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Geschichte des Bildungsromans

  • Lothar Köhn

Zusammenfassung

Dem Bericht über Arbeiten, die sich der Geschichte des Bildungsromans zuwenden oder zu einzelnen Abschnitten dieser Geschichte beitragen, sei ein weiterer Abgrenzungsversuch vorangestellt. Bis in die jüngste Forschung hinein ist die Beziehung unterstrichen worden, die zwischen der Autobiographie, einer nicht-fiktionalen Gattung also, der nur schwer beschreibbaren Zwischen- und Zwitterform des »autobiographischen« Romans85) und dem Bildungsroman besteht. So hat Eberhard Lämmert kürzlich erneut darauf aufmerksam gemacht86), daß die »Verifizierung«, d. h. die existentielle Beglaubigung, ja Ermöglichung der Entwicklung des Romanhelden, durch den »Künstler selbst« zu geschehen habe, »der seinen inneren Werdegang und seine persönliche Welterfahrung dem Helden des Entwicklungsromans mitteilt und auf solche Weise… mit einem Stück innerer Autobiographie die ‘Lebenswahrheit’ des dargestellten Charakters verbürgt«. Lämmert erwähnt den ‘Grünen Heinrich’, einen Roman, bei dem dieses Verhältnis in die Augen springt. Schon Hermann Hettner87) hatte nach der Lektüre von drei Bänden der ersten Fassung gleichzeitig die Spannung zwischen dem individuell Erlebten und Beglaubigten und dem allgemein, »dichterisch« Bedeutsamen erkannt, die später auch die Bildungsroman-Forschung beschäftigt hat; sie besteht in jeder Dichtung, scheint aber im Bildungsroman, was seine Gestalt, seine Genese und seine Lösungen angeht, besonders relevant zu sein.

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Notizen

  1. 85.
    Vgl. Roy Pascal, The Autobiographical Novel and the Autobiography. Essays in Criticism 9, 1959, S. 134–150. Vom autobiographischen Roman ist wiederum der nicht einheitlich definierte »biographische Roman« zu trennen. Petsch (Anm. 53) nennt als Beispiel Dickens’ ‘David Copperfield’, einen Einzelheld-Roman mit autobiographischen Zügen (S. 536). Elna Birch hat dem Gegenstand eine im ganzen unergiebige Dissertation gewidmet (Der biographische Roman in der neueren deutschen Dichtung. Diss. Heidelberg 1936). Stoffliche Grundlage des biographischen Romans ist für sie der »historisch gewordene… Mensch« (S. 6), etwa Kolbenheyers ‘Paracelsus’. Der Autor wolle »das Wesen eines Menschen«, nicht wie im Entwicklungsroman die von der Kindheit an nachgezeichnete »Charakterentwicklung« des Helden erfassen (S. 45). Es geht also um die Abgrenzung zwischen einem Typus des historischen Romans und dem Bildungsroman, eine Frage, von der oben schon die Rede war. Borcherdt (D. dt. Bildungsroman [Anm. 29]) und Herbert Seidler (Die Dichtung. Wesen, Form, Dasein. Stuttgart 1959 [Kröners Taschenausgabe Bd. 283], S. 559) bezeichnen den ‘Paracelsus’ als Bildungsroman. – Kritik an der »personalistisch«-biographischen Form des neueren historischen Romans übt vom marxistischen Standpunkt aus Georg Lukács in: Der historische Roman. Berlin 1955, bes. S. 328ff.Google Scholar
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  • Lothar Köhn

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