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Motive, Themen, Formelemente

  • Lothar Köhn

Zusammenfassung

Einzelne durchgehende Motive, Formelemente und Themen des Bildungsromans sind Gegenstand besonderer Arbeiten gewesen und von ihnen zum Teil erst bewußt gemacht worden. Anneliese Bachs Aufsatz über ‘Das epische Bild im Bildungsroman’282), eigentlich ein Beitrag zur Poetik des epischen Bildes, hebt ein Motiv heraus, das auch außerhalb des Bildungsromans existiert, in einzelnen Bildungsromanen aber besondere Bedeutung gewinnt. Das epische Bild erscheint im Unterschied zum Leitmotiv nur einmal, es ist »ohne Spannung«, drückt »Zuständlichkeit in der Qualität von Ruhe und Dauer« aus, räumlich und zeitlich abgegrenzt veranschaulicht es einen »Komplex visuell« (S. 385). Der Saal der Vergangenheit in den ‘Lehrjahren’, der Traum von der »Identität der Nation« im ‘Grünen Heinrich’, das Erlebnis mit der Marmorstatue in der Mitte des ‘Nachsommer’ und Hans Castorps Schnee-Vision werden als Beispiele interpretiert. In solchen Bildern, die eine zentrale, sinnerschließende Funktion haben und die gehaltlichen Dimensionen der Romane entscheidend erweitern, erhält Typisch-Allgemeines, Menschlich-Dauerndes Gestalt. Bach vergleicht Stifters Statue mit dem psychisch bewegten Marmorbild in Eichendorffs gleichnamiger Erzählung, das zu sehr »Motiv im eigentlichen Sinne« (S. 382) sei, um als tableauartiges episches Bild gelten zu können.

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Notizen

  1. 280.
    Wolfdietrich Rasch, Musil. Der Mann ohne Eigenschaften. In : Der deutsche Roman. Vom Barock bis zur Gegenwart. Struktur und Geschichte. Hrsg. von Benno v. Wiese. Bd. 2. Düsseldorf 1963, S. 361–419.Google Scholar
  2. 281.
    Vgl. etwa Wilhelm Emrichs Hinweis auf den »potentiellen Menschen« in den ‘Lehrjahren’ und bei Musil: Die Erzählkunst des 20. Jahrhunderts und ihr geschichtlicher Sinn. In: W.E., Protest und Verheißung. Studien zur klassischen und modernen Dichtung. Frankfurt/M. 21963, S. 176–193; bes. 179f. (Erstveröffentlichung 1959).Google Scholar
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    Die Bedeutung der geistig-räumlichen »Mitte« war Gegenstand eines älteren Aufsatzes von Herbert Seidler: Die Bedeutung der Mitte in Stifters ‘Nachsommer’. Vjschr. d. Ad. Stifter-Inst. 6, 1957, S. 59–86.Google Scholar
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  9. 288.
    Lukács spricht angesichts der lebensphilosophischen Typenlehre von einer »de facto Antihistorizität, einer mythischen Pseudogeschichte«, und er macht auf das »unauflösbare Dilemma von Anthropologie und Geschichte« aufmerksam, das auch Obenauers Buch kennzeichnet (Die Zerstörung der Vernunft. Berlin 1955, S. 346).Google Scholar
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    Reichert skizziert zu Beginn seines Referates zwei mögliche Entwicklungslinien des Utopischen im deutschen Roman (S. 261f.), steuert aber auf eine ahistorische Utopie des Ethischen und »Ästhetischen« zu, ohne auf die historische Bedeutung utopischer Inhalte genauer einzugehen.Google Scholar
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    Für Scharfschwerdt (Anm. 267) sind Th.Manns »Gegenentwürfe« nicht »Utopie im ursprünglichen Sinne«, sondern sie aktualisieren »in der Zeit selbst liegende Wirklichkeitsbereiche« (S. 224). Neben die Kategorie der »objektiv realen Möglichkeit«, die auf andere Weise die Methode von Lukács und Glaser mitbestimmt, tritt wiederum die des überhistorisch »Allgemeinen«. So hat Hesse, besonders in seinen späteren Äußerungen, den traditionellen Begriff der Utopie für sein ‘Glasperlenspiel’ abgelehnt: »Eigentlich habe ich bei dem Buch weder an eine Utopie (im Sinne eines dogmatischen Programms) gedacht noch an eine Prophezeiung, sondern ich habe etwas darzustellen versucht, was ich für eine der echten und legitimen Ideen halte, und dessen Verwirklichung man an vielen Stellen der Weltgeschichte fühlen kann«. (Ges. Schriften. Bd. 7. Frankfurt/M. 21957, S. 637). Oskar Seidlin schrieb: »Kastalien ist nicht Utopie, sondern Mythos: d.h. Konkretisierung eines Ewigen, eines Etwas, das war, das ist und das sein wird«. (Hermann Hesses ‘Glasperlenspiel’. GR 23, 1948, S. 263–273; S. 264). Zu Hesses utopischem Denken auch: Theodore Ziolkowski, Hermann Hesse’s Chiliastic Vision. Monatshefte (Wisconsin) 53, 1961, S. 199 bis 210, sowie das Kapitel ‘Timelessness: The Chiliastic Vision’ in Ziolkowskis Hesse-Buch (Anm. 261): the Glass Bead Game is identical with what we have been calling Hesse’s chiliastic vision of a Third Kingdom (S. 45). – Selbstverständlich wäre ein Vergleich mit Broch oder Musil überaus lohnend.Google Scholar

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  • Lothar Köhn

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