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Vorreden deutscher Sachliteratur des Mittelalters als Ausdruck literarischen Bewusstseins

  • Helga Unger

Zusammenfassung

Stärker als in anderen literarhistorischen Epochen tritt seit dem 13. Jahrhundert der Anteil der deutschsprachigen Sachliteratur1 an der literarischen Gesamtproduktion hervor. Weite Bereiche, die lange die Domäne des lateinischen Verwaltungs-, Wissenschafts- und Schulbetriehs gewesen sind — von der Urkunde bis zum theologischen Traktat, von der Chronik bis zur Naturlehre — werden, beginnend mit der Wende vom 12. zum 13., fortschreitend im 14. und 15. Jahrhundert, in einem komplexen sprachlich-literarischen Ausgliederungsprozeß2 von der Volkssprache erfaßt. Dabei werden sie meist nicht nur aus ihrem bisherigen literarisch-sozialen Lebenskreis in einen neuen Bereich transponiert, zum Teil breiteren Publikumsschichten erschlossen, sondern zugleich gemäß den spezifischen Bedingungen der jeweiligen Situation adaptiert, umgeprägt, neu akzentuiert.2 Dazu Hugo Kuhn, Germanistik als Wissenschaft. In: Dichtung und Welt im Mittelalter (Stuttgart 1959), S. 72 f.

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Notizen

  1. 4.
    Zum literarischen Selbstverständnis mittelalterlicher deutscher Autoren, das jedoch fast ausschließlich durch die Analyse von Aussagen aus dichterischen Werken gewonnen wird, vgl. Fritz Tschirch, Das Selbstverständnis des mittelalterlichen deutschen Dichters. In: Spiegelungen. Untersuchungen vom Grenzrain zwischen Germanistik und Theologie (Berlin 1966), S. 123–166.Google Scholar
  2. 5.
    Einen Überblick über die auf antiker und mittellateinischer Tradition basierenden Struktur- und Funktionselemente des Prologs — vor allem der klassischen Epik — gibt Hennig Brinkmann, Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung. In: Wirkendes Wort 14 (1964), S. 1–21.7Google Scholar
  3. Dazu Paul-Gerhard Völker, Die Überlieferungsformen mittelalterlicher deutscher Predigten. In: ZfdA 92 (1963), S. 212 ff. Den Reflex mündlicher Rede in der Buchfassung der Predigten Bertholds betrachtet differenziert Dieter Richter, Die deutsche Überlieferung der Predigten Bertholds von Regensburg (München 1969. MTU 21), S. 224 ff.11 Vgl.Google Scholar
  4. Karl Schorbach, Studien über das deutsche Volksbuch Lucidarius und seine Bearbeitungen in fremden Sprachen (Straßburg 1894). Eine textkritische Gegenüberstellung des A- und B-Prologs bei Edward Schröder, Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius (NGG, Phil.-hist. Kl. 1917, 2), S. 153–172.14Google Scholar
  5. J. F. J. van Tol, Nederlandsche drukken van de Historie van Sydrack. In : Leuven-sche Bijdragen 27 (1935), S. 11–25;Google Scholar
  6. Heinrich Niewöhner, Eine ripuarisehe Handschrift des »Buches Sidrach«. In: ZfdPh 57 (1932), S. 183–193;Google Scholar
  7. Hermann Jellinghaus, Das Buch Sidrach, nach der Kopenhagener mittelniederdeutschen Hs. v. J. 1479 (Tübingen 1904. BLV235).Google Scholar
  8. 15.
    Hrsg. Karl August Eckhardt, Sachsenspiegel, Landrecht (Göttingen 1955. Germanenrechte N. F.).26 Zu Wolframs »Parzival«- und Gottfrieds »Tristan«-Prolog vgl. für dieses Problem Brinkmann, Der Prolog, S. 10;Google Scholar
  9. Heinz Rupp, Wolframs Parzival-Prolog. In: PBB (Halle) 82 (1962), Sonderbd. Elisabeth Karg-Gasterstädt zum 75. Geburtstag gewidmet, S. 29–45; Albrecht Schöne, Zu Gottfrieds Tristan-Prolog. In: DVjs. 29 (1955), S. 447–474;Google Scholar
  10. Helmut de Boor, Der strophische Prolog zum Tristan Gottfrieds von Straßburg. In: PBB (Tübingen) 81 (1959), S. 47–60.30Google Scholar
  11. Zwar nicht gegen die Minne, aber gegen die Heldenmären vom Eroberertyp wendet sich der Prolog des frühmhd. Annolieds, hrsg. Max Roediger (Hannover 1895. Monumenta Germaniae Historica. Dt. Chroniken, Bd. 1, 2). — Der dort als aktuell demonstrierte Gegenstand — das exemplarische Leben und Geschichtswirken Annos — wird kontrastiert mit dem bisher Üblichen, einer Schicht noch schriftloser volkssprachlicher Geschichtsdichtung. (Vgl. Hugo Kuhn, Gestalten und Lebenskräfte der frühmhd. Dichtung. In: Dichtung und Welt im Mittelalter, S. 123.) Sie wird zwar nicht mit dem Lügentopos abgewertet, aber angesichts der aktuellen Heilsforderung als überholt, weil unverbindlich, deklariert. Hier wie auch beim »Sidrach«-Ubersetzer dürfte die Abwehr kaum gegen das Heldenideal an sich gerichtet gewesen sein, gab es doch seit früher Zeit (ahd. »Georgslied«!) ein geistliches Heldenideal. Vielmehr steht die Sorge über den Mangel an Weisheit, Tugend und Heilsnutzen im Vordergrund der Motivation. -Auch bei der Kritik, die der Bamberger Domherr Meinhard an der Lektüre seines Bischofs Günther übt, handelt es sich mehr um eine Klage über mangelndes geistliches Engagement als um eine Ablehnung der weltlichen Heldenstoffe selbst. Vgl. Carl Erdmann, Fabulae curiales. In: ZfdA 73 (1936), S. 87–98.Google Scholar
  12. 33.
    Einige Stellenbelege dazu bei Richard Ritter, Die Einleitungen der altdeutschen Epen (Diss. Bonn 1908), S. 45 ff.Google Scholar
  13. 34.
    Dazu vor allem Guido Kisch, Biblische Einflüsse in der Reimvorrede des Sachsenspiegels. In: PMLA54 (1959), S. 20–36.-Ders., Sachsenspiegel and Bible (Indiana 1941), S. 44 ff. -Google Scholar
  14. Roderich Schmidt, Studien über Eike von Repgow und den Sachsenspiegel (Diss. [Masch.] Greifswald 1951), S. 15 ff.Google Scholar
  15. 41.
    Das Buch der Natur von Konrad von Megenherg. Die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache, hrsg. Franz Pfeiffer (Stuttgart 1861).Google Scholar
  16. 45.
    Siehe Helmut Ibach, Leben und Schriften des Konrad von Megenberg (Berlin 1938. Neue deutsche Forschungen 7), S. 60.Google Scholar
  17. 51.
    Sächsische Weltchronik, hrsg. Ludwig Weiland (Hannover 1877. Monumenta Germaniae Historica. Deutsche Chroniken, Bd. 2). Prolog, S. 65 f.Google Scholar
  18. 54.
    Düringische Chronik des Johannes Rothe, hrsg. Rochus von Liliencron (Jena 1859. Thüringische Geschichtsquellen 3), Vorrede, S. 1–10.Google Scholar
  19. 76.
    Zum Typ und seiner Verbreitung im Spätmittelalter vgl. Egino Weidenhiller, Untersuchungen zur deutschsprachigen katechetischen Literatur des späten Mittelalters nach den Hss. der Bayer. Staatsbibliothek München (München 1964. MTU 10), bes. S. 101 ff.Google Scholar
  20. 77.
    Martin von Amberg, Der Gewissensspiegel, hrsg. Stefan Werbow (Berlin 1958. TspMA 7). Prolog, S. 32–39.Google Scholar
  21. 79.
    Stammler, Mittelalterliche Prosa, S. 874, 930; Weidenhiller, Untersuchungen, S. 208; Hermann Menhardt, Funde zu Ulrich v. Pottenstein. In: Festschrift Wolf gang Stammler (Berlin-Bielefeld 1953), S. 146–171. Ich zitiere nach Cod. Vind. 3050, f. lr–2v.Google Scholar
  22. 86.
    Heinrich Seuse, Deutsche Schriften, hrsg. Karl Bihlmeyer (Stuttgart 1907).Google Scholar
  23. 93.
    Vgl. dazu Herbert Grundmann, Religiöse Bewegungen im Mittelalter (Berlin 1935).Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1969

Authors and Affiliations

  • Helga Unger

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