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Zusammenfassung, Forschungsprobleme

  • Lothar Köhn

Zusammenfassung

Die in der Einleitung des Berichts zitierte Warnung Arthur Henkels, es sei fahrlässig, sich auf das Klischee »Bildungsroman« einzulassen, bestätigt sich immer dort, wo bisweilen zur Ideologie erstarrte normative Vorstellungen an Romane herangetragen werden, deren individueller Charakter auf solche Art gar nicht erst in den Blick kommt. Eine normative Gattungspoetik des Bildungsromans kann es um so weniger geben, als die Theorie hier dem Gegenstand nachfolgt und sich ihm anzubequemen hat. Aber selbst eine deskriptive Methode ist in Gefahr, das Gesichtsfeld zu verstellen, wenn sie von einer Beschreibung der Romanart, wie sie etwa H. H. Borcherdt im Reallexikon liefert, mehr als eine heuristische Hilfe erwartet. Trotzdem braucht man die Begriffe Bildungsroman (als historische Kategorie, »Romanart«) und Entwicklungsroman (als Aufbautypus) nicht aufzugeben, und zwar nicht deshalb, weil sie sich nun einmal etabliert haben und zu einer der wenigen Hilfskonstruktionen der Gattungsforschung auf dem Sektor des Romans geworden sind, sondern weil sie, richtig verstanden, einen Komplex interpretatorischer Zugänge umfassen, auf die zu verzichten kaum angebracht wäre, zumindest solange nichts Besseres an ihre Stelle tritt. Ob der Bildungsroman weit – d.h. mit wenigen grundlegenden Merkmalen – oder eng – d.h. mit vielen am Einzelgegenstand deskriptiv gewonnenen Merkmalen – definiert wird, kann vom Erkenntnisobjekt und vom Erkenntnisziel abhängen.

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Notizen

  1. 312.
    Wie ich bei Vorstudien zu einer anderen Arbeit nachträglich sehe, hat Rolf Geißler zu dieser Kontrapunktik im Roman zwischen 1918 und 1933 bereits Beachtenswertes ausgeführt: Dekadenz und Heroismus. Zeitroman und völkisch-nationalsozialistische Literaturkritik. Stuttgart 1964 (Schrr. d. Vjh. f. Zeitgesch. Nr. 9). An die Stelle der »aufsteigenden Entwicklungslinie« tritt in Dekadenzromanen Schnitzlers und J.Roths als wahrer Ausdruck der Situation die skeptische »Darstellung des Verfalls«, tritt die ironische Distanz des ‘Zauberberg’-Experiments. Autoren völkischer Kriegsromane machen sich dagegen die »propagandistische Eignung« des Entwicklungsromans zunutze, um den aufs Vegetative reduzierten Frontsoldaten in irrationalem Umschlag den Glauben an Volksgemeinschaft und »neue Gerichtetheit der Geschichte« erleben zu lassen. Geißler belegt im übrigen, daß man diese »beiden Literaturen« wenigstens teilweise als Polarisierung zeittypischer Grund Vorstellungen (vom Mythischen, vom Geschichtsprozeß usf.) beschreiben kann. – Nach Abschluß des Berichts erschien : Gerda Röder, Glück und glückliches Ende im deutschen Bildungsroman. Eine Studie zu Goethes ‘Wilhelm Meister’. München 1968 (Münchener Germ. Beitr. Bd. 2). Besprechung u. S. 102f.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1969

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  • Lothar Köhn

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