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Wilhelm Raabe »Hastenbeck«

  • Herman Meyer

Zusammenfassung

Fangen wir diesmal mit etwas Statistik an. Ohne Übertreibung darf angenommen werden, daß die Anzahl der von Wilhelm Raabe in seinen Romanen und Erzählungen verwandten Zitate mindestens fünftausend beträgt1. Bedenken wir, daß sein erzählerisches Werk in der Gesamtausgabe2 gegen zehntausend normale Buchseiten umfaßt, so bedeutet dies, daß im Durchschnitt mindestens auf jede zweite Seite ein Zitat entfällt. Diese an und für sich erstaunliche Feststellung ist völlig im Einklang mit dem spontanen Eindruck, den wohl jeder Leser bei der Lektüre von Raabes Werk gewinnt: dem Eindruck nämlich, daß diese wuchernde Fülle von Zitaten und anderen literarischen und bildungsmäßigen Bezugnahmen die stilistische Physiognomie seiner Erzählkunst entscheidend mitbestimmt, und zwar in einem Maße, wie es wohl kaum bei einem sonstigen deutschen oder nicht-deutschen Erzähler der Fall sein dürfte.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Fritz Jensch »Wilhelm Raabes Zitatenschatz«, 1925, umfaßt 2100 Nummern. Diese Zahl bezieht sich auf die literarischen Stellen, von denen viele mehrfach in verschiedenen Werken zitiert werden. Nach der Zahlung von Walther Scharrer »Wilhelm Raabes literarische Symbolik dargestellt an Prinzessin Fisch«, Diss. Münster 1927, der das von Jensch gesammelte Material um einige Nummern vermehrt hat, werden insgesamt 2124 Stellen insgesamt rund 3600mal zitiert. Der Begriff „Zitat“ ist hier weit gefaßt und umfaßt auch Anspielungen auf literarische Werke und Erwähnungen von Titeln. Beiden Verfassern ist es bewußt, daß diese Zählungen sehr unvollständig sein müssen, wegen der oft sehr kryptischen Art, in der Raabe Zitate und Zitatähnliches in sein Werk hineinschmuggelt. Tatsächlich stößt der Raabeforscher oft auf literarische Stellen, die bei Jensch nicht verzeichnet sind. Scharrer meint sogar, daß in Wirklichkeit mit etwa der doppelten Anzahl zu rechnen wäre. Und würde man die mehr oder weniger deutlichen leitmotivischen Anklänge an einmal gegebene Zitate mitzuzählen versuchen, wie etwa im folgenden die Anklänge an Gottlieb Cober und an Salomon Geßner in »Hastenbeck«, so geriete man vollends ins Uferlose.Google Scholar
  2. 4.
    Hermann Pongs »Wilhelm Raabe«, 1958, S. 7.Google Scholar
  3. 6.
    Louis Kientz »Wilhelm Raabe. L’homme, la pensée et l’œuvre«, Diss. Paris 1939.Google Scholar
  4. 9.
    vgl. Franz Hahne »Das Odfeld und Hastenbeck«, in: »Raabestudien«, hrsg. von Constantin Bauer, 1925, S. 382–397.Google Scholar
  5. 11.
    Es liegt tief im Wesen von Raabes Werk begründet, daß man bei der Beschreibung dieses Sachverhalts immer wieder zwangsläufig seine Zuflucht zu Lichtmetaphern nimmt. „Immer wieder wird sie (= die Wirklichkeit) durch allgemeine Erfahrungen, durch literarische Hinweise, durch geschichtliche Anspielungen, durch offene oder versteckte Vergleichungen belichtet und damit so gegeben, wie sie sich im Dichter spiegelt“ (Friedrich Neumann »Wilhelm Raabes Schüdderump«, in: Zs. f. dt. Phil. 71 [1953], S. 294).Google Scholar
  6. „In der weit größeren Zahl von Fällen handelt es sich bei ihm… um dankbare Freude, mit der er in dem Zitat geprägtes Leben entdeckt, das ihm eigenes Suchen und Ringen deuten und klären hilft. In solchen Fällen kann es denn geschehen, daß ein Zitat in seinem Werk zu einer Leuchte wird, an der man nicht achtlos vorbeigehen darf, will man seinen tiefsten Sinn nicht verfehlen“ (Wilhelm Fehse »Wilhelm Raabe«, 1937, S. 254).CrossRefGoogle Scholar
  7. 13.
    Es handelt sich hier um einen allgemeinen Gestaltungszug in Raabes Werk, der in »Hastenbeck« seinen Gipfel erreicht; vgl. hierüber die trefflichen Ausführungen Barker Fairleys »The Modernity of Wilhelm Raabe«, in: »German Studies, presented to Leonard Ashley Willoughby«, Oxford 1952, passim, und besonders S. 73: „What we arrive at in our exploration of Raabe is an interdependence and an involvement — a richness of cross-reference — far in excess of what we expect in a novelist“ usw. — Im selben Geiste und mit besonderer Berücksichtigung von Raabes Zitierkunst: Fritz Martini »Wilhelm Raabes ‚Prinzessin Fisch‘«, in: »Der Deutschunterricht«, Jahrgang 1959, S. 31 ff.Google Scholar
  8. 18.
    Heinrich Stegmann »Die fürstlich braunschweigische Porzellanfabrik zu Fürstenberg. Ein Beitrag zur Geschichte des Kunstgewerbes und der wirtschaftlichen Zustände im 18. Jahrhundert«, 1893. Die Widmung lautet: „Seinen verehrten Freunden Wilhelm Raabe und Stadtarchivar Prof. Dr. Ludwig Hänselmann in herzlicher Zuneigung.“ Diese historische Studie des Kleiderseller Genossen überrascht den Leser durch ihre schriftstellerische Qualität und sogar durch ein gewisses episches Geschick. Die gemüthaft-subjektive Erzählhaltung und der bald poetisch-schwungvolle, bald humorige Ton erinnern manchmal von weitem an Raabe, und es leuchtet ein, daß diese Schrift ihn nicht nur hinsichtlich des Tatsächlichen, sondern auch des kulturell Atmosphärischen angeregt hat. Besonders über die Schicksale der Porzellanmanufaktur während des Siebenjährigen Krieges erzählt Stegmann mit lebhafter Anschaulichkeit. In der „Liste der 1759 in Fürstenberg beschäftigten Maler und deren monatliche Lohne“ (S. 67) werden 14 Figuren-, Porträt-, Landschafts-, Blumen- und Blaumaler aufgeführt, darunter der „Blumenmaler Johann Leopold Wille aus Braunschweig (26 Jahre)“ mitsamt dessen Monatslohn von 12 Reichstalern. Mit dieser mageren Angabe über Polds historisches Vorbild hat es sein Bewenden.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1961

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  • Herman Meyer

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