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Einfache Formen beim Stricker? Zu Strickers Tierbîspel und seinen kurzen Verserzählungen

  • Martin Wierschin

Zusammenfassung

Wie schwierig die Lage gerade des Mediävisten ist, der sich bei dichtungstheoretischen Überlegungen einer ständig aus dem Mündlichen regenerierten Gestaltung gegenübersieht, der Gattungen vorfindet, die — während sich die jungen europäischen ‚Nationalliteraturen’untereinander und mit dem Erbe der Antike auseinandersetzen — noch offen sind, der auf eine zeitgenössische Terminologie trifft, die alles andere als einheitlich und konsequent ist, und der auf die Stütze authentischer theoretischer Überlegungen einzelner Autoren oder literarischer Gruppen fast ganz verzichten muß, hat zuletzt Helmut de Boors Abhandlung »Über Fabel und Bîspel«1 gezeigt. Es mag unter diesen Umständen erlaubt sein, versuchsweise ein literarisches Ordnungssystem, das, wenn auch umstritten,2 die Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten vielfältig beeinflußt hat, noch einmal auf einen überschaubaren Fall der mittelhochdeutschen Literatur anzuwenden und seine analytischen und systematischen Möglichkeiten zu erproben. Ich meine André Jolies’ ‚Einfache Formen’3 und beziehe sie auf die ‚Tierbispel’ und kurzen Verserzählungen des Stricker. Jolies’ System wird dabei von vornherein in modifizierter Form benützt. Jolies hatte bekanntlich seine Typen 4 Vgl. André Jolies und Walter Porzig, Rätselforschungen. In: Fs. Sievers (Halle 1925), S. 632–660; bes. 633, 646. mit Hilfe der Kategorien ‚Geistesbeschäftigung’ und sprachliche Gebärde4 aus der realen, zeit- und formgebundenen Literatur herausdestilliert und sie in den imaginären Bereich ‚sich-von-selbst-machender4 vorliterarischer ‚Archetypen4 versetzt.4

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Notizen

  1. 2.
    Z. B. Hugo Kuhn, Zur Typologie mündlicher Sprachdenkmäler (SB München, Phil.-hist. Kl. 1960, 5), S. 14. — Dieser Beitrag greift bewußt eine vor Jahren mit Hugo Kuhn diskutierte Frage auf.Google Scholar
  2. 4.
    Vgl. André Jolies und Walter Porzig, Rätselforschungen. In: Fs. Sievers (Halle 1925), S. 632–660; bes. 633, 646.Google Scholar
  3. 16.
    Vgl. Arno Schirokauer, Die Stellung Aesops in der Literatur des Mittelalters. In: Festschrift f. Wolfgang Stammler (Berlin/Bielefeld 1953), S. 179 ff., bes. S. 183.Google Scholar
  4. 50.
    Zur Gattung Schwank vgl. den Bericht von Heinz Rupp, Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters. In: DU XIV/2 (1962), S. 29ff., besonders S. 39 f. und 46.Google Scholar
  5. 51.
    Vgl. Die Schwanke und Schnurren des Poggio Bracciolini. Hrsg. Alfred Semerau (Leipzig 1905). Typ des Toren und Naiven: Nr. 5, 68; widerspenstige Frau: Nr. 59, 60; Typ des Prassers: Nr. 8; des raffinierten Weibes: Nr. 10, 84; des mit seinem Dasein Zufriedenen: Nr. 73, 74.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1969

Authors and Affiliations

  • Martin Wierschin

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