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Deutsche Tierschwänke im 13. Jahrhundert Ansätze zur Typenbildung in der Tradition des »Reinhart Fuchs«?

  • Klaus Grubmüller

Zusammenfassung

Immer noch in jenem Stadium literaturwissenschaftlicher Arbeit, in dem es gilt, zu benennen, um zu ordnen, und in dem deshalb auch Auseinandersetzungen um die Terminologie noch ihren Sinn haben mögen, befinden wir uns weithin gegenüber der Vielfalt der kleinen Reimpaardichtungen des 13. Jahrhunderts. So differenzierte typologische Ordnungsgefüge, wie sie Hanns Fischer1 für das Märe entworfen hat, fehlen für weite Bereiche: Exempel, Rede und Bîspel, Bîspelrede, Tierbîspel und Fabel bieten sich zum Beispiel trotz gelegentlicher Definitionsversuche in neuerer Zeit2 ohne verbindliche Bestimmung ihres Begriffsumfanges und jedenfalls ohne innere Ordnung dar; und dies entspricht einer Überlieferung, der planvolle Sammlung nicht durchaus abzusprechen ist, deren Sammlungskriterien sich aber auf die Darbietungsform des Reimpaar-Vierhebers und relativ geringen Umfang der Texte beschränken. Die große Wiener Strickerhandschrift (Wien, cod. 2705, Sigle A) und die Kernsammlung des Heidelberger Kleinepikcodex (cpg 341, Sigle H) vertreten am deutlichsten diesen Überlieferungstyp3 mit seinem Ausschluß aller lyrischen, großepischen und prosaischen Formen: geistliche und weltliche Reden, Bîspel, Mären und Kurzepen (»Reinhart Fuchs«), auch geistliche Kleinerzählungen (Marienmirakel) machen den Inhalt aus.4 Man mag im weiten Gewissen der Sammler ein ebenso weites Gattungsbewußtsein des Mittelalters gespiegelt sehen5 und könnte sich auch noch auf die Weite und mangelnde Präzision der einschlägigen mittelalterlichen Termini6 rnaere, rede, spei, bîspel berufen, doch wenig ist damit gewonnen; zum Verzicht auf eine Unterscheidung literarischer Einheiten — wie immer sie dann benannt werden sollen — aus dem Bewußtsein der gegenwärtigen wissenschaftlichen Situation wird uns auch ein möglicherweise undifferenziertes gattungstheoretisches Selbstverständnis des Mittelalters nicht bewegen können.

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Notizen

  1. 2.
    Vor allem Helmut de Boor, Über Fabel und Bîspel (SB München, Phil.-hist. Klasse, 1966, H. 1). Vgl. auch Arend Mihm, Aus der Frühzeit der weltlichen Rede. Inedita des Cod. Vindob. 2705. In: PBB (Tübingen) 87 (1965), S. 406–433, und Klaus Düwel, Werkbezeichnungen der mittelhochdeutschen Erzählliteratur (1050–1250) (Diss, masch. Göttingen 1965).Google Scholar
  2. 3.
    Alle Details zur Überlieferung bei Arend Mihm, Überlieferung und Verbreitung der Märendichtung im Spätmittelalter (Heidelberg 1967. Germanische Bibliothek. Reihe 3).Google Scholar
  3. 5.
    So Klaus Hufeland, Die deutsche Schwankdichtung des Spätmittelalters (Bern 1966. Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur 32), S. 20–31. Vgl. auch Düwel, Werkbezeichnungen, S. 236–238.Google Scholar
  4. 12.
    Carl Voretzsch, Der Reinhart Fuchs Heinrichs des Glîchezare und der Roman de Renart. In: ZfromPh 15 (1891), S. 124–182, 344–374. Ebd. 16 (1892), S. 1–39, hier 16, S. 33. Dort auch Einzelnachweise.Google Scholar
  5. 14.
    Die von Hans Robert Jauß (Untersuchungen zur mittelalterlichen Tierdichtung [Tübingen 1959], S. 167 f.) stillschweigend vorgenommene Zuschreibung an den Strik-ker stimmt jedenfalls mit der herrschenden Forschungsmeinung nicht überein; siehe Konrad Zwierzina in: Mittelhochdeutsches Übungsbuch, hrsg. Carl v. Kraus (2. Aufl. Heidelberg 1926), S. 281.CrossRefGoogle Scholar
  6. 16.
    Abgedruckt ebenfalls in Laßbergs Lieder Saal, Bd. 1, 1846, S. 257–261, und nach dem cpg 314 bei Franz Pfeiffer, Altdeutsches Übungsbuch zum Gebrauch an Hochschulen (Wien 1866), S. 139 f.Google Scholar
  7. 24.
    Le Roman de Renart. Publié par Ernest Martin. Bd. 1 (Strasbourg 1882), S. 411 ff.Google Scholar
  8. 31.
    Dazu Karl Warnke, Die Quellen des Esope der Marie de France. In : Forschungen zur romanischen Philologie. Festgabe f. Hermann Suchier (Halle 1900), S. 161–284, bes. S. 257–259. Vgl. außerdem die Hinweise Friedrich Panzers auf bildliche Darstellungen: Zur Tiersage. In: Oberdt. Zs. f. Volkskunde 6 (1952), S. 120–125.Google Scholar
  9. 37.
    Ute Schwab, Reinhart Fuchs, S. 10. Vgl. auch Max Wehrli, Vom Sinn des mittelalterlichen Tierepos. In: GLL 10 (1956/57), S. 219–228, bes. S. 220.Google Scholar
  10. 40.
    So Martin Wierschin in diesem Band. Allgemeiner Hermann Bausinger, Bemerkungen zum Schwank und seinen Formtypen. In: Fabula 9 (1967), S. 118–136, bes. S. 124.Google Scholar
  11. 41.
    Zur Problematik kurz Jauß, Tierdichtung, S. 16 f. Zu undifferenziert scheint mir dazu (wie auch zum Tierschwank) Fritz Harkort, Tiervolkserzählungen. In: Fabula 9 (1967), S. 87–99.Google Scholar
  12. 42.
    Carl Voretzsch in der Einleitung zu: Heinrichs des Glichezares Reinhart Fuchs. Hrsg. Georg Baesecke (Halle 1925), S. VI. So auch Joachim Storost in der überarbeiteten Fassung dieser Einleitung: Die Vorgeschichte des Reinhart Fuchs. In: Worte und Werte. Bruno Markwardt zum 60. Geburtstag (Berlin 1961), S. 410–427, bes. S. 413. Daß auch die von Voretzsch (ZfromPh 16 [1892], S. 37) postulierten, noch nicht zyklischen „alten Renartgedichte” Tierschwänke oder Tierfablels heißen, folgt aus seiner Entstehungstheorie und setzt keine abweichende Definition voraus. Jauß (Tierdichtung, S. 18) setzt Tierschwank und Branche gleich und betont dabei die komische Intention (S. 116), ohne eine genaue Abgrenzung zu geben. Wenn Ute Schwab die Stricker-Erzählung »Wolf und Biber« als Tiermärchen bezeichnet, trifft sich das mit keiner der üblichen Definitionen (Der Stricker. Tierbispel, hrsg. Ute Schwab [Tübingen 1960], S. X).Google Scholar
  13. 44.
    Horaz, Epistulae I, 10, 24. Zu diesem Sinntypus, der sich auch auf die Sentenz a natura nemo mutatur beruft, vgl. Walter Wienert, Die Typen der griechisch-römischen Fabel. Mit einer Einleitung über das Wesen der Fabel (Helsinki 1925. FFG 56), S. 86–91.Google Scholar
  14. 49.
    Dazu Lessing, Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel. In: Sämtliche Schriften, hrsg. Karl Lachmann. 5. Aufl. besorgt durch Franz Muncker. Bd. 7 (Stuttgart 1891), S. 446–455. Zum Aufbau : Von der Einteilung der Fabeln, ebd., bes. S. 464 f.Google Scholar

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  • Klaus Grubmüller

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