorität, dank seines liberalen Gebarens verstanden, die geistige Führung der Reichsschulkonferenz an sich zu reißen; dahinter stand die Absicht, für seine fortschrittlich bemäntelten, in Wahrheit reaktionären Ideen die breitesten Schichten zu gewinnen.«Google Scholar
  32. Anm. 32.
    K’s Naumann-Gedächtnisrede ist nicht publiziert worden. Der Text befindet sich beim Nachlaß.Google Scholar
  33. Anm. 33.
    Deutsche Schulerziehung in Krieg und Frieden (1916), S. 23/24.Google Scholar
  34. Anm. 34.
    Die Seele des Erziehers, 2. Aufl. S. 142 (6. Aufl. S. 127). In seinem Exemplar von Ernst Bergmann, Die klassisch-deutsche Bildungswelt (1921), hat sich K. den Satz angemerkt: »Der deutsche Geist hat … bewiesen, daß er metaphysische Hörkraft besitzt wie außer ihm nur der indische und griechische« (S. 64).Google Scholar
  35. Anm. 35.
    Kerschensteiner, Der mathematisch-naturwissenschaftliche Unterricht, in: Norrenberg, Die deutsche höhere Schule nach dem Weltkriege (1916), S. 161.Google Scholar

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  • Theodor Wilhelm

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