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Die ‘Duineser Elegien’

  • Else Buddeberg
Part of the Sammlung Metzler book series (SAME)

Zusammenfassung

Die ‘Duineser Elegien’ stehen unter dem weit verbreiteten Vorurteil, kaum verständlich zu sein. Nähert man sich ihnen in dem Bewußtsein, es mit hoher Dichtung zu tun zu haben, so weiß man auch, daß es zu ihrer Aufnahme einer intensiven Bereitschaft bedarf. Sie sind entstanden in einer Gegenwendung zur Sinnentleerung des modernen Lebens; sie sind geworden als ein einziger, ungeteilter Weg, der unmittelbar aus der existenziellen Problematik ihres Dichters hervorgetrieben wurde. Weil sie aber ein Weg sind, so ist das Ziel nichts ohne den Weg, und der Weg nichts ohne das Ziel. Darum wird in den ‘Elegien’ das Leid bis zur Grenze der Selbstvernichtung erfahren, — aber nicht als Selbstzweck, sondern im Zeichen der überwindung des Leides, im Dienste einer endlich zu erreichenden Bejahung. Die Dichtung will — und das ist eine Grundvoraussetzung für jedes Verständnis überhaupt — als ein folgerichtig in sich beschlossenes Ganzes von strengster architektonischer Geschlossenheit aufgenommen werden. Dieses Ganze als solches ist bei der Lektüre jeder Elegie, ja jeder Einzelheit in einer von ihnen, immer im Blick zu behalten.1 Was man über den Werdegang des Werkes weiß, sein Abgebrochensein über Jahre fast völligen Verstummens; das plötzlich und unvermutet sich ereignende Heraufkommen von Teilstücken, die dann ebenso abgebrochen, wieder lange Zeit stehen blieben oder schließlich völlig dahinfielen2; der letzte Ansturm des Zusammenschlusses in wenigen Tagen — alles dies könnte durchaus das Gegenteil vermuten lassen; das ist auch oft behauptet worden.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Eine eingehende Interpretation der ‘Duineser Elegien’: Else Buddeberg ‘Die Duineser Elegien R.M. Rilkes, ein Bild vom Sein des Menschen’, 1948.Google Scholar
  2. 2.
    Ged. S. 528, 586, 226, 223–225.Google Scholar
  3. 3.
    gen.subj. u. obj.Google Scholar
  4. 4.
    Es ist leider üblich geworden, diese Elegie als Privatkompendium Rilkes zur Psychoanalyse zu lesen, wobei beides verkannt wird: die Psychoanalyse und die Elegie. Außerdem wird übersehen, daß das, wovon beide zehren, ein drittes, ein Allgemeines, ein Menschheitsgut schlechthin ist: das Wissen um die chthonischen Mächte, um die Urgründe in der Triebschicht des Daseins, in die Mythen aller Völker eingestaltet. Die Psychoanalyse hat auf dieses Wissen eine Behandlungsmethode von Neurosen aufgebaut; aber damit sind diese Gewalten doch nicht unter ihre alleinige Botmäßigkeit gestellt, so daß jeder, der sie künftig benennt, eine Anleihe bei dieser Methode gemacht haben müßte, wie die geisteswissenschaftliche Nutzbarmachung ihrer Ergebnisse glaubhaft machen will.Google Scholar
  5. 5.
    Der „Garten“ ist bei Rilke immer ein Stück umfriedeten Raumes, der einem persönlichen Dasein zugehört; er ist ausgespart aus dem Allgemeinen, dem beunruhigend Fremden, ja Feindlichen und ins Private hineingenommen. In der dritten Elegie begegneten wir derselben Vorstellung. An ihrem Schluß wird zum Mädchen gesagt: »führ ihn (den liebenden und geliebten Jüngling) nah an den Garten heran«; dort, als Liebesgarten, ist er ein Stück gebändigten Trieb-Chaos.Google Scholar
  6. 6.
    Die Verschränkung von Herkunft — „einst“; vom Leid der Fahrenden und vom Leid des Kindes; vom Leid des Menschen, der in der Ahnung von Gestalt ein Leidüberwindendes „als Geschenk“ erhielt, kann hier nicht aufgelöst werden. Vgl. dazu meine Interpretation der ‘Duineser Elegien R. M. Rilkes’, S.74f., S. 264 ff.Google Scholar
  7. 7.
    Das Lächeln als Gestaltverwirklichung, als Gestaltversprechen schon in meiner Interpretation, S. 77, 266. Daß Rilke ganz allgemein die Bedeutung des Lächelns in dieser Weise verstanden hat, jetzt in Ged. S. 583: ‘La nascita del Sorriso’.Google Scholar
  8. 8.
    Günther meint trotz dieser wiederholten Anrufe sprechen zu können von „einer ganz untergeordneten Rolle“, die in den letzten Elegien (mit Einschluß der fünften) dem Engel zukomme. Er nennt schließlich den Anruf der neunten Elegie »Preise dem Engel die Welt« „eine kleine List“ (S. 161); „ohne ein kleines Zugeständnis an die frühere Engelsgestalt geht es dabei nicht ab“ (!). Und Bollnow eliminiert den Engel, indem er ausführt, daß schließlich in dem Verse »Preise dem Engel die Welt« der Engel gestrichen werden könne, daß die Aussage zu „reduzieren“ sei auf „Preise die Welt“, ohne daß sich das Geringste dann geändert haben würde!Google Scholar
  9. 9.
    Diese Auslegung wäre mit Rilkes Kunstauffassung nicht zu vereinen.Google Scholar
  10. 10.
    vgl. Br. 21/26, S. 280.Google Scholar
  11. 10a.
    Bassermann, S. 464, meint zu dieser Stelle: Rilke „scheint ernsthaft zu ringen um den notwendigen Verzicht (das Einsehen und Sicheingestehen, daß der Engel nichts von ihm weiß), der ihm dann doch nicht ganz gelingt. Die überhebliche Anmaßlichkeit, in die er sich hat gehen lassen, scheint ihm das Wahrhaben unerträglich zu machen, daß jeder Versuch solchen Hinausverbundenseins aus dem Bezirk menschlicher Eigentlichkeit sinnlos bliebe-…“ (!).Google Scholar
  12. 11.
    Wir stehen hier an der Stelle, wo die primitive Lebensphilosophie Lous im Verständnis der Elegie notwendig versagen muß und mit ihr alle die Auslegungen, die in der neunten Elegie nichts als Krampf und Verzweiflung erblicken wollen, weil nicht gesehen wird, daß sich die Hingabe an die Dinge nicht mit dieser selbst erschöpft. Über die Dinge hinausgehend, meint diese Hingabe in der Verwandlung ein Etwas, für das Hingabe nicht Ziel, sondern Mittel ist.Google Scholar
  13. 12.
    Die weiter folgenden schwierigen Gleichnisse meinen ein Ähnliches. Für ihre nähere Auslegung sowie auf die ausführliche Begründung des hier Dargelegten muß auf meine Elegieninterpretation verwiesen werden.Google Scholar
  14. 13.
    siebente Elegie.Google Scholar
  15. 14.
    zu Bassermann, S. 141 ff., insbesondere S. 147: Bassermann findet es unvereinbar mit unserer besonderen Aufgabe der Verwandlung, daß das Gewesene immer schon in einem übergreifenden Raum aufgehoben sei. Dabei wird verkannt, daß jeder Bezug der Dinge, auch der einstmals in die „äußere Gestalt“ mündende, durch das menschliche Herz ging, so daß im Zurückgeben an den Engel so lange Menschliches mitgeführt wird, als der Mensch im allgemeinen das »Bewahren der erkannten Gestalt« übt. Wo nun im Augenblick des »immer geringer schwindet das Außen« das Bewahren nicht mehr selbstverständliche Übung ist, muß es im besonderen dem Menschen aufgetragen werden, der noch um die erkannte Gestalt weiß. Die Verwandlung ist also in jedem Fall unabtrennbar vom menschlichen Dasein, auf welche Weise sie auch immer an den Engel zurückfällt. Auch die Negation eines Bezuges ist vom seinsgeschichtlichen Augenblick aus aufzufassen.Google Scholar
  16. 15.
    Das kann erst da möglich werden, wo der Mensch um den Ort seines Daseins im Seinszusammenhang weiß (neunte Elegie).Google Scholar
  17. 16.
    vgl. dazu die Schilderung des Erlebnisses, das dieser Stelle Anlaß wurde: ‘Briefe an Benvenuta’, S. 25.Google Scholar
  18. 17.
    Br. 21/26, S. 336 f.Google Scholar

Notizen

  1. 1.
    Nur in der Verkennung dieser Bezüge kann das Mißverständnis möglich werden, daß der Engel gegen Ende der Elegien nicht mehr ‘da’ ist.Google Scholar
  2. 2.
    Gegenüber von Maurice Betz hat Rilke davon gesprochen, daß sowohl die ‘Elegien’ wie die ‘Sonette’ »symphonisch aufgebaute Gesänge« wären, »deren Teile eng mit einander verknüpft« seien und »die man nicht zertrennen oder zerstücken (könnte), ohne Verrat zu begehen«; ‘Rilke in Paris’, 1948 S. 13 3.Google Scholar
  3. 3.
    Die S. 406 zitierte Äußerung zu den ‘Saltimbanques’ erlaubt sogar zwei Jahrzehnte für sie einzusetzen.Google Scholar
  4. 4.
    Es handelt sich um das XX. Sonett des Ersten Teiles; vgl. dazu Lou, S. 464 f.Google Scholar
  5. 5.
    vgl. dazu Else Buddeberg ‘Spiegel-Symbolik und Person-Problem bei R.M. Rilke’ in DVJS 1950, S. 360 ff.Google Scholar
  6. 6.
    Br. 07/14, S. 55, 54, 112.Google Scholar
  7. 7.
    Br. 21/26, S. 16 f., 15.Google Scholar

Notizen

  1. 1.
    Es ist durchaus nicht die Absicht, hier auf die Polemik einzugehen, die Rilke manchmal gegen gewisse christliche Vorstellungen trieb, oder die Frage aufzuwerfen, inwiefern Rilkes Ansichten vor bestimmten, ganz entscheidenden Elementen der christlichen Religion (z.B. dem Kreuz) vertretbar oder aber völlig mißverständlich seien. Wir haben dazu nicht den Beruf. Die Ausführungen zum ‘Arbeiterbrief’ beschränken sich darauf, dem nachzudenken, was Rilke hat sagen wollen; zu helfen, das nicht-einfach Gesagte in der Zurück-führung auf Werk und Briefe deutlicher werden zu lassen und in den Zusammenhang des Ganzen einzustellen. Das alleinige Ziel kann nur sein, einzusehen, wie Rilkes Gottesvorstellung sich zusammengeschlossen hat oder zusammenschließen wollte. Es geschah in der Absetzung von christlichen Vorstellungen und Gebräuchen, gegen die er oft heftig und leidenschaftlich anging. Die Gestalt Christi selbst hat das alles völlig unberührt gelassen. Wenn es nötig ist, Zeugnisse dafür beizubringen, so sei nur verwiesen auf die Gedichte ‘Christi Höllenfahrt’ und ‘Emmaus’ (Frühjahr 1913). Ged. S. 21, 23; auf den Brief zum ‘Sermon’ von der ‘Liebe der Magdalena’, Br. 07/14, S. 223; auf das Wort vom »großen christlichen Ereignis«, Br. II, S. 300. Es sei an das ‘Marien-Leben’ erinnert (1912), an die ‘Auferweckung des Lazarus’ (1913, Ged. S.220). Es sei nicht verschwiegen, daß gewiß gegen manches andere Gedicht mit religiösen Themen nicht nur künstlerisch, sondern gewiß auch christlich-theologisch Vieles einzuwenden wäre.Google Scholar
  2. 2.
    In notwendiger Beschränkung, um Wiederholungen zu vermeiden.Google Scholar
  3. 3.
    Wenn Kassner, den Briefwechsel mit der Fürstin Marie von Thum und Taxis einleitend, es für angemessen findet, aus der Unzahl dieser Äußerungen die wenig taktvolle Wendung Rilkes vom Telephon Christi hervorzuheben, aus einem ursprünglich überhaupt nicht zur Veröffentlichung bestimmten privaten Brief, so ist das ebenso geschmacklos wie das Wort selbst. Es ist nur geeignet, den Ernst der hier für Rilke bestehenden Fragen im billig Metaphorischen zu belassen.Google Scholar
  4. 4.
    Diese Einstellung war es letztlich, die verhindert hat, daß Kassners Verhältnis zu Rilke wirklich fruchtbar gewesen wäre; sie stand hindernd vor Kassners Verständnis der Elegien-Dichtung.Google Scholar
  5. 5.
    16. Jan. 1922: Br. II, S. 300 f.; 22. Febr. 1923: Br. 21/26, S.186; etwa 10 Jahre früher: Br. I, S. 498 f.Google Scholar
  6. 6.
    vgl. auch Sizzo, S. 37 f., 41; Br. 14/21, S. 85 ff.Google Scholar
  7. 7.
    Sizzo, S. 35.Google Scholar
  8. 8.
    Br. 21/26, S. 280.Google Scholar
  9. 9.
    Sizzo, S. 39 ff.Google Scholar
  10. 10.
    vgl. zu dem Gedanken einer phallischen Gottheit: Br.21/26, S. 126 ff.Google Scholar
  11. 11.
    Br. II, S. 300 ff.Google Scholar
  12. 12.
    Br. II, S. 325 f.Google Scholar
  13. 13.
    ‘Acht Sonette aus dem Umkreis der Sonette an Orpheus’, Ged. S. 596, 593.Google Scholar
  14. 14.
    ‘Versöhnender, der du nimmergeglaubt…’; Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe, Bd II/1, S. 130 ff.Google Scholar
  15. 15.
    Eine Einsicht, die hier auf der Grundlage seiner Briefe in allen Verzweigungen dargelegt wurde; Sizzo, S. 38.Google Scholar
  16. 16.
    Sizzo, S. 32 ff., 39 ff.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1954

Authors and Affiliations

  • Else Buddeberg

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