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Bildtypen in der Manessischen Liederhandschrift

  • Hella Frühmorgen-Voss

Zusammenfassung

Das Bild Walthers von der Vogelweide in der Manessischen Liederhandschrift vertritt in besonderer Weise den Ruhm der Sammlung — aus vielfachen Gründen, die nicht alle unserem heutigen Mittelalterbewußtsein entspringen, dennoch unser Vorstellungsbild lebhaft begleiten. Es fängt etwas von der Anmut und Farbigkeit von Walthers Sangeskunst ein, spielt auf Namen und Standeswürde an und enthält darüber hinaus die wohl genauesten Beziehungen zwischen Text und Bild, die in dieser Handschrift greifbar werden. Der Walthersche Spruch (8,4 ff.)

Ich saz ûf eime steine,

und dahte bein mit beine […]

hat die in der spätantiken und mittelalterlichen Malerei vorgeprägte Bildformel des sitzenden meditierenden Dichters — eine zumal für die Prophetendarstellung geläufige Variante des Autorenbildes — literarisch aufgenommen, indem er sie als Einleitungstopos verwendet. Der Bildtyp wird in allen Details nachgezeichnet, wie sie die Miniatur dann wiederum rückübersetzt ins Bild — und zwar so wörtlich, daß man bei der Bildlektüre getrost Walthers Beschreibung folgen und zum Beispiel auf den in der germanistischen Literatur strapazierten, dennoch etwas rätselhaften ‚Trauergestus‘ der linken Hand1 verzichten darf zugunsten der Text wie Bildtyp gerechten Nachdenkegebärde. Der ‚Übersetzungs‘-Vorgang zwischen Bild und Text ist hier besonders komplex : Aufnahme einer geläufigen Bildformel im Gedicht — konkrete Bezugnahme des Illustrators auf ebendiesen Text — und obendrein ein sicher ganz bewußt aus diesem Bezug entwickeltes Bedeutungsspiel, welches der bildgeübte Leser sogleich zu durchschauen vermochte.

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Notizen

  1. 3.
    Siehe zuletzt bei Ewald Jammers, Das Königliche Liederbuch des deutschen Minnesangs. Eine Einführung in die sogenannte Manessische Handschrift (Heidelberg 1965), S.32ff.Google Scholar
  2. 4.
    Einen Versuch der Bildinterpretation nach Typengruppen hat schon einmal Fritz Traugott Schulz (Typisches der großen Heidelberger Liederhandschrift und verwandter Handschriften nach Wort und Bild. Eine germanistisch-antiquarische Untersuchung [Göttingen 1901]) unternommen, der aber in seiner Vermengung von ganz unpräzisen ikonographischen Bestimmungen mit mehr allgemein kulturgeschichtlichen als textbezogenen Erklärungen nahezu unbrauchbar ist. — Ansätze zu typologischer Interpretation, bei dann ganz anderen Absichten, bietet Jammers, Das Königliche Liederbuch. Vgl. dazu meine Rezension in: PBB (Tübingen) 88 (1967), S. 371–380. — Im übrigen sei auf die umfangreichen (Auswahl-)Bibliographien zur Handschrift verwiesen, die der Einleitungsband zur Faksimile-Ausgabe (Leipzig 1929), S. 135 ff., und die Einleitung zu: Die Gedichte Walthers von der Vogelweide, hrsg. Karl Lachmann. 13.,Google Scholar
  3. aufgrund der 10. von Carl von Kraus bearb. Ausgabe neu hrsg. Hugo Kuhn (Berlin 1965), S. XVIII ff., enthalten.Google Scholar
  4. 7.
    Siehe Friedrich Vogt, Reimarus caecus und der Casseler Fund. In: PBB 48 (1924), S. 125–128.Google Scholar
  5. Dagegen Anton Wallner, Eine Hampfel Grübelnüsse. In: ZfdA 64 (1927), S. 81–96, bes. S. 85 f.Google Scholar
  6. 10.
    Hugo Steger, David rex et propheta. König David als vorbildliche Verkörperung des Herrschers und Dichters im Mittelalter, nach Bilddarstellungen des achten bis zwölften Jahrhunderts (Nürnberg 1961. Erlanger Beiträge zur Sprach- und Kunstwissenschaft 6), S. 155 ff.Google Scholar
  7. 12.
    Arthur Haseloff (Die kunstgeschichtliche Stellung der Manessischen Handschrift. In: Die Manessische Lieder-Handschrift. Faksimile-Ausgabe. Einleitungen [Leipzig 1929], S. 97–135, bes. S. 116) führt einige Vergleichsbeispiele an. Sie ließen sich reichlich vermehren, auch für ganze Szenenschemata in unserer Handschrift.Google Scholar
  8. 13.
    Eduard Schwan, Die altfranzösischen Liederhandschriften. Ihr Verhältnis, ihre Entstehung und ihre Bestimmung. Eine litterarhistorische Untersuchung (Berlin 1886). — Eine Vergleichsabbildung aus der Handschrift M bietet Jammers, Das Königliche Liederbuch, Taf. 70.Google Scholar
  9. 14.
    J. Anglade, Les miniatures des chansonniers provençaux. In: Romania 50 (1924), S. 593–604. — Besonders aber d’Arco Silvio Avalle, Uberlieferungsgeschichte der alt-provenzalischen Literatur. In : Geschichte der Textüberlieferung der antiken und mittelalterlichen Literatur. Bd. 2 (Zürich 1964), S. 261–318, bes. S. 273 ff.Google Scholar
  10. 17.
    Vgl. Kurt Martin, Einleitung zu: Minnesänger. Vierundzwanzig farbige Wiedergaben aus der Manessischen Liederhandschrift. Bd. 2 (Baden-Baden 2. Aufl. 1964). Ferner die nochmalige, vollständige Zusammenstellung des stilistischen Vergleichsmaterials mit Betonung der thematischen Parallelen und der möglichen personalen Bezüge in der noch ungedruckten Dissertation von Herta Renk, Der Manessekreis, seine Dichter und die Manessische Handschrift (München 1968). — Ein dritter Band der von Kurt Martin betreuten Bildwiedergaben erscheint 1969.Google Scholar
  11. 18.
    Vgl. die Faksimile-Ausgabe und Bernhard Bischoff, Carmina burana. Einführung zur Faksimile-Ausgabe der Benediktbeurer Liederhandschrift (München 1967).20 Heinrich Kohlhaußen hat darauf hingewiesen, daß auf den deutschen Minnekästchen usw. immer wieder die Darstellung des Liebespaars bevorzugt wird, während zum Beispiel in Frankreich epische Illustrationen den Vorrang haben: Heinrich Kohlhaußen, Minnekästchen im Mittelalter (Berlin 1928), S. 18 f.Google Scholar
  12. 21.
    Vgl. Roger Sherman Loomis, The Allegorical Siege in the Art of the Middle Ages. In: American Journal of Archeology 23 (1919), S. 255–269, bes. Abb. 3. Allgemein zu diesem Bereich Raimond van Marie, Iconographie de l’art profane aux Moyens Ages et à la Renaissance et la Décoration des Demeures. Bd. 1. 2 (La Haye 1931), bes. Kap. VI (L’amour).Google Scholar
  13. 22.
    Vgl. Friedrich Maurer, Der Topos von den „Minnesklaven“. In: DVjs. 27 (1953), S. 182–206. -Google Scholar
  14. Georg Friedrich Koch, Virgil im Korbe. In: Festschrift für Erich Meyer (Hamburg 1957), S. 105–121.Google Scholar
  15. 24.
    Vgl. z. B. die Motive bei Kohlhaußen, Minnekästchen, Abb. 9. 19. Taf. 54. 57 (hier Fesseln an den Füßen), und bei Betty Kurth, Die deutschen Bildteppiche des Mittelalters. Bd. 1–3 (Wien 1926), Taf. 65 a. 106/07.Google Scholar
  16. 29.
    Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts, hrsg. Carl von Kraus. Bd. 1 (Text). Bd. 2 (Kommentar) (Tübingen 1952–1958). Bd. 1, S. 218 ; zit. KLD.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1969

Authors and Affiliations

  • Hella Frühmorgen-Voss

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