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Rätsel, Frage und Allegorie im Mittelalter

  • Burghart Wachinger

Zusammenfassung

Aenigma est quaestio obscura quae difficile intellegitur, nisi aperiatur, ut est illud (Iudic. 14, 4): ‚De comedente exivit cibus, et de forte egressa est dulcedo,’ significans ex ore leonis favum extractum. Inter allegoriam autem et aenigma hoc interest, quod allegoriae vis gemina est et sub alias res aliud figuraliter indicat; aenigma vero sensus tantum obscurus est et per quasdam imagines adumbratus.1 So definiert Isidor das Rätsel im Rahmen einer Behandlung der verschiedenen Arten der allegoria. Das Rätsel ist für ihn also einerseits eine Art Frage (uaestio), anderseits eine besondere Form des ‚Anderssagens’ (llegoria = alieniloquium)2, die von der normalen Form der allegoria verschieden ist. Damit hat Isidor, bzw. die rhetorische Tropenlehre, der er folgt, einen wichtigen Sachverhalt benannt. Das Rätsel steht — im Mittelalter noch deutlicher als in neuerer Zeit — zwischen Allegorie und Frage : wie zum Rätsel die Lösung gehört, so zur Frage die Antwort und zur Allegorie die Deutung. Eine genauere Abgrenzung der Begriffe ist jedoch schwierig. Schon ein flüchtiger Blick auf die aus dem Mittelalter überlieferten Rätsel- und Fragentexte zeigt, daß wir mit einer ganzen Reihe verschiedener, wenn auch z. T. nahe verwandter Typen von allegorischen und nichtallegorischen Rätseln und Fragen zu rechnen haben. Eine Unterscheidung dieser Typen wurde, soviel ich sehe, noch nicht versucht. Sie ist aber unerläßlich, wenn man die einzelnen Rätsel- und Fragentexte und die Symbiose von Verschiedenartigem in größeren Textkomplexen und Traditionsstrangen einigermaßen präzise beschreiben will.

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Notizen

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  • Burghart Wachinger

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